Was ist Digitale Kultur?

Rubrik » Netzkultur Spielerei

digitale_kultur_1.jpgDie Demoszene an sich lässt sich grob als künstlerische Auseinandersetzung mit Computern beschreiben. Was in den 80er Jahren noch sehr amateurhaft aussah, ist heute zu einer ernsthaften, wenn auch wenig bekannten Kunstform gereift. Die Demoszener von heute verteilen keine illegalen Raubkopien von Spielen. Auch verstecken sie sich nicht mehr hinter anonymen Postlagerkarten. Im Gegenteil: Sie möchten ihre digital erstellten Clips einem möglichst breitem Publikum vorstellen. Der Verein "Digitale Kultur e.V.", deren Mitglieder sich fast ausnahmslos aus aktiven digitalen Künstlern rekrutiert, möchte dies aktiv unterstützen. Wir haben mit dem Vorsitzenden, Stefan "Poti" Keßeler über die Hintergründe gesprochen.

Text: Lars "Ghandy" Sobiraj

Was muss sich ein Aussenstehender unter dem Verein "Digitale Kultur e.V." vorstellen?

Der Verein verfolgt den Zweck digitale Kunst zu fördern und breiteren Bevölkerungsschichten vorzustellen. Dabei geht es jedoch um eine speziellere Form der digitalen Kunst: der Demoszene, die sich seit dem Aufkommen der ersten Heimcomputer mit dem Thema beschäftigt. Dabei sind fast alle Mitglieder des Vereins aktive Demoszener.

poti_digitale_kultur.jpgWie ist es zur Gründung dieses Vereins gekommen?

Die Gründungsmitglieder rekrutierten sich fast ausschliesslich aus dem engeren Organisationskreis der Evoke, einer Demoparty die wir seit acht Jahren in Köln und früher in Aachen organisieren. Für uns war die Gründung des Vereins eine logische Entwicklung, wenn man - bei stetig steigenden Besucherzahlen der Party - an die daraus resultierenden organisatorischen Konsequenzen denkt. Mithin ist aber auch der positive Imageeffekt, den man als eingetragener Verein hat, ein Faktor.

Ihr habt auf Messen und Veranstaltungen, wie z.B. der CeBIT 2004, Lanparties, oder der "You 03" den Besuchern die Demoszene vorgestellt. Wie sind die Reaktionen ausgefallen?

Deutlich unterschiedlich, wenn man auch an die unterschiedlichen Zielgruppen dieser Veranstaltungen denkt. Eher mässig war die Resonanz auf der Jugendmesse YOU in Berlin, was aber wohl auch an der Komplexität des Themas liegt. Die Resonanz des Publikums auf der Cebit oder der Lanparty war aber durchaus gut. Hier waren die Besucher offener.

digitale_kultur_2.jpgIst es nicht schwierig, dem durchschnittlichen Computerbenutzer so etwas Abstraktes wie die Demoszene näher zu bringen?

Unsere Auftritte hatten eher die Zielsetzung, den Besucher aufzuzeigen selber kreativ mit dem Rechner zu werden. Dabei stellen wir die Demoszene als ein Angebot vor, welches man ja zunächst auch nur passiv geniessen kann. Zum Beispiel in dem man sich die Kreationen der Demoszene herunterläd und anschaut.

Wie kann man einen chronischen Gamer dazu motivieren, sich von heute auf morgen kreativ mit dem Medium Computer auseinander zu setzen?

Uns ist es zunächst wichtig computerbegeisterte Jugendliche auf die Demoszene hinzuweisen. Anders als zu Beginn der Demoszene in den 1980er Jahren kommt man ja heute nicht mehr automatisch mit den Kreationen der Demoszene in Berührung. Damals haben sie sich ja als Cracker mit kleinen Intros vor den Spielen verewigt, deren Kopierschutz sie entfernten.

Was fasziniert dich persönlich so sehr an dieser Freizeitbeschäftigung?

Neben der Ästhetik der Demoszene ist der entscheidende Faktor wohl die Möglichkeit etwas wie die Evoke auf die Beine zu stellen.
Die Demoszene hat die fast einzigartige Fähigkeit Menschen mit Ihren unterschiedlichen Begabungen eine Heimat zu bieten. Daneben ist es wohl der Wettbewerbsgedanke innerhalb der Szene, der jeden immer wieder antreibt.

tobi_digitale_kultur_2.jpgWir leben in einer Welt, in der man gegen Bezahlung von der Industrie unterhalten, aufgeheitert, zugeflimmert, verstrahlt wird. Welche Ideen hat euer Verein, diese häufig angetoffene Grundeinstellung der Couch Potatoes zu ändern?

Ich weiss gar nicht ob wir das machen müssen. Wir zeigen ja höchstens eine Möglichkeit auf, für den Fall dass einem die Unterhaltung, das Geflimmer, die Strahlen zu viel werden.
Letztlich muss man natürlich sehen, dass die Demoszene einer Entdeckergeneration entstammt. Ein C64 bietet ja deutlich mehr Möglichkeiten etwas kreatives zu machen als eine heutige Spielekonsole. Was man ja schon alleine daran sieht, dass die Erklärung einer Programmiersprache beim C64 noch zum Umfang des Handbuches gehörte, bei einer modernen Konsole das Selberprogrammieren von Seiten der Hersteller unerwünscht ist.

Im November letzten Jahres war erstmals in der Geschichte der Demoszene ein Introwettbewerb Teil eines Filmfestivals. Hatte der Verein dabei seine Finger im Spiel?

Das Bitfilm-Festival ist wohl das erste Filmfestival in Deutschland, das auch Demos prämiert hat. Für uns ist dies natürlich sehr erfreulich, auch um etwas aus der Untergrund-Nische herauszukommen. Weiterhin ist für uns positiv, dass die Impulse zur Zusammenarbeit von Seiten der demo-begeisterten Organisatoren des Festivals ausgegangen sind. Wir konnten dann mit Kontakten in die Demoszene helfen. Leider konnte ich selber auf dem Bitfilm-Festival nicht dabei sein. Unser Pressesprecher Ekkehard Brügemann - der dort zur Beginn der Vorführung die Einleitung zur Demoszene moderiert hat - erzählte jedoch von einer sehr positiven Resonanz auf diese Demo-Kategorie.

digitale_kultur_3.jpgWie seht ihr die Zukunft der Demoszene im Idealfall? Gibt es in fünf Jahren in Hollywood die erste Oscarverleihung oder einen Golden Globe für eine Demo?

Die Demoszene ist ja meist weniger glamurös, mehr bodenständig. Ich sehe da also wenig Anknüpfungspunkte zum Oscar oder zum Golden Globe. Ansonsten mag ich das Orakeln gerne anderen überlassen. Viele Szener würden wohl den Tot der Demoszene voraussagen, wobei man das schon seit 15 Jahren hört. Etwas problematisch ist es halt tatsächlich mit dem Nachwuchs. Interessanter finde ich jedoch die Frage wohin sich die Ästhetik der Demoszene entwickelt und wie sie in Zukunft mit narrativen Elementen umgeht.

Früher haftete der Computerszene etwas geheimes, anrüchiges an. Macht es Sinn, eine solche Untergrundbewegung von Eingeweihten einem breiten Publikum vorzustellen?

Was wir meist vorstellen sind die Produktionen der Demoszene. Und diese Demos und Intros werden ja gerade erstellt um von möglichst vielen Leuten gesehen zu werden.
Die Demopartys hingegen versuchen wir schon etwas "abzuschirmen". Wir haben natürlich nichts gegen Presseberichte im Nachhinein, alleine auch schon in Bezug auf unsere Sponsoren. Was wir aber tunlichst zu verhindern versuchen sind Hinweise im Vorhinein, damit Demopartys nicht zu Familienausflugszielen verkommen. Wobei ich jedoch gerne betonen möchte, dass wir natürlich nichts gegen interessierte Besucher haben.

War die eher leihenhafte Präsentation, wie der DemoDienstag in NBC Giga eher hilfreich oder schädlich für die Vereinszwecke?

Soweit ich mich erinnere war der Verein zu dem Zeitpunkt noch gar nicht gegründet. Aber ich würde das im Nachhinein doch eher positiv werten: letztlich ist die Präsentation bei den Zuschauern positiv aufgenommen worden. Das hat uns gezeigt, dass das Thema "Demoszene" durchaus für diese Zielgruppe interessant ist und das es sich lohnt in die Öffentlichkeit zu gehen.

Poti, vielen Dank für das Gespräch!

Text bereits erschienen in De-Bug 92.

Links

Website: www.digitalekultur.org/de/

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