Was ist das tolle an Open Source Software?

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linux_pinguin.jpgJeder liest oder hört von Linux, Open Source und GNU. Wer aber nicht gerade IT-Entscheider, Informatik-Student oder Softwareentwickler ist, verbindet mit diesen Begriffen höchstens wage Vermutungen. Was also bedeuten diese Begriffe für den Durchschnitts-Anwender? Rene Schmidt klärt uns auf und stellt uns die verschiedenen Ansätze und Ideen vor.

GNU

Die Geschichte von GNU beginnt 1983. Richard Stallman, der Initiator der "GNU is not Unix"-Organisation hat das Ziel, ein neues Unix-lev.gifBetriebssystem zu schaffen und es frei zugänglich zu machen. Während der Kern dieses Systems, HURD genannt, bis heute noch nicht fertig ist, war das "Drumherum" bereits 1990 benutzbar. Es fehlte nur noch der Kern des Systems.

Linux

1991 startete der Informatik-Student Linus Torvalds ein kleines Betriebssystem-Projekt, welches er später öffentlich zugänglich machte. Er bediente sich der GNU-Programme, um seinem Projekt Leben einzuhauchen, denn Linux ist genau genommen nur der Kern des Betriebssystems. Politisch korrekte Naturen sprechen daher von GNU/Linux, wenn es um Linux-basierte Betriebsysteme geht.

Open Source

Beide Projekte waren nicht die ersten Open-Source-Projekte, gehören aber in der Szene neben einigen anderen zu den größten. "Open Source" bedeutet nur, dass der Quellcode, aus dem dann lauffähige Programme erzeugt werden, für jeden einsehbar ist. Das ist - entgegen landläufiger Meinung - nicht der wesentliche Unterschied zu Software von Microsoft beispielsweise. Programme dieses Herstellers sind zwar linus_torvalds.jpgteilweise Open Source (dort "Shared Source" genannt) und kostenlos (Internet Explorer, Outlook Express), allerdings sind sie nicht frei (Freiheit). Die meisten Microsoft-Programme sind "Closed Source", der Quellcode ist also in der Regel nicht verfügbar.

GPL & Co.

Der bedeutende Unterschied von GNU und Linux zu Closed-Source-Software ist die freie Verfügbarkeit des Quellcodes. Der Quellcode von freier Software ist immer erhältlich, entweder aus Prinzip oder auf Anfrage. Es ist sogar erlaubt, die Software kopieren, zu verändern und sogar verändert weiter zu vertreiben - auch gegen Geld. Diese Freiheiten werden von der GNU Public Licence - oder kurz: GPL - garantiert. Allerdings gibt es wie so oft im Leben einen Haken: wird GPL-lizensierte Software verändert weitergegeben, müssen auch die Änderungen GPL-lizensiert sein, genauer: der Quellcode dieser Veränderungen muss verfügbar sein. Diese Einschränkung hat dazu geführt, dass es mittlerweile einige noch liberalere Lizenzen gibt, die sogar die Verwendung von freier Software in Closed-Source-Entwicklungen erlauben.

Mythen

"Mit Open Source-Software (OSS) darf ich machen, was ich will!" Falsch. OSS ist nicht automatisch frei (im Sinne von Freiheit). Frei ist eine Software nur dann, wenn sie unter einer anerkannt freien Lizenz veröffentlicht wurde. OSS kann durchaus sehr restriktiv lizensiert sein, siehe "Shared-Source" von Microsoft.

"Open Source-Software ist immer gratis!"
Das stimmt so nicht. Die GPL verlangt nicht, dass GPL-Software kostenlos sein muss oder der Quellcode kostenlos zur Verfügung gestellt werden muss. Richtig ist, dass sie meistens sehr kostengünstig bezogen werden kann.

"OSS spart immer Geld!"
Das ist oft ein Trugschluss. Freie OSS (FOSS) ist zwar in der Regel kostengünstig zu beziehen und nicht mit Lizenzkosten verbunden. Die Entwicklung kostet Geld - die Programmierer verdienen immer häufiger ihren Lebensunterhalt mit FOSS, auch wenn es viele Freizeit-Hacker gibt. Vor allem aber kostet der Betrieb von Software - das gilt für CSS und FOSS gleichermaßen - meist mehr Geld als für den Bezug der Software aufgewendet werden muss. Nicht zu unterschätzen sind auch Schulungskosten.

"OSS vernichtet Arbeitsplätze!"
Das wird oft von Closed-Source-Software-Anhängern (CSS) behauptet. Fakt ist jedoch, dass viele der kleinen und mittelständischen Softwarehersteller in Europa FOSS herstellen oder ihren Kunden im Rahmen von anderen Dienstleistungen anbieten. Im Gegenteil ist FOSS ein Motor für die Entwicklung neuer Software-Industrien überall auf der Welt, insbesondere in Asiens und Süd-Amerikas Entwicklungs- bzw. Schwellenländern. Das Gegenteil also gilt: Arbeitsplätze werden durch FOSS geschaffen.

"FOSS ist aus Prinzip sicher!"
Das ist natürlich Unsinn, jeder Mensch macht Fehler. Auch in FOSS gibt es reichlich Fehler und Sicherheitslöcher, so wie in allen komplexen Programmen. Allerdings steht der Quellcode von FOSS quasi unter ständiger "Beobachtung" von Entwicklern und Interessierten, so dass Fehler theoretisch von jedem Entdeckt und behoben werden könnten. Aktive FOSS-Projekte werden ständig weiter entwickelt und verbessert. Bei CSS ist man als Kunde von der Kosten-Nutzen-Rechnung des Herstellers und von seinem Wohlwollen angewiesen.

"FOSS-Programmierer kümmern sich nicht um Geistiges Eigentum (IP)!"
Total falsch. FOSS-Programmierer achten in der Regel sogar sehr sorgfältig darauf, dass 1. kein Programmcode unerlaubt in FOSS gelangt und 2. dass niemand die GPL-Lizenz (o.ä.) verletzt. Gerade Lizenzverstöße gegen die GPL sind in letzter Zeit häufiger aufgetreten als vorher. Erstaunlicherweise sind nach einiger Zeit der Verhandlung die meisten Unternehmen bereit, sich der GPL zu unterwerfen und spenden den betroffenen Projekten sogar Geld. Leider haben diese Unternehmen in der FOSS-Szene nach einem solchen Vorfall mit einem ernormen Vertrauens- und Ansehensverlust zu kämpfen. Schließlich haben sie versucht, auf egoistische Weise von der Arbeit anderer zu profitieren, ohne es kenntlich zu machen oder zur Verbesserung dessen bei zu tragen.

Was bedeutet das alles nun für den durchschnittlichen Normalanwender?

Die sozialpolitische Bedeutung

Ein zentrales Ziel aller Organisationen, die sich mit FOSS befassen, ist die freie Verfügbarkeit von Software. "Warum ist das so wichtig, es gibt doch genug Freeware" mögen einige jetzt entgegnen. Nun, das ist richtig. Freeware ist kostenlos. Allerdings ist sie nicht frei. Hersteller von Freeware können sich das Recht vorbehalten, die Nutzung oder das Kopieren einer Software zu untersagen. Stelle Dir dann vor, es gäbe außer Microsoft, die ca. 100 EUR für Windows haben möchten, keinen anderen Betriebssystemhersteller. Stelle Dir weiter vor, Du hättest aus finanziellen Gründen nur einen alten, 6 Jahre alten PC, auf dem das neueste Windows nicht läuft. Du hast nur DOS mit alter Software. Weit hergeholt meinst Du? Die meisten Menschen auf der Welt haben pro Jahr weniger Mittel zur Verfügung, als ein Mitteleuropäer im Monat für seine Arbeit bekommt. Ein aktueller Computer mit Windows oder gar MS-Office ist für die meisten Menschen auf legalem Wege unerreichbar.

Wie erhalten finanziell schlecht gestellte Menschen Zugang zur Informationsgesellschaft und zur neuen Kulturtechnik Computer? Die Antwort lautet nicht Windows, Freeware oder "Raubkopieren", sondern "Freie Software". Nur durch sie ist es möglich, vielen Menschen den Zugang zur Informationsgesellschaft zu öffnen und soziale Barrieren aus dem Weg zu räumen.

Die wirtschaftliche Bedeutung

Es gibt recht viele wirtschaftlich relevante Aspekte bei FOSS. Beispielhaft sei hier genannt, dass das Rad nicht ständig neu erfunden werden muss, wenn es um Softwareentwicklung geht. Wer FOSS nutzt kann seinen Wettbewerbern durchaus im Vorteil sein, wenn FOSS in eigenen Produkten verwendet wird.

Unternehmen, die FOSS herstellen, besitzen in der Regel ein völlig anderes Geschäftsmodell als die meisten anderen in der Branche. Für viele Menschen ist es schwer vorstellbar, dass ein Programmierer oder ein Unternehmen Software herstellt und sie dann "einfach so" weiter gibt. Meistens hat man dann Microsoft im Kopf, die beispielsweise 100 Mio Dollar für die Entwicklung einer neuen Windows-Version ausgeben und Windows dann vielleicht 30 Mio mal zu 100 EUR stallmann.jpgverkaufen. Wer sich das kurz (anhand dieser fiktiven Zahlen) ausrechnet ahnt, wie Microsofts Milliarden zustande kommen. Nein, Software ist ein Wissensgut und kein Produkt an sich.

Richard Stallman vergleicht Software mit Kochrezepten: jemand kocht etwas, schreibt das Rezept auf, gibt es natürlich an Freunde weiter. Die wiederum verbessern das Rezept und geben es wieder weiter. Was macht die CSS-Industrie dagegen? Sie verbietet es, das Rezept zu verändern und bringt Leute hinter Gitter, die es doch tun und das Rezept ihren Freunden weitergeben. Wer zufällig etwas ähnliches kocht und aufschreibt, wird verklagt. Analogien hinken meistens, aber der Unterschied wird deutlich.

Vor allem die letzten Überlegungen führen zu noch weiter gehenden, polarisierenden, mehr oder weniger vernünftigen philosophischen und sozialromantischen Ideen. Wer diese Ideen selbst entdecken möchte, dem seien folgende Sprungbretter ins WWW ans Herz gelegt (siehe unten).

Dieser Artikel wurde von Rene Schmidt für Phlow geschrieben. Mehr über Rene erfahrt Ihr auf seiner Webpage.

Quellen:

[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Open_Source [2] http://www.germany.fsfeurope.org/documents/whyweexist.de.html [3] http://de.wikipedia.org/wiki/GNU [4] http://www.ifross.de/ (Informationen zu OSS-Lizenzen) [5] http://creativecommons.org/ (Lizenzen für Medieninhalte) [6] http://slashdot.org/books/02/03/20/0258238.shtml?tid=117 [7] http://www.gnu.de/gpl-ger.html

Weitere Quellen:

Auf den Webseiten des Buchverlages O'Reilly gibt es eine kostenlose Online-Version des Buches "Open Source - kurz & gut".


This work is licensed under a Creative Commons License.

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Kommentare

Yepp! OSS wird groß, ich gehöre zu den Umsteigern der letzten Viren-Wochen und bin total von den Socken, was man mit Linux als OS machen kann. Ich selber fahre noch Dual-Boot Windows 2000 und Fedora Linux, aber ich bin von dieser Linux-Distribution völlig von den Socken, wie schön sie ist, was sie an Software mit hat, wie Updates und Upgrades gehandlet werden.

Linux: ganz große Klasse. Ohne der Virenflut wäre ich nie darauf gekommen

meint: Noname am 19.03.04

@noname: Finde ich gut, dass Du den Schritt in die Freiheit wagst ;) Bedenke aber, dass Du auch auf Linux Dein System sauber halten musst. Bei FOSS gibt es nicht nur Freiheit, sondern auch Pflicht. Bei Windows kann man sich ja ein automatisches Update einrichten. Meiner Meinung nach gibt man da die Verantwortung an Microsoft ab. Und nach der Virenflut und der Sicherheitspolitik von Microsoft: wer traut diesem Unternehmen noch?

Früher oder später werden auch Linux, FreeBSD, MacOS usw. ein interessantes Ziel für Viren und Würmer werden.

meint: Rene Schmidt am 19.03.04

@Rene: Früher oder später werden auch Linux, FreeBSD, MacOS usw. ein interessantes Ziel für Viren und Würmer werden.

Früher oder später ist gut: Wie du selbst schreibst, sind Unixe ja seit einigen Jahrzehnten bekannt.

Viren/Würmer dürften weniger ein Problem werden, weil die eingebauten Sicherheitsmerkmale (Rechteverwaltung etc.) bei *nixen im allgemeinen auch genutzt werden, und nicht, wie bei MS, der Bequemlichkeit geopfert werden. Sicherheitslücken unter *nix sehen meist anders aus als die Virenprobleme von Outlook.

meint: fbar am 20.03.04

@fbar: das ist richtig, ändert aber nichts an der Tatsache, dass, wenn Unix-ähnliche Systeme wie Linux und MacOS X weiterhin ihren Weg auf den Desktop machen, auch öfter Ziel krimineller Individuen sein werden. Welche Absichten solche Leute auch immer haben.

Wenn allerdings mehr Unternehmen wie Lindows den Benutzer als root arbeiten lassen, weil das ja bequemer ist, sehe ich nicht so gelassen in die Zukunft. Ich denke und HOFFE aber, dass das die Ausnahme bleiben wird. Bei Debian kann ich mir sowas z.B. beim besten Willen nicht vorstellen ;)

meint: Rene Schmidt am 20.03.04

Klasse Artikel ;)
Aber vielleicht wäre es noch praktisch, die Begriffe, die später im Text nur noch abgekürzt verwendet werden, fett o.ä. hervorzuheben ;)
So tut man sich dann leichter mit dem Nachguggen, was denn nun z.B. FOSS wieder heißt.

cu, w0lf.

meint: fwolf am 21.03.04

Ja, wirklich klasse Artikel! Danke dafür! Und als (besserwisserischer) Tipp, was die Abkürzungen betrifft: Ich finde das ABBR-Tag sehr praktisch:
http://www.w3.org/TR/html401/struct/text.html#edef-ABBR

Natürlich wird dieser HTML4.01-Standard-Tag nicht vom MSIE unterstützt, tut ihm aber auch nicht weh. (-;

meint: Lucomo am 25.03.04

Sehr schöner Artikel! Vielen Dank!

meint: MB am 25.03.04

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