Sprich durch dein Radio! Tactical Media mit dem 'Critical Art Ensemble'

Rubrik » Netzkultur Spielerei

CAEtape.jpgRadiospots, Anti-Monumentale Websiten, DIY - Straßenbeschilderungen, Broadcast-Fahrräder und Überlebenskits für pubertierende Jungs (xxx-rated content + gameboy hacks inside) sind eine Auswahl an Projekten von dem Critical Art Ensemble. Dem fünfköpfigen Künstlerkollektiv geht es in ihrer Tactical-Media(TM) Reihe um Entzauberg des Mythos Technik. Eine Aufklärung im echten Sinne des Wortes und - ähm ja - eine riesen Portion Spaß. "Du Schatz, wollen wir heute mal eine politische Aussage in den Fahrstuhl taggen?"

Text: Martin Wisniowski

In einem frühen Projekt riefen sie "Useless Technology" aus. Als Zeitungsbeilage getarnt haben sie merkwürdig geformte Bild-Text-Collagen entwickelt, die den Leseerwartungen des Zeitungslesers nahe kommen. Von einem erhöhtem Luxusfaktor war dort die Rede bei automatischen Raketenverteidigungssprengköpfen.

"Technology so pure that its only function is to exist."

Oder die unglaubliche Errungenschaft des praktischen Werkzeugs "automatischer Nasenhaartrimmer", der so sicher ist, dass Verletzungen ausgeschlossen werden können.
"Many items previously thought to be Apocaliptic and Utopian. Now totally Useless."

Diese seltsamen Anzeigen wurden wirklich in der Sonntagbeilage einer Zeitung geschaltet. Onkel Alfons und Tante Hilde lasen und verstanden wahrscheinlich nix. Aber schauen wir mal genau hin: Erinnert ihr euch noch, wofür Massenmedien mal da waren? Genau, als Informationsarena. Als Mitteilungskanal - und eben nicht als Shit'n'Style Generator.

Warum nicht mal den Sonntag damit verbringen, einen Radiospot zu produzieren um diesen dann auch zu senden? Das hat das Critical Art Ensemble 1993/94 gemacht. In einem schönen opulenten Radioformat haben sie darauf hingewiesen, dass wir uns im Wesentlichen mal zurücklehnen können. Es gibt weder was zu sehen, noch was besondere zu hören. "Western recline" haben sie das genannt - die westliche Entspannung. Es wird Zeit, solche Radiospots neuaufzulegen: Schluss mit aufgeheizten Dummdebatten, Schluss mit aussenpolitischen Feindbildern, keine biermarkengesponsorten Auszeiten mehr. Warum nicht statt dessen beim Nachbarn klingeln und endlich mal die Tasse Mehl zurückbringen? Oder einen Artikel bei Wikipedia formulieren? Oder einen Spaziergang machen?

Digitale Tags

CAEgizmo.jpg Mein Favorit unter den Aktionen des Critical Art Ensembles sind die "Eyebeams" aus der Tactical Media Untergruppe "Tactical Gizmology(TM)". Das Wort "Gizmology" stammt vom dem Wort "Gizmo" ab und bedeutet "Ding". In einem Workshop in New York wurden diese digitalen Gizmos, die Eyebeams, zusammengebaut: digitale Kleinkunstwerke, die selber gesteckt und gelötet flugs an den Rechner gepluggt werden um Text darauf upzuloaden. Diese digitalen Textscoller lassen sich überall "hinkleben". Sei es am Bankautomaten, im Supermarkt oder im Fahrstuhl. Oder im Taxi. Das Critical Art Ensemble bemerkt dazu treffend: "Aufgrund des technischen Aussehens haben die Gizmos im Allgemeinen eine sehr hohe Akzeptanz." Ganz im Gegensatz zu ihren analogen Brüdern, den "Tags" aus aufgeklebten Stickern oder dicken schwarzen Filzstiften.

CAEloeten.jpgDas Critical Art Ensemble verfolgt mit den Tactical Gizmologies zwei Ziele: zum einen wollen sie zeigen, dass sich jeder mit Lötkolben und ein paar Euros ein feines Gadget zusammenbasteln kann. Zum anderen demonstrieren sie, dass diese Gadgets eine akzeptierte Form von Mikorinterventionen sind, mit denen man situativ seine Umwelt markieren, eben "taggen" kann. Und selbstverständlich auch, dass es verdammt viel Spaß ist, so ein Technik-Nerd-Kram zu produzieren und das dass dann obendrein noch Kunst ist! Eine Eyebeam Selbstbauanleitung gibt es als .pdf zum Download.

Neben der "Tactical Media" Reihe veröffentlicht das Critical Art Ensemble auch freie eBooks, die sich kritischer Netzkultur und Biotechnologie widmen.

Website: www.critical-art.net/

Eyebeam Bauanleitung: www.critical-art.net/tactical_media/eyebeam/instructions.pdf

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Kommentare

"sein Umwelt taggen"... LOL. Ist Comment-spamming jetzt auch was subversives? ;)

meint: Bjoern am 21.09.04

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