Netlabels: Made in Germany

Rubrik » Netzkultur Spielerei

netaudio_artikel.jpgNetlabels besitzen in ihrer Grundform einige Vorteile gegenüber Hardware-Labels. Dazu gehören weniger Kosten, keinerlei Abhängigkeit von Vertrieb und Herstellung des jeweiligen Datenträgers, in der Regel keine Querelen mit der Zahlungsmoral von Plattenläden und Vertrieben, sowie die Möglichkeit bis in den hintersten Winkel von Chile vorzudringen Hauptsache die Leitung steht.

Netlabel versus Hardware-Label

Aber genau darin bestehen auch meist die Nachteile. Netlabels wie Thinner, Subsource, Tokyo Dawn, 2063music, StarvingButHappy oder Ideology agieren in der Regel global, erreichen womöglich mehr Zuhörer als ein kleines Indie-Hardware-Label, die sich aber weltweit zerstreuen. Obendrein landen die mp3s oder Ogg Vorbis-Files ohne sichtbaren Zusammenhang irgendwo auf der Festplatte, anders das Label und Logo auf Vinylplatte. Dadurch besteht die Gefahr, dass nur der jeweilige Track wahrgenommen wird und nicht das Label oder der Künstler.

sebastian_redenz2.jpgDer lange Weg aus der Isolation

Trotzdem tut sich einiges. Das aktivste Label der Republik ist da sicherlich "Thinner" und so verwundert es nicht, dass zwei der drei Netaudio-Parties 2003 von diesem Label initiiert wurden und auf allen drei Events immer Thinner-Künstler auftraten. Die Stationen waren Mannheim, Köln und Nürnberg. Während im Frühjahr "Die Lounge" in Mannheim recht gut besucht war, kämpften die beiden anderen Veranstaltungen mit dem Publikum. Die Lounge, die von Roland Fiege, Ex-Mitbetreiber von Shitkatapult, gecoacht wird, spielte leicht ihren Vorteil aus, da es sich um eine reguläre Party-Reihe mit konstantem Publikum handelt. Wie später in der Rheinmetropole und Nürnberg auch war dem Großteil der Anwesenden jedoch nicht bewusst, dass es sich um eine Netaudio-Nacht handelte, geschweige denn, dass es Netlabels überhaupt gibt.

joerg_moritz_ideology.jpgPerspektiven

Natürlich ist aller Anfang schwer. Wichtig ist es im Moment, dass Künstler als auch Netlabel-Betreiber Konzepte entwerfen, beispielsweise um mehr Öffentlichkeit zu erreichen. Die Thinner-Truppe um Sebastian Redenz z.B. schickt genau wegen der meist fehlenden Publicity vermehrt Promo-CDs an Radio-Stationen und Magazine. Öffentlichkeitsarbeit abseits des Internets wird hier betrieben und trägt teilweise schon erste Früchte in Form von Airplay oder besprochenen Rezensionen.

Vielleicht sollte man sich auch noch mehr von den Hardware-Vorbildern abschauen. So ist z.B. das Kölner Kompakt-Umfeld auch langsam gewachsen und agiert nun weit über die lokal-patriotischen Grenzen hinaus. Das hat aber 10 Jahre gedauert. Zwar agiert ein Netlabel potentiell via Web weltweit, doch für lokale Parties nutzen einem keine 1000 über den Erdball verstreute Fans. Deswegen wäre es sicherlich umgedreht zu Kompakt eine Überlegung wert, wie man sich lokal besser vermarktet und über Parties die eigenen Musiker und Helden aufbaut. Jointventures mit aufgeschlossenen Hardware-Labels oder Party-Veranstaltern stellen da sicherlich auch eine Möglichkeit dar.

inanace2.jpgQuality-Control?!?

Gerne wird den Netlabels auch eine fehlende Qualität vorgeworfen. Selbst aus den eigenen Reihen vernimmt man, dass nur Musiker auf Netlabeln veröffentlichen würden, da sie sonst nirgends unterkommen würden. Das hat sicherlich seine Berechtigung und trifft in vielen Fällen einen wunden Punkt. Schnell fachte das eine Diskussion innerhalb der verschiedensten Zirkel an, wie man der unkontrollierbaren Flut Einhalt gebieten könnte. Klar, manches Mal, entdeckt man auf der eigenen Festplatte ein mp3, das richtig klasse ist, das aber seinen Ursprung schlicht verweigert, weil weder das File noch der ID-Tag wirklich Aufschluss über Künstler und Label geben.

Da wird der Ruf dann aus mancher Ecke laut nach einem Portal oder einer Institution, die nur Labels in den Katalog aufnehmen, die sich bestimmten Merkmalen und Standards "unterwerfen" (wie z.B. einer Mindest-Komprimierung von 192kbps). Die Idee ist eigentlich nicht schlecht, andererseits lässt sich Musik aber nicht festschnallen. Obendrein führen zu enge Standards ja doch eher wieder zu einer Monokultur. Deswegen wären Leitfäden und Anleitungen, wie man ein Netlabel richtig aufbaut sehr wichtig. Aber auch das ist in Arbeit.

prymer_020200.jpgFuture Of Netlabel-Germany

Gerne würden die Netlabels auch endlich ihren eigenen Künstlern finanziell unter die Arme greifen, allen voran Marc Wollny aka Prymer von Toyko Dawn. Er ist der Ansicht, dass man online nicht wirklich den Künstlern eine interessante Perspektive verschaffen kann. Harsch kritisiert er: "Die Netlabel-Szene hat schon längst ihren Exotenbonus verloren und ist trotzdem nicht aus der Mittelmäßigkeit herausgekommen." Kein Wunder also, dass Tokyo Dawn nun mit der ersten Hardware-Compilation "Practice Avoiding Mistakes" neue Wege geht - gemeinsam mit Groove Attack als Vertrieb. Womöglich gibt der Aufschwung von Micro-Payment-Verfahren auch Netzlabeln ein Werkzeug an die Hand, ein wenig Geld in die Kasse des Labels und der Künstler zu spülen. Womit man wieder bei der Crux des Internets und seiner kostenlosen Angebote und einer meist fehlenden Bezahlungsmoral angekommen ist. Andererseits: Wir sind immer noch am Anfang einer Nischen-Kultur. Eben. (Moritz)

Text zuerst erschienen in De-Bug 76.

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Kommentare

schön das der artikel hier noch erscheint.
kannt ihn aus der de:bug. schön zusammengefasst.

meint: (|*_*|) am 28.11.03

hallo,

schöner artikel.
ich denke, dass sich firmen wie native instruments oder stanton viel mehr für netaudio engargieren sollten.
schließlich sind es ja deeren produkte, die den zukünftigen weg von hard-auf software ebnen.
sehr viele bekannte dj größen wie natürlich richie hawtin, chris liebing, aber auch die turntablerockers nutzen seit längerer zeit final scrach.
natürlich ist es da viel praktischer und kompfortabler, wenn man sein vinyl nicht ers in mp3 konvertieren muss ,sonndern auf die HQ mp3s der netaudio labels zurückgreifen kann.

bleibt abzuwarten, wo der "zug" hinfährt....

marko

meint: sur am 01.12.03

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