CODE 46 ist eine Zukunftsvision, die SF-Fans die auf fliegende Autos à la 5. Element stehen, enttäuschen dürfte. Doch nicht diejenigen die kultivierte Dystopien im Stile von Gattaca oder Brazil lieben. Michael Winterbottom schafft aber noch etwas, was den zuvor erwähnten Meistern nicht gelang. So war mein plumper Gedankengang in der Videothek: Science Fiction, Liebesgeschichte, Frau mit Glatze (die mich mindestens an zwei von meinen Ex-Freundinnen erinnerte) und Tim Robbins. Das muss ich sehen. Tim Robbins ist ja nicht nur Antikriegs-Aktivist sondern zuvorderst Garant für tiefsinnige Filme.
Um so größer war mein Entsetzen zunächst als ich begann diesen englischen Film anzuschauen. Der Film begeht nämlich den Fehler vieler SF-Geschichten, er gibt eine Jahreszahl an in der er spielt. Spätestens wenn das Jahr erreicht ist und die Veränderungen so nicht eingetreten oder längst überholt sind wirkt das lächerlich. Bei Code 46 steht auf der Hülle 2063. Doch von Anfang sehen wir die Protagonisten mit Verkehrsmitteln wie Autos oder U-Bahnen fahren die nicht nur so aussehen wie heute, sondern zumindest im zweiten Fall genauso laut sind wie heute. Ich nehme schon an, dass in 50 Jahren U-Bahn-Züge leiser werden dürften.
OK, ich sage mir es ist ein B-Movie, ich weiß zu dem Zeitpunkt noch gar nicht, das er aus England ist (dann wäre ich darauf vorbereitet). Ich versuche mich auf die Geschichte einzulassen.
Sie ähnelt ein wenig der von Minority Report. Ein Ermittler kann mit Hilfe von einem Virus Gedanken lesen. Diese Gabe kommt aber nicht so pathetisch und übermenschlich wie bei Minority Report daher, dort konnte die Zukunft vorhergesagt werden. Bei Code 46 ist Tim Robbins halb souveräner Beauftragter eines Überwachungssystems, halb abgehalfteter Trickbetrüger. Wenn er etwa versucht Krankenhauspersonal zu überlisten und ähnlich wie manch Jedi Ritter an immunisierte Gegenüber trifft, haben diese Szenen etwas Lächerliches das diesen Zug der Übermenschlichkeit virtuos bloßstellt.
In großen Teilen erinnert Code 46 an Lost in Translation. Samantha Morton, die eine Fluchthelferin spielt die Einreisewilligen falsche Papiere druckt, und Tim Robbins, irren durch ein Shanghai ohne Fahrräder, zum Teil entmenschlichte Stadtlandschaften wie bei Gattaca oder Flughäfen wie bei Fight Club.
Die entworfene Gesellschaft ist gespalten, diejenigen die es sich politisch, genetisch und finanziell leisten können, dürfen in den Metropolen leben, im Gegensatz zum unwirtlichen Wüstenland draußen, und genießen "Schutz". Schutz bedeutet hier eine Mischung aus Ausweispapieren und Versicherungspolicen. Wer den Schutz verliert, wegen Verbannung, Geldmangel oder schlicht weil er ihn nicht offiziell verlängert, darf nicht mal ein Zimmer mieten und schon gar nicht ein Flugzeug besteigen wie William Geld, so heißt der Versicherungsermittler wohl, sogar am eigenen Leib erfahren muss. Die Biometrie sorgt dafür, dass dies nicht unentdeckt bleibt.
Es sind diese Momente der Ohnmacht gegenüber einer unmenschlichen Bürokratie samt überall Ohren und Augen habenden Beamten in denen der Film am stärksten wirkt. Die Liebesgeschichte die sich parallel zur Kriminalgeschichte entfaltet ist dezent Herz zerreißend. Nicht nur ist William Geld verheiratet und hat ein Kind, er darf nach den Regeln der staatlich verordneten genetischen Sauberkeit und Kompatibilität nicht mit Maria zusammenkommen. Sie tun es natürlich doch. Die Geschichte nimmt beinahe epische Ausmaße an von da an, weil wir natürlich unbedingt wissen wollen wie die beiden und die zutiefst repressive Gesellschaft damit umgehen. Marias Gedächtnis wird gelöscht und wir fragen uns ob sie sich noch einmal in den Ermittler verliebt der für sie Verbannung bedeuten kann.
Dieser Film lässt sich als subtiler Liebesfilm anschauen, als Parabel auf die Entfremdung in unserer Gesellschaft, als Anklage gegen den aufkommenden allgegenwärtigen Überwachungsstaat und als stilvolle Dystopie. Wer nicht Action-Stunts und auch nicht vollkommene Kulissen wie bei Blade Runner erwartet und wer sich auf eine leise Geschichte voller Menschlichkeit einlassen kann, wird Code 46 mehrmals sehen wollen. Durch die Verquickung dieser Genres und den Verzicht auf überbordende Austattung gelingt es Winterbottom in Code 46 noch mehr als bei Blade Runner und Gattaca einen Humanismus hoch zu halten, der sich jenseits von Perfektion, ausgeklügelten Sets und glatten Oberflächen entfaltet.
Eine Sache stört mich aber auch im Nachhinein, dass in 50, 60 Jahren die Menschen "die größten Hits der 70er, 80er und von Heute" in Karaoke Bars nachsingen. Das hätte nicht sein müssen und übertönt im Gedächtnis die restliche wundervoll zarte Filmmusik die offensichtlich für diesen Film entstand.
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meint: Rene Schmidt am 01.10.05Hi Mo,
das mit den lauten U-Bahnen in 50 Jahren halte ich fuer SEHR realistisch. Als alter Hamburger weiss man gar nicht, was man an den (neuen) U-Bahn-Zuegen hat - solange man nicht in London mit der Tube gefahren ist. Da fuehlt man sich glatt 30 Jahre in der Vergangenheit, so laut ist die. Man versteht sein eigenes Wort fast nicht. In Bangkok ist es uebrigens aehnlich - die Macher dort haben die Tube als Vorbild genommen. Man kann es direkt am Laermpegel merken... Und die Zuege dort sind grad mal ein Jahr im Einsatz. Das nur mal so am Rande :)
meint: 020200 am 01.10.05@rene:
uhm, der name des autors befindet sich immer am anfang des artikles...
meint: mrcs am 04.10.05danke für den tip. den film hätte ich glatt übersehen und das wäre im nachhinein sehr schade gewesen. war in der kleinen klitschvideothek hier natürlich mal wieder komplett falsch eingeordnet, aber naja. wenigstens war er zu haben.
und humor ist ja auch ein wenig drin, z. b. daß mick jones von the clash sich selbst spielt. wikipedia sagt, der ist jahrgang 1955. also wohl auch nachgezüchtet.
meint: Monotonist am 04.10.05Was für ein schöner und verstörender Film.
Es ist eine überwiegend ruhig erzählte Geschichte, in Bildern, die haften bleiben. Was mich bei den Diskussionen um den Film allerdings wundert ist, dass das Klonen (und die daraus entstehende gesellschaftlich/ethische Problematik) als Hauptthema angesehen wird, in dem Film sicherlich auch so gedacht, nur war das gezielte löschen von Erinnerungen für mich viel bedrückender, wird in der Zeit aber scheints als normal hingenommen. Und irgendwie wohl auch schon heute.
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