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Große Freiheit, kleiner Geldbeutel

Alle Fotos von Sim Sullen Junge Kreative arbeiten lieber selbstbestimmt statt mit regelmäßigem Einkommen | Sie haben weder eine Lobby noch eine Gewerkschaft. Sie machen unbezahlte Überstunden en masse und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall kennen sie nur aus den Nachrichten: kreative…

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Alle Fotos von Sim Sullen

Junge Kreative arbeiten lieber selbstbestimmt statt mit regelmäßigem Einkommen | Sie haben weder eine Lobby noch eine Gewerkschaft. Sie machen unbezahlte Überstunden en masse und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall kennen sie nur aus den Nachrichten: kreative Freiberufler in Leipzig arbeiten zwar sehr selbstbestimmt, aber unter prekären Bedingungen. Ein Gastbeitrag von Frank Dersch

Autor: Frank Dersch ist Journalist, arbeitet am liebsten für das Fernsehen, aber auch gerne Online. Wie die Protagonisten in diesem Artikel lebt er auch in Leipzig.

Jan Gleichmar ist DJ, Musiker, -Betreiber und Kameraassistent in einem. Für den 32-Jährigen zählt die Unabhängigkeit von starren Arbeitszeiten und unbequemen Vorgesetzten. Die fehlende finanzielle Sicherheit nimmt er bewusst in Kauf: „Man muss damit rechnen, dass man mal einen Monat außer Gefecht ist und kein Geld verdient. Dafür braucht man dann Rücklagen.“ Jan Gleichmar hat jedoch auch schon die Erfahrung gemacht, ohne Absicherung dazustehen: „Es gab schon mal düstere Zeiten, wo du dir überlegst: Kaufst du dir ein Brot oder Tabak. Das war aber die Ausnahme.“

Von der alleine kann Jan Gleichmar jedoch nicht leben. Zwar wird er fast jedes Wochenende als DJ gebucht, sein Broterwerb ist jedoch die Tätigkeit als Kameraassistent: „Wenn ich fünf bis sieben Tage im Monat beim Fernsehen arbeite, dann kann ich davon leben.“ Die Einkünfte aus Plattenverkäufen steckt er gleich wieder in sein Netlabel „“. Nur als DJ hat er je nach Größe des Clubs eine lukrative Einnahmequelle. Zur Sicherung des Lebensunterhalts reicht das aber nicht. „Für eine Sache, die dir Spaß macht, in einer Stunde 300-400 Euro zu verdienen, ist schon echt okay. Ein anderes Mal gibt es vielleicht auch nur 50 Euro. Auf den Partys trifft man immer wieder interessante Leute, mit denen man neue Projekte organisieren kann. Das ist enorm wichtig.“ Unsicheres Einkommen, starke soziale Vernetzung und ein hohes Maß an Selbstbestimmtheit: das sind die Kennzeichen jenes Berufsstandes, der die Arbeitsmodelle des Industriezeitalters hinter sich gelassen hat.

Die digitale Bohème als Avantgarde der Berufswelt?

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Junge Kreative, die wie Jan Gleichmar arbeiten, wurden 2006 mit dem Erscheinen des Buches „Wir nennen es Arbeit“ zur Avantgarde der Berufswelt verklärt. „Digitale Bohème“ tauften damals die Autoren Holm Friebe und Sascha Lobo die internetbegeisterten Freiberufler. Die Anleitung zum selbstbestimmten Wirtschaften mit Hilfe neuester Kommunikationstechnologie erscheint inzwischen in der fünften Auflage. Die Soziologin Alexandra Manske, die seit mehreren Jahren die Arbeitsbedingungen in der Kreativwirtschaft beobachtet, kritisiert im Gegensatz zu den Berliner Autoren die prekären Verhältnisse der gut ausgebildeten Freiberufler: „Viele Leute aus der Digitalen Bohème arbeiten an der unteren Einkommensgrenze.“ Mit 830 bis 2500 Euro pro Monat lägen sie deutlich unter dem Durchschnittsverdienst von anderen Akademikern, fand Alexandra Manske in einer Befragung heraus. Nach einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) im Berliner Bezirk Pankow können rund ein Viertel der Befragten ihren Lebensunterhalt nicht selbstständig bestreiten.

Stefan Kluge produziert komplette Spielfilme und stellt diese dann kostenlos über das Internet zur Verfügung. Durch Lizenzen gestattet er Internet-Nutzern, seine Filme zu bearbeiten und zu vervielfältigen, teilweise sogar kommerziell zu nutzen. „Route 66“ hieß der erste deutsche Film, der von Stefan Kluge und seinem Team von VEB Film Leipzig produziert wurde. Das Roadmovie spielte durch DVD-Verkäufe, Spenden und Sponsorengelder bis jetzt knapp 24 000 Euro ein. Die Produktionskosten beliefen sich jedoch auf über 30 000 Euro. Dieses Defizit bekommt Stefan Kluge über Umwege auch in seinem eigenen Geldbeutel zu spüren: „Es gibt Momente, die auch mal am Selbstbild kratzen. Man kommt schon ins Zweifeln, wenn du dir als Technik-Freak kein iPhone leisten kannst.“

Ideeller Lohn statt harte Euro

Um die Schattenseiten der Unabhängigkeit wenigstens ein bisschen abzufedern, sichert sich auch der 31-Jährige mit einem Zweitjob als Informatiker ab. Dennoch möchte er seine Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit nur ungern aufgeben. Wer sich einmal daran gewöhnt hat, lässt nur schwer davon ab. „Die Kreativen richten sich teilweise im Prekären ein und schöpfen dann einen ideellen Wert ab. In der Soziologie sprechen wir da von Subjektivierung der Arbeit,“ erklärt die Soziologin Alexandra Manske. Holm Friebe und Sascha Lobo bezeichnen es als „die Währung Respekt“: „So viel für Geld arbeiten wie nötig, so viel in Respektnetzwerke investieren wie möglich.“

Die unsicheren und schlecht bezahlten Beschäftigungsverhältnisse scheinen jedoch der Anziehungskraft der Kreativwirtschaft nicht zu schaden, im Gegenteil: nach einer Studie des Leibniz-Instituts für Länderkunde betrug 2007 die Zahl der Leipziger Beschäftigten in dieser Branche 11.404, ein Zuwachs von 16,8% gegenüber 1999. Für Leipzig bedeutet das über 1600 Arbeitsplätze mehr. Im gleichen Zeitraum nahm die Zahl der Beschäftigen in der Gesamtwirtschaft um 3,4% ab.

Bastian Lange untersucht für das Leibniz-Institut das Verhältnis von kreativer Ökonomie und städtischem Gebiet. Der Anstieg der Beschäftigtenzahl in dieser Branche ist für ihn „auffallend, da sich dieses Wachstum in einem Raum vollzieht, der eigentlich durch Schrumpfung gekennzeichnet ist.“ Der Geograph weist jedoch ebenfalls darauf hin, dass trotz positiver Zahlen viele Freiberufler Probleme hätten, konstant und verlässlich für ihr Einkommen zu sorgen: „Das sind schon prekäre Arbeitsverhältnisse.“

Die digitale Bohème benötigt niedrige Mieten und viele Netzwerke

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Die digitale Bohème ist jedoch kein flächendeckendes Phänomen, das in jeder Kleinstadt zu finden wäre. Objektive Faktoren begünstigen das Entstehen von Designläden, Musiklabels oder Ateliers. Günstige Lebenshaltungskosten sind dabei ein wichtiger Faktor: sie entlasten die digitale Bohème von dem Druck, mehr Geld für den Lebensunterhalt verdienen zu müssen. Der DJ und Musiker Jan Gleichmar, der seit zehn Jahren in der Südvorstadt lebt, drückt es so aus: „Ich möchte keinen Job machen, der mich ankotzt, nur um meine Miete zu bezahlen. Da will ich lieber versuchen, das anders hinzukriegen.“

Bastian Lange sieht noch weitere Kriterien, die gerade auch in Leipzig gegeben sind: „Viele wählen erstaunlicherweise nicht die großen Medienstandorte wie Hamburg oder München, sondern Leipzig, weil sie hier eine gewisse Überschaubarkeit und stabile und schnelle Zugänge zu Netzwerken haben.“ Die räumliche Nähe und der soziale Austausch sind auch für Jan Gleichmar Gründe, warum er Leipzig nicht verlassen hat: „In anderen Städten würde man irgendwo draußen wohnen und müsste eine Stunde mit der U-Bahn fahren. Zudem gibt es hier eine unheimlich kreative Dynamik, die wiederum meine Musik beeinflusst.“

Gerade die ideellen Werte sind es, die auch laut Open Source-Filmemacher Kluge die Vorteile seines Arbeitsmodells ausmachen: „Du bist absolut flexibel, kannst dich also auch mal unter der Woche länger mit Freunden treffen. Und natürlich kannst du das machen, was du willst.“ Das Glücksempfinden der digitalen Bohème entsteht nicht beim Blick auf den Kontoauszug, sondern während der selbstbestimmten Arbeit.

Autor: Frank Dersch ist Journalist, arbeitet am liebsten für das Fernsehen, aber auch gerne Online. Wie die Protagonisten in diesem Artikel lebt er auch in Leipzig.

Über den Autor

Phlow-Autor mo. Dieser Artikel wurde am 26.August 2009 von mo.. mo. ist Journalist, Buchautor und Webdesigner. Neben dem deutschen Phlow-Magazin betreut er auch die englische Edition unter Phlow-Magazine.com. Der Musikliebhaber lebt und liebt (in) Köln. Weitere Artikel von .

4 Kommentare zu »Große Freiheit, kleiner Geldbeutel«

  1. „In anderen Städten würde man irgendwo draußen wohnen und müsste eine Stunde mit der U-Bahn fahren. Zudem gibt es hier eine unheimlich kreative Dynamik, die wiederum meine Musik beeinflusst.“

    nun ja. nach meiner erfahrung findet man aber genau in diesen städten (Hamburg, München, Düsseldorf, etc) die guten kunden - die dann durchaus fürtstlich bezahlen.

    dann klappts auch problemlos mit dem urlaub, der krankenversicherung, der altersvorsorge, etc. und so ein umfeld ist nicht weniger kreativ - gerade wenn man mal 3 monate nicht arbeiten braucht, weil man davor fair bezahlt wurde - und völlig frei von finanzsorgen ist.

    ich erkenne diese digitale boheme überhaupt nicht. ich sehe leute die sich besser verkaufen und leute die es nicht tun. letzteres aber als gemeinsame eigenschaft einer ganzen generation herauszukristalisieren finde ich unfair und falsch.

    man kann durchaus künstler und guter kapitalist zugleich sein.

    fabien schreibt am

  2. Ich finde das ein wenig verkürzt gesehen von Dir. Bis man ein erfolgreicher Musiker, Journalist, Webdesigner oder was auch immer ist, braucht man einigen Anlauf. Ich kann mich noch erinnern nachdem damals die Firma 2002 insolvent gegangen ist, bei der ich Online-Redakteur war, saß ich erst einmal auf dem Boden. Zum Glück gab es erst einmal Arbeitslosenhilfe und von da aus habe ich mich dann ab 2003 richtig selbstständig gemacht. Da war meine Lage aber immer noch prekär und ich habe für wenig Geld vor den Toren von Köln gelebt.

    Vor zwei Jahren erst habe ich den Schritt nach Köln gemacht. Die Mieten sind hier unfassbar teuer, Selbstständige haben es schwer überhaupt eine Wohnung bei der Knappheit zu bekommen und erst nach 5 Jahren zieht mein Bizniz richtig an. Kapitalist war ich auch schon immer, schließlich kann man mit mehr Geld bessere Werkzeuge kaufen, tollere Dinge veranstalten. Aber wie gesagt, es hat eine Weile gedauert. Man muss halt durchhalten.

    Du bist einfach ein Talent und hast einen prima Job als Flash-Programmierer. Das ist gefragt und wenn man das richtig kann, muss man schon doof sein, davon nicht leben zu können. Sofern gebe ich Dir recht ;)

    mo. schreibt am

  3. Ich würde das auch mal anders herum betrachten: Da gibt es anscheinend eine große Menge von richtig guten, kreativen, vielseitig begabten Leuten. Sie würden sich aber niemals in ein Angestelltenverhältnis, weil sie Angst vor Fremdbestimmtheit, Unterdrückung und Stumpfsinn haben. Und mal ganz ehrlich: So unrealistisch ist diese Angst nicht.

    Die spannende Frage hier ist aber: Was für ein Potential könnten Firmen nutzen, die ihre Angestellten nicht nach o.g. Klischee behandeln?

    marvis schreibt am

  4. die eigentliche frage, um die es doch in dem artikel geht, ist, wie das leben einem so mitspielt heutzutage, wenn man künstler ist und NICHT kapitalist...

    und die antwort ist äußerst prägnant: als kapitalist kann [/könnte] man sich ein iphone leisten, als digitaler bohèmien nicht

    :)

    martin schreibt am