Bürgerjournalismus versus Meinungspublizistik

Rubrik » Netzkultur Spielerei

pip-rubberfeet-org-hamster.jpgUser-generated Content, Citizen Journalism, Bürgerjournalismus sind Begriffe, die sich derzeit in der Branche vermehrt tummeln. Nach den überregionalen Blättern starten regionale Medienhäuser eigene Weblogs, teils nur in Form von Redakteursblogs, teils aber auch mit Möglichkeiten für die Leser, selbst ein Blog zu starten. Crossmedial verzahnt werden in Ansätzen Blogbeiträge in die Printausgabe gehoben, und Printbeiträge in die Weblogs verlängert.

Text: Steffen Büffel
Bild: pip.rubberfeet.org

Mit Opinio oder der Readers Edition entstehen Onlineplattformen, die primär aus user-generated Content bestehen oder wie im Falle der Leserblogs bei der Ostsee-Zeitung oder dem Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag sozusagen als Plug-In-Bereiche in das klassische Onlineangebot der Anbieter integriert sind.

Wie schon in den zahlreichen Debatten zum Verhältnis von Einzelweblogs bzw. der Blogosphäre und Journalismus sehen sich diese Projekte immer wieder den skeptischen Blicken professioneller Journalisten ausgesetzt. Grundprinzipien des journalistischen Arbeitens, der Recherche, Qualitätsstandards und Trennung der Darstellungsformen würden nicht erfüllt, so die Argumente. Und in der Tat, für den unkundigen Leser kommen die Plattformen optisch daher wie ein journalistisches Angebot von Profis, inhaltlich zeigt sich aber dann ein anderes Bild.

Eines der Hauptprobleme von Leser-Content dürfte aus Sicht der Profis darin liegen, dass es sich dabei in den meisten Fällen um Meinungen und Kommentierungen handelt, meist nur aus einer Perspektive geschrieben und deshalb subjektiv. Als Augenzeugenberichte bei Unfällen, Unglücken oder anderen Ereignissen, bei denen kein Medienprofi vor Ort ist, werden entsprechende Beiträge von den klassischen Massenmedien aber durchaus gedruckt, gesendet und dabei teilweise 1:1 übernommen - aber, und das ist entscheidend, in einen professionellen journalistischen Kontext eingebettet.

Dass die interaktive Öffnung des klassischen Journalismus in Richtung einer besseren Leserbeteiligung gerade für die regionalen Zeitungshäuser aber auch bei den Onlineangeboten anderer Medienhäuser eine entscheidende Rolle spielen wird (eigentlich schon längst sollten) ist meiner Meinung nach kaum von der Hand zu weisen. Es ist die Frage des Wie, die es bei der Verknüpfung von Profi- und Bürgerpublizistik zu beantworten gilt. Ich vermeide absichtlich, statt “Bürger” “Laien” und statt “Publizistik” “Journalismus” zu schreiben. Denn der Begriff “Laienjournalismus” ist lediglich eine Abgrenzungsbezeichnung von klassischen Journalisten und manchen Wissenschaftlern gegenüber der nicht zum System Journalismus gehörenden Onlineveröffentlichungen, die von Bürgern publiziert werden. User-Bürger-generated Content ist per se kein Journalismus. Die Grenzen scheinen deswegen zu verschwimmen, weil z.B. mit Weblogs jedem die Möglichkeit gegeben ist seine eigene Meinung und Themen zu veröffentlichen.

Veröffentlichen erzeugt aber von sich aus noch keine Öffentlichkeit. Es Bedarf einem Mindestmaß an Aufmerksamkeit, die wiederum von der Relevanz des Publizierten für die Leser abhängt. Privates ist in der Regel nur für eine kleine Zielgruppe relevant. Da aber zum Beispiel Blogger häufig die klassische Medienberichterstattung aufgreifen, oder sich aus ihrer persönlichen Sicht zu regionalen und überregionalen Themen aus Politik, Sport, Wirtschaft und Kultur äußern, wird ein Referenzhorizont aufgespannt, der für eine breite Leserschaft anschlussfähig und relevant ist. Die Tatsache, dass einer zunehmenden Zahl von Internetnutern bewusst wird, dass sie sich nicht alleine (internet-öffentlich) äußern, sondern dass sie Kommentare erhalten und sehen, dass viele andere das gleiche tun, schafft ein Gemeinschaftsbewusstsein, aus dem durch Vernetzung der Kommunikation spontane Öffentlichkeiten entstehen, thematische Verläufe, dezentrale Diskurse. Diese sind durch ihre Dialogizität als Argumentationsspiele verstehbar, die deshalb auch zwingend wesentlich meinungsbetonter und subjektiver sind, als dies bei den klassischen journalistischen Darstellungsformen möglich wäre.

Das derzeit als Bürgerjournalismus im Sinne eines Grassroots-Movements beschriebene Phänomen, ist meiner Meinung nach deshalb auch nicht als Journalismus beschreib- und begreifbar, sondern es ist eine Form des öffentlichen Kommunizierens und Publizierens, die man als vernetzte Meinungspublizistik bezeichnen könnte. Dass sich diese netzwerkartige Meinungspublizistik nicht in die etablierten Muster des Journalismus pressen lässt liegt nahe. Aber in der meinungsbetonten Diskussionkultur der Blogosphäre liegt genau das Potential, das für den professionellen Journalismus doch von Interesse sein müsste: Die Vielfalt der Meinungen gewährleistet eine höhere Optionalität bei der Wahl und Einordnung der eigenen Perspektive und Meinungsbildung, was dann eben auch eine Bereicherung für die journalistische Berichterstattung darstellen sollte.

Bürgerjournalismus, verstanden als Verbindung von professionellem Journalismus und vernetzter Meinungspublizistik, kann deswegen auch nur moderiert funktionieren. Das Ideal, dass Millionen von Menschen plötzlich nach journalistischen Qualitäts- und Relevanzkriterien schreiben, und so ein ideal-demokratischer öffentlicher Raum entsteht, ist unerreichbar. Also wieso das Unereichbare erzwingen, wenn man das nutzbar machen kann, was da ist und schon immer da war, nämlich Menschen, die sich im Internet auf individuelle Art und nicht etwa nach normativen Vorgaben äußern. Jemanden, der an einem Chat teilnimmt zu zwingen, wie Christiansen oder ein Politiker in einer Talkshow zu reden/ zu schreiben, wäre schließlich ebenso absurd.

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Kommentare

"Also wieso das Unereichbare erzwingen, wenn man das nutzbar machen kann, was da ist und schon immer da war, nämlich Menschen, die sich im Internet auf individuelle Art und nicht etwa nach normativen Vorgaben äußern."

Das Problem dabei ist, dass die "normativen Vorgaben" weiterhin existieren, und zwar wie gehabt die der Medienmacher. Nichts ist einfacher, als die sogenannte "öffentliche Meinung" zu formen und in das enge Korsett der eigenen Interessen zu zwängen. Es ist also mehr als fraglich, ob ein sogenanntes "Nutzbarmachen" tatsächlich eine qualitative Steigerung der Medieninhalte darstellt, oder ein Mehr an Augenwischerei und falscher Objektivität. Selektion findet nämlich weiterhin statt, Interaktivität hin oder her. Das Ergebnis erscheint jedoch aufgrund der augenscheinlich repräsentativen Quellen authentischer, obwohl nach der obligatorischen Selektion nach den Vorgaben der Informationslieferanten (der sogenannte "professionelle journalistische Rahmen") von Authentizität keine Rede mehr sein kann. Ich persönlich bevorzuge subjektive Äußerungen auf hohem Reflexions-Niveau gegenüber einer aus öffentlichem Geschrei zusammengeflickten Scheinwahrheit.

meint: gonzo am 18.06.06

guter diskussionsstoff, mehr medienwissenschaftliche themen auf phlow :-)

meint: stefan am 19.06.06

"Ich persönlich bevorzuge subjektive Äußerungen auf hohem Reflexions-Niveau gegenüber einer aus öffentlichem Geschrei zusammengeflickten Scheinwahrheit."

Schöne Formulierung! Als Leser bin ich clever genug subjektive Äußerungen selbst einzuordnen und mit den meinigen Abzugleichen. Die Pseudo-Objektivität und gekünstelt distanzierte Präsentationsweise einer Tagesschau finde ich einfach unzeitgemäß und deplatziert.

meint: Steffen am 29.06.06

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