Geschenkter Film: "Route 66 - ein amerikanischer albTraum"

Rubrik » Netzkultur Spielerei

route66.jpgJunge Leipziger Filmemacher haben den ersten Open-Source-Film Deutschlands veröffentlicht. Der Film erzählt die Geschichte dreier Sachsen, die auf der Suche nach den amerikanischen Klischees die USA in einem der letzten amerikanischen Straßenkreuzer durchqueren, bis sie schließlich auf der Old Route 66 liegen bleiben - inmitten der Wüste New Mexicos. Einer von ihnen heißt Stefan Kluge - und mit ihm sprach die Netzkritik.

Text: Niels Gründel (netzkritik.de)

Niels Gründel: Ein kostenloser und legaler Filmdownload sind jetzt keine Fremdworte mehr. Ihr Film „Route 66 - ein amerikanischer albTraum“ ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht worden und damit Open Source - eher eine bekannte Bezeichnung aus der Softwarewelt. Welcher Schritt hat Sie zu dieser Verbreitungsform bewogen?

Stefan Kluge: Zunächst haben wir den Film produziert, ohne überhaupt über die Verbreitung nachzudenken. Nach einem Jahr Arbeit hatten wir die DVD in der Hand. Dann haben wir auf unsere Konten gekuckt und gedacht: „Scheiße, jetzt muss ‚was passieren!‘ Also haben wir begonnen Verleiher oder Sender zu suchen und vielleicht noch ein Label für den Soundtrack. Die Verleiher hatten kein Interesse: „Das Risiko ist uns zu groß. Der Branche geht es nicht gut.“ Dann kamen die Sender: „Das Format ist zu ungewöhnlich!“, „Die Mittel sind bereits vergeben!“, „Versuchen Sie es später nochmal!“. Und wenn wir dann die Dritten eingeschaltet haben, dann konnten wir sehen, wofür die Mittel vergeben wurden: Für den Müll, den der Schwager vom Programmleiter produziert hat. Über die A&R-Manager der Label reden wir gar nicht erst. Die Filmförderung wollte erst mal ein paar Namen hören; der FSK sollten wir „schon mal vorab 200 Euro überweisen - später würden wir schon sehen, wie teuer es wird“, die großen Festivals brauchten 100 Euro um eine E-Mail zu schreiben: „Sie hatten leider kein Glück. route66_3.jpgDanke für die Teilnahme.“ Und dass die GEMA die Kohle nur von unten nach oben verteilt, das hatten wir schon vorher erfahren.

Natürlich gibt es auch ein paar coole Leute, aber insgesamt ist die Branche äußerst unangenehm zu Fremden. Und erstaunlich konservativ, wenn man bedenkt, wie innovativ man sich gerne gibt. Der springende Punkt dabei ist: Es gibt zu viele Leute, die sich und ihre Institutionen ernster nehmen, als ihre Kunden. Und weil man so gerne für sich ist, ist die Populärkultur so uniform geworden, dass sie sich selbst nicht mehr sehen kann - siehe Viva.

Einige Film- und Musikbosse machen sich schon lange mächtig zum Affen. Napster & Co will man abschaffen oder dann doch lieber kaufen; Horden von Filesharern werden verklagt und dann zum Online-Shopping eingeladen und beim Dinner der Herren wird beschlossen, dass ab Morgen auf alle Toaster eine GEMA-Gebühr erhoben wird. Das stinkt förmlich nach „Hosen voll!“

Das haben wir bei ein paar Bier herausgefunden, es ist also nicht unbedingt wissenschaftlich untermauert. Wie dem auch sei: Wir waren uns von Anfang an sicher, dass es Leute gibt, die unseren Film mögen werden; dass Bedarf an „jenseits des Mainstream“-Kulturgütern besteht. Produkte, die aus Leidenschaft entstehen, haben oft einen gewissen Charme, den glattgebügelte Produktionen nicht haben. Sie sind auch oft authentischer.

Von unten aus betrachtet, vom Teppich sozusagen, sieht die Film- und Musikindustrie momentan aus, wie ein (ohn)mächtiger Vater, der sein ungezogenes Kind anschreit. Aber wie wir alle wissen, machen Kinder trotzdem was sie wollen: Rock&Roll. - Rock&Roll ist uns einfach sympathischer.
Das ist die lange Version. Die kurze ist: „Ach komm, auf die Kohle geschissen. Babylon braucht Bilder, also raus mit dem Mist!“

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Niels Gründel: Kinos können den Film ja wohl nicht zeigen, weil das Geldverdienen mit dem Film nicht gestattet ist. Setzen Sie voll und ganz auf die Verbreitung per Internet?

Stefan Kluge: Geldverdienen ist nur dann nicht gestattet, wenn es ohne uns läuft. Wenn quasi der böse Herr Mogul hinter dem Rücken und auf dem Rücken der Künstler seine Taler scheffelt. Es ist nicht so, dass wir was gegen Geld hätten. Wir haben auch keinerlei Berührungsängste mit konventionellen Vertriebs- und Aufführungsmethoden. Aber die Branche darf gerne etwas lockerer werden.

Niels Gründel: Wie groß ist der Download und füllt der Spielfilm einen Abend?
Stefan Kluge: Der Download ist 715 MB groß. Damit sind Modem- und ISDN-Nutzer aus dem Rennen. Wer einen DSL-Anschluß hat, der hat den Film in knapp zwei Stunden auf der Platte. Bei optimaler Verbindung. Und nochmal so lange braucht man, um sich den Film anzusehen - 104 Minuten.

Niels Gründel: Etwas Geld für den Film gab es dann ja doch: Sie haben die Filmwidmung bei Ebay versteigert. Wofür hat der Erlös denn gereicht?
Stefan Kluge: Wir haben das Geld beim Döner verprasst. Was nicht ganz einfach war - 150 Euro beim Döner auszugeben. Nein. Wir haben dort eine Runde geschmissen und der Rest ist in die Kaffekasse für den nächsten Film gewandert. =o)

Niels Gründel: Bevor wir den Inhalt aus den Augen verlieren: Wovon handelt der Film überhaupt?

Stefan Kluge: Es geht um drei naive Jungs, die auf der Suche nach den amerikanischen Klischees die USA durchqueren - in einem baufälligen Oldtimer. Es gibt keine Helden und keine Explosionen. Scheiße, es ist nicht mal eine Knarre zu sehen. Das macht aber nichts. Die Jungs machen etwas, dass sich jeder vorstellen kann: Auf der Suche nach mehr Getränkehaltern für ihr Auto cruisen sie in ihrem Straßenkreuzer quer durch die Staaten. Und stoßen dabei auf unzählige skurile Typen. Dabei verreckt ihnen die Kiste ständig, bis sie schließlich auf einer Staubpiste in der Wüste New Mexicos liegenbleiben.
route66_4.jpgNiels Gründel: Zum Film gibt es auch ein Buch - das aber nicht als Open-Source erhältlich ist, sondern im Eigenverlag erschien. Hat sich der Schritt gelohnt?
Stefan Kluge: Mich hat hier in Leipzig mal ein Hesse auf dem Klo eines Clubs angesprochen. In dem Buch sind Bilder - er hat das Buch gelesen und mich wiedererkannt. Vor ein paar Jahren war er mit seiner Sportster auf der Route 66 unterwegs - es stellte sich heraus, dass er die Farmer kennt, die unseren Arsch in der Wüste gerettet haben. Und das hat er mir vor dem Pissbecken erzählt. Solche Geschichten sind die Arbeit definitiv Wert. Finanziell hat es nichts gebracht. Mein Stundenlohn wäre bei McDonalds höher gewesen.

Wir haben übrigens inzwischen sowohl den Soundtrack, als auch das Buch als Open-Source freigegeben. Man kann alles von unserer Website runterladen. Babylon braucht schließlich nicht nur Bilder. ;o)


Niels Gründel: Wird es weitere Projekte in der Open-Source-Welt von Ihnen geben?
Stefan Kluge: Der nächste Film ist bereits in Arbeit: www.die-letzte-droge.de. Es geht darin um drei Jungs, die Südamerika auf der Suche nach einem seltenen Halluzinogen durchqueren. Sie finden die Droge und wagen den Selbstversuch - der eskaliert ...

Die Dreharbeiten in Südamerika sind bereits abgeschlossen, in Deutschland stehen sie noch an. Wer das Projekt cool findet, der kann auf unserer Wesite dafür spenden. Je mehr Kohle wir haben, desto weniger müssen wir nebenbei jobben und desto schneller wird der Film fertig. Und dann bekommt Babylon wieder Bilder!

Dieser Artikel erscheint auf Phlow mit freundlicher Genehmigung von netzkritik.de

Links

Website zum Film: www.route66-der-film.de
Trailer: für Media Player, 6.2 Mb
Trailer: für Quicktime, 7.7 Mb
Trailer: für Real Player, 5.4 Mb

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Kommentare

hab den film schon gesehen, kann allerdings mit dem inhalt gar nix anfangen. für mich hat ein amerikanischer traum nie existiert, es war schon immer der mit vorsilbe.

ich finde es ein wenig schade, dass leute, die einem freien film machen, dann so ein langweiliges bzw. abgedroschenes thema abhandeln.

was ich dem film positives abgewinnen kann ist, dass man sieht, dass amerika eine service-wüste ist. dieses "mach deinen mist selbst" nimmt ja auch seit einigen jahren hier einzug und wird noch als "dienstleistungs-gesellschaft" präsentiert.

naja, der film ist halt nicht so wichtig, aber ganz ok. den schweizer film fand ich etwas besser:

http://www.ch7.ch/

die beste stelle ist jene wo die girliegroup abgeknallt wird. sonst geht's auch eher so in richtung "schülerfilm".

meint: mrcs am 02.01.05

ich hab mir nur die erste halbe stunde des films angeschaut und dann aus langeweile abgeschaltet. kann meinem vorgänger nur zustimmen. das thema ist abgedroschen und wird nicht wirklich neu oder anders präsentiert.

just my five pence

meint: Martin am 02.01.05

"just my five pence" ich kenn nur "just my two cents"..oder gibts das echt auch?

ich bin zwar kein experte, aber warum redet ihr von "open source"? gibt es einen quellcode von diesem film? :D Creative-Commons-Film wäre angebrachter, wenn auch das wort noch nicht so bekannt ist.

meint: Jefo am 03.01.05

Sorry, miteinander, aber "Open Source" stimmt NICHT. Abgesehen von technischen Dingen - die man ja noch diskutieren könnte: Habt ihr mal die Lizenz des Films gelesen? Das ist *keine* Open-Source-Lizenz, da eine kommerzielle Nutzung verboten ist.

Das verstößt gegen Paragraph 1 (Eins! Den ersten ganz oben also) der Open-Source-Definition:

http://www.opensource.org/docs/definition.php

Was die Routen-Finder machen, ist ganz schlichter Etikettenschwindel.

Um gleich noch das nächste Missverständnis auszuräumen: Open Source heißt keineswegs kostenlos oder nicht kommerziell. Es gibt viele Leute, die damit Geld verdienen, zum Beispiel IBM und Novell. Bloß weil VEB Leipzig "von Toastbrot leben" kann, ist das alles noch lange kein Open Source.

Danke für die Aufmerksamkeit, back to business.

meint: frank am 03.01.05

open source stimmt: gegen die selbstkosten kann man alle filmschnipsel etc (sprich: die _quellen_) bekommen, sie webseite zum film.

meint: mathias am 03.01.05

*rotwerd*

du hast recht, es heisst natürlich "just my two cents"

(nie wieder versuchen wird, cool zu sein ;) )

meint: Martin am 03.01.05

Die Kollegen von Telepolis fanden die Sache wohl auch etwas weniger heiss ;)

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/19/19205/1.html

meint: Simon 12rec. am 11.01.05

ich persönlich finde diese doku klasse.es gibt leute die können noch nicht einmal in einen bus steigen sprich überhaupt ein film drehen oder einen verstehen.

meint: Lee Ai cocca am 04.08.06

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