Wer ist Bob?

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Bob Magazin: EskapadenWenn Zeitschriften Kneipen wären, dann hätte sich das Bob Magazin innerhalb kurzer Zeit von der glatten Neue Mitte After Work-Stimmung zum tiefgründig-unrenovierten Kreuzberger Flair mit schummrigen Licht gewandelt. Dieser Wandel war Bob irgendwie vorherbestimmt und macht ihn spätestens in der 2. Ausgabe, Eskapaden, zu meinem Lieblingsmagazin.



Text: Tadeusz Szewczyk

Bob, die Open Source-Zeitschrift

Fast hätte ich beim ersten Bob-Heft mitgemacht, nicht weil ich die Macher/innen kenne, die kommen übrigens aus Österreich, also nicht ganz bei mir um die Ecke. Nein, Bob hat ein ähnliches Konzept wie einschlägige PDF-Magazine. Es gibt einen offenen Aufruf Beiträge zu einem bestimmten Thema einzusenden. Nur die mühevollen und Zeit raubenden Mühlen der Erwerbsarbeit konnten mich davon abhalten.


Bob 1: Identität

Das erste Heft vom Bob Magazin hatte das Thema Identität. Kein einfaches Thema, ich war etwas zeitversetzt an einem ähnlichen Magazin-Projekt beteiligt das leider gescheitert ist. Es hatte mich Blut und Schweiß gekostet einen Beitrag über Identität zu verfassen. Das Magazin hatte auch vielleicht wegen der Tiefe des Themas nicht genug Anklang gefunden. Nun aber Bob. Bob hatte das Thema in einer ungeahnten Bandbreite aufgegriffen und versank dennoch nicht in Willkürlichkeit. Bob Nr.1 war ein Hochglanz-Magazin ohne sich aber um Glanz zu scheren, eine Liegewiese für die Augen und ein Trainingslager für den Verstand. Das erste Heft rang um eine eigene Identität während es der Identität auf den Grund ging. Nebenbei zeigte es ein Echo der Ästhetik der Neuen Mitte, aber so als hätte es sagen wollen: Wir können das auch.


Bob 2: Eskapaden

Nun, mit dem zweiten Heft hat Bob einen großen Schritt vollzogen. Es ist ja schon enorm schwer ein einzelnes Heft herauszugeben, ich weiß das, ich war ebenfalls an einem Magazin beteiligt das nur ein Heft zustande bekam. Ein zweites Heft zeugt entweder von finanzkräftigen Werbepartnern oder von ungeahntem Durchhaltevermögen. Ich habe inzwischen ein Paar mal mit dem Hauptverantwortlichen Alois Gstöttner gemailt, allein um das neue Heft gratis zu erschleichen. Es ist eine Mischung aus Befreiungsbewegung, beinahe naivem Enthusiasmus und Selbstausbeutung die solche Leute zu solchen Projekten treibt. Alles das glaube ich auch bei Alois wieder zu erkennen. Das zweite Heft hat Eskapaden zum Thema und irgendwie habe ich das Gefühl, dass damit erneut auch die Entwicklung des Magazins mit gemeint ist. Ich will nicht auf der Kneipen-Metapher herumreiten, daher ein anderes Sinnbild:


Willkommen in Zion

Bob 2 erinnert mich im Kontext von Bob 1 an Matrix, den Film. Bob 1 ist vergleichbar mit der Szene wo Neo die ersten Male mit Morpheus in das Konstrukt einsteigt und um seine verlorene Identität hadert. Wir sehen dass die Unabhängigen, die Rebellen auch selbst eine Art Gegenmatrix im Kleinen erbauen können. Bob 2 die Realität nach dem Abstöpseln. Die raue, wirkliche, etwas schmuddelige Realität nach dem Erwachen, aber dafür umso echter um so authentischer, auch wenn diese Kategorie heutzutage nicht mehr so richtig greift. Bob 2 erinnert an Zion, an die letzten freien Menschen die sich in einer Enklave wehren gegen die allumfassende Herrschaft der Maschinen und im Zombie-Schlaf befindlichen Menschmaschinen.


Das Bob-Gegenmodell

Die zweite Ausgabe von Bob schafft etwas was kein vergleichbares Magazin, sei es Dummy aus Deutschland oder Datum aus Österreich schafft, es schimmert ein kulturelles Gegenmodell durch. „Flüchtig . Lustvoll . Rücksichtslos“ ist der Untertitel der Eskapaden-Ausgabe. Rücksichtslos ist gleich das Cover, zwar dem konventionellen Hauptmotiv Gesicht verhaftet - aber was für ein Gesicht! Modeindustrielle Schönheitsideale, cleane Perfektion ade. Menschlichkeit pur, solche die sonst nicht auf einem Titelbild prangen würde. Bezeichnend auch die Auswahl der beteiligten Künstler, die mir trotz meines Kunstfimmels allesamt unbekannt waren: Da ist etwa Andreas Leikauf der mit bebilderten Aussprüchen wie "bored to be wild" oder feel the power of arrogance" die aufgesetzte Mainstream-Kultur der Coolness im Handumdrehen auseinandernimmt. Da ist Holger Störmann der in seinen Fotos über so etwas wie Ästhetik hinausgeht und Dinge wie Wichsflecken an der Wand fotografiert. Da ist Klaus Mähring dessen Bilder aus dem ganz östlichen Osteuropa wirken als wären sie vor 30 Jahren aufgenommen mit ebenso altem Equipment und mich an die DDR-Transit Fahrten meiner Kindheit erinnern.

Da ist das Reflektorium, das Text und Bild beiträgt das die bürgerliche Idylle mit einer Collage zerstört. Diese Art Collage die sich absichtlich von der geleckten Photoshop-Perfektion abwendet. Doch der Text unter dem Untertitel "zerstören Sie Ihr Leben, Sie haben nur das eine!" ist eine Abhandlung wie sie von den Situationisten hätte stammen können, wenn diese seinerzeit noch mehr Humor gehabt hätten. Der groteske Grundton schafft es bei aller Absurdität die Ernsthaftigkeit des Gegners zu verlachen: "Höchste Vorsicht ist geboten, wenn sich der Kapitalismus mit dem Tarnmäntelchen der Eskapade umhüllt". Dabei stellt sich der Text auch noch selbst in Frage um jeglichen Verdacht auf Indoktrinierung von der Hand zu weisen. Welche andere Publikation würde sich heute trauen offen mit solcher Distanz über den "Kapitalismus" zu sprechen? Das zuletzt immer noch scheinbar unhinterfragbare gottgegebene Gesellschaftssystem?


Unaussprechliches

Das ist glaube ich eines der mit höchsten Verdienste von Bob 2, es frönt nicht dem sinnentleerten Hedonismus wie der Titel nahe legen könnte. Nein, Bob vermag einen Sinn dort zu sehen wo andere längst aufgegeben haben. Nicht umsonst ist im Editorial von "Revolutionen" die Rede. Wer traut sich heutzutage noch dieses Wort in den Mund zu nehmen?


Sympathische Unzulänglichkeiten.

Bob hinterfagt nicht nur inhaltlich, Bob hinterfagt auch formal. Eskapaden ist auf einem schummrigen Papier gedruckt, deswegen unter Anderem meine Assoziation zu eben solchen Kneipen oder zu der Matrix-Wirklichkeit. Damit geht die Aussage einher: Wir sind nicht aalglatt, wir drucken billiger und menschlicher, stilvoller, denn was ist menschlicher und was ist mehr Stil als mit den eigenen Fehlern, Schwächen und den Unzulänglichkeiten des Lebens souverän umzugehen?
Bob hat Stil, Bob hat soviel Stil, dass selbst so jemand wie ich Bob die Unzulänglichkeiten verzeihen will. Denn bei jedem Anderen Magazin hätte ich mich über das Merchandising aufgeregt. Nun, Bob verkauft auch Schuhe mit dem eigenen Logo. Nur, das sind keine Retro- oder Space-Treter die in China von Kindern oder Regimegegnern zusammengeschustert werden, sondern Raritäten die irgendwo in der thüringischen Provinz von sympathischen Eingeborenen genäht werden. Aber wie soll ich auf Jemanden sauer sein der Produkte, wie eine "Dirndlmoschee" von Azra Aksamija für 500 Euro beschreibt, ein Kleid für österreichische Musliminnen zum Beten für unterwegs?

Da verzeihe ich auch gern die Modestrecke, die kurz gesagt deplatziert ist und die mit den Eskapaden konventioneller Mode einfach nicht mithalten kann und daher schlicht nur bieder daherkommt... Aber ich habe von Mode eh keine Ahnung. Bob hat soviel Stil, dass selbst ein Artikel von einer „Personalmanagerin“ mit BWL-Hintergrund nicht Übelkeit verursacht.

Ach so, an der Kasse sind keine Eskapaden nötig, knappe 5 Euro genügen. In gut sortierten Bahnhofsbuchhandlungen habe ich noch ein Paar Exemplare erblickt. Bob ist auch über die Homepage bestellbar.


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Kommentare

Wow, amen. Was soll man dazu nur sagen! Ich glaube, dem Heft sollte man mal eine Chanche geben.

meint: 020200 am 18.12.05

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