Typo Berlin 2006 und Kalle Lasn versus the Glitz

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kalle-lasn-typo-2.gifDie Typo Berlin 2006 fing fulminant an. Den Einstieg, auch Keynote Speech genannt, machte Mister Adbuster Kalle Lasn. Man hatte sich nicht zu viel erwartet vom Revoluzer der Werbung und wurde ganz in den Bann des 64-jährigen gezogen. Sanft, locker und unglaublich warmherzig hielt er sein Plädoyer für einen kritischeren Umgang mit der Werbung und die Chancen von Designern.

Text: mo.
Fotos: Christof Zachl

In einer Präsentation mit Spannungsbogen, harten kritischen Worten und einem trotzdem positiven Ausblick wandte sich Kalle Lasn in erster Linie an die jungen Studenten. Seine Hauptthese, dass die Moderne eigentlich eine Zeit der Angst ist, unterstrich er mit der Tatsache, dass heute alles schön verpackt, ästhetisiert und aufgemotzt wird. Alles ist schön und wir leben in einer Konsum-Utopie. Ob Werbung für umweltverschmutzende Energiekonzerne oder Modekonzerne, die in Quasi-Konzentrationslagern Ihre Schuhe und Mode herstellen lassen, alles ist schön und ohne Nachteile.

"Modernism fucked us up!"

Diese Angst, so Lasn, ist ein konstantes Nachbeben des 2. Weltkrieges. Nach der Zerstörung folgte der Wunsch nach Harmonie, der bis heute anhält. Doch Harmonie bedeutet nicht sinnlose Unreflektiertheit. Schönheit, von Designern erzeugt, entpuppt sich häufig vielmehr als Verpackung, Verstecken und Übergehen von Tatsachen. Zum Beispiel der Tatsache, dass wenige Menschen auf unserem Erdball die Hauptressourcen von allen verschlingen. Das die westliche Bevölkerung die Umwelt knechtet und missbraucht ist selbstverständlich keine neue Tatsache und jammern kann man lange und immer wieder. Aber...

pychodesign.jpgGlücklicherweise umschiffte Kalle Lasn ruhig pathetische Allerweltssprüche und versuchte in seiner Ansprache im Besonderen zu sensibilisieren und zu motivieren. Dabei analysierte der Designer nicht nur, sondern bot auch eine Möglichkeit von vielen an. Sein Werkzeug nennt er Psycho-Design. Ein Beispiel von Psycho-Design ist unter anderem ein Energiezähler für Strom, der nicht versteckt im Stromkasten verweilt, sondern stets sichtbar am Ausgang der Haustüre angebracht ist. Eine bekannte Designerin von Lasn konnte diesen Zähler bereits ausprobieren und nach Lasn reduzierte sich der Energieverbrauch des Mehrparteienhauses um 30%. Psychodesign versucht den Menschen aufmerksamk zu machen, ihn subtil auf Dinge hinzuweisen und ihn im positiven zu erziehen und vielleicht auch zu manipulieren.

Kalle versus the Glitz

Ein großes Manko der westlichen Kultur ist der Verlust der menschlichen Anbindung an die Natur. Nach Kalle Lasn haben wir den Bezug zur Natur, "dem größten Designarchitekten", verloren. "Touristen kommen nach Kanada, um unberührte Natur zu sehen.", konstatierte er nüchtern und doch erstaunt. Natur als "undesigned space" bietet jedoch tiefgründige Erfahrungen, die Designer und Menschen im allgemeinen bewegen und verändern. Diese Verbindung ist auf vielen Ebenen abhanden gekommen und wirkungsvolles Design im Einklang mit der Umwelt findet man selten. Der Abstand zwischen Mensch und Natur beziehungsweise zwischen Designer und Natur, ist einfach zu groß und muss erneuert werden.

kalle-lasn-typo-1.jpgMit Kalle Lasn hat die diesjährige Typo Berlin 2006 ein wunderbares Zeichen gesetzt, um der Identitätskrise des Designs einen Gegenschwung zu verpassen. Nach Lasn sind Designer "Verpacker von Information". Designer haben in seinen Augen das Potential Aufmerksamkeit zu lenken, Trends zu setzen. Denn Designer bilden die Riege der Menschen, die einem Medium seine Form geben, und Meinung gestalten. Nach Jahren des Pixel-Schiebens und einer Periode der "corporate slaves" wünscht sich der engagierte Weltenbummler von der Gilde der Designer mehr Mut und eine größere Kritik gegenüber der Welt des "Glitz". Denn Design sollte auch immer an die Verschmutzung und den Verbrauch erinnern und nicht die Dauer-Utopie des Konsums ankurbeln. Ganz nach dem Motto "First Things First!" müssen viele Schalter in unseren Köpfen umgelegt werden. Und erste Anzeichen sieht Kalle Lasn schon heute... Besonders bei jungen Menschen.

Dank des Internets findet Ihr zahlreiche Folien der Präsentation auf flickr. Mehr zu Kalle Lasn liest man auf www.adbusters.org.

Folien-Bootlegs, Links und so...

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Kommentare

yeah, rocks!

meint: 020200 am 22.05.06

Als jemand der nicht da war würde mich interessieren wie die Reaktion des Publikums war, ob es überhaupt eine gab? Hat es irgend einen sichtbaren Einfluss gegeben, haben Designer plötzlich statt über Linotypes und neue Apple-Gadgets über Verantwortung und Utopie gefachsimpelt?

Was Lasn zu sagen hat kann man sich schon ein wenig im Voraus denken, wenn man nur ein Bisschen mit Adbusters vertraut ist. Der Einfluss von Adbusters ist hierzulande fast null, vor Allem in der Design-Community und in der Werbebranche. Adbusters dient lediglich als Ideengeber für Guerilla-Marketing und der Begriff wird gern als Label für Werber genutzt die sich gern als sozialverträglich darstellen möchten es aber nicht sind, besonders eklatant zu sehen beim Zwiebelfisch.

meint: Tadeusz Szewczyk am 22.05.06

hey tadeusz!

was lasn zu sagen hat, kann man nicht im voraus denken, wenn man ihn nicht kennt. du schreibst es ja selbst: "Der Einfluss von Adbusters ist hierzulande fast null"

viel zu wenig leute kennen ihn und adbuster. muss ich immer wieder und wieder feststellen.

da ich selbst einfach zu gebannt war von der veranstaltung und wie ein staubsauger einen vortrag nach dem anderen aufgesogen habe, habe ich nicht mit den designern und studenten gesprochen. etwas hängen bleiben wird aber auf jeden fall.

ich finde das du das alles viel zu negativ siehst. versuch es doch einfach mal von der positiven seite zu sehen: er durfte reden, er hat eine botschaft die nicht schlecht ist und es haben ihm immerhin ca. 1000 leute zugehört und mächtig geklatscht. sicherlich werde da einige braindead sein und ihr leben, ihr design und solche dinge nicht ändern. aber schon alleine dieser phlow-eintrag ist wieder ein wenig mehr aufmerksamkeit für die richtige sache. nur so kann man etwas erreichen.

positiv denken und weiter an die eigene sache glaube, das tut lasn und das finde ich klasse. er agiert und wenn er nur 10 leute erreicht, ist das schon ein weiterer fortschritt.

mo.

meint: mo. am 22.05.06

Hallo Thadeusz,

ich finde auch dass Kalle besser zuhause geblieben wäre. Wann weiss ja eh was er zu sagen hat. Ich finde auch dass eingentlich alle DJs zuhause bleiben können, denn wir wissen ja eh welche Musik sie auflegen werden. Nicht dass noch jemand ihre Musik klaut und einen Top 10 Hit bei Universal rausbringt. Oder die tagesschau, wissen wir ja eh alles.... Wir sind toll! Aber das wusstest du natürlich schon.

Liebe Grüße, Spatti

meint: spati am 23.05.06

ich finde nicht das er hätte zuhause bleiben sollen. Denn dann wäre dieser Eintrag hier nie erschienen und ich wäre vielleicht nie für adbuster, Kalle oder das Thema an sich, sensibilisiert worden.

meint: Nörmi am 24.05.06

Vor allem der Begriff "Psycho-Design" ist irgendwie haften geblieben und kommt unseren Forschungsarbeiten gerade recht. Das ist definitiv ein Fundament, auf dem wir die ein oder andere Arbeit aufbauen werden.

meint: 020200 am 24.05.06

adbusters rocken!!
aber ist das bild ganz oben nicht von bansky? hatte der da auch was mit zu tun?

meint: psyCodEd am 27.05.06

das banksy-bild zierte ehemals mal ein adbusters-cover. siehe hier:
https://secure.adbusters.org/orders/backissues/

meint: sum1 am 02.06.06

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