Gib mir zwo, Web zwo

Rubrik » Web Design Technik

tagcloud.jpgJa, es ist ein Paradigmenwechsel, ein deutlicher Umschwung, der die Erhöhung der Versionsnummer um eine ganze Stelle vor dem Komma rechtfertigt. Mit Web2.0 hat sich einiges wieder schneller zu verändern begonnen. Nach dem ersten Hype zu Unrecht verwaiste Gedankenstränge werden wieder aufgenommen und vielleicht diesmal zu Ende gedacht.

Text: Janos "fukkle bim jerry" Krüger

Typisches Problem von Hypes sind die immer schnell nachwachsenden “hochjazzenden” Beraterfutzis und die frötzelnden Spiegelhoch- und runterschreiber, die die Trends immer schon frühzeitig erkannt haben wollen und ganz schnell wieder die Welt dem Untergang geweiht sehen.

Bei vielen Usern, die keine Linkgrabber sind, keine extrovertierte Ader haben oder sich einfach überfordert fühlen, ist das neue Internet noch nicht angekommen, weil nicht angenommen. Ihnen ist es egal, dass man heute - besser als jemals sonst - gute und gewichtete Links (z.B. yigg.de, Sideblogs oder in Blogs) finden kann, dass Blogs die schnellste Möglichkeit für einen Durchschnittsverbraucher sind, einen Netzwerkeffekt zu erreichen, dass Flickr als Quasi-Standard eine hervorragende Infrastruktur zur Speicherung, Verteilung und Diskussion von Bildern zur Verfügung stellt. Natürlich interessiert es sie nicht, welche neuen Kreuzungen (mashups) und Ergänzungen zwischen einzelnen Web-Applikationen und Schnittstellen (APIs) mittlerweile möglich sind.

Die technologischen Innovationen durch Einsatz adäquater Mittel (Frameworks und ausgereifte Codepakete wie Moo.fx und Prototype), Kombination vorhandener Techniken (Ajax) und die stark vorangetriebene Standardisierung des Webs (XHTML, CSS etc.) sind ein großer Verdienst, der allein schon den Namen Web2.0 verdient. Denn im Grunde wurde in den letzten Jahren nichts Neues erfunden, sondern bekanntes Wissen endlich sinnstiftend zusammengebracht.

web-2-0.jpgDasselbe gilt natürlich auch für das ausgemistete Design und die Usability, die durch die erwähnten technologischen Veränderungen stark beeinflusst werden, insbesondere die Beachtung und Förderung von Web-Standards. Tags und Tag-Clouds als alternative Navigationen, schlanke Seiten, mehr Klarheit in der Seitenstruktur, mittlerweile etablierte und vorbildliche Interfaces wie bei Delicious und digg sind lang erwartete Denkrichtungen, die einerseits als selbstverständlich erscheinen, andererseits das Ergebnis eines wiederaufgenommenen Erneuerungsprozesses nach dem 1990er Web-Crash sind.

Auch die Inhalte sind in den letzten zwei Jahren einer starken Veränderung unterworfen. Das beginnt bei Konzepten für neue Portale, die sich bspw. nur auf Listen, nur auf Playlisten und Webradio (last.fm) oder nur auf Link-Rankings (digg), Comic-Strips, Foto-Loops und Bookmarks konzentrieren.

Es wird “meta” gedacht, das heisst, man sucht nach Lösungen, wie man einzelne Services zusammenfassen und die daraus resultierenden Datenmengen organisieren kann: RSS-Reader wie bspw. Bloglines, Popurls, Tagfetch.

Online-Desktops und Web-Office-Applikationen z.B. writely, dazzle db und gliffy sowie Projekt-Management-Anwendungen gehen ganz offensiv einen neuen weg – hin zum kollaborativen und weg vom stationären Arbeiten.

Und natürlich, auch der Markt hat sich verändert. Immer deutlicher wird, dass sich nur Qualität, Zuverlässigkeit und Transparenz durchsetzen. Kein Spam, keine Linkfarmen, kein “Wir sind jetzt auch online”. Die besten Geschäftsmodelle sind zwar noch immer die der Großen (Ebay-Gebühren und Paypal, Amazon-Seconhand und -Ramschladen, Google-Ads). Doch neue Ideen sind unterwegs: Tauschbörsen (hitflip.de) und Börsen für Selbstgemachtes (sozeug.net) und Bedienungsanleitungen, integrative Shops (Spreadshirt), Mp3-Flatrate bei Napster. Was im Internet immer gelten wird: Man kann normale 1:1-Transaktionen aus dem Real Life nicht in das Internet übertragen: Und genau damit tun sich die meisten Geschäftemacher schwer; nicht das Design und nicht die Funktionen allein machen das Internet zu Web2.0, sondern die Idee, das Modell, das für Bewegung und für Austausch sorgt. Und irgendwo dort kann man sich nach Etablierung durch Qualität einklinken und im Hintergrund monetäre Werte erzielen.

Wer bei Web 2.0 mitreden will, sollte erst einmal lesen. Nämlich den originalen und hervorragend analytischen Text von Tim O'Reilly. Da lernt man was. Den Text gibt es in Englisch und in Deutsch.

Nicht nur augenscheinlich wird in mehreren Bereichen sehr viel konzentrierter gearbeitet. Dafür ist eine gesunde Portion Euphorie wichtig, aber auch ein Wille zur Veränderung und zum Verständnis neuer Denkansätze. Dabei sollte man sich von polemisierenden Spiegel-Redakteuren oder geldgeilen Beratern und Marketing-Dummquatschern nicht den Eifer nehmen lassen.

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Kommentare

Detail-Fehler: Popurls ist mit Bloglines verlinkt.

Allgemeine Anmerkung: Web 2.0 ist im deutsch sprachigen Raum noch gar nicht richtig angekommen wegen der Sprachbarriere. Kein Wunder, viele Anwendungen gibts gar nicht auf deutsch und hiesige 2.0 Anwendungen sehe ich kaum, ausser lokale Kopien wie Yigg. Dort ist die Community aber sehr dünn. Ein Paar Leute können bereits etwas auf die Startseite hieven. Von "populär" kann dann bei so einem Artikel nicht die Rede sein.

Selbst Mister Wong hat weniger Links zu für mich relevanten Themen als ich lokal auf der Festpallte habe.
Deutschland ist imer noch Web 1.0 Beta mit Spiegel.de als wichtigster Seite.

meint: Tadeusz Szewczyk am 30.06.06

Ja, ja, alles richtig. Mir kommt es so vor, dass das Web 2.0 die Versprechen endlich einlößt, die die New Economy so verhiessungsvoll versprochen hat. Vor allem deswegen, weil der User - der Bürger des Internets - zu einem vollwertigen Partner wird, und eben nicht nur eine Nummer in einer "Community" ist.

Etwas schleierhaft ist mir allerdings noch, wie die ganzen Web 2.0-Projekte so Geld verdienen. YouTube oder Dailymotion haben doch Traffic wie Sau und der Service ist dann doch umsonst.... Oder warten die nur darauf von Google, Yahoo und co aufgekauft zu werden?!

Naja, falls noch jemand einen writely-account zu vergeben hat, dann bitte melden! mw*at**node3000.de

meint: 020200 am 30.06.06

Wer noch einen writely accout braucht, einfach bei mir melden: S.EMMERLINGatGMAIL.com

meint: swen am 01.07.06

Napster eine MP3-Flatrate zu unterstellen, halte ich für grob fahrlässig. Ebenso vermisse ich im Artikel eine kritische Auseinandersetzung mit einigen Auswüchsen des Web 2.0-Hype (Stichwort: User-generated Content). Es ist nicht alles Gold, was sich Web 2.0 nennt.

meint: Udo am 02.07.06

@020200: siehe revver.com wie sich aus youtube geld machen ließe...

meint: feezen//freezen am 04.07.06

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