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Magazin für MP3-Musik & Netzkultur

Alle digitalen Güter kostenlos!?!

Chris Anderson und seine Free!-These | Bereits mit seiner These des Longtails bewies Chris Anderson einen scharfen Verstand. Seine neue These lautet verkürzt gesagt: "Every industry which becomes digitally becomes eventually free!". Während das Buch bestellt ist, frage ich mich…

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Chris Anderson und seine Free!-These | Bereits mit seiner These des Longtails bewies Chris Anderson einen scharfen Verstand. Seine neue These lautet verkürzt gesagt: "Every industry which becomes digitally becomes eventually free!". Während das Buch bestellt ist, frage ich mich seit Monaten zunehmend, ob wir auf eine freie Wissens- und Inhalte-Utopie zusteuern oder auf ein Disaster. Gestern las ich erst, dass die ganze amerikanische Presse jetzt so richtig tief in der Krise steckt. Damit der investigative Journalismus überlebt, heben die Amerikaner mittlerweile Stiftungen aus dem Boden.

Während die Musikindustrie seit Jahren auf harte Weise mitbekommt, wie schnell man Inhalte digital verbreitet, mache ich mir als Autor auch zunehmend Sorgen um Texte. Bisher gab es noch keine Lesegeräte, die die Leser überzeugt hätten anstelle eines Buches ein Software-gesteuertes Lesegerät zu nutzen. Aber spätestens, wenn die elektronische Entwicklung an dieser Stelle ein überzeugendes Gerät liefert, sind nach Tönen, Bildern auch Texte dran. Das zuletzt von mir gesichtete WLAN-taugliche Lesegerät namens "Kindle" (Wikipedia) von Amazon ist da wohl eher noch ein Witz. Doch es zeigt weitere Schritte in die einzig mögliche Richtung.

Einmalige Ereignisse sind der Schlüssel

Darum muss ich als Journalist auch zunehmend auf Rockkonzerte setzen, sprich Vorträge halten. Vorträge sind ein endliches Gut, dass immer wieder konsumiert werden muss. Insgesamt gesehen also wirklich harte Zeiten für Kreative, die Inhalte erstellen. Die Gewinner sind derzeit die Suchmaschinen, die Inhalte sortieren und verchecken oder Aggregatoren wie YouTube, Hypem oder ähnliche. Das nervt und ich bin sehr gespannt, wie hier eine neue Verteilung von Geld in der Zukunft erzielt wird. Schließlich bedienen sich diese Modelle an der Gift Economy (Wikipedia) und verdienen an ihr.

Wired-Artikel mit Video zum Thema: Free! Why $0.00 Is the Future of Business

Über den Autor

Phlow-Autor mo. Dieser Artikel wurde am 11.Juni 2008 von mo.. mo. ist Journalist, Buchautor und Webdesigner. Neben dem deutschen Phlow-Magazin betreut er auch die englische Edition unter Phlow-Magazine.com. Der Musikliebhaber lebt und liebt (in) Köln. Weitere Artikel von .

2 Kommentare zu »Alle digitalen Güter kostenlos!?!«

  1. "...frage ich mich seit Monaten zunehmend, ob wir auf eine freie Wissens- und Inhalte-Utopie zusteuern oder auf ein Disaster"

    eine sehr gute frage.

    Aus meiner Sicht wird diese kultur unabhängige professionalität (im warsten sinne des wortes) im künstlerischen und journalistischem bereich unmöglich machen. quasi eine ära von nebenberuflern/hobbyisten die einfach aus zeitgründen schwierigkeiten haben werden ihr bisheriges niveau zu halten, da sich mit ihren tätigkeiten nur mit viel glück geld verdienen läßt. und wenn dann in der regel höchst indirekt, viele zwischenstellen verdienen mit und/oder verpäten auszahlungen erheblich.

    freie inhalte, besonders im musik bereich verlieren ihren reiz und ihre positive promo wirkung wenn alle es machen. nur dann hat sich der konsument daran gewöhnt und alles ist wie davor - nur das diesmal kein kreativer mehr etwas verdient: nur provider, suchmaschinen und natürlich der konsument, der einen echten mehrwert zur verfügung hat.

    im grunde ist diese entwicklung auch seid längerem im print bereich zu beobachten.

    ich lache mich immer wieder kaputt wenn von solchen utopien die rede ist. sie laufen alle darauf hinaus zu sagen:

    "alles frei erhältlich machen! in zukunft werden die produzenten schon noch irgendwie damit geld machen.. ..darum kümmern wir uns aber erst später"

    wer soll in zukunft aufwändige musik produzieren, anspruchsvolle fachbücher schreiben, usw, wenn die inhalte sofort frei erhältlich werden? wie soll man von solch aufwändiger arbeit satt werden? vermutlich gar nicht, daher läßt man es in zukunft lieber sein.

    aus meiner sicht muss das nicht sein. man kann den konsumenten durchaus an die auch im echten leben üblichen zahlungsgewohnheiten heranführen. nur wenn jede zweite kneipe freibier ausgibt wird es schwierig - diese gehen zwar pleite nur bis dahin habe alle anderen auch aufgegeben, da die konsumenten nur noch bei freibier das haus verlassen.

    fabien schreibt am

  2. Lieber Mo,

    du machst da ganz unterschiedliche Felder auf, und ich reagiere jetzt mal auf zwei davon:

    1. “Every industry which becomes digitally becomes eventually free!”
    Free im Sinne von gratis: vielleicht (und wenn, wird es schnell andere Felder geben, in denen Geld fließt, du nennst ja sogar selbst welche). Und dann müsste man auch noch darüber diskutieren, wie Phänomene wie iTunes in diese Hypothese passen.
    Free im Sinne von frei: definitiv nein. Denn jede Information muss erst einmal gefunden werden, und das gibt denjenigen Macht, die diese Informationen filtern, und diese Macht neigt dazu, sich zu konzentrieren. Einmal abgesehen von denjenigen Medien, die uns ohne unser Zutun mit Informationen versorgen (von den TV-Nachrichten über die Werbebanner im Netz bis zum Handyteenie neben mir in der Bahn): Wer selbst Informationen sammelt, muss ziemlich genau wissen, was er eigentlich sucht. Und wo. Und wie. Kaum jemand sucht im Netz woanders als bei Google, schlägt Begriffe woanders als bei Wikipedia nach, sucht Videos außerhalb von Youtube etc. Alle "freie" Information, die nicht unter denjenigen Treffern dieser Filter ist, die auf den ersten Blick erfassbar sind, fällt aus dem Wahrnehmungsraster. Einmal abgesehen von den Informationen, die diese Einrichtungen nicht finden wollen oder können. Freiheit ist für mich etwas ganz Anderes.

    Was nun den Gratis-Gedanken dabei angeht: Welchen Wert haben denn für dich die Informationen, die als so genanntes freies Wissen bereits kursieren? Würdest du z.B. auch MP3 (ja, ich betrachte auch Musik als ein Stück Information) besprechen, die etwas kosten - und erklären können, warum?
    Die Frage, was wir als wertvolle Information betrachten, ist meiner Ansicht nach ein zweischneidiges Schwert. Einerseits ist es ungemein wichtig, zu fragen, welche Substanz eine Information hat, welche Relevanz sie für das eigene Leben hat und wie verständlich sie aufbereitet ist. Andererseits führt der Kampf um Aufmerksamkeit (also das, was Leser/Zuschauer vermeintlich attraktiv finden - was eine Illusion ist, denn kaum jemand von uns kennt ja seine Leser/Zuschauer tatsächlich gut genug, um das wissen zu können) zu einer wettbewerbsorientierten Form von Zensur: Wähle deine Themen und Textformen (oder Audio-/Videoformate) so, dass möglichst viele Leute draufklicken, alles andere ist egal. Das ist für mich ein direkter Effekt von Gratisinformation, auch wenn es ihn ebenso bei Bezahlprodukten gibt. Der Unterschied ist: An Dingen, für die ich bezahlen muss, arbeiten deutlich häufiger Leute, die ihren Job gelernt haben und/oder gewzungen sind, sich über Qualitätsstandards Gedanken zu machen. Allein schon, weil sie ihren Job nicht verlieren wollen. ;-)

    2. "Gestern las ich erst, dass die ganze amerikanische Presse jetzt so richtig tief in der Krise steckt. Damit der investigative Journalismus überlebt, heben die Amerikaner mittlerweile Stiftungen aus dem Boden."
    Ja das ist richtig, aber immerhin können Journalisten hier (in den USA) noch Helden werden (vorgestern ist ein bekannter Journalist an einem Herzinfarkt gestorben, was Titelstorys, Flaggen auf Halbmast und die Ankündigung einer einstündigen TV-Doku nach sich zog). Und die USA haben andere journalistische Traditionen, auf die sie zum Teil jetzt wieder zurückkommen wollen.

    In Deutschland gibt es auch längst Initiativen, die sich um Qualität bemühen. Die beiden Gewerkschaften haben jeweils Pläne und Checklisten dafür ausgearbeitet,siehe etwa
    http://www.initiative-qualitaet.de/
    http://dju.verdi.de/ueber_die_dju/charta_qualitaet_im_journalismus

    Und unabhängige Einrichtungen wie das grandiose Netzwerk Recherche tun, was sie können. Vor ein paar Jahren hat deren erster Vorsitzender ein vielsagendes Interview gegeben:
    http://www.bpb.de/popup/popup_video.html?guid=LP3G59&text=1

    Hier in den USA gibt es übrigens eine Freelancers Union, und der Streik der Drehbuchautoren hat ja gezeigt, wie wirksam es sein kann, zusammenzuhalten. Genau das ist es aber, was aus meiner Perspektive in Deutschland fehlt: Nur wenige Journalisten reden mit Kollegen darüber, wie prekär ihre finanzielle Situation ist, und ich kenne nur einen einzigen Fall, in dem sich Freelancer darüber verständigt haben, für einen bestimmten Auftraggeber nicht zu liefern, solange dessen Honorare so inakzeptabel blieben.

    Petrina schreibt am