Wackelnde Printmedien | Langsam aber gewaltig lösen Blogs, Webzines und nicht zuletzt zukünftige eReader das alte Printmagazin ab. Besonders Magazine wackeln, die ihr Wesen auf News und Berichterstattung legen. Dazu gehören auch unsere alten liebgewonnenen Musikmagazine, die wir immer weniger lesen. Gedanken zur Zukunft von Musikmagazinen, ihrem Sterben und ein paar Thesen vom Slate-Magazin...
Seit mehr als zwei Jahren berate ich Intro.de immer wieder als Suchmaschinenoptimierer und schreibe meine Web 2.0-Kolumnen für den Online-Auftritt. Während es auch für Intro.de schwierig ist - wie für jedes andere Informationsmedium - sich zu refinanzieren, so scheint es für das Musikmagazin, wie für seine Kollegen von Groove, Spex, De:Bug und so weiter, noch schwieriger.
Wer aufmerksam Musikmagazine in den letzten Jahren beobachtet hat, merkte sicherlich, dass die Ausgaben dünner wurden, oft weniger Musik und mehr Spiele, Hardware und Mode in den Heften auftauchten und man oft das Gefühl hatte: Kenn ich schon! Früher brauchten wir Musikmagazine, heute ist es der verwaiste Elfenbeinturm. Früher wartete man sehnsüchtig auf eine Frontpage, Spex oder Groove, um zu erfahren was kommt, was geht.
Heute informiere ich mich als Flying Lotus-Fan auf seiner Website bzw. MySpace-Site, ob es was Neues gibt. Und ich weiss früher Bescheid, habe früher etwas gehört und gesehen als es später im Magazin auftaucht. Ich brauche keine Chefredakteure mehr, die mir als Musikliebhaber erzählen was geht. Ich höre es mir selbst an...
Hacken wir aber nicht nur auf Musikmagazinen herum. Genauso schwierig haben es zunehmend z.B. auch Computerspielemagazine. Auch hier gilt gleiches. Bevor das Spiel besprochen ist, habe ich bereits ein Preview-Video auf einem Blog entdeckt. Und so weiter... Die Zukunft ist das Web. Es bietet Multimedia, Konversation in Echtzeit und einfach ist näher am Konsumenten via direktem Download. Musikmagazine kehren sicherlich zunehmend wieder zurück in die Nische des Fanzines, was Intro ehemals auch war. Musikmagazine werden dann nur noch für Liebhaber produziert, die gerne tiefgründige Informationen wünschen und ein wenig Haptik und vielleicht ein Faltposter ihrer Stars *zwinker*.
- Es gibt weniger Superstars als früher und immer öfter tauchen die gleichen Stars auf jedem Musikmagazincover auf.
- Musikmagazine bieten Musikliebhabern immer weniger und Musikliebhaber brauchen sie immer weniger.
- Musikmagazine waren eine frühe Version von sozialen (Musik-)Netzwerken. Aber heute ersetzen Social Networks im Internet per "social networking" die alten Printmagazine.
Mehr Informationen und Thesen lest ihr im interessanten Slate-Artikel, den ich via De-Bug-Blog gefunden habe. Wie immer denken und sehen die De:Bug-Leute was geschieht. Trotzdem schafft es auch nicht eine modern denkendes Magazin wie die De:Bug nicht, sich selbst zu renovieren. Auch hier scheint schon ordentlich Wasser reingelaufen zu sein.
vielleicht noch 4.)
Musikmagazine sind fester Bestandteil der alten Musikindustrie.
die Magazine waren essentiel für kontrollierte PR der Musikindustrie, die Strukturen der Musikindustrie wiederum sind unerlässlich für das Geschäftsmodel der Magazine.
Nun bröckelt alles. Musikblogs haben de-facto schon lange die Oberhand, und überhaupt, man muss im Grunde gar nicht mehr über Musik schreiben (Gott sei Dank!), man postet eben ein Snippet, der Konsument entscheidet selbst!
Ich denke sogar, dass Musik-Reviews generell immer mehr ihren Sinn verlieren - man hat das stück ja schneller gehört als das Review gelesen. Damit erübrigt sich die mehr als zweifelhafte "Vorverdauung" - endlich kann sich der Hörer selbst ein Bild machen was gute Musik ist und was nicht - das macht in definitiv zu einem bewusteren Hörer.
Naja, richtig ist wohl, dass die Musik heute im Internet spielt und Blogs nur einen Mausklick von der Musikkonserve entfernt sind. In gewisser Weise ist das gedruckte Heft ein verzichtbarer Medienbruch.
Die Musikkritik und die Künstler-Vorstellung wird durch Datenbankfunktionen wie scrobbeln oder automatische Empfehlung aber nicht überflüssig.
Für manche Musik ist eine kenntnisreiche Einordnung durch einen Redaktuer eine Bereicherung. Ich suche Musik-Lotsen, um Neues zu entdecken. Im Web schmore ich im Saft des eigenen Geschmacks und die Empfehlungen sind nur neues vom Gleichen.
Vielleicht haben Musikmagazin-Redaktionen diese Lotsen-Funktion vernachlässigt und stattdessen Blogstile blind kopiert?
fabien, da du aber nicht alle musikstücke dieser welt selbst anhören kannst, muss irgendwer dir den hinweis geben, was du überhaupt anhören sollst. dass das aber nicht mehr die musikmagazine auf totem holz mit ihren pr-schwangeren abgesprochenen interviews in irgendwelchen hotelzimmern oder ihren album-vorstellungen mit seitenlang geschwurbeltem sprachlichen nichts sein werden, sondern im netz stattfinden wird, liegt auf der hand. es wird sich da ein neuer stil herausbilden, dieser prozess ist im gange und am ende werden dafür keine bäume mehr sterben müssen. ;o)
Oh, Ich meinte damit eher die Angewohnheit Musik mit Text zu beschreiben. Das ist wirklich nicht mehr nötig, man hat das betreffende Stück/Album ja in der Regel selbst schneller angehört. Früher hatten Magazine ein Monopol aufs Vorhören, in ländlichen Gegenden war es früher schlicht unmöglich musik vorzuhören - man musste dem Mailorder bzw den Reviews vertrauen.
Das Empfehlungssysteme (egal ob Mensch oder Maschine) nötiger denn je sind, daran habe ich keine Zweifel. :)
@ fabien & Ralf > hier für euch beide eines dieser zitate, die fast immer passen:
„Kunstwerke selber sind ein Prozeß, und sie entfalten ihr Wesen in der Zeit. Es ist prozessual. Medien dieser Kunstentfaltung sind Kommentar und Kritik. Man kann die Bedeutung der Kritik für die Entfaltung der Werke daran am besten sich klarmachen, dass nicht automatisch, wie es immer noch ein sehr verbreitetes Vorurteil will, die Geschichte dafür sorgt, dass der Wahrheitsgehalt der Werke sich herstelle, sondern dass der Prozess, durch den Wahrheit und Unwahrheit der Kunstwerke der schlechten Zufälligkeit der Publikumsgunst und der geschichtlichen Vorlieben entrissen wird, seinen Ort hat in den Begründungszusammenhängen, welche die Kritik bietet.“
T.W. Adorno „Reflexionen über Musikkritik“
in: H. Kaufmann (Hg.), Symposium für Musikkritik, Studien zur Wertungsforschung Bd. 1, Graz 1968, S.8 f
... man sollte adorno nicht überbewerten, gerade in seinen meinungen zur musik [!], aber hier trifft er vermutlich den nagel mit dem kopf...
ich weiß nicht, aber kritik muss ja vielleicht nicht immer verbalisiert werden, die kann sich auch anders äußern, zb. durch konkrete Handlungen wie
"Möchten Sie diese Datei wirklich in den Papierkorb verschieben? Ja / Nein" > CLICK
ach ja, vermutlich hat auch keiner von euch d. diederichsens "musikzimmer" gelesen, oder? da bekommt man eine ganz andere einstellung zur "rezension", als durch den belanglosen intro-spam...
Lest doch einfach, was ihr wollt, wo ist das Problem?
Es ist doch schön und gut, wenn es viele Musikangebote gibt, über die man sich informieren kann.
Dass digital besser ist, weiß nun inzwischen jedes Kind. Aber dass die Musik im Netz (in Deutschland) nur noch in Blogs spielt, ist doch sehr weltfremd. Es wird weiterhin viel viel mehr in den "alten" Musikmagazinen gelesen (ob man sie mag oder nicht) oder eben direkt gehört bei Last.FM, MySpace und Co.
Ein Musikmagazin übernimmt natürlich auch eine wichtige Filterfunktion, die vielen Leuten nach wie vor wichtig ist, weil sie nicht in der VÖ-Flut ersticken wollen.
Es wird heute ein Vielfaches an Musik veröffentlicht als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Alleine die Auswahl der Themen ist eine wichtige Aufgabe von Musikmagazinen, die kein Blog leisten kann, weil es eben ein Full-Time-Job ist sich da durchzuwühlen. Das kann man nicht nur Robots und Algorythmen überlassen, sondern eben auch Menschen, die sich damit auseinandersetzen und beschäftigen.
"Das kann man nicht nur Robots und Algorythmen überlassen, sondern eben auch Menschen, die sich damit auseinandersetzen und beschäftigen."
Ah, die alte Utopie: Fleißige, gewissenhafte Journalisten in den Redaktionen. :)
Leider trifft aber genau das eben nicht zu. Man beschäftigt sich vor allem mit Werbekunden und seinen IVW Statistiken bzw. dem Erhalt der Auflage. Was dabei rauskommt hat wenig mit Qualität zu tun und ähnelt doch sehr einem Hausfrauenblatt. 99,9% der Artikel in unseren heutigen Musikmagazinen sind im Wortlaut übernommene PR Meldungen.
Im ernst, gerade die heutigen Musikmagazine kommen mir wie hochautomatisierte, berechendbare Roboter vor.
kommt halt auch drauf an, was man selbst noch als "musikmagazin" durchgehen läßt...
der größte teil der sog. "musikmagazine" finanziert sich durch werbung, ergo ist es nichts anderes als werbung...
es dürfte vielleicht wirklich nicht mehr nötig sein, "Musik mit Text zu beschreiben" [aber mit nichts anderem versuchen sich intro + konsorten seit jahren über wasser zu halten], sondern vielmehr mit text das gehörte kritisch in einen größeren musikalischen zusammenhang einzuordnen.
wer kann das schon noch...
Hallo Mo,
The End of Print - ich glaub nicht dran. Sicherlich hatten Frontpage, Spex und das Intro früher einen anderen Stellenwert. Heute kommt es wieder mehr auf Inhalte an und deswegen gibt es z.b. die Frontpage nicht mehr. Ich lese die neue Spex wieder richtig gerne. Komisch finde ich, dass das Intro sich nicht verändert. Das Medium krankt, wenn es sich nicht von Zeit zu Zeit neu erfindet. Leider sind die meisten Verleger nicht bereit mal was radikales auszuprobieren. Habe mir zB das neue Süddeutsche Magazin letzte Woche angeguckt und bin ehrlich erschrocken wie mutlos das Geschäft geworden ist.