Graffiti: Kings Of The Line (Teil 1)

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graffiti_1.jpgGraffiti. Das ist Vandalismus, Rebellion und Kunst. Graffiti gibt es historisch gesehen, so könnte man behaupten, seit der Mensch auf zwei Beinen steht. Phlow präsentiert einen veschollen gegangenen Artikel über die HipHop-Kultur und berichtet von der Entstehungsgeschichte von Graffiti...



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Graffiti - Kings of the Line

"Graffito ["Schraffierung"] der (auch: das); -[s], ....ti: a) in Stein geritzte Inschrift; b) in einer Marmorfliese eingeritzte zweifarbige ornamentale od. figurale DEKORATION; c) auf Wände, Mauern, Fassaden usw. meist mit Spray gesprühte, gespritzte od. gemalte Parole, Spruch od. Figur mit kämpferischem od. witzigem Charakter; vgl. Sgraffito"[1]

"Die zentrale soziale Funktion von Grafikdesign ist die Verkörperung von Identität durch visuelle Formen. Design erzeugt eine visuelle Persönlichkeit für Institutionen, Produkte, Zuschauer – und für Designer selbst."[2]

Graffiti. Das ist Vandalismus, Rebellion und Kunst. Graffiti gibt es historisch gesehen, so könnte man behaupten, seit der Mensch auf zwei Beinen steht. So fände man Graffitis in alten Höhlenmalereien, auf Marmorfliesen, bei Ausgrabungen etruskischer Wohnungen und meist an den Orten, wo Menschen hinschauen, wieder. Somit wäre Graffiti keine Neuentdeckung der HipHop-Kultur, hätte aber mit ihr eine unvergleichliche Renaissance erlebt.

Die Geschichte fängt mit den Zeitungsjungen in New York an und am Anfang war der "Tag"[3]. Zuerst war alles nur ein Spiel unter den Zeitungsausträgern, die die Disziplin in den 70er Jahren zu einem Wettkampf entstehen liessen. Die Jungen kritzelten überall dort ihre Namen und Kürzel an die Häuserwände der Viertel, wo sie ihre Zeitungen austrugen.

graffiti_2.jpgDabei gibt es in dieser Geschichte auch einen Protagonisten mit Namen "TAKI 183" einem Sohn einer griechischen Einwandererfamilie. Sein "Tag" setzte sich aus seinem Namen Taki und der Straße in der er wohnte zusammen, der 183. Straße. Seine Berühmtheit verdankt er auch einigen Zeitungsartikeln[4], doch er war einer derjenigen, dessen "Tag" man überall in New York in allen Ecken von Manhattan über Brooklyn bis zur Bronx fand und bewundern konnte.

Der "Tag" ist meist ein Kürzel oder ein Spitzname einer Graffiti-Crew oder eines einzelnen Künstlers. Da derjenige Tagger am meisten Respekt bekommt, der seinen Namen an den verrücktesten und gefährlichsten Stellen hinterläßt, "ist es zum Beispiel ein Muß, einen Polizeiwagen zu taggen[5]". "An diesem Punkt", wie der Sprayer Cool T bemerkt, "beginnt sich die zuvor amüsierte Öffentlichkeit von dem Phänomen bedroht zu fühlen, da die Tags immer zahlreicher werden."

Tags entstehen deswegen meistens innerhalb von Sekunden und werden häufig in einer fliessenden Bewegung an einer Häuserwand oder an anderen zweckdienlichen Orten mit einem Edding oder einer Sprühdose angebracht. Die Kürzel entstehen oft über einen längeren Zeitraum in welchem sich die Jugendlichen auf Schulblöcken Gedanken über Form, Verlauf, Symbole und Attribute ihres Tags den Kopf zerbrechen. Nicht zuletzt deshalb sind die Buchstaben sehr verschachtelt. Christopher Bieber stellt dazu fest: "Als zentrales Stilmittel der Graffiti-Writer fungiert die künstlerische Gestaltung einzelner Zeichen und Buchstaben, die bis zur Verselbständigung der Form und der Ablösung von der dargestellten Botschaft reichen kann." [6] Somit werden die Tags mit Pfeilen und Häckchen versehen, mit Strichen und Punkten verschönert und angereichert mit stilisierten und abstrakten Symbolen wie Kronen, Sternen, Augen (oft nur durch einen Strich im geschwungenen E angedeutet) etc.. Darum steht man als Laie desöfteren rätselnd und verwundert vor dem verworrenen Wirrwarr aus Linien, welches man nicht decodieren kann. Doch daß der Jugendliche sich mit Stilmitteln und der Ästhetik von Buchstaben auf seine Weise auseinandergesetzt hat, bleibt meist dem Betrachter verborgen, da er sich von den "Schmierereien" eher belästigt fühlt.

Für den Tagger muß sein Kürzel harmonisch sein. Dafür benutzt er dann auch Ausdrücke, die aus seiner Musik stammen. Der Schriftzug muß "grooven" und "funky" sein. Er soll eine Einheit bilden und zeigen, daß man überall präsent ist.

Neben dem Tag steht sein größerer Bruder, die "Brulure". Während der Tag aus einer Farbe besteht, kann das große Graffiti meist aus mehr als 16 unterschiedlichen Farben zusammengesprüht werden. Im Gegensatz zum Tag kann ein farbiges und großes Graffiti oft sogar mehrere Tage in Anspruch nehmen, an welchen der Sprayer immer wieder an seinen Ort zurückkehren muß, um sein Gemälde zu verfeinern und um es zum Abschluß zu bringen.

Dieses neue Genre, die Brulure, konnte sich damals aus dem Tag entwickeln, da den "Künstlern" immer neuere Materialien eine Verfeinerung ihres Stils erlaubten. "Anfänglich war dies (die Brulure, d. Verf.) eine Vergößerung des Tags durch kalligraphische Buchstaben, die zum Teil mit anderen Farben ausgemalt wurden."[7] Die großflächigen und farbigen Graffitis waren natürlich aufsehenerregender und brachten immer mehr junge Menschen aus allen Gesellschaftschichten dazu, ebenfalls diese Kunst auszuüben.

Ein vielfarbiges Graffiti muß geplant werden. Hierbei kommt am Anfang die dritte Waffe im Krieg gegen die Graue Tristesse des Alltags ins Spiel: der Tuschestift. Der "Writer"[8] muß zuallererst auf Blöcken seine "Pieces"[9] entwerfen, kollorieren und strategisch überlegen, wie er dann beim eigentlichen Akt vorgeht. Er muß sich der Frage seines "Styles" stellen und klären wie sein Bild wirken soll. Benutzt er z.B. eher statische, dicke Pfeile oder möchte er mit feinen, dünnen dem Ganzen eher eine in sich verschlungene Dynamik geben? Welche Farben benutzt er? Will er eine Farbe zu seinem Markenzeichen machen? Sprüht er lieber "Characters", überdimensionierte Figuren, oder doch eher seinen Namen? Wie könnte man seinem "Piece" den ganz besonderen Touch geben? Gibt es vielleicht noch neue Techniken, die man entwickeln könnte?

Zum Schluß muß sich der Aerosol-Artist nur noch überlegen an welchen Ort bzw. an welcher Stelle er diesmal sein Gemälde sprüht. In New York waren ab 1973 die U-Bahnzüge das Hauptmedium. Diese fahrenden Leinwände waren deshalb so beliebt, weil der eigene Name so die größte Reichweite und die meiste Aufmerksamkeit auf sich zog. So wurden entweder einzelne Wagons vollkommen besprüht, man nannte diese Arbeiten "top-to-bottom", oder sogar ganze Züge, "end-to-end".

graffiti_4.jpgBevor der Sprayer anfangen kann, muß er Mauern und Wände erst einmal mit einer billigen Farbe vorbereiten, damit er die Farbe aus den teils teuren Dosen nicht unnötig verschwendet. Daraufhin werden skizzenhaft die Umrisse gezogen anhand der er sich für den Rest des Kunstwerks orientiert. In einem nächsten Schritt werden die Fill-Ins, also die Innenflächen der Buchstaben gestaltet, um welche anschließend die Outlines, die Außen- bzw. Rahmenlinien, gezogen werden. Zum Schluß fügt der Writer seinem farbigen Werk womöglich noch 3D-Effekte hinzu, damit alles noch realistischer und plastischer auf den Betrachter wirkt.

Der jugendliche Künstler setzt sich oft tage- und wochenlang mit seinen Werken auf Papier auseinander, bevor er zum eigentlichen Sprühen kommt. Damit er Respekt von anderen Kollegen gezollt bekommt, darf er auf keinen Fall andere kopieren, sondern muß sich selbst zu etwas Einzigartigem entwickeln. Dabei bezieht er häufig seine Informationen aus Zeitschriften und Bildbänden, wie z. B. der "Graffiti-Art"-Serie. Doch die Pieces seiner eigenen Heimatstadt beeinflussen ihn am meisten. So entstehen oft auch regionale, "typische" Stile. In der einen Stadt ist eher der "Wildstyle"[10], der durch sehr verschlungene und schwer entzifferbare Buchstaben besticht, angesagt, während in einer anderen Stadt dicke, gerade, riesige Buchstaben, sogenannte "Bombings", den Ton angeben. Vielleicht herrscht in seiner Umgebung auch der "Illstyle", ein wilde und witzige Art Buchstaben mit verzerrten Gesichtern zu verzieren oder aus Gesichtern entstehen zu lassen, seinem Buchstaben evtl. ein Pflaster oder eine Narbe zu verpassen etc.. Weiterhin haben sich viele Sprüher auch zu "Crews" zusammengeschlossen, kleinen manchmal aber auch großen Cliquen, in welche man erst einmal aufgenommen werden muß, indem man Mutproben absolviert und zeigt, daß man "'was drauf hat". Die "Rookies"[11] absolvieren oft eine Probezeit. Sie müssen sich erst als würdig erweisen, in die Crew aufgenommen zu werden.

Diese Testphase zeugt auch davon, daß das Konkurrenz-Denken sehr vorherrschend ist. Man möchte sich aus der Masse herausheben und innerhalb der Szene profilieren. Die eigene Crew darf nicht durch minderwertige Aktionen abgewertet werden. Der Antrieb dabei besteht aus dem Bedürfnis, etwas vom "F.A.M.E."[12] abzubekommen, um auch einmal im Rampenlicht zu stehen und Respekt zu ernten. Denn das ist schließlich das Ziel: sich einen Namen zu machen. Die größte Auszeichnung zu bekommen: "King of the Line". Diesen Titel kann ein Writer bei Live-Auftritten während eines Jams bekommen, wenn er von allen der hervorragendste ist.

Manche Sprayer schaffen es überdies sich außerhalb der HipHop-Kultur als Künstler zu etablieren. So fanden in New York am Anfang sogar Ausstellungen statt, und eine "Graffiti Hall of Fame" wurde eröffnet: in einer Art Freiluftgallerie. Hier durften die hervorstechendsten Künstler legal ihre Werke präsentieren. Auch wenn es nicht das Ziel des Jugendlichen ist, als Künstler von der Kunstwelt akzeptiert zu werden, er sich teilweise sogar davor hütet, um dem Ausverkauf zu entgehen, dem gefürchteten "Hype", so schaffen es doch einige wie Futura 2000 und Seen und treten sogar in Filmen wie "Style Wars" und "Beat Street" auf oder sprühen live auf Konzerten. Weiterhin verzieren auch viele Graffitis die Plattencover von bekannten Rap-Bands. Innerhalb der Szene steht man jedem zur Verfügung, der sich den Respekt der HipHop-Gemeinschaft verschafft hat, da so der Ausverkauf umgangen wird, der ansonsten zu großen Einbußen der Akzeptanz führen könnte. Schließlich sollte man noch daraufhinweisen, daß die wenigsten von ihrer Kunst leben können und es nur einige Wenige geschafft haben, sich außerhalb der HipHop-Szene zu behaupten.

Doch dafür gibt es innerhalb der HipHop-Kultur genügend Bewegung. Oft reduziert sich der Diskurs nicht nur auf lokaler oder nationaler Ebene. Zu größeren "Sessions" kommen z.B. auch Amerikaner nach Berlin, wie z.B. die BBC-Crew , um sich über neue Ideen auszutauschen und um mit ihren Kollegen neue Graffitis an die Berliner-Mauer zu sprühen, die lange Zeit als die größte Graffiti-Leinwand der Welt galt. Diese Sprühereien wurden sogar von normalen Bürgern begrüßt, da es wohlwollend als "Beschmutzung eines Schandmahls" toleriert und akzeptiert wurde. "So fliegen 1994 die Berliner Writer Ben, Skywise, Grane und andere nach Los Angeles und sprayen gemeinsam mit dortigen Writern mehrere großflächige Bilder im Stadtteil South Central. Im Gegenzug kommt eine Gruppe nach Berlin und wirkt an der Erstellung des Wandbildes 'Das globale Schachspiel' bei Loretta im Garten, Lietzenburger Straße in Wilmersdorf mit. Auch in der Folgezeit reist man hin und her, um gemeinsam mit den Kids zu rappen und zu samplen."[13]

Doch Graffiti ist auch Vandalismus. Viele Bürger fühlen sich durch die "Farbschmierereien" bedroht und können meist Graffitis nicht ein- oder zuordnen. So macht z.B. die KASA (die Kölner Anti Spray Aktion) in einem Informationsblatt darauf aufmerksam: "Farbschmierereien sind illegal, umweltschädigend, verschandeln die Stadt und machen vielen Menschen Angst." Die KASA möchte dem Bürger Mut zusprechen und will mit Kontakten zu "Fachleuten der Gebäudereinigung" helfen. Sie gibt Telefonnummern an, mit welchen die Einwohner sich über vorbeugende Maßnahmen bei der Polizei und dem Kriminalkommissariat informieren können oder unter welchen die polizeiliche Ermittlungsgruppe "Farbschmierereien" zu erreichen ist.

In einem Bericht des "Kölner Stadt-Anzeiger" vom 15. April 1999 sollen Jugendliche nach Angaben der KVB[14] einen Schaden "von mehreren 100.000 Mark" angerichtet haben, indem sie die Scheiben der einzelnen Waggons "großflächig" zerkratzt und so ihre Tags "1,2,3 Crew" angebracht haben. Das Austauschen der Scheiben kostet nach dem Artikel zufolge jeweils 20.000 DM. Der KVB-Sprecher Berger berichtet: "In einem Zug der Linie 1 sind unlängst sämtliche Scheiben zerkratzt worden." 1992 gaben die Berliner Verkehrsbetriebe gut fünfeinhalb Millionen Mark für die Beseitigung von Vandalismusschäden aus.[15] Hierbei muß man jedoch hinzufügen, daß unter Vandalismusschäden nicht nur "Farbschmierereien" zählen, sondern auch zerstörte Inneneinrichtungen, gestohlene Notfallkästen etc.

Da Graffiti-Writing auf der ganzen Welt verbreitet ist, gibt es natürlich auch viele unterschiedliche Konzepte zur Bekämpfung. In Perth, Australien, muß der Citoyen z.B. eine extra eingerichtete Graffiti-Steuer von 35$ jährlich bezahlen. Dafür hat die Stadt eine Hotline eingerichtet mit Hilfe welcher Bürger neue Graffiti-Sprühereien melden können, so daß diese dann in einem zweiten Schritt von einer Gebäudereinigungsfirma schnellstmöglich entfernt werden. Wenn die "Dosenkrieger" jedoch auf frischer Tat ertappt werden, müssen sie in aller Öffentlichkeit ihre Sprüharbeiten selbst beseitigen. Manchmal kommt es sogar vor, daß ein Fernsehteam vor Ort dem Jugendlichen im Nacken sitzt, damit die Säuberungsaktion später auf den lokalen Sendern ausgestrahlt werden kann.

Der Jugendliche macht sich meistens gar nicht bewußt, welche Sachschäden er anrichtet. Für ihn ist der Adrenalin-Kick und die Rebellion der Maßstab. Je "krasser" die Aktionen sind, desto größer ist die Anerkennung, die er in seinen eigenen Kreisen bekommt. Einige ehemalige Sprayer, die vom Bundesgrenzschutz gefaßt worden sind, haben sich selbst dadurch hoch verschuldet. Die deutsche Bundesbahn gibt z.B. pro zu reinigendem Quadratmeter an einem Waggon den Pauschalpreis von 120 DM an. Somit kommen unter Umständen Beträge von über 10.000 DM zusammen und Writern, denen man sogar mehrere Arbeiten nachweisen kann, stürzen sich dadurch selbst in eine riesige Verschuldung. (mo.)

Fußnoten:

[1] Duden - Das Fremdwörterbuch,1982
[2] Lupton, E.: Mixing Messages. Graphic Design in Contemporary Culture, New York 1996 (http://mixingmessages.si.edu)
[3] Erklärung siehe unten
[4] 1971 gab es einen Artikel in der New York Times über ihn
[5] Cool T in "Rap Revolution. Geschichte, Gruppen, Bewegungen", S. 263
[6] Bieber, Christopher in "Vom Protest zur Profession? – Jugendkultur und grafisches Design" aus Spokk (Hrsg.), Kursbuch Jugendkultur, Mannheim: Bollmann Verlag,1997
[7] vgl. S. 263
[8] Synonym für Aerosol-Artist, Tagger, Sprüher
[9] so nennen die HipHopper ihre Schriftzüge und Figuren an den Wänden im Allgemeinen
[10] sehr verschlungene und schwer entzifferbare Sprühwerke
[11] die Bezeichnung für einen Anfänger in der Graffiti-Sprache
[12] Ruhm
[13] O. Henkel und K. Wolff, S. 55
[14] Kölner Verkehrsbetriebe
[15] siehe hierzu auch das Kapitel "Spray City" aus dem Buch "Berlin Underground"
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Kommentare

...hey ich bin selbst ein bisschen mit graffitis begabt!!!!!!!! möchte aber auf den PC meine graffitis gestalten ...bloß ich finde keine website dafür....!!! mfg madHOUSE

meint: madHOUSE am 06.02.07

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