Text: mo.
Foto: Hans-Jürgen Sänger
In seinem Buch "Habenwollen" konzentriert sich Wolfgang Ullrich auf die Frage: "Wie funktioniert die Konsumkultur?". Behutsam, methodisch und eloquent seziert der studierte Philosoph unsere heutige von Konsumgütern angeregte Kultur. Im Unterkapitel "Virginität" untersucht Ullrich dann genauer den Schönheitswahn, die trickreichen Mechanismen und die Aufmachung von Beauty-Produkten. Da schreibt der Autor dann: "Gerade Kosmetika erlösen ihre Nutzer mit Virginitäts-Verheißungen von der Sorge, zu beschränkt zu sein, und sie verleihen ihnen das Gefühl, die eigene Persönlichkeit neu definieren zu können."
Noch krasser erlöst das Internet seine Besucher. Persönlichkeiten virtualisieren sich im Second Life, ewig junge Avatare löscht man bei Bedarf und kreiert sie neu. Oder man personifiziert sich in seinem eigenen Weblog mit Web 2.0-Anbindung. Die Darstellung des eigenen Ichs kann im virtuellen Raum in mannigfaltiger Weise poliert werden. Ob per Retusche per Photoshop, ob im egomanen Textrausch oder über die verschiedensten Plattformen. Freunde kontaktiert oder gruschelt man, lotst sie anschließend in sein digitales Netz und berauscht sich an Kommentaren, Freundesanfragen und Links.
Und dann?!? Dann sucht man nach sich selbst. Denn nichts will behutsamer gepflegt, umhegt und gefüttert werden, wie das eigene Ego. Das streichelt man gerne. Und nichts ist einfacher heutzutage: Über Suchmaschinen googelt man nach sich selbst. Wie viele Backlinks hat meine Website? Wieviele andere Weblogs verlinken mich laut Technorati? Und tauche ich in den Deutschen Blog Charts auf? Alp Uckan benannte das schon vor einiger Zeit schlicht Wichs-Blogging. Recht hat er :)
Aber der richtige Wichsblogger fängt erst an, wo Anfänger aufhören. Denn da gibt es zum Beispiel noch die Referer. Das sind Links über die der neue Besucher meine eigene Website gefunden hat. Ein Referer ist ein Teil der an den Webserver geschickten HTTP-Anfrage. Diese HTTP-Anfrage loggt mein Statistikprogramm mit. Dadurch finde ich alte und neue Websites, die mich verlinkt haben. Referer sind ein wunderbares Gedöns, um herauszufinden, ob eine andere Seite potent ist. Denn je öfter ein Referer-Link in meinem Statistikprogramm auftaucht, desto öfters wurde dieser Link auf der jeweiligen Website geklickt. Schreibt ein anderer Blogger also über mich, verlinkt wiederum mein Weblog und ich erhalte jede Menge neue Besucher, bedeutet das: der da drüben hat aber eine Menge Leser. Fallen dahin die geklickten Links gering aus, weiss ich, dass es nicht weit her ist mit der Konkurrenz.
Kein Wunder also, dass generell zahlreiche Hardcore-Blogger am Statistikwerkzeug hängen wie damals die Jazzer an der Nadel. Schließlich sagen mir Hits, Page Impressions und Visits, ob ich immer noch beliebt bin. Das macht süchtig und erhöht den Wichsfaktor und wer will schon eine nach unten baumelnde schlappe Besucherkurve.
Info: mo.s Web 2.0-Kolumnen erscheinen jeden Samstag exklusiv auf intro.de, dem Portal für Popkultur und so und können dort eine Woche im voraus gelesen werden.
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meint: Alex am 27.04.07...wer will schon eine nach unten baumelnde schlappe Besucherkurve.
Offensichtlich will das niemand und genau deswegen orientieren sich viele Blogs mit ihrten Themen auch brutal am Geschmack der breiten Masse und referenzieren sich gegenseitig zu Tode. Das ist - gäääähn - langweilig und sorgt für eine Art inzestuöser Endlosschleife der deutschen Bloglandschaft.
Ein wenig erschreckt war ich auf der re:publica wie alle möglichen Blogger von der journalistischen Unabhängigkeit von Blogs geredet, aber beim Thema Geld verdienen mit Blogs sofort glänzende Augen bekamen. Ich glaube jeder Journalist wird bestätigen können, dass Kohle und Unabhängigkeit/Meinungsfreiheit eher schwierig unter einen Hut zu bringen sind...
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