Personal Publishing - Die Demokratie liegt in deinen Händen

Rubrik » Netzkultur Spielerei

personal-publishing.jpgMit dem Einzug moderner elektronischer Geräte bekommt jeder von uns ein Stück Freiheit in die Hand gedrückt. Denn mit Hilfe von hochgerüsteten Mobiltelefonen und Gadgets wird jeder zum urbanen Reporter. Bilder und Videos lassen sich in windeseile und überall aufnehmen, um anschließend weiterkopiert oder im Internet veröffentlicht zu werden: Ausblick Gegenwart.

Text: mo.

Als am 3. März 1991 Rodney Glen King nach einer Verfolgungsjagd von kalifornischen Polizisten gestoppt und anschließend brutal von vier weißen Polizisten verprügelt wurde, hatte keiner der Beteiligten eine Ahnung wohin das Ereignis führen würde. Zufällig filmte an diesem Tag ein Anwohner das gewalttätige Geschehnis und veröffentlichte sein Bildmaterial. Trotzdem wurden am 29. April 1992 die Polizisten freigesprochen, was die gewalttätigen Unruhen in Los Angeles – auch als King-Riots bekannt – auslöste.

Damals war zufällig ein Mensch mit Kamera anwesend. Heute besitzen die Meisten von uns eine Kamera und führen sie stets griffbereit in ihrer Tasche mit sich herum. Doch es braucht kein Mobiltelefon mit integrierter Kamera, um andere Menschen über Fakten zu unterrichten. Schon alleine 160 Zeichen und ein Funkkontakt reichten aus, um die chinesische Regierung zu umgehen. Diese hatte bei Ausbruch der Infektionskrankheit SARS versucht, die Provinz Guangdong abzuriegeln. Per SMS informierten jedoch die Menschen aus der Region von den tragischen Ereignissen, und die Nachricht nahm trotz Informationssperre ihren Lauf.

Infrastrukturen und Netzwerke für Meinungsfreiheit

tastatur-mobil-fon.jpgEine SMS gehört zu den kleinsten Waffen in der Informationsverbreitung. Mehr Potential besitzen natürlich Bilder, Tonaufnahmen und Videosequenzen. Gekoppelt mit dem Internet verbreiten sich digitale Daten mit brisantem Material innerhalb kürzester Zeit. Aber auch ohne Internet lassen sich digitale Informationen schnell verteilen, wie Armin Medosch in „Freie Netze – Geschichte, Politik und Kultur offener WLAN-Netze“ aufzeigt. Das Buch selbst ist als freier Download unter ftp://ftp.heise.de/pub/tp/buch_11.pdf erhältlich ist.

Doch selbst WLAN braucht der Bürger nicht, um seine Meinung kund zu tun. Schnittstellen wie Infrarot und Bluetooth ermöglichen das Übermitteln direkt von Funke zu Funke, von Mensch zu Mensch. Bilder-, Musik- und Videotausch sind darum heute ein alltägliches Phänomen. Wie immer sind die Kids als early-adopters auf dem Pausenhof ganz weit vorne. Hört man aufgeklärten Lehrern zu, so ist derzeit der Tausch von Fotos von verstümmelten Unfallopfern oder Ermordeten ein krasser Trend. So schrecklich er ist, stoppen lässt er sich nicht.

Trotz dieser 1-zu-1-Kommunikation verfügt das Internet natürlich über das virulenteste Potential, da der Abruf von Informationen von Mehreren gleichzeitig möglich ist. Zu den beliebtesten Personal Publishing-Werkzeugen gehören hierbei vor allem die individuellen Weblogs (Erklärung Begriff Weblog).

Gadgets und die Zukunft der Demokratie

Um ein Weblog mit Texten, Bildern und Clips zu befeuern ist kein herrkömmlicher Rechner oder Laptop notwendig. Die so genannten MoBlogs, also die mobilen Weblogs, lassen sich auch gerne über Handhelds oder Mobiltelefone füttern. API (Erklärung Begriff API) sei Dank! Da moderne Internetsoftware heutzutage zwangsläufig über eine API verfügt, ermöglicht die Schnittstelle das Anbinden zahlreicher elektronischer Gadgets. Komfortabel sind hierbei natürlich Handhelds wie die Treo-Serie von Palm mit Mäusetastatur und zahlreichen Features, die das Surfen und Emailen erlauben. Generell reicht jedoch schon eine Funke, die einen Zugang ins Internet herstellen kann, und das können mittlerweile die meisten.

typ-mit-laptop.jpgDemokratie leben, bedeutet nicht zwangsläufig, dass man ständig seine Meinung kundtun muss. Die verbale Diarrhö zahlreicher Weblogs wirkt auf Dauer auch ermüdend. Gelebte Demokratie heißt auch, sich selbst zu informieren, Fakten abzuchecken und nicht gleich jeden Humbug den uns Politik und Industrie vor die Nase setzen zu fressen. Schon erstaunlich, dass mittlerweile selbst „Spielzeuge“ wie die Sony PSP über jeden WLAN-Spot ins Netz schlüpfen können und mal eben Wikipedia und Konsorten für einen Wissenscheck konsultieren lassen. Noch großartiger ist die Tatsache, dass Hacker das schnieke Gerät geknackt haben und nun eigene Programme über den Memory-Stick auf die PSP hochgeladen werden können. Zum eigenen Email-Programm sind es dann nur noch ein paar Schritte.

Meinungsmacher und Helfer mit Zivilcourage

Zum Schluss noch ein Beispiel aus dem realen Leben... Welches Potential Personal Publishing, elektronische Gadgets und die mediale Kraft des Webs haben, führte der Amerikaner Jacob Appelbaum eindrücklich auf dem Chaos Computer Congress Ende 2005 vor. Als Hacktivist reiste er nach den Verwüstungen von Hurricane Katrina nach New Orleans. Dort war er nicht nur über das Ausmaß der Naturkatastrophe entsetzt, sondern noch viel mehr über die Reaktionen der eigenen Regierung. Diese ließ einfach die armen und obdachlosen Menschen im Stich, verweigerte deutschen und kanadischen Hilfsorganisationen die Einreise und riegelte das Gebiet hermetisch ab.

Jacob Appelbaum berichtete während seiner Reise konstant über ein Weblog. Dort veröffentlichte er Tatsachenberichte, Fotos und beschrieb die Schikanen, die die amerikanische Regierung ihrem eigenen Volk antat. Ob mit Texten oder der Veröffentlichung von Telefonaten, die er als MP3 ins Netz hochludt, übte der Aktivist konstant Druck auf die Verantwortlichen aus und half den gebeutelten Menschen in New Orleans.

Weiterführende Artikel und Links



Begriffserklärung: Weblog

Der Begriff Weblog ist ein Kunstwort, das die beiden Wörter „Web“ und „Logbuch“ vereint. In seiner Kurzform wird ein Weblog meist auch als Blog bezeichnet. Ein Weblog ist in seiner simpelsten Form eine Website, die periodisch neue Einträge enthält. Neue Einträge werden dabei in der Regel an oberster Stelle veröffentlicht. Anschließend folgen ältere Beiträge in umgekehrter chronologischer Reihenfolge. Zu den Grundfunktionen eines Weblogs gehört vor allem eine Kommentarfunktion, die Beiträge zu Diskussionen werden lassen. Weblogs werden in der Regel von Einzelpersonen geführt. (zurück zum Text)

Begriffserklärung: API

Eine API ist eine Schnittstelle für den Austausch von Informationen. API steht hierbei für „application programming interface“ und ermöglicht die Kommunikation zwischen verschiedenen Betriebs- oder Softwaresystemen. So ist zum Beispiel eine API notwendig, um den Datenaustausch zwischen einem Mobiltelefon und einem Weblog zu ermöglichen. Dank eines festgelegten Protokolls „verstehen“ sich die beiden Anwendungen und der Benutzer kann sein Weblog per Funk aktualisieren. (zurück zum Text)

erschienen im Intro Magazin 04/2006 - Seite 86

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Kommentare

Demokratie? Sorry!

Demokratie funktioniert nach dem Mehrheitsprinzip und beinhaltet immer ein Regulativ, das von temporären und traditionellen Patterns durchzogen ist. Angewandte Demokratie ist stets ein ergebnisorientierter Prozess. Lediglich Ergebnisse oder bestenfalls selegierte Prozessprotokolle (aktuelle Nachrichten, zeitgenössische Romane, Kunstwerke etc.) finden die nötige Verbreitung, um von der Mehrheit wahrgenommen und für die Meinungsbildung verarbeitet zu werden.

Moderne Informationssysteme wie das WWW haben allenfalls das _Potential_, zu einer demokratischen Informationsverarbeitung und -distribution beizutragen. Die Umsetzung geschieht auf Wunsch, sofern entsprechende Möglichkeiten eingerichtet sind. Jeder Nutzer technischer Medien hat prinzipiell die Möglichkeit, seine Meinung innerhalb eines Forums zur Diskussion zu stellen (so wie ich jetzt). Doch wo ist das Regulativ? Was sind die Fakten?

1. Zwar lassen sich Informationen durch Erst-, Zweit-, Drittnutzer usf. ändern, löschen oder erweitern, doch die Folie, auf der dies geschieht, hat meistens den Charakter eines Palimpsests (siehe WIKIPEDIA). Die rückstandslose Auslöschung vorhergehender Generationen von Informationsinhalten verhindert eine sinnvolle und kritische Auseinandersetzung. In solchen Fällen bleibt lediglich das fertige Produkt ohne Entstehungsgeschichte zurück.

2. Übertrüge man TV-Formate wie das USAmerikanische "I Spy" (man wurde dort dazu aufgerufen, die moralisch verwerflichen Entgleisungen seiner Mitmenschen auf Video aufzuzeichnen, um diese über den regionalen Sender ausstrahlen zu können; ohne allerdings sich mit den Normen oder gar den Folgen auseinanderzusetzen) auf das Internet, hätte dies eine Verbreitung hochgefährlichen Bullshits zur Folge. Man kennt dies bereits in stark abgeschwächter Form von Weblogs. Sofern der Provider auf den Bahamas sitzt, ist man als (vielleicht fälschlich) denunziertes Opfer nahezu machtlos. Praktische Beispiele für diesen gefährlichen Bullshit gibts schon seit langem: Man stellt ein paar Nacktfotos von seiner/m verhassten Ex ins Netz, begleitet von populären Tags, und die gezielte öffentliche Blamage ist perfekt.

3. Zum genannten Bullshit gehören auch Verschwörungstheorien und andere pathologische bzw. pathogene Konstrukte. Allein schon die häufig unreflektierte mündliche Reproduktion von Artikeln der BILD-Zeitung (Hopp hopp, auf zu www.bildblog.de!) zeigt, dass ein kritischer Umgang mit Informationen noch eingeübt werden muss (s.a. Umberto Eco "Das foucaultsche Pendel").
Webseiten liefern nicht per se die Möglichkeit der kritischen Auseinandersetzung "vor Ort"; diese müssen mit Zustimmung des Besitzers/Betreibers erst eingerichtet werden. Doch welcher Fascho lässt sich gern auf eigenem Terrain eines besseren belehren?

4. Uncyclopedia.org zeigt auf satirische Weise, wie man öffentlich inkognito zur allgemeinen Desinformation beitragen kann. Wie erkennt man aber Desinformation ohne das Warnsignal der Satire? (D´accord, andere Informationsmedien sind ebenfalls gefährdet.) Jeder darf nach herzenslust fabulieren.

Demokratie bleibt ein wünschenswertes Potential, dass man zulassen kann, wie es z.B. in den meisten Diskussionsforen üblich ist (sofern der Moderator ein aufgeweckter Mensch ist...).

Demokratie ist jedoch kein feststehendes Attribut des WWW.

PS: Es existiert aber wundersamerweise ein weiteres Potential, nämlich das der lokalen Anarchie (wenn es auch nicht wirklich systemdestabilisierend wirkt). Nutzen wir sie also zur kreativen Erweiterung unserer Horizonte und holen uns blutige Nasen.

meint: Dr. K. Lohr am 17.04.06

Ich stimme Herrn Dr. Lohr in allen Punkten zu. Ich sehe darüber hinaus jedoch noch ein weiteres Problem: möglicherweise führt die Verzerrung genau dieser oben angeführten Perspektive (regulativ-demokratisch / potenziell-demokratisch) schließlich zu einer fatalen Form der Selbstsicherheit; eingelullt in die Versprechungen der schönen, neuen und zutiefst demokratisierten - ich melde hier leise Skepsis an - Medienwelt, vergessen die Jugendlichen darüber hinaus auch weiterhin den tatsächlichen Gang zur Wahlurne.(1) Demokratie zum Selbermachen klingt zunächst verlockend, kann eine regulative und praktizierte Demokratie aber keinesfalls ersetzen, sondern bestenfalls ergänzen.

(1) http://www.destatis.de/presse/deutsch/pk/2006/rep_wahlstat_2005.pdf

meint: gonzo am 17.04.06

Also ich verstehe, dass die neuen Techniken als Werkzeuge der "Demokratisierung" beschrieben werden. Ich stimme in großen Teilen auch Dr. K. Lohr zu.

Ich glaube, die Möglichkeiten, die das Internet heute bietet, zu einer Art "Volksherrschaft" beitragen. Allerdings nicht im klassischen Sinn der Demokratie, sondern eher (wie schon erwähnt) als Anarchie oder auch Anomie, wie bei Wikipedia zu lesen ist.

meint: Karl Ranseier am 17.04.06

"Anarchie" sicher nicht, denn die Nutzung der demokratisierten Medien trägt ja nichts dazu bei, das Subjekt aus seinem Eingebettetsein in staatlich-rechtliche Strukturen zu lösen. Selbständige Informationsbeschaffung gibt es schon, seit es öffentliche Bibliotheken gibt. Diese Form der Autonomie zur Meinungsbildung ist jedoch ein Grundpfeiler der Demokratie, kein anarchistisches Neuland. Ob sich die Verschiebung der Informationsbeschaffung in den Wirkungsbereich der neuen Medien tatsächlich positiv auf eine demokratische Gemeinschaft auswirkt, wenn Wikipedia und Weblogs zum quasi-Standard der online-Recherche erhoben wird, halte ich allerdings für hochgradig streitbar.

Zur Wortverwendung: wenn Anarchie so gemeint ist, wie es der Wikipedia-Artikel vorschlägt (1), kommen leise Zweifel auf, ob die Möglichkeiten des medialen Wandels, wenn es denn einer sein sollte, tatsächlich zu einer Umstrukturierung der bestehenden Strukturen führen kann. Denn das Subjekt bleibt wie gesagt in den sozialen und rechtlichen Raum des Staats eingegliedert und kann sich diesem auch nicht dadurch entziehen, dass es am Computer Tagebuch schreibt. Eine Gewaltenteilung ist dadurch nicht zu erreichen; nicht einmal im Medium Internet selbst existiert ja eine solche Struktur. Auch hier gibt es zentrale Anlaufstellen, Referenz-Projekte, zentrale Instanzen. Das Internet unterscheidet sich insofern gar nicht besonders von realen sozial-wirtschaftlichen (und möglicherweise bald auch rechtlichen) Strukturen: jeder, der möchte, kann gehört und gesehen werden. Vielleicht sehen mich auf einem Marktplatz sogar im Laufe einer Woche mehr Menschen, als auf meiner Website in einem ganzen Jahr.


(1) ("Die Anarchie negiert indes jegliche Form der Autorität oder der Gewaltenteilung: Es existieren weder eine Exekutive (ausführende), eine Judikative (richterliche) noch eine Legislative (gesetzgebende) Gewalt. Die Anarchisten fordern eine vollkommene und totale Entscheidungsfreiheit des einzelnen Menschen, dem als Individuum die Entscheidung einer eigenen Gewaltenteilung bzw. seiner Gewaltentrennung eingeräumt wird und über die nur jeder Mensch persönlich entscheiden kann.")

meint: gonzo am 17.04.06

es ist interessant zu beobachten wie sich die menschen fürchten, und nicht aus alten denkmustern auskönnen. an akademisch höchst hirngewichsten kommentaren und auch ihren inhalten (vom subjetivistischen,interextravanblabla...) kann man irgenwie sehen, dass die leute sehr wohl mitbekommen, dass durch die kommunikationsrevolution etwas passiert. etwas massives. denn sie beteiligen sich, und wollen recht haben. aber jeder umbruch und jedes umdenken bringt ängste. schlotter, fürcht, erzürn! sie rufen: was, wenn jeder das senden und empfangen kann was er/sie will, was ist dann mit der guten alten logik, der altbewährten überprüfbarkeit, der wahrheit?!

tja, in diesen apfel müssen wir wohl beissen, und er ist vielleicht gar nicht so sauer wie alle denken (die, die sich an die letzten strohalme klammern und alles zentral reguliert, sprich eine institutionalisierte wahrheit haben wollen) durch das aufkommen des internets wurde ein prozess losgetreten, den der klügste intelektuelle und der mächtigste politiker nicht mehr aufahalten kann, und wir können uns beteiligen und die rollen der mini-kybernetiker, mit bestem wissen und gewissen, in diesem prozess spielen oder nicht. und uns fürchten. und es ist eine alte geschichte, dass man bei veränderungen die moral, wahrheit und gewissen den bach runtergehen sieht. machen wir es besser, fangen wir bei uns selbst an.

meint: kotzak am 17.04.06

Schön, dass sich hier im demokratisierten Informations-Raum auch die Schimpfwortschleudern beteiligen möchten. Genau das ist übrigens mit der Einebnung und Angleichung inhaltlicher Qualität gemeint.

Es geht hier nicht um die Angst vor dem Neuen und Fremden(Xenophobie ist hier wohl eher in der aggressiven Ablehnung der akademischen Ausdrucksweise zu orten; abgelehnt wird, was man nicht versteht), sondern um die Relativierung des enormen Demokratie-"Hypes", der um und vor allem innerhalb der neuen Medien betrieben wird. Die Frage steht ja weiterhin im Raum: wieso hat in Zeiten der zunehmenden Demokratisierung die Wahlbeteiligung bei den Bundestagswahlen mit 77,7% den tiefsten Stand seit 1949 erreicht? Wieso wird in den Vereinigten Staaten ein republikanischer Neo-Imperialist wiedergewählt? Wieso errichtet das weißrussische Regime eine neue Terror-Herrschaft? Demokratie muss passieren, nicht nur als Begleiterscheinung der Unterhaltungsindustrie potenziell vorhanden sein.

Demokratie heißt nicht nur, im Äther des Netzes beliebige Informationsschippsel zusammenzusuchen und damit sein ganz persönliches Weltbild zu formen, sondern den Informationsgewinn in der aktiven Beteiligung am demokratischen Geschehen zu nutzen. Dies ist jedoch nicht der Fall, und das Weblog von Lieschen Müller und die Urlaubsbilder von Hans Schmidt tragen wohl auch nicht dazu bei. Denn es handelt sich dabei nicht um einen demokratischen Neu-"Anfang", sondern um eine Flucht vor der tatsächlichen Problemstellung: dem zunehmenden Abbau demokratischer Strukturen in allen Bereichen außerhalb des Netzes.

Mit Schimpfworten um sich zu werfen ist natürlich auch eine hervorragende Strategie. Es ist bezeichnend, dass die Unmöglichkeit zum Konsens ohne den Rückgriff auf verbale Rundumschläge im Internet immer noch unmöglich scheint: schließlich hat im Meinungs-Pluralismus jeder Diskurs-Teilnehmer den gleichen Stellenwert. Damit wären wir schließlich wieder am Ausgangspunkt der Diskussion angekommen.

meint: gonzo am 17.04.06

"unmöglich scheint" = "präsent ist"

meint: gonzo am 17.04.06

Noch ein kleiner Nachtrag, wenn es gestattet ist: auf den zweiten Blick scheint es tatsächlich möglich zu sein, dass die Demokratisierung des medialen Raums eine Art Fluchtreflex darstellt. Aus der zunehmenden Entdemokratisierung der wirklichen Welt außerhalb des Netzes zieht es den (zivilisierten?) Menschen der Industrienationen zunehmend in die schöne heile Welt der informellen Gleichberechtigung. Dass diese im Netz zwar ersehnt, jedoch genauso wenig vorhanden ist wie im analogen Pendant der Außenwelt, interessiert dabei keinen. Denn das Netz ist neu und demokratisch und gut und muss sich deswegen - auch eine Marketingstrategie - immer wieder neu selbst feiern.

meint: gonzo am 17.04.06

Der "Hirnwichser" meldet sich erneut zu Wort:

@ kotzak:
Wer hat denn "Angst" vor Neuem? Ich nicht.
Es bringt nichts, mit Leerbegriffen aus der zeitgenössischen neomarxistischen Romantik um sich zu werfen. Die gibt es an Universitäten en masse und erwiesen sich auch bei den letzten Protestaktionen an deutschen Unis als unproduktiv. Es geht hier um Inhalte, nicht um altbackene Utopien.
Ich bestreite nicht, dass das WWW eine freie Meinungsäußerung möglich macht, aber sie muss von Stellen zugelassen werden, die nicht selten dem Nutzer des WWW verborgen bleiben. Kuba, China, Weissrussland etc. sind gute Gegenbeispiele: Freie Meinungsäusserungen, eigentlich ein Grundrecht des Menschen, werden hier repressiv unterbunden. Nicht jeder Dissident ist auch ein Hacker oder kennt einen solchen.
Dem WWW ein revolutionstaugliches Potential anzudichten ist schlichtweg naiv. JEDES neue Medium hat auf seine Art die Welt verändert, angefangen bei der menschlichen Stimme, den ersten Waffen über das Flugblatt bis zum iPod und was da sonst noch kommen mag. Jedes neue Medium war und ist für sich eine Kommunikationsrevolution. S.f.w?
"Institutionalisierte Wahrheiten"? Gab es schon immer und wird es immer geben, ebenso wie Joker, Kritiker, Dissidenten. Selbst die erste Punkbewegung verreckte in seinen eigenen institutionalisierten Wahrheiten und wurde zur Mode.

Wichtig ist, nicht alles be(s/d)ingungslos zu schlucken, was nach "Revolution" riecht, und allem Neuen stumpf zu folgen, nur weil es neu ist (neu waren die Nazis ja auch). Wichtig ist, seine Verantwortung wahrzunehmen und bestehende Möglichkeiten zur kritischen Hinterfragung bestehender Strukturen sinnvoll zu nutzen.

@Gonzo
Ich habe mich tatsächlich etwas unscharf ausgedrückt, denn ich bezog mich mit dem Begriff der "Anarchie" eigentlich strikt auf die Nutzung des WWW, nicht darauf, das WWW zur Bildung anarchistischer Gruppierungen zu nutzen. "Lokal" bezieht sich auf eine konkrete Site bzw. auf wenige vernetzte Sites.
Es geht mir dabei um die Erzeugung von Störungen, Irritationen etc., die sich streuen lassen, um dem WWW den Nimbus des Allheilmittels zu nehmen. Denn es ist nichts Neues, dass freie Meinungsäusserung nicht selten zu einer besseren Kontrollierbarkeit führt (das wusste sogar schon Goethe!)

Der Gedanke über die Fluchtbewegung in ein (pseudo)demokratisches Refugium ist gut, infantile Allmachtsfantasien und das Tragen von Che Guevara-Shirts sind ja vergleichbare Handlungsmuster (und auch nichts neues).
Aber man darf bei aller Kritik nicht vergessen, dass einige Menschen das WWW tatsächlich sinnvoll zur Aufklärung nutzen, um einen anderen Blick auf Ereignisse zu ermöglichen. Und das nicht selten mit Erfolg. Ich rudere hier nicht zurück, ich habe nur etwas gegen monokausale Erklärungsmusster und Schwarz/Weiss-Denken.

@Alle:
Nochmal: Das Internet ist zunächst nichts anderes ein global funktionierendes Signifikantenbiotop. Dass stellenweise mehr dabei herauskommt (Warenhandel durch EBay, Amazon, Netaudio, P2P etc.), ist eher ein Add-on. Wir können das WWW in der Form nutzen, die uns möglich ist, klar. Wir können aber nicht die Grenzen unterlaufen, die wir nicht kennen oder die wir nicht sehen (dem gleichen Irrtum unterliegen Menschen, die die Sicherheit von AKWs berechnen wollen). Und da man die Hardware und Wetware auf der anderen Seite immer mitdenken muss (z.B. Zensurinstanzen, frei zugängliche Computer etc.), muss man mit ALLEN möglichen Einschränkungen rechnen. Und nicht selten bestimmt die inhärente Struktur der Software unser Denken und Handeln, ohne dass wir uns dessen bewußt sind.

Bleiben wir also kritisch. Das hat mit "Hirnwichsen" nichts zu tun!

meint: Dr. K. Lohr am 18.04.06

erstmal das persönliche, dann zum inhaltlichen:

ich will mich nicht zu lange mit den vorwürfen von gonzo aufhalten, er reitet sich nach diesen bewussten überspitzungen (mit hintergrund) immer tiefer in sein klischee- autodisqualifikation würde er es vielleicht nennen, aber solche worte hasse ich ja weil ich zu blöd für sie bin.

Dr. K. Lohr, bleiben wir kritisch, ich bin bei dir! ich möchte aber noch sagen, dass die unterschiedlichen sichtweisen die wir beide haben zu einem großen teil in unserem alter zu suchen sind. versteh mich nicht falsch, aber ich bin nicht sicher ob du in deinen frühen jugendtagen viel mit dem internet zu tun hattest, denn ich kenne nur wenig über 30 jährige (in wahrheit spielt das alter in jahren keine rolle) die eine ähnliche perspektive und persönliche sichtweise auf das netz haben wie leute in meinem alter (oder jünger). das hat viel mit dem begreifen als eine tatsächliche, "natürliche" umwelt, von der man viel in den sogenannten alltag mitnimmt. ideen, konzepte, navigationen, perspektiven auf momentane gegebenheiten.

und mit dieser beschreibung meine ich noch mehr: einerseits das übergehen des mediums selbst in die eigenen zugangsweisen (wenn man mit 22 das erste mal im internet surft ist das recht unwahrscheinlich) damit meine ich dezentralisierte, assoziative und DIY auswirkungen in der richtung: das medium ist die botschaft (nicht nur, aber sehr wohl).

auf der anderen seite kommt es bei der debatte darauf an in welchen zeiträumen man denkt. dass das internet nun spontan die leute zu den urnen treibt und leute von einem tag auf den anderen zu zivilgesellschaftern macht ist naiv. nicht naiv ist es jedoch dem netz revolutionspotenzial zuzuschreiben (du widersprichst dir einwenig wenn du sagst jedes neue medium war eine revolution, aber dem internet das zuzuschreiben wäre naiv)
die geniale verständlichkeit mit der mo hier ein sehr weitreichendes thema auch für non-experten begreifbar macht, mag den eindruck erwecken, es handle sich um einen flüchtigen "hype". da geht es (für mich) um perspektiven, die sich eröffnen und eine gänzlich andere demokratisierung ermöglichen als du vielleicht meinst. vorallem längerfristig gesehen mit paralellentwicklungen zu "alten" strukturen usw. die kritikpunkte in deinem ersten kommentar, da bleib ich (noch) dabei, sind halb so wild. da wären das ende der geschichte durch elektronik (seufz), dogmatischer antidogmatismus und eigenverantwortung bei der info-produktion, weitergabe und deklaration... ich glaub das wars.

meint: kotzak am 18.04.06

Schön, dass endlich ein Schiedsrichter aufgetaucht ist, der in der Lage ist, Beiträge von vorneherein zu qualifizieren/disqualifizieren.

Um Dir zu folgen: Dein junges Alter lässt Dich das Medium als Botschaft begreifen. Das lese ich als Summe Deiner Äußerungen bis zum letzten Absatz. Das ist sicher auch sehr gut für Dich, trägt zur Debatte jedoch recht wenig bei. Möglicherweise ist ja die Positionierung außerhalb des Betrachtungsgegenstands die ungleich objektivere?

Man muss nicht seit Kindertagen rund um die Uhr im Internet surfen, um sich mit den Mechanismen auseinanderzusetzen. Was das "Medium als Botschaft" angeht (nachdem Du meine und Dr. Lohrs fragen nicht beantwortet hast): Du behauptest, dass man durch den Umgang mit dem als natürlich erlebten Medium Internet aus diesem viel in den Alltag überführt, "ideen, konzepte, navigationen, perspektiven auf momentane gegebenheiten." Genau darauf habe ich ja in meinen vorangehenden Antworten angespielt und möchte dies hier erneut tun, in der Hoffnung, doch noch eine Reaktion hervorzurufen: wo (um alles in der Welt) sind diese Auswirkungen zu orten, wenn die Wahlbeteiligung sinkt, Diktatoren freie Hand haben, die Bereitschaft zum religiös verbrämten Terror zunimmt? Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Ich glaube es war gestern, als in Potsdam 300 Menschen auf offener Straße gegen einen ausländerfeindlichen Übergriff protestiert; eine Reaktion, politisch, demokratisch, unmittelbar, die gänzlich ohne irgendwelche demokratischen Medien auskommt. Im Gegensatz zu solchen Botschaften macht die Botschaft des Mediums allein im Kontext demokratischer Systeme keinen Sinn, da sie keine unmittelbaren Auswirkungen auf das soziale Geschehen hat; im Gegenteil: das Medium Internet schafft ein neues, autarkes Sub-System, das dem Vernetzen die Möglichkeit bietet, sich in einen pseudo-demokratischen Raum zurückzuziehen, in dem nichts existiert, das nicht in letzter Instanz auf sich selbst zurück verweisen würde - das Medium ist die ganze Message.

Was die sogenannten Medienrevolutionen betrifft: man muss sich wohl nur die Entwicklung im Bereich von Zeitungen und dem Fernsehen ansehen, um zu erkennen, dass die Nutzung und Verwirklichung eines solchen Potenzials schließlich zum Scheitern verurteilt ist, solange das Interesse der Gemeinschaft an einer sinnvollen Nutzung nicht vorhanden ist. Die Medien-Wechsel haben bis zum heutigen Tage nur in wenigen Einzelfällen etwas genützt, wenn es um Fragen der Demokratie, Aufklärung, Gleichberechtigung, Menschenrechte ging. Denn letztlich ist jedes Medium nur so flexibel, wie es der Staat (mit der Staatsgewalt in der Hand des Volkes?) als kontrollierende Instanz erlaubt. Ganz zu schweigen von der Nutzbarmachung des Mediums zu propagandistischen, Zwecken: hier haben Radio, Fernsehen und Internet schon heute ganze Arbeit geleistet. Das Buch ist hierbei natürlich keine Ausnahme; allerdings ist das Buch auch schon lange nicht mehr so gehypt worden, wie das Internet.

Revolutionspotenzial hat letztendlich nie das Medium, sondern nur der Mensch, der es nutzt. Möglicherweise wäre eine Revolution in den Köpfen der Menschen hin zu einer reflexiveren, kritischeren Auseinandersetzung mit den neuen Medium wünschenswerter als der unreflektierte Hype des Mediums, der die soziale Verantwortung des Anwenders verzerrt, indem sie aus der Welt in den digitalen Äther übertragen wird: "Nutzt das Internet und ihr seid auf dem besten Wege zur Demokratie!" Das ist hochgradig zynisch, insofern die Demokratie im Zeitalter der neuen Medien einen rapiden Abbau erfährt.

Ich denke, es ist wichtig immer wieder darauf zu bestehen: die Demokratie liegt niemals im Medium selbst begründet, sondern muss auf dieses Medium zunächst transferiert werden. Dazu bedarf es eines Demokratiebewusstsein, dass nicht erst durch das Medium geschaffen, sondern bereits vorhanden ist. Das Internet - sowie jedes andere Medium auch - ist schließlich nur so demokratisch wie der Kontext, in dem es genutzt wird.

meint: gonzo am 18.04.06

Bitte entschuldigt die zahlreichen Rechtschreib- und Grammatikfehler; ist ja nur ein Forums-Brainstorming, keine Doktorarbeit ;-)

meint: gonzo am 18.04.06

"Demokratie" oder "Demokratie"?
"Revolution" oder "Revolution"?

kotzak hat Recht, wenn er die Zeitspanne von Wirkungen berücksichtigen will, denn politische Umbildungen zu gerechteren Strukturen benötigen sehr viel mehr Zeit (und Scheitern nicht selten in der Entwicklungsphase), als der Niedergang zum Unrechtsstaat (Berlusconi, Putin etc. kamen schneller ans Ziel).

Um aber auf mo.s gut verständlichen, aber einseitigen Artikel (vielleicht wollte er ja einen neuen Monsterthread provozieren) zurückzukommen:

Man muss in solchen Diskussionen natürlich zwischen "demokratischen" Medien, demokratischer Mediennutzung und der Mediennutzung in einer Demokratie als solcher unterscheiden. Denn nicht selten werden die Begriffe "Demokratie" und "Meinungsfreiheit" synonym verwendet, was falsch ist. Aus diesem Grund wollte ich mich in meinem ersten Sermon zu Beginn des Threads um eine Bgriffsklärung bemühen.

In der politischen Regierungsform "Demokratie" ist Meinungsfreiheit unerlässlich bzw. notwendig, umgekehrt aber ist Meinungsfreiheit prinzipiell auch in einer Diktatur denkbar. Die Meinungsfreiheit wird vor allem dann abgeschafft ("Schtonk!"), wenn man die Integrität des Staats- bzw. Systemgefüges gefährdet sieht; ein stabiler Staat hält auch Dissidenten aus. Ähnliches gilt für Religionen, denn nicht umsonst wurden z.B. im Mittelalter kritische Denker (also Ketzer) öffentlich hingerichtet; zue einer Zeit also, als der katholizismus war in Europa noch recht jung und unerfahren. Heute gibts Opus Dei (www.opusdei.ch). Fehlende Meinungsfreiheit ist daher nicht selten ein Zeichen von Angst bzw. Unsicherheit.
"Demokratische" Medien erlauben von sich aus strukturell die aktive Teilnahme jedes Nutzers an der Gestaltung des WWW, und wenn es die Veröffentlichung, Verbreitung und Sicherung von "Beweisen" über Verfehlungen der Staatsgewalt ist. Ein Demokratischer Staat kann auch ohne eine "demokratische" Medieninfrastruktur á la WWW existieren, sofern der Informationsfluss (z.B. Printmedien) nicht anderweitig unterbunden oder korrumpiert wird.

"Revolution der Medien" meint nicht gleichzeitig "Revolution durch Medien", ich widerspreche mich also nicht, wenn ich im revolutionsfreudigen Medium "Internet" kein besonderes Potenzial zum Umsturz bestehender politischer Systeme sehe (@kotzak).
Medien im technischen Sinne verändern sich oder werden neu entwickelt, wodurch man nicht selten Erneut am Anfang einer Entwicklung steht. Oder, um bei McLuhan zu bleiben: Medien besitzen das Potenzial, sich selbst zu revolutionieren, in dem sie in den Medien nachfolgender Generationen wieder auftauchen.

"Revolution" meint ja eigentlich die Rückkehr zur Normalität, welche z.B. durch Feudalherren, Kapitalisten o.ä. korrumpiert wurde.
Der Auslöser für eine politische Revolution sind solche Medien jedoch nur bedingt, denn die eigentlichen "Agitatoren" sind, da hat Gonzo sehr recht, ihre Nutzer, die durch Medien über politische oder religiöse Verfehlungen unterrichtet wurden; sie müssen dann aber die Möglichkeit haben, die eigenen Informationssysteme sicher und störungsfrei zu nutzen.

Medien können Waffen sein, die ungenutzt herumliegen, sinnlos töten oder Menschen befreien.


PS: Dank an mo., dass solche Diskussionen hier möglich sind. Er könnte schließlich den ganzen Thread löschen. Die Macht hat er ;-)

meint: Dr. K. Lohr am 18.04.06

Von mir mal ein Beitrag zur "Gleichberechtigung" von Informationen. Auch im Netz ist die eine Information der anderen Gegenüber nicht per se gleichberechtigt. Das hier zitierte Text-Bild Blog von Lieschen Müller steht nicht gleichberechtigt neben dem mir so verhassten Spiegel Online (die nur bunte Bilder verkaufen). Das ist der Trugschluss der neunmalklugen Theoretiker.

Oder warum muss gerade wieder der hervorragende bild-blog zum hundertstenmal Referenziert werden? Qualität? Die Machtstrukturen im www bilden sich selbstorganisierter, organischer und dadurch demokratischer als stark regulierte Medien wie dem Fernsehen, wo schon die Zahl der Kanäle limitiert ist. Von den Konzernstrukturen dahinter ganz zu schweigen...

meint: 020200 am 21.04.06

"Neunmalkluge Gehirnwichser" - ziemlich kreativ; ich tippe immer noch auf den xenophoben Schutzreflex.

"Das hier zitierte Text-Bild Blog von Lieschen Müller steht nicht gleichberechtigt neben dem mir so verhassten Spiegel Online (die nur bunte Bilder verkaufen)." - Innerhalb der Struktur des Netzes ist die Information sehr wohl gleichberechtigt. Diese Gleichberechtigung wird erst dann aufgehoben, wenn die Verwertbarkeit und Relevanz der Information für den Menschen in der Welt außerhalb des Netzes betroffen ist. Das ist ja das noch immer im Raum stehende Problem: der Transfer der "demokratischen" Struktur des Netzes in den Bereich, an dem er tatsächlich relevant ist, nämlich der Ort vor dem Bildschirm, nicht der virtuelle Raum dahinter. Diese Transferleistung findet zur Zeit nicht statt, zumindest nicht in dem Maße, das diejenigen, die dem Internet und seinem ach so revolutionären Potenzial das Wort reden. Wieso sagt da eigentlich niemand was dazu? Beschmimpfen hilft hier nicht weiter.

meint: gonzo am 21.04.06

gonzo ich muss dir absolut recht geben, diese hier oft erwähnte web-demokratie kann dabei allerdings durchaus eine religiöse rolle annehmen.

gott ist das web! oder umgekehrt? eine art kollektivbewusstsein? im grunde ist das "surfen" (blödes wort) die ausübung einer ungewöhnlich demokratischen religion. was in die echte welt "rüberspringt" ist im grunde vergleichbar mit dem, was von der 'mystik' üblichen religionen rübergreift. also meinungsbidung, hoffnung, glück, u.s.w. theorethisch ist alles wunderbar. praktisch gesehen haben weder die klassischen religionen besondere erfolge erzielt noch diese neue religion demokratie verbreitet, stichwort russland, usa und china. aus diesem grund werde ich bei dem "revolutiontpotential" des webs immer vorsichtiger, ich möchte es allerdings auch nicht ganz ausschließen, man muss halt dran glauben! ;)

darüberhinaus ist das web in meinen augen ein ort der verantwortungslosigkeit, bedingt durch die extreme anonymität. auch aus diesem grund kann ich die vorhandene web-"demokratie" wenn man das so nennen mag, einfach nie ernst nehmen können...

meint: fabien am 21.04.06

sorry für den blöden satzbau und die ganzen fehler, ne kurzfristige "edit"-funktion wäre ganz nützlich ;)

meint: fabien am 21.04.06

gutgut..., die einen halten den klassenkampf für den motor der geschichte (die menschen die in aktion treten), die anderen sagen es von den technischen innovationen (die menschen treten durch und wegen der medien in aktion bzw. wollen und glauben wegen den technischen umständen a la rad, buchdruck, telegraf usw.) wo wir auch schon bei den unterschiedlichen auffassungen von revolution und demokratisierung wären:

ich für meinen teil spreche nicht von einer "revolution" wo gestürmt, verbrannt und von einen tag auf den anderen macht übernommen wird sondern von einem permanenten prozess der machtaufteilung, auch wenn es erst in den köpfen passiert.
und wie gesagt, die alte "flashmob" rede vom dikdaturen stürzen durch ketten-sms und internet halte ich auch für übertrieben.

im moment bietet das internet einfach einige möglichkeiten zentralisierungen wie staaten, konzerne und "die konsensmaschine" zu ärgern und ev. zu untergraben..., das sind (noch) einige nette details. aber, da stimme ich zu, im moment um regime zu knacken und in einer demokratie zu partizipieren braucht es mehr menschen und weniger breitband.

auf der anderen seite ist das internet genau wie bücher keine irrelevante paralelldimension sondern verwächst mit dem realen leben, greift über kürzer oder länger über. je länger es das medium gibt, desto mehr passiert das... alles nicht so harmlos wie man vielleicht glauben mag- denn, stellt euch vor der buchruck wurde frisch erfunden und einige leute meinen: von mir aus, dann gibt es eben mehr und billige bücher, aber die leute sind generell einfach zu blöd um dieses angebot zu nutzen usw. einige jahre nach der erfindung des buchdrucks war nicht viel in der realen welt zu bemerken: dogmen regierten nach wie vor, und die leute meinen vielleicht, dass bücher eine "quasi religion" sind in die man sich flüchten kann, aber was ist mit der "realität" kaum zu tun hat. was in den jahrhunderten nach dem buchdruck (als vorausetzung) passiert ist, brauche ich nicht auszuführen.

auch wenn das net eine "quasi scheinwelt/religion" sein sollte, das ist nicht "nur" sondern "sogar schon". der glaube kann berge versetzen, sagt man so.


meint: kotzak am 22.04.06

"im moment bietet das internet einfach einige möglichkeiten zentralisierungen wie staaten, konzerne und "die konsensmaschine" zu ärgern und ev. zu untergraben..." - Zugestimmt; allerdings nur, solange der Staat sich bereitwillig ärgern lässt und die Inhalte ungefiltert an den User lässt, siehe Dr. Lohr.

Was deine Aussagen zur eskapistische Funktion von Literatur, Internet, den Medien generell angeht, bleibe ich skeptisch. Zwar ist es völlig richtig, dass jedes Medium per se das Potenzial hat, den Menschen, der sich des Mediums bedient und zum Beispiel ein Buch liest oder (verifizierte!) Informationen aus dem Internet bezieht, positiv zu beeinflussen; es stellt sich jedoch die Frage, inwiefern sich durch diese Medien die wirtschaftlichen, politischen, ideologischen Mechanismen der Gesellschaft unterminieren, aushebeln und überwinden lassen. In einer Zeit, in der nur die wenigsten Menschen respektive Konsumenten in der Lage sind, zwischen Preis und Wert einer Sache zu unterscheiden, darf man eine mehr oder weniger pessimistische Position zum Zwecke der Überwindung der akuten Lebenssituation nicht unter den Tisch kehren. Ich bin der Meinung, dass ein falsches Sich-in-demokratischer-Sicherheit-wiegen momentan völlig fehl am Platze ist. Das hat meiner Meinung nach auch nichts mit Gejammer zu tun, sondern mit einer realistischen Einschätzung der Sachverhalte. Einer davon wäre beispielsweise, dass die Erfindung des Buchdrucks zielstrebig zur Bücherverbrennung geführt hat. George Steiner hat hier sicher nicht ganz unrecht, wenn er fragt, wie das Gebiet der Literatur in Zeiten des Verfalls noch legitimiert werden kann. Dazu braucht es eigentlich nicht einmal eine solche Extremsituation: wenn man sich die Verwendung von Buchdruck, Radio, Fernsehen und Internet einmal genauer anschaut, wird schnell klar, dass der größte Teil der Energie in die Produktion und Rezeption von trivialer Unterhaltung (Eskapismus?) und Unmengen von Werbung, Glückspiel und Pornographie fließt. (Konsens ist übrigens auch hier omni-präsent.) Mit Bildung und Demokratie hat das ganze nur marginal zu tun (es sei denn, man ist ein sogenannter Kulturwissenschaftler). Ob sich der Aufwand der medialen Revolutionen unter diesen Umständen gelohnt hat und weiterhin lohnt, wage ich nicht zu beantworten. Wo sind denn die faktischen Verbesserungen? Wo ist der Abbau von fatalem Konsens? Wo ist die Aktivierung demokratischen Potenzials? Wie finden sich die Möglichkeiten zur Bildung, zum Wissen, zur Steigerung der Reflexionsfähigkeit realisiert? Vielleicht ist der Mensch nicht zur Menschlichkeit geschaffen - der Umgang mit den Möglichkeiten lässt zumindest darauf schließen.

"der glaube kann berge versetzen, sagt man so." - Die Frage ist, ob der Glaube alleine ausreicht, um sich der sozial-wirtschaftlichen Maschinerie zu stellen, die letztendlich dazu beiträgt, das (wenn überhaupt vorhandene) Potenzial der Medien im Keim zu ersticken, da sie den Menschen ihren eigenen, unmenschlichen Zwecken unterwirft. Bisher hat uns der Glaube jedenfalls nicht zum Ziel gebracht. Vielleicht - hoffentlich - wird er das ja eines Tages.

meint: gonzo am 22.04.06

In medias res

Man sollte den kulturellen Status von Büchern, Filmen, Internet und andere Medien etwas differenzierter betrachten:

Medien wie Geld (Papier, Münze), Schrift, Buch etc. wurden vor allem aus ökonomischen Gründen entwickelt; "ökonomisch" sowohl im Sinne des Ökonomieprinzips (größtmögliche Wirkung durch geringstnötige Aktion) als auch im Sinne des größtmöglichen Kapitalertrags. Mit Filmen und gedruckten Büchern sollte seit Anbeginn primär Geld verdient. Das man damit auch kritische Geister erwecken kann, war nicht im Sinne des Erfinders.
Der hohe kulturelle Status des Buchs z.B. ist ein Konstrukt, das quasi sich selbst generalisiert hat, und dieser Status ist im gewissen Sinne subversiv. Der politischen Agitation reichten schließlich einfache Flugblätter.
Muß man hier noch was zur Geschichte des Internet sagen?

Subversion wird nicht von allen Kulturteilnehmern wahrgenommen bzw. akzeptiert (sonst wärs ja nicht subversiv). Dummerweise ist die Gesellschaft als solche eine äußerst stumpfe und träge Masse, i.d.R. träger als Individuen oder Kleingruppen. Und bis die Gesellschaft eine Neuerung (z.B. ein neues Medium) in ihre Kultur voll integriert hat, dauert es bisweilen noch länger. Marktwirschaftlich orientierte Systeme sind da nicht selten schneller mit der Integration neuer Medien und unterwandert dadurch die Gesellschaft nach dem "Hase-und-Igel"-Prinzip.

Man muss sich beim Internet also zunächst auf die Kreativität von Individuen verlassen (wie z.B. die Erfinder von P2P, Linux, Blogs, Podcasts, Viren, Spyware etc.), die die Entwicklung von sich aus rhizomatisch und uneinholbar weitertreiben, bis der Rest der Gesellschaft endlich an dem Punkt angekommen ist, wo eine politische Nutzung selbstverständlich erscheint. Erst dann kann im doppelten Sinne von einer "demokratischen Nutzung" die Rede sein; also freier Zugang für _alle_ (und nicht nur eine technologisch versierte Elite auf der nördlichen Hemisphäre) um mehrheitlich etwas zu bewegen, dessen Ergebnis dann auch noch ihrem Willen entspricht. Denn in einer Demokratie ist bekanntlich das Volk der politische Souverän. Aber noch ist die öffentliche Partizipation und Reaktion eher individuell oder beschränkt auf Kleingruppen.

Noch eine Anmerkung zum "Eskapismus": Es ist sehr menschlich, sich in Idealwelten zu flüchten, sonst hätte der Mensch nicht die Kunst ohne Zweck für sich entdeckt. Und wer sagt, dass die politische und wissenschaftliche Praxis nicht auch ihre "Kuschelecken" hat? Man muss sich nicht wundern, wenn "Experten" tatsächlich weltfremde Lösungen anbieten zu Problemen, zu denen sie keinen emotionalen Zugang haben. Nicht selten vereinfachen nicht nur Bürger, sondern auch Wissenschaftler und Politiker in ihrer Funktion tatsächliche Sachverhalte auf verheerend simple Schwarz/Weiß-Muster und übersehen dabei, dass die Reduktion von Komplexität auf bekannte und bereits konsensfähige Muster zu Verfälschungen führen. Steven Spielberg und Rosamunde Pilcher sind also nicht an allem schuld.

Die Welt ist einfach verflucht komplex.

In diesem Sinne...

meint: Dr. K. Lohr am 23.04.06

"Die Welt ist einfach verflucht komplex." - Komplexität findet sich nicht in der Welt selbst, sondern lediglich in der (notwendigen) Betrachtung derselben durch den Menschen. Ich fühle mich hier an Sartre erinnert, der da sagt (soweit ich mich richtig erinnere): "Das Sein ist, was es ist." Nicht mehr und nicht weniger. Insofern führt es zu nichts, an der Komplexität der Dinge zu verzweifeln, da diese Komplexität nur durch den und innerhalb des Betrachters aufgehoben werden kann.

Die differenzierte Analyse selbst ist also das, was die Komplexität hervorbringt. Der "Fluch" lastet folglich nicht auf der Welt als an sich komplexe Entität, sondern auf der Differenz zwischen dem menschlichen Erkenntnisapparat und dem menschlichen Bedürfnis nach Erkenntnis - falls hier überhaupt von einer "Erkenntnis" die Rede sein kann, die über eine komplexe Signifikantenreihung eigentlich niemals hinausweist.

Und obwohl dieser Gedanke mit dem Thema rein gar nichts zu tun hat, macht es trotzdem Spaß, darüber zu sprechen. Genau das ist wohl mit dem Begriff der "Kuschelecke" im Bereich der Geisteswissenschaften gemeint: die Reduktion von Komplexität auf überschaubar "kuschelige" Sachverhalte und Begriffe. (Kuschelig ist nicht zuletzt auch der feste Platz innerhalb der wie auch immer gearteten diskursiven Gemeinschaft.)

Sinnvoll kann demnach nicht sein, in der Debatte auf eine finale Wahrheit abzuzielen, sondern sich den Mechanismen dieser kreativen Reduktion bewusst zu werden: ein Vorgang, der geistigen Raum schafft für diskursiven Pluralismus, undogmatische Perspektiven, Indifferenz und nicht zuletzt für das, was in einer demokratischen Gesellschaft als Meinungsfreiheit und verstanden wird. Legitimierbare Meinungsfreiheit impliziert, dass die diversitären Meinungen gleichberechtigtes Gehör finden. Ob diese Idealvorstellung mit Hilfe des Internets einst besser realisiert werden kann, als dies zur Zeit der Fall ist, wird wohl nur die Zukunft zu zeigen in der Lage sein.

Eventuell ist hier trotz der unterschiedlichen Auffassungen ein auf den ersten Blick unscheinbarer Konsens zu orten, dem jedoch auf den zweiten Blick ein enormes politisches, demokratisches, soziales, sprich: ethisches Potenzial innewohnt.

Ich wünsche eine gute Nacht :-)

meint: gonzo am 23.04.06

Es geht mir hier NICHT um eine philosophische Grundsatzdiskussion, zumal der Welt-Begriff philosophisch noch immer nicht gesichert ist.

Nach einer alten Handwerkerweisheit kann man ein Werkzeug nur dann effizient einsetzen, wenn man dessen Möglichkeiten und Grenzen kennt.

Wer das demokratische Potential des Internets sichern will, muss dessen Möglichkeiten und Grenzen kennen und sich auch mit den Risiken vertraut machen:
-> technische, politische, soziologische, ethisch/moralische ... M., G. u. R.

Es geht auch um Hacking, Circuitbending etc. als Gegenstrategien gegen eine Vereinahmung durch bereits existierende potente Machtstrukturen (z.B. Microsoft, Apple iTunes, Google etc.).

Wer die Komplexität der Welt ansatzweise erahnen möchte, der Lese doch mal nach bei:
- M. Serres (z.B. "Die fünf Sinne" oder "Der Parasit", mit Deleuze/Guattaris Rhizom-Konzept als Wanderkarte)
- Musils Kommentar zur Auseinandersetzung zw. Mach und Lenin (letzterer erlaubte sich eine "vernichtende Kritik"* zum sog. Machismus, die Realität (real existierender Sozialismus) erlaubte sich eine vernichtende Kritik an Lenin, frei nach dem Indianersprichwort: "Willst du deinen Feind vernichten, setze dich an einen Fluss und warte, bis seine Leiche an dir vorüberzieht."); der Machismus ist lebendiger, als man denkt
- Musils "Mann ohne Eigenschaften"
- die Entwicklungsgeschichte der Fuzzy-Logik (der Clash westlicher und östlicher Denkmuster; z.B. bei B. Kosko)
- C. Perrows "Normale Katastrophen": soziologisch orientierte Analysen technischer Katastrophen (Sellafield etc.)
- M. Bense über die durch technische Apparate erst erzeugte Meta-Welt
- St. Rieger über die wechselseitigen Einflüsse von Mensch und Technik
- B. Groys und der "Verdacht"

Und dann sind da noch: Foucault, Heisenberg, Hofstadter, Mauthner...

Alle diese Autoren (und natürlich viele andere auch) versuchen einzelne wichtige Facetten unserer Welt zu erklären und Erklärungen einer Kritik zu unterziehen. Sie alle (die Facetten) spielen in der komplexen Struktur des Internets eine Rolle. Und die Facetten, die wir noch nicht kennen können, auch.

In Zeiten technischer und kultureller Konvergenzen sollte man den Überblick nicht verlieren, wenn man mitspielen will.

Sartre allein hilft da nicht weiter.

meint: Dr. K. Lohr am 23.04.06

Da ist Dir aber einiges in den falschen Halse gewandert; mein Fehler. Ich will hier auch keine philosophische Grundsatzdiskussion über den Zaun brechen: mir geht es lediglich um die Erkenntnis, dass Offenheit gegenüber pluralistischen Erklärungsmodellen wichtiger ist, als das Einfordern einer Wahrheit, die doch immer nur beliebig ist.

"Wer die Komplexität der Welt ansatzweise erahnen möchte, der Lese doch mal nach bei" - Das stimmt so nicht: innerhalb der Diskurse erahne ich lediglich die Komplexität der ErklärungsMODELLE, nicht jedoch die Komlexität der WELT. Seit dem Poststrukturalismus sollte dieses Problem doch jedem bewusst sein, der sich mit den Fähigkeiten der Sprache als Werkzeug der Erkenntnis befasst. Viel einleuchtender erscheint es mir, die Komplexität nicht in der Welt, sondern in uns selbst zu erkennen. Da hilt weder Sartre noch Deleuze, ja noch nicht einmal alle Philosophen der Welt, die das Sein durch ihre Analysen permanent verkomplizieren und nicht das Sein selbst, sondern nur die Zahl der Perspektiven erweitern. Dem gegenüber steht beispielsweise der Versuch der Überwindung sprachlich-logischer Modelle zum Beispiel im Zen-Buddhismus. Erleuchtung besteht hier nicht in der Auflösung bestimmter Phänomene unter logozentrischen Gesichtspunkten, sondern im Ausschalten des Logozentrismus. Worte sind Worte, Welt ist Welt. "Verstehen" lässt sich die Welt durch die philosophische Analyse nicht; es lassen sich lediglich eine Vielzahl von Antworten auf die ewig gleichen Fragen geben, von denen keine einen zwingenden und unbedingten Wahrheitsanspruch zu behaupten in der Lage ist.

Wie Du ganz richtig sagst, handelt es sich bei den Geisteswissenschaften letztendlich um ein (Sprach-)Spiel, bei dem man "den Überblick" behalten muss, um mitspielen zu können. Diesen Überblick hat jedoch niemand, und wenn, dann nur innerhalb eng begrenzter diskursiver Felder. Den klassischen Intellektuellen gibt es heute nicht mehr, da die wissenschaftlich erzeugte Komplexität der Welt die Erkenntnisgrenze des Einzelnen bei weitem übersteigt. Da hilft nicht nur kein Sartre, sondern auch kein Deleuze und Co. Wir sind nicht in der Lage, zum Kern der Wahrheit vorzustoßen. Eine solche essenzialistische Vorstellung von der Welt - und was haben wir, außer unseren Vorstellungen und Metaphern - ist grundlegend falsch, da sie doch nur im Auge des Betrachters wahr wird, nicht aber in der Welt selbst.

Es geht also auch um Hacking und Circuit-Bending, wie es auch sonst um alles geht. Alle hängt mit allem zusammen. Eine Erklärung zu finden ist schlicht unmöglich. Es lässt sich aber ein sinnvoller Umgang mit dem Erkenntnis-Pluralismus finden, der sich auf die Demut gegenüber dem Unbegreiflichen stützt. Die verschiedensten Erklärungsmodelle, die allesamt hochgradig reduktiv und kontruiert sind, entfremden uns lediglich von einer Art und Weise des In-der-Welt-Seins, das mehr in der Welt selbst verwurzelt ist, als in unseren überladenen, nach positivistischer Erkenntnis dürstenden Köpfen, die weder die von ihnen präsentierte Auswahl an Philosophen, noch das Internet befriedigen kann. Dennoch ist es notwendig, sich dieser Lektüre anzunehmen, um die Unbegreiflichkeit der Welt in der Begegnung mit dem Anderen (Levinas wurde ja noch überhaupt nicht erwähnt) zu spüren.

Es ist wichtiger, Fragen zu stellen, als Antworten zu geben; insofern die philosophische Arbeit in jedem Fall mehr Fragen aufwirft, als stabile Antworten liefert - es wäre tragisch, wenn das nicht mehr der Fall sein würde - und das sprachliche System der Erkenntnis als solches kein stabiles Zentrum hat (auch Derrida, de Man und Barthes sind hier noch nicht erwähnt worden), darf angenommen werden, dass die Möglichkeiten der Erkenntnis des Menschen sehr eng begrenzt sind. Das Bewusstsein über diese Tatsache erwächst jedoch auch der Beschäftigung mit den Gedanken des angeführten Personals und allen anderen, denen man im Laufe seines Lebens nicht begegnet.

Eine Grundsatzdiskussion würde es sicher werden, hier noch weiter fortzufahren. Meiner Meinung nach sollte man dieser Diskussion jedoch nicht ausweichen, da dieses Ausweichen nichts anderes als eine Flucht vor dem Eingeständnis Nicht-Wissen-Könnens bedeutet. Vielleicht sind uns die Zen-Buddhisten um Lichtjahre voraus. Vielleicht sind sie es nicht. Wir können es nicht wissen. Wir müssen es nicht wissen. Wir müssen lediglich akzeptieren, dass es noch andere Wahrheiten gibt als die, die aus der westlichen (Sprach-)Vernunft und dem Intellekt resultiert. Wir müssen uns wieder den Grundsätzen widmen, um nicht den Überblick zu verlieren.

Leider habe ich keine Zeit mehr, ich muss zum Zug :-/

meint: gonzo am 23.04.06

Mein Ziel ist weder stumpfes Namedropping, noch dem Holismus oder dem (Post-)Strukturalismus das Wort zu reden. Die zuletzt von mir angeführten Referenzen setzen sich auf ihre Weise sehr konkret mit einzelnen Facetten des Problems auseinander.

Tatsächlich verblieb ich die ganze Zeit SEHR ENG AM GESTELLTEN THEMA!
Und wer sich an Goethes "Zauberlehrling" und Dürrenmatts "Physiker" aus dem Schule erinnert, weiß, dass ich wahrlich nicht der erste bin, der sich über die weitreichenden Konsequenzen kurzsichtiger Mediennutzung Gedanken macht.

Was weitreichende Konsequenzen sein können, weiß man spätestens seit den blutigen Auseinandersetzungen im sog. Karikaturen-Streit. Ähnlich verheerend ist derzeit die Verbreitung von Happy Slapping-Videos und deren Nachahmung. Ch. Perrow befasst sich mit viel "fetteren Dingern" (allerdings ohne den Aspekt der medialen Verbreitung).

Die positiven Wirkungen von Hacking, Circuit-Bending, Viren und sonstigen Störern, die altbekannte Medienstrukturen permanent in Frage stellen, wurden spätestens mit "Matrix" (das Pseudo-Deja Vu) einem breiten Publikum bekannt. Michel Serres, Boris Groys u.a. befassen sich sehr genau mit diesem Phänomen, dass nicht nur in die Welt der zeitgenössischen Kunst, sondern auch in die politische Aktivität gehört. Wer sich z.B. etwas intensiver mit der Medienwirkung Berlusconis auseinandersetzt, weiß, wie wichtig ein kritisches Bewusstsein im Umgang mit Medien ist.

Denn wer sich über die Wirkmacht technischer Medien nicht im klaren ist, verursacht Schäden wie die aus meinem immer wieder favorisierten Paradebeispiel "I Spy" (der beliebten Denzunziations-Sendung im amerikanischen Lokal-TV):
Eine Frau denunziert öffentlich mithilfe eines selbst erstellten Videos (bewusst exklusiv für "I Spy") den Seitensprung eines ihr fremden Mannes. Dieser begeht nach der Ausstrahlung im TV Selbstmord, was von der Frau jedoch nicht intendiert war, denn schließlich sah sie sich lediglich in ihren Moralvorstellungen verletzt und wollte ihr Weltbild, das sie als Norm erachtete, öffentlich zurechtrücken. Trotzdem hat sie den Tod des Mannes (wenn auch indirekt) zu verantworten. Wäre sie sich der mögliche Konsequenzen bewusst gewesen, man hätte diesen Mann vielleicht nie bei seinem "Vergehen" erwischt. Aber die Verlockungen medialer Präsenz war eben größer. (Siehe auch Goethes "Zauberlehrling").

Der Umgang mit Medien erfordert Verantwortung und die permanente Einübung eines Konsequenzbewusstseins, das weiter reicht als unser Vorstellungsvermögen es auf Grund der Komplexität jemals erlaubt.
Und man muss sich gleichzeitig permanent mit der manipulativen Kraft der Medien auseinandersetzen, ohne ihnen zu erliegen.

Nur mit einer solchen Minimalkompetenz ist ein sinnvoller demokratischer Umgang mit Medien - meiner persönlichen Meinung nach - denkbar.


meint: Dr. K. Lohr am 24.04.06

"Der Umgang mit Medien erfordert Verantwortung und die permanente Einübung eines Konsequenzbewusstseins, das weiter reicht als unser Vorstellungsvermögen es auf Grund der Komplexität jemals erlaubt." - Das sehe ich ganz genauso. Nicht erliegen, sondern auseinandersetzen - man muss seine Feinde kennen.

Noch eine Frage: wie verhält sich der "Zauberlehrling" zu dem unbedingten Wunsch nach medialer Präsenz? "Denn als Geister /
Ruft euch nur, zu seinem Zwecke, /
Erst hervor der alte Meister." - Spielen Sie auf die inkompetente Nutzung der Medien an, die sich ohne den medienkompetenten "Meister" nicht kontrollieren lassen? Interessante Analogie.

Bleibt die Frage, ob Medienkompetenz überhaupt vermittelbar ist. Chomsky (z.B. in "Media Control"), Bourdieu (z.B. in "Über das Fernsehen") und Gleichgesinnte haben den Versuch ja längst unternommen, für den nicht-Akademiker eine Art von "Handbüchern" zum Umgang mit den Medien zur Verfügung zu stellen; bisher trägt deren Arbeit jedoch nur bedingt Früchte. Das hat mehrere bekannte Gründe: Konsum ist weniger aufwändig als Reflexion; billige, gleichgeschaltetet Produktionen steigern den Profit und den Zuschauerkonsens etc. Welche langfristigen Lösungsstrategien schlagen Sie vor, um das Problem der Inkompetenz oder Verantwortungslosigkeit der und gegenüber den Nutzern in den Griff zu bekommen?

meint: gonzo am 24.04.06

Zitat von Gonzo: "Vielleicht ist der Mensch nicht zur Menschlichkeit geschaffen - der Umgang mit den Möglichkeiten lässt zumindest darauf schließen."

Ich habe mal bei Wolfgang Schmidtbauer etwas sehr interessantes gelesen. Der Mensch sei nicht besonders gut darin, neue Werkzeuge zu entwickeln und entsprechend einzusetzen. Die Stärke des Menschen bestehe darin, ein System (z.B. Lebensumwelt) zu studieren und sich entsprechend nutzbar zu machen. Man denke an die Mammutjagt in der Steinzeit.

So gesehen bin ich bei Dr. Lohr wenn er sagt: "Nach einer alten Handwerkerweisheit kann man ein Werkzeug nur dann effizient einsetzen, wenn man dessen Möglichkeiten und Grenzen kennt."

meint: 020200 am 24.04.06

Da bin ich auch bei ihm; allerdings sollte man sich der Diffusität des Begriffs der "Effizienz" bewusst sein. Effizient sind die Medien ja allemal: effizient wirtschaftlich und effizient massenkompatibel. Die Effizienz in anderen Bereichen - Bildung, Reflexion, Diskurs, Indifferenz - ist davon jedoch weit abgeschlagen.

Und um noch einmal mit dem Totschlagargument Nummer eins zu kommen (bitte nicht übel nehmen): der Tod ist ein Meister aus Deutschland (immerhin rette ich mich hier noch mit Celan ;-)) und in seiner Ausführung war er ebenfalls ungeheuer "effizient". Insofern stellt sich der Mensch tatsächlich als Lebewesen mit der Möglichkeit zum effizienten Umgang mit seiner Umwelt heraus; allerdings kann das sowohl positiv als auch negativ gewertet werden, da sich die Effizienz auf alle Lebensbereiche erstrecken kann, vom humanistischen Bildungsstreben bis zur Todesstrafe. Effizienz ist ein wertneutraler Begriff; vielleicht sogar eher negativ kontaminiert, da er in meinen Ohren ein wenig nach Wirtschaftlichkeit und uneingeschränkter Leistungsoptimierung klingt, koste es, was es wolle: ich frage mich, wieviele Menschen zur Steigerung der betrieblichen Effizienz bereits ihren Job verloren haben. Eigentlich ist Effizienz ein Unwort, dem der Bezug zum Menschsein abgeht und das nur auf das das "Handwerk" gerichtet ist.

meint: gonzo am 24.04.06

@gonzo: also, deinem Schreiben liest man sehr deutlich heraus, dass der Begriff "Effizienz" für dich negativ konnotiert ist. Aber, wie schön wäre es, wenn die öffentliche Verwaltung effizienter gestaltet wäre? Oder meinetwegen pragmatischer. Man muss jetzt nicht auf dem Begriff rumreiten. Die Probleme der Demokrative werden daduch eigentlich garnich berührt, aber nochmals zum Bildblog: der Bildblog ist doch ein hervorragendes Beispiel. Dafür, dass man auch als "Bildungsbürger" Spass mit der Boulevardpresse haben kann. Ein Beispiel dafür, wie man ein neues Medium effizient einsetzen kann, um ein älteres Medium kritisch zu reflektieren. Ob hier Demokratie beginnt?

meint: 020200 am 24.04.06

@020200: Wie gesagt wäre es selbstverständlich schön, wenn die sogenannte "Effizienz" an den richtigen Stellen zum Einsatz käme. Und ja: mit der eigentlichen Diskussion hat das nur noch sehr wenig zu tun, ich muss mich entschuldigen.

Das Bild-Blog finde ich übrigens auch schwer in Ordnung (obwohl ja nicht das "alte Medium" selbst, sondern vielmehr der Inhalt desselben reflektiert wird, was vielleicht ja noch wichtiger ist). Jetzt müssen nur noch sämtliche Fabrikarbeiter in Deutschland mit online-fähigen Blog-Readern versorgt werden! Wäre das effizient? ;-)

meint: gonzo am 24.04.06

so, jetzt habe ich mal ein wenig ruhe, um auch mal an der diskussion teilzunehmen. boah waren die beiträge lang...

was mir der wundervolle diskussionsfaden hier zeigt: man kann einen text nicht perfekt hinbekommen. was ich gelernt habe ist, dass ich den begriff "demokratie" einfach habe stehen lassen. ihr habt noch einmal einiges angeregt und ich habe in den letzten tagen immer wieder mal darüber nachgedacht. meine argumente und meine sichtweise ist diese:

- das internet ist ein hervorragender platz seine meinung mitzuteilen. dass bedeutet noch nicht wirklich gelebte demokratie. es kann auch einfach nur flucht sein. trotzdem bietet das internet eine klasse möglichkeit sich zu organisieren. in amerika wurden für einen politischen kandidaten über weblogs millionen gesammelt. über das internet habe ich neue freunde gefunden. gleichgesinnte, die ich in köln nicht gefunden habe. heute treffe ich mich mit ihnen und denke über dinge nach, die ich dann in dir "realität" bringe. und auch das internet ist "REAL".

- natürlich können regime das internet kontrollieren. aber zum glück nicht 100% und es gibt immer noch technische lücken. das wissen natürlich nur wenige. aber über das internet können sich auch menschen in china informieren. auch wenn die seiten gesperrt sind. es gibt ja auch diesen irak-blogger, der hat aufmerksamkeit für sein land weltweit erzeugt. damit will ich sagen, es schwappt auch zurück in die realität. mit dem internet kann man diskussionen anregen. und diese diskussionen können auch das reale handeln im leben beeinflussen.

- problem bildblog: das bildblog ist toll. aber ich bezweifel, dass irgendein bildleser an dem weblog interesse hat. in einem buch habe ich gelesen, dass bild nicht nur wegen seiner inhalte erfolg hat. NEIN, bild ist auch "gut" geschrieben. das bedeutet verständlich. ein großer fehler des menschen ist, dass er sich nicht gerne ändert. änderungen sind immer anstrengungen und werden meist nur dann gemacht, wenn man mit seiner derzeitigen strategie nicht weiterkommt. ich bin auch immer frustriert, dass phlow nur ein "intelligentes" publikum erreicht. also leute, die schon per se interessiert sind.

- das sind nur ein paar gedanken. nur eins noch: durch diese diskussion habt ihr mich und meine denkweise beeinflusst. das wird sich in weiteren artikeln bei mir auswirken. ein wenig oder viel, ist egal. und das ist durch das internet geschehen. sonst hätte ich mit euch nie diskutiert. und das ist für mich das revolutionäre potential. mit gleichgesinnten kommunizieren, seine meinung darzustellen. und das auf eine sehr preiswerte art und weise.

guten abend ;)

meint: mo. am 25.04.06

das hier ist ganz passend, und sollte einige "internet demokratisierer" ernüchtern....


http://www.zeit.de/online/2006/18/pressefreiheit

meint: fabien am 04.05.06

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