Mediale Architektur - realities:united und BIX

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BIXbix.jpgBIX ist eine Medienfassade am Kunsthaus Graz in Österreich. Diese Medienfassade unterscheidet sich aber erheblich von den Reklameflächen, die man mittlerweile in sehr vielen Städten antrifft. BIX ist sowohl technisch, architektonisch als auch von der Philosophie etwas Einzigartiges. Phlow im Interview mit Jan Edler von dem jungen Architekturbüro realities:united.

Text: Martin Wisniowski

detail01.jpgrealities:united ist kein klassisches Architekturbüro. Die Geschichte von den Gründern Jan und Tim Edler geht zurück auf den Verein "Kunst und Technik", an dessen Gründung sie 1997 in Berlin mitbeteiligt waren. In solidem Grenzgängertum setzten sich die beiden Studierten Architekten mit einem Themenkanon jenseits klassischer Architekturmodelle auseinander. Der Blick über den Tellerrand schloss Kunst, Medieninstallationen und Events mit ein. Sind wir Architekten? Nö, nu eigentlich nicht, war damals ihre Antwort. Ihr damaliges Betätigungsfeld beschreibt Jan Edler so:

"Auf den ersten Blick mag es so scheinen, dass wir lange 'mal dies und das' gemacht haben. Zum einen hatten wir als ausgebildete Architekten keine Lust uns in das übliche 'wir machen einen Wettbewerb nach dem anderen, und hoffen, das es irgendwann klappt'-System zu begeben. Das Wettbewerbssystem halten wir angesichts der mageren Erfolgschancen für eine eher frustrierende Ressourcenverschwendung. Deswegen haben wir versucht uns andere Arbeitsfelder zu suchen, die wir für interessanter und erfolgsversprechender hielten. Und bei denen ging es eigentlich immer auch um räumliche Komponenten. Unsere diversen Projekte zur Erforschung der Verbindungsmöglichkeiten von physischem Raum und 'Datenraum' markieren z.B. ein solches Arbeitsfeld. Dabei geht es vor allem auch um architektonisch-gestalterische und konzeptionelle Fragestellungen."

Der Verein 'Kunst und Technik' hat im Jahr 2000 ihre wichtigste Ressource verloren: schickalhaft wurde ihr Stammsitz und Kulturstätte, das Haus des Vereins im Monbijoupark / Berlin abgerissen. Die Aktivitäten des Vereins haben sich dadurch in kleinere Gruppen zersplittert. So gründeten infolge dessen die Edlers ihr Büro realities:united. Nun ganz selstbewußt als Architekten. Woher kam der Gesinnungswandel?

"Uns ist klargeworden, dass die Methoden und Ansätze, mit denen wir in den verschiedenen Projekten arbeiten, unserem architektonischen Ausbildungshintergrund zuzuordnen sind. Als wir das realisiert haben, war es für uns wieder einfacher und logisch, uns als Architekten zu bezeichnen. Dies vereinfacht die eigene Aussenkommunikation."

Und zu recht. realities:united behandeln Themen am Grenzbereich der Architektur, sind damit aber wahrscheinlich ihrer Zeit weit vorraus. Mediale Gebäudefassaden als Beispiel sind ein architektonisches Problem. Nur kaum einer stellt sich die Frage nach den Auswirkungen einer blinkenden, dynamischem Mediafassadengestaltung.

"Dabei ist das ist ja grundsätzlich analog zur herkömmlichen 'statischen' Fassade. Wenn diese in Abstimmung mit ihrer Umgebung und dem Gebäude dahinter entwickelt wird, können sie zu einem wichtigen Baustein im städtischen Gefüge werden. Wurden sie jedoch respektlos, also in Ignoranz ihres Umfeldes gestaltet, ist die Chance groß, dass sie sich negativ auf ihr Umfeld auswirken.

Komischerweise tendieren Architekten dazu, das zu vergessen, wenn es um medial veränderliche Gebäudeoberflächen geht - Sie fühlen sich nicht mehr verantwortlich."

Wie sowas geht, wie mediale Architektur ausehen kann, haben realities:united sehr eindrucksvoll am Kunsthaus in Graz gezeigt.

BIX!

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Das Kunsthaus Graz ist ein Alien im Stadtgefüge. Ein blau-lilaner Fremdkörper, der sich ein einer Postkartenaltstadt ausbreitet. Und dort fühlt er sich sauwohl. In dieser ätzenden-halbtransparenten Rundumfassade haben realities:united an der Haupteingangsseite genau 930 dimmbare Leuchtstoffrundröhren implantiert. Das Büro wurde vom Bauherren ursprünglich beauftragt, für die "mediale Ausstattung" des von einem Team junger Architekten um Peter Cook und Colin Fournier entworfene Kunsthaus zu sorgen. Dabei dachten die Bauherren an eine Liste von Kabeln, Screens und DVD-Playern. Dass solch ein Job für transdisziplinär ausgebildete Menschen nicht ausreicht, dürfte sich von selbst verstehen. Also haben sie eine bunte Liste von unterschiedlichen Ausstattungen auf unterschiedlichsten Ebenen erstellt. Darunter auch BIX, dass jetzt im Maßstab 1:1 in Graz betrachtet werden kann. Zugegeben: es ist höchst unüblich, dass sich ein 'Fachplaner' in die Architektur miteinmischt. Letztendlich haben realites:united als "mediale Ausstattung" etwas umgesetzt, was im Wettbewerbsbeitrag der Architekten noch 'kommunikativer Anspruch einer mitteilsamen Außenerscheinung' genannt wurde, aber aus technischen und zeitlichen Gründen von den Entwurfsarchitekten nicht umgesetzt werden konnte. Dann sahen Politiker noch ihr Budget weglaufen und erhöhten den Druck: nun sollte auch die halbtransparente Plexiglasfassade durch billigeres und undurchlässiges Material ersetzt werden. Und plötzlich war die Mediafassade ein Muss und realites:united die Komplizen des Bauwerks. Eine wahrhaft einmalige Gelegenheit die sich für die jungen Architekten dort bot. Und diese Gelegenheit musste genutzt werden!

Chancen nutzen

PrototypDetail.jpgDie entscheidende Idee für die Mediafassade war, auf eine herkömmliche Mediafassade zu verzichten: zu bunt, zu teuer, zu austauschbar. Statt dessen bedienten sie sich einer Art lofi-Technik: dimmbare Leuchtstoffröhren in Omas 60ies Design, die schon von vornerein aus dem state-of-the-art Wettlauf ausscheiden. Keine Farben sondern Graustufen. Kein langweiliges Viereck, sondern ein an die Dynamik des Bauwerks angepassten Screen. Statt Plakatwandgröße satte 900 qm.

"Die Medienfassaden, die es bislang gibt, werden aufgrund der enormen Herstellungskosten primär zu kommerziellen Werbezwecken genutzt. Am Kunsthaus in Graz besteht deswegen erstmalig die Chance ohne kommerziellen Verwertungsdruck erste Schritte zur Erforschung einer Architektur zu machen, die medial veränderlich ist. Es geht dabei darum eine Sprache zu entwickeln. Eine Sprache mit Vokabular, Rhytmus, Syntax etc..."

Pionierarbeit

Das Betriebssystem wurde von John deKron, die Steuerungstechnologie größtenteils in Eigenarbeit von realities:united entwickelt. Und damit leisten sie hier echte Pionierarbeit. Diese Mediafassade ist weitaus mehr als nur eine Fläche für Ankündigungen und Werbung und ist als solche auch garnicht gedacht. Hier soll auch ein "Ort" entstehen, an dem Kunst passiert. Zur Ausstellungseröffnung des Kunsthauses wurde eigens ein programmatisches Event initialisiert:

"Wir haben das kuratorische Konzept für die Eröffnung entwickelt. Uns ging es dabei vor allem um das Erlebnis aus verschiedenen Perspektiven im Stadtraum. Wir haben den Videokünstler, VJ und Programmierer John deKron und den Künstler Carsten Nicolai eingeladen jeweils eine audio-visuelle Liveperformance für BIX und das Kunsthaus zu entwickeln.

Um verschiedene Betrachterorte zu gewährleisten wurde die Übertragung des Sounds von Radio Helsinki in Graz übernommen. Autos mit "getunten" Stereoanlagen wurden als mobile Verstärkereinheiten an verschiedenen Orten mit direkter Sichtverbindung zum Kunsthaus positioniert. Jeder Besitzer eines Ghettoblasters wurde zum mobilen Co-Veranstalter. Das ganze war recht erfolgreich - die Polizei mustte bei geschätzten 12.000 Zuschauern Teile der Innenstadt um das Kunsthaus sperren."

GebäudeOS?

Ein eigenes Betriebsystem für ein Bauwerk? Das erinnert an Zeiten, wo für Großrechner, also für einzelne Maschinen ein OS (operating system = Betriebsystem) entwickelt wurde.

"Viele moderne Gebäude - vor allem grössere und komplexere - haben längst OS-artige Systeme zur kontrollierten Steuerung der haustechnischen Infrastruktur (Heizung, Belüftung, Beleuchtung etc.). Diese Systeme werden sicherlich in den kommenden Jahren weiter ausgebaut und zu einem wichtigen Bestandteil neuer Gebäude. Bei diesen Projekten geht es meistens um Aspekte der Kostenoptimierung und der Steigerung des Komforts. Über die gestalterischen Möglichkeiten solcher Systeme (zum Beispiel wie sich der Raum durch solche Systeme verändert) wird meist nicht nachgedacht - aber gerade das finden wir interessant."

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Da es nur schwer vorstellbar ist, wie das Kunsthaus Graz wirkt, wenn es bespielt wird, musste auch ein Simulationsprogramm erarbeitet werden, dass es selbstverständlich zum freien Download gibt. Und das alles reicht den Edlern noch nicht. Sie denken bereits laut über dreidimensionale - ja, wie sagt man da? Mediafassade? - nach, ganz im Sinne einer Grundlagenforschung.

"Das Problem ist, dass die Erfahrung fehlt, eine architektur- und umraumadequate Bespielung von medial veränderlichen Gebäudeoberflächen zu entwickeln. Das kann nur langsam gehen. Schliesslich enstanden auch die herkömmlichen Fassaden, die uns alltäglich umgeben, in einem langsamen kulturell geprägten Prozess über hunderte von Jahren."

vote-bix.jpgUnd da wir Freigeist mit Style und Instinkt unterstützen, helfen wir den Jungens. realites:united wurden von t-Com(!) für den inspire-Award nominiert. Das Preisgeld beträgt 50.000 Euro und Grundlagenforschung kostet viel Geld. Und realites:united brauchen das Geld. Also: hin zum inpire-Award, sich auch mal die anderen Kandidaten auschauen und dann das richtige Kreuzchen machen. Und nebenher noch ein wundervolles inspire-telekom-T-Shirt absahnen. Hmm, lecker!


VOTE! inspire award

Homepage realities:united
Weitere Projekte von realities:united

John deKron

[Bilder außer "Simulator" von bix.at]

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