Tschö! Privatsphäre, das war einmal...

Rubrik » Netzkultur Spielerei

think-before-you-post.jpgGedanken zur Privatsphäre in Zeiten der Informationsgesellschaft | Früher, war alles besser! Da gab es noch Privatsphäre! Da wurde höchstens über den Schrebergartenzaun geschielt. Heute aber filmen uns allernorts Überwachungskameras. Und überall, ob auf der Parties oder im öffentlichen Raum knipsen wildfremde Menschen alles und jeden und laden es anschließend für die Welt ins Netz zum gucken hoch. Geht einfach und kostet nix. Schadet aber!

Text: Moritz »mo.« Sauer

Ich bin ja kein Fan von Schwarz/Weiss-Nachrichten. Auch mag ich es nicht, wenn ich mich selbst bei so einer Idee ertappe, deren Tenor unterschwellig lautet: "Damals-war-alles-besser." Das klingt dann so unglaublich oldskool und macht einen selbst so alt. Trotzdem stelle ich mir zunehmend die Frage nach der eigenen bzw. unser aller Privatsphäre und deren immer kleiner werdenden Räume. Diese Privatsphäre war damals schöner, weil geschützter.

Aber als Mensch mit einem Hang zur Technik, der durch seine Neugierde und seinen inneren Spieltrieb angetrieben wird, muss ich ehrlich konstatieren: Entwicklungen in der Technik lassen sich in der Regel nicht mehr zurückdrehen. Spätestens ein paar Monate oder Jahre später hätte ein anderer Techniker, Wissenschaftler oder Forscher diese Entwicklung auf den Weg gebracht. Losgelassene Entwicklungen bekommen meist von alleine Beine und wenn Menschen sich für die jeweilige Technik interessieren, so lernen diese neuen Möglichkeiten ganz schnell laufen und verbreiten sich rasend.

Technik und Gesellschaft

Wie Technik unsere Gesellschaft verändert, das sie neue Maßstäbe setzt, sehen wir in erster Linie am Medium Internet. Das Internet schluckt immer mehr die Kommunikation zwischen den Menschen und katapultiert Informationen wie Bilder, Videos und Texte in Sekundenbruchteilen durch die Gegend. Einmal ins Web losgelassene Informationen lassen sich niemals mehr löschen - davon sollte man ausgehen.

Nicht nur die Musik- und Filmindustrie erschüttert die digitale Distributionsplattform Internet. Zunehmend realisieren einzelne Menschen und kleine Gruppen, dass das Web besser, stärker und schrecklicher als jede Big Brother-Überwachung sein kann. Neue Algorithmen wie die Gesichtsanalyse und Gesichtsvermessung ermöglichen das Durchsuchen von Bildern. Einen ersten Geschmack bieten Video-Portale wie YouTube. Die Startbilder zieren nicht per Zufall meist menschliche Gesichter. Programmierte Formeln analysieren jeden Clip und suchen anhand dieser ein geeignetes Startbild. Spielerische Anwendung und Beweis für solche Algorithmen ist unter anderem das Mash-Up retrievr. Während man mit der Maus einfach in ein Feld malt, durchsucht das Programm anhand der farbigen Formen und Striche die Foto-Community flickr und zeigt anschließend verwandte Bilder an.

Die gleiche Methode lässt sich gezielter auf eine Datenbank voller Fotos anwenden. Verfügt man über ein individuell vermessenes Foto, können diese Vektordaten mit anderen Bildern verglichen werden. Somit könnte man mit einem vermessenen Gesicht nach weiteren Fotos in einer Datenbank wie Flickr suchen. Erweitert man den Gedanken auf das gesamte Web, so könnte ein versierter Stalker mit ein paar Roboterprogrammen das gesamte Web durchforsten. Oder noch besser: Er lädt es sich einfach gleich auf seinen Rechner runter - also die jeweiligen Bilder der Foto-Commuities. Der technikversierte Stalker sichtet dann womöglich auch Bilder von Dir, selbst wenn Du sie nicht selbst ins Netz gestellt hast. Das können harmlose Partybilder sein, aber auch Aufnahmen von Webcams. Wer sie achtlos ins Netz gestellt hat? Deine Freunde und Verwandten natürlich!

Liest man dann die Prognosen von Internet-Experten, läuft einem ein kalter Schauder über den Rücken. Denn in Zukunft soll das Web hauptsächlich durch den Upload von Videos und Fotos weiter anwachsen. Immer technisch umfangreiche Mobilfunk-Kameras samt einfach zu bedienender Web 2.0-Applikation erleichtern diesen zunehmenden Trend. Und je höher die Auflösung der Kamera, desto genauer die Vermessung. Denn eine bessere Kamera verschärft nicht nur die Bilder, sondern auch die Suchergebnisse.

Digitale Stigmata halten besser!

Wie schnell sich Videos und Bilder selbstständig machen, spüren auch immer mehr Jugendliche am eigenen Leib, die naiv mit dem Medium umgehen. So erzählte mir vor einer Woche noch eine aufgebrachte Mutter, dass Freunde ihres Sohnes eine explizite Webcam-Aufnahme eines Cliquen-Mitgliedes und eines Mädchen per Email an Schulkameraden verschickt hatten. Mittlerweile überrollt eine Klagewelle der Eltern des Mädchens die Jungs. Das diese mit 14 nicht mal eben das Dorf wechseln können, liegt auf der Hand. So entwickelt sich ein dummer Jungenscherz zu einem Mahnmal und digitalen Stigma, dass jedem einzelnen der Geschichte ein lebenlang am Stecken kleben bleibt.

Denn das Internet vergisst nicht und sicherlich stapelt ein Pädophiler den neuen Videoclip bereits auf seiner Festplatte und verkauft ihn demnächst dann noch auf Second Life. OK, das war jetzt ein bisschen viel schwarzweiss, aber wer weiß? Also ich laufe jetzt nur noch mit Kaputze und Sonnenbrille wie ein Stadt-Guerilla herum. Ist zum Glück derzeit sowieso der Trend. Ansonsten: "Goodbye Privacy"!

Info: mo.s Web 2.0-Kolumnen erscheinen jeden Samstag exklusiv auf intro.de, dem Portal für Popkultur und so und können dort eine Woche im voraus gelesen werden.

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Kommentare

Hier lautet doch eigentlich die Frage: Welche neuen Strategien kann man als Mensch entwickeln, um mit dem Phänomen umzugehen. Ich denke, hier muss mehr Verantwortung her und vielleicht muss man Jugendlichen einfach viel mehr helfen mit den Medien - hier vor allem das internet - umgehen zu lernen. Das wäre wirklich angebracht.

meint: chris am 20.06.07

chris, deine lösung ist zwar gutgemeint, allerdings nicht sehr realistisch. jugendliche lassen sich medientechnisch einfach nicht vorsagen.

überwachungssysteme lassen sich vorzüglich spammen. ich denke hier liegt die lösung. einfach wackelnde bin-laden pappmänchen überall verteilen, flickr mit unsinn (z.b. montagen) zuspammen, 10 minute-mail dienste nutzen, unsinnige profilangaben in web 2.0 plattformen eintragen, fake-profile, trollen, ect.

hier gibt es sooooooo viel kapputzumachen und zu stören, eine ware spielwiese für wahnsinnig unterhaltsammen aktionismus. web2.0 ist auch randale2.0. finde ich sehr spannend - und die jugend mit sicherheit auch.

meint: fabien am 21.06.07

bitte lächeln sie, denn sie werden gefilmt; in supermärkten, banken, postfilialen, ämtern, tiefgaragen, öffentlichen plätzen(dient natürlich nur der verkehrsüberwachung ;] ) vor hauseingängen, baumärkten, bahnhöfen, in bus und bahnen....- so ungefähr fing mal ein flyer an, den ich vor über 10(!) jahren mal in der stadt in die hand gedrückt bekam! sehr gut gefällt mir auch der schrei aus der politik nach noch mehr überwachung, obwohl jeder weiss, dass sich fanatiker durch solche aktionen eh nicht aufhalten lassen sondern ganz im gegenteil sich dafür bedanken -> 9/11

meint: Simon am 23.06.07

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