Bloggen Wissenschaftler anders?

Rubrik » Netzkultur Spielerei

hardbloggin_big.gifBlogger sind keine homogenen Wesen. Oder wie man in Kölle sacht: "Jeder Jeck ist anders". Jedoch wird eine Diskussion um die Blogger oder die Blogosphäre so geführt, als wären alle Blogger gleich - oder zumindest ähnlich. Dem ist allerdings nicht so. Das Forschungs- und Künstlerkollektiv node3000 will für Diversifizierung und Bewußsein sorgen und hat ein "hard bloggin' scientists" Manifest für bloggende Wissenschaftler aufgesetzt.

Text: Martin Wisniowski

Ok, ich geb es direkt zu. Die Aktion "hard bloggin' scientists" ist vor allem auf meinem Mist gewachsen. Der Anstoß geht zurück auf den September 2005. Dort habe ich mit mo. und Andreas (Glück Auf!) in Karlsruhe die Tagung über Weblogs, Podcasting und Videojournalismus besucht. Am Rednerpult zum Thema Weblogs: Don Alfonso und Johnny Haeusler, sowie der Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger.

Don und Johnny gaben doch ein recht kräftiges Pladoyer für "Blog was du willst!" und "Blogging is Punk!". Doch obwohl mir die ernsthaften Absichten von Johnny �Spreeblick“ Haeusler bekannt sind, kam ich mir vor wie in einer Bravo Supershow mit einer guten Prise New Economy Stimmungsnachhall. Den Gegenpol dazu bot der Kommunikationswissenschaftler Neuberger. Nüchtern und sachlich hat er seine Studienergebnisse dargelegt. Interessant war hierbei vor allem die Differenzierung zwischen A-Bloggern bzw. Premium Bloggern, die ein enormes Airplay haben, und halt den "Anderen". Das war sicherlich interessant: was aber fehlte mir nur in der Diskussion?

Nachhall im eigenen Kopf

Nach diesem anregenden Wochenende auf der Konferenz hatte ich ein sehr gutes Gespräch mit mo. auf dem Bahnhofsvorplatz in Karlsruhe. Es ist deutlich geworden, dass Bloggen zunächst mal "nur" eine (neue) Kulturpraxis darstellt. Begriffe wie "Blogger" oder "Blogosphäre" sind deswegen falsch gewählt und häßlich, weil suggeriert wird es handele sich um einen irgendwie um Geschlossenheit bemühten Begriff, der ein wie auch immer geartetes Phänomen auf den Punkt zu bringen vermag.

Das aber geht bei Blogs einfach nicht. Blogger sind so verschieden wie Menschen unterschiedlich sind. Ziele, Absichten, Form, Sprache: es gibt kaum einen gemeinsamen Nenner unter den Bloggern. Außer vielleicht der Technologie. Doch auch dort streben die Standarts an der Cutting Edge wieder auseinander: del.icio.us, Technorati, Pinggoat, Pingomatic (...), wer blickt da noch durch? (Oder einfach auf das nächste Update von WordPress warten...)

Ich habe den Eindruck, dass man im allgemeinen unter bloggen eine Art Graswurzel-Journalismus versteht. Es gibt aber auch Bemühungen um Diversität. Es finden sich auch einige Aktionen im Netz, wie z.B. "ich-bin-blogger" von ENDL. Daraus Zitat von Felix Schwenzel: "’die Blogger’ sind die erste Gruppe, der ich mich freiwillig als Mitglied zuordnen lasse, auch weil sie so wunderbar heterogen sind. Alle, selbst die mit Kubrick-Design sind anders. Sehr anders. Individuell bis zum umfallen."

Blogs und Wissenschaft

Die Wissenschaft scheint dem Bloggen gegenüber noch zu einem großen Teil misstrauisch gegenüber eingestellt. Jedenfalls ist das einer meiner Eindrücke. (Und ich arbeite immerhin seit über einem Jahr in einem großen deutschen Forschungsinstitut, zuvor mehrjährig als wissenschaftliche Hilfskraft in Lehrstühlen an der Universität.)

Dass aber Bloggen der Wissenschaft sehr zuträglich sein kann, bedarf keines großen Beweises, sondern nur einem kleinen Beispiel: John Maeda ist auf der Suche nach Simplizität. Sein Forschungsprojekt heisst "Simplicity" und beschäftigt sich mit einer radikalen Untersuchung von Design. Er ist dabei 16 Regeln der Simplizität zu erarbeiten. Das tut er nicht heimlich still und leise in seinem Kämmerchen, wie man es Cliché-haft von Wissenschaftlern erwarten würde, sondern bloggt seinen Prozess.

Konsequenterweise ist das Motto seines Blogs: �Thoughts on Simplicity“. Jeder kann seine Gedanken mitverfolgen, bei der Suche nach den "16 goldenen Regeln der Simplizität". Und 12 von 16 Regeln hat er schon erarbeitet. Der Mehrwert ist ganz klar: ich kann mich mit
Maedas Gedanken schon jetzt auseinandersetzen. Ich muss nicht warten bis ein Buch erscheint, da er jetzt schon über das Internet publiziert. Auch noch nicht ganz ausgetüftlete Gedanken können mich oder andere Wissenschaftler auf einen spannenden Pfad bringen, oder Verweise schaffen, die ich für meine eigene Arbeit benötige. In meinen Bookmarks habe ich Blogs, die ich regelmäßig verfolge. Jeden Tag werden sie abgesurft. Blogs sind für mich wie eine Mini-Umwelt. Immer auf der Suche nach einem Mikro-Diskurs in meinem Kopf.

Manifest

Vorneweg ein Zitat von Goedart Palm aus seinem Buch "Cyber, Medien, Wirklichkeit - virtuelle Welterschließungen":
"Die Bedeutung eines Mediums ist sein Gebrauch in der Gesellschaft. Im Schnittpunkt dieses Mediengebrauchs treffen sich politische, ökonomische, soziale, kulturelle und psychologische Momente, die kaum Aussicht auf eine geschlossene Medientheorie bieten, sondern zu hybriden Theoriekonstrukten verleiten, die mehr oder minder plausible Aussagen zu unserer medialen Welterschließung treffen. Mediendiagnosen, die eine reine Form des Mediums voraussetzen, ziehen sich dagegen den Vorwurf zu, den Medienbegriff nicht anschlussfähig zu entfalten." (S.49)

Wissenschaftliches bloggen ist daher mehr als nur das Auffinden interessanter Quellen oder dem Festhalten von unfertigen Gedanken. In diesem Fall tritt eine Haltung hinzu. Wissenschaft tritt durch ein kontinuiertliches, partielles Hinaussickern in die Gesellschaft hinein und damit die Möglichkeit zu einem Dialog.

hardbloggin-shirt.jpgBloggen als Kulturpraxis für Wissenschaftler verordnet wäre wohl etwas zuviel verlangt. Aber durch bewußtes Handeln kann unsere Gesellschaft profitieren. Das Bloggen wird "qualifiziert", also als gesellschaftsrelevantes Medium weiter ausgebaut. Der Wissenschaftler lernt beim Bloggen, so quasi ganz nebenbei, sich auch mit Fragen der Öffentlichkeit zu beschäftigen. Für mich erscheint das wie eine Win-Win Situation. Nun also zum Manifest:


I am a hard bloggin' scientist.

This means in particular:
1. I believe that science is about freedom of speech.
2. I can identify myself with the science I do.
3. I am able to communicate my thoughts and ideas to the public.
4. I use a blog as a research tool. That means in particular, that I
- express my thoughts,
- get in contact with others,
- have a sketch of my process online,
- get feedback and new ideas from others.
5. I trust myself.
6. I surf a lot and I read a lot.
7. I blog once in a day/week/month.
8. I give comments once in a day/week/month on other blogs.
9. I am self-aware and critical.
10. I refer to the people who done the work first.
11. I give love and respect to the people.

Special thanks goes to Andreas Schepers and his blog Glückauf for the term "hard bloggin' scientist".

Referenzen

I am a hard bloggin' scientist. Read the Manifesto. Website, Manifest, T-Shirts und Sticker für die eigene Website.

Artikel auf Media-Ocean:
Blogger und Wissenschaftler - Zwei Kommunikationskulturen?

Gedanken und Vorüberleungen zu diesem Artikel in meinem Blog:
Blogs as research tools
The Philosophy of Sketchbooks

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Kommentare

"Bloggen" hat mit Wissenschaft genauso viel zu tun wie Kohlsuppe mit Taschenrechnern: gar nichts. "Wissenschaftliches Bloggen" gibt es nicht. Lediglich der Inhalt des Weblogs ist wissenschaftlicher Natur. Die Form bleibt dieselbe: subjektiv, ungeprüft, unwissenschaftlich. Blogging ist kein wissenschaftliches Arbeiten, da es nicht auf der Methodik aufbaut, durch die ein sogenanntes "wissenschaftliches Arbeiten" gekennzeichnet ist.

"Der Mehrwert ist ganz klar: ich kann mich mit
Maedas Gedanken schon jetzt auseinandersetzen. Ich muss nicht warten bis ein Buch erscheint, da er jetzt schon über das Internet publiziert. Auch noch nicht ganz ausgetüftlete Gedanken können mich oder andere Wissenschaftler auf einen spannenden Pfad bringen, oder Verweise schaffen, die ich für meine eigene Arbeit benötige."

Von einem Mehrwert kann trotz ausgeklügelter Rhetorik ("ganz klar") keine Rede sein: erst das geprüfte und mit allen verifizierten Quellenhinweisen versehene, vollständige Werk kann als solides und deswegen stabiles Fundament für weitere wissenschaftliche Arbeiten herangezogen werden. Stichwort "Plagiarismus": das Ausborgen und Weiterentwickeln unvollständiger und vor allem ungeprüfter Ideen (die ja zumindest im genannten Beispiel letztendlich auf ein Gesamtwerk abzielen: die sechzehn Gesetze der Einfachheit) halte ich ebenfalls für hochgradig unwissenschaftlich.

Wer hat eigentlich Interesse an unvollständigen und ungeprüften Informationen? Da liegt der Mehrwert wohl eher in dem Resultat des wissenschaftlichen Arbeitens, nicht in der Vorgehensweise. Wer Interesse daran hat, die Entstehung einer wissenschaftlichen Arbeit mitzuverfolgen, für den ist ein solches Blog sicher eine gute Wahl - allerdings lernt man das wissenschaftliche Arbeiten am besten indem man selbst arbeitet, nicht anderen Leuten dabei zusieht. Eine Demokratisierung der Wissenschaften wird trotz des Mediums Internet noch lange auf sich warten lassen. Vielleicht ist dem Autor der Weg in die Bibliothek auch einfach zu weit - oder das Medium Buch bereits viel, viel zu veraltet.

meint: J.D. am 18.12.05

@J.D. Du hast schon ganz richtig den Unterschied festgestellt zwischen bloggenden Wissenschaftlern und Wissenschaft samt seiner Methodik etc.. Es wäre naiv zu glauben, dass Blogs andere Medien wie z.B. das Buch, den Bericht etc. ablösen würden. Jedoch öffnen durchs Bloggen verschlossene Tore, bzw. werden durchlässiger. Ist dir das noch nie passiert, dass du auf einem Universitätsflur den Assistenten nach der Dissertation gefragt hast und es statt eine Antwort die nur rollende Augen gab? Wieviele Studenten kenne ich, die nichtmals wissen, mit welchen Themen sich die Lehrkräfte beschäftigen. Ja, das ist doch keine Studiensituation! Und hunderte von Websites von Wissenschaftlern genügen kaum Standarts oder sind Abkürzungskryptisch gestaltet. Die meisten Frames im Web 2005 findet man im Wissenschaftbereich (oder bei Heilprakitkern ;).

Der Informationsfluss ist doch grade in diesem Bereich sehr wichtig. Übrigens ja auch der Grund, warum zu Tagungen, Symposien etc. geladen wird.

meint: 020200 am 18.12.05

Zu was der Sticker am Weblog sonst dienen soll, als sich von der Meute der gemeinen Blogger abzuheben, erschließt sich mir nicht. Muss ich jetzt an meinem Reiseweblog auch einen Sticker der Form „hard bloggin’ tourist, which is proud to be a Z-list Blogger“ anbringen? Kommen dann die hard bloggin’ journalists, webworkers, consultants, barristers, sellers and so on?

Wenn wirklich diese 11 Thesen des Manifestes notwendig sein soll, um Wissenschaftler zur Wahrhaftigkeit zu bewegen, dann ist es um die Wissenschaft noch trauriger bestellt, als ich dachte. Diese 11 Thesen sind Selbstverständlichkeiten, über die man nicht zu diskutieren braucht. Warum sie in ein Manifest gießen? Allgemeiner gehalten, kämen wir zur Bloggethikette. Dazu brauchte man nur sience in der ersten These in „blogging“ und in der zweiten These in „the things“ umändern. Wer ernsthaft bloggt, hält sich daran ohne sich einen Sticker anzuheften.

Ich bezweifle aufrichtig, dass Wissenschaftler, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen, durch dieses Manifest geläutert werden. Die anderen werden auch so das Richtige tun. Was es mit einem Blogger, ob Wissenschaftler oder nicht, auf sich hat, erkenne ich im Web noch immer an seinen Taten sprich, den Artikeln, die er schreibt, und den Kommentaren, die er hinterlässt. Ein Sticker ist da wenig hilfreich. Der kann auch eingefügt werden, weil es gerade in ist, oder weil ihn alle anderen haben.

meint: marion am 18.12.05

Wunderbar. Jetzt geht eine Diskussion um das Bloggen los. Genau darauf war die Stickeraktion ausgelegt.

In der Wissenschaft scheint einiges im argen zu liegen. Die Phantasie was neues zu entdecken geht zurück. Forschen ist mitlerweile eine antragsbasierte Bürokratie geworden. In der Biologie wird zum Beispiel behauptet es gäbe nicht mehr viel zu erforschen. Und das ist grober Unsinn. Betrachten wir nur die Biochemie des Menschen, dann müssen wir einsehen, daß wir eigentlich noch überhaupt nichts wissen.

Blogs laden zum Brainstorming ein. Naive Ansätze können Ideen lostreten, die zu neuen Erkentnissen führen.

"Hardblogging Scientist" bezieht sich nicht auf ein Qualitätssiegel oder eine Trennung von anderen Bloggern, sondern auf die Tatsache, dass auch Wissenschaft gebloggt werden kann. Es ist kein Widerspruch Forschung und Öffentlichkeit miteinander zu verbinden! Im Gegenteil wird durch einen Blog der Drang nach neuem und die Suche nach dem "Mythos", den Einstein einst beschrieb, wieder neu erschaffen. Wissenschaftler waren immer schon Gruppen von eigenbrödlerischen und neugierigen Menschen. Dies geschah oft im kleinen.

Nun passiert es in den Blogs.

meint: MrBob am 18.12.05

Das sogenannte Blogger-Manifest braucht kein Mensch, geschweige denn die Wissenschaften. Entweder man arbeitet und schreibt wissenschaftlich, oder eben nicht. Dafür braucht es kein Manifest, sondern kompetente Autoren.

Den Dialog suchen halte ich zwar einerseits für eine lobenswerte (wenn auch alles andere als neue) Idee; die berechtigte Exklusivität vor allem der Geisteswissenschaften, deren Diskurs eben nicht jedem Hinz und Kunz einen adäquaten Kommentar entlockt, wird sich durch derartige Forderungen nicht aufheben lassen. Und was soll bitte der T-Shirt-Verkauf? Wissenschaft braucht keine T-Shirts und keine Pseudo-Identitäten, sondern Zeit, Mühe und qualifizierte Fachkräfte.

Die Kommunikation mit dem Durchschnittsleser via online-Interface bringt niemandem Vorteile: 1. kann sich jeder Interessierte Informationen auch anderweitig und ebenso problemlos beschaffen; 2. Wird einem Wissenschaftler an unangemessenen und wenig kritischen Kommentaren nichts liegen, wenn er es mit seiner Arbeit ernst meint; 3. findet sich eine viel angemessenere Art und Weise der Verbreitung und Demokratisierung von wissenschaftlicher Erkenntnis jedweder Art und Weise bereits in der Vielzahl von Feuilletons, die sich nicht nur in den gedruckten Tageszeitungen finden, sondern ebenso und in womöglich erheblich größerem Ausmaß in den Pendants im Internet. Hier wird zu Gunsten der Leserschaft auf Jargon verzichtet; 4. kompetente Journalisten sind dafür sicher besser gerüstet als kompetente Forscher und Forscherinnen; 5. im Bereich des wissenschaftlichen Journalismus werden spezialisierte Autoren für genau diese Tätigkeit bezahlt; wieso sollte dieser Bereich aufgelöst und in den Bereich der Wissenschaften selbst übertragen werden?

Und was die T-Shirts betrifft: die braucht die Welt noch weniger als das Manifest; wer auf der Suche nach Identität ist, der sollte sich weniger auf Kleidung und Manifeste verlassen, als auf selbständiges Denken.

meint: J.D. am 18.12.05

nochmals vorneweg: ich bin der Autor des Textes, in den Kommentaren als 020200 unterwegs.

@J.D. Ich möchte mal aus meiner Sicht die Punkte 1-5 kommentieren.

zu 1. Ja. z.B. in Bibliotheken, oder in Fachzeitschriften, die entweder teuer und kaum zu bekommen sind. Auch ist nicht jede Bibliothek optimal ausgestattet. Das sind Eventualitäten. Es gibt auch Ausnahmen. Die meisten Infos über aktuelle Publikationen jedefalls beschaffe ich mir meistens über amazon oder den entsprechenden Verlag selbst in Internet. Gut sortierte Büchergeschäfte sind auch nicht mehr dass, was sie mal waren, oder sind einfach nicht mehr sooft präsent. "Ja, das können wir bestellen. Warten sie 2 Tage!"
zu 2. Ich finde auch hier muss man relativieren. Zum einen unterstellst du, dass die Kommentare unangemessen und wenig kritisch sind. Warum? Zum anderen finde ich gibt es einen Unterschied zwischen der Beurteilung einer wissenschaftlichen Arbeit und dem Prozess, wie diese zusammenkommt. Bloggen ist etwas der prozesshaftes. Und in genau dieser Phase (z.B. in welche Richtung werde ich meine Arbeit entwickeln?) können solch Kommentare von enormer Wichtigkeit sein. Genauso wie man mit seinen Kollegen diskutiert. Überhaupt: das Prozesshafte des Bloggens ist für mich ein sehr wichtiger Bestandteil, der in der Diskussion noch überhaupt keinen Eingang gefuden hat.
zu 3. Wenn es also schon Feuilletons im Internet gibt zerfließen die Grenzen eines Mediums bereits schon jetzt.
zu 4. Auch hier würde ich gerne Differenzieren zwischen Berichterstattung (Journalismus) und dem Prozess (Forschung).
zu 5. Auch hier wieder: es ist KEINE Rede davon irgendwelche Strukturen aufzulösen (wo steht das?). Es geht um eine sinnvolle Nutzungs des Mediums Blog und gleichtzeitig darum, auch der Wissenschaft an sich mal etwas mehr Airplay zu gönnen und den sprichwörtlichen Elfenbeinturm etwas durchlässiger zu machen und sich einfach frei auch innerhalb der Gesellschaft zu bewegen. Das Schreiben von Forschungsanträgen und das Verheizen von Forschungskohle allein reicht IMHO einfach nicht aus. Es ist nicht genug.

Und ja, es stimmt. Dieses Manifest sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Und "kompetente" Forscher sollten eh selbstverständlich so arbeiten. Aber Zwischen soll- und ist-Zustand sehe ich gewisse Inkonsistenzen. Wenigstens wurde eine schöne Diskussion ausgelöst. Das jedenfalls freut mich schon sehr.

Diene Kommentare J.D. lesen sich ein bisschen wie "es ist alles gut so wie es ist" und ich kann diese Haltung durchaus verstehen. Ich jedenfall sehe das andres und habe einen anderen Blickwinkel auf das geschehen.

meint: 020200 am 18.12.05

"Dieses Manifest sollte eine Selbstverständlichkeit sein"

Nein, _dieses_ Manifest halte ich als Monolith für ziemlich unausgereift und an vielen Stellen unpassend und unzureichend. Ich würde die Schwerpunkte anders setzen und einige ändern/hinzufügen. Aber das spielt hier keine Rolle, schließlich steht das bereits fertige Manifest zur Debatte, nicht meine persönlichen Ansichten. Wurde das Manifest eigentlich auch im Weblog und unter Berücksichtigung des Feedbacks der Leser strukturiert? Wissenschaftliches Arbeiten braucht keine Manifeste; Manifeste werden lediglich zu Zwecken der Identitätskonstruktion seitens der Initiatoren ins Leben gerufen. Wenn dann auch noch vermarktbare Produkte (z.B. T-Shirts) dabei herausspringen, kann sich auch der gemeine Konsument als Idealist im wissenschaftlichen Feld fühlen, wird es indes jedoch nie sein, da der vermeintliche Idealismus die stabiliere Grundlage der Vernunft stückchenweise unterminiert.

"Diene Kommentare J.D. lesen sich ein bisschen wie 'es ist alles gut so wie es ist'"

Es ist nie alles gut "so wie es ist"; Veränderungen und Entwicklungen sind selbstverständlich permanent notwendig und erfreulich. Ich denke nur, dass eine Verschiebung der bisherigen wissenschaftlichen und wissenschaftsjournalistischen Arbeit in den Bereich "Weblog" keine Besserung der Zustände mit sich bringen kann, im Gegenteil: durch die Überführung eines zurecht exklusiven Bereichs in den öffentlichen Raum führt in der Entstehung sicher nicht zu mehr Gehalt, sondern womöglich zu einer Angleichung an die Mitgestalter und damit zu einer Abflachung.

"Es geht [...] darum, [...] den sprichwörtlichen Elfenbeinturm etwas durchlässiger zu machen und sich einfach frei auch innerhalb der Gesellschaft zu bewegen."

Das Problem ist, dass der weissenschaftliche Diskurs, da er eine differenzierte und aufwändige BEschäftigung mit dem Betrachtungsgegenstand verlangt, für eine Demokratisierung nicht geeignet ist. Spezialisten braucht es einerseits für die wissenschaftliche Arbeit und andererseits für den Transfer der Ergebnisse in den öffentlichen Raum. Für beide Anforderungen gibt es bereits funktionierende Strukturen. Was würde das Weblog ergänzen, das nicht schon längst vorhanden ist?

meint: J.D. am 18.12.05

Ja. Einige Punkte des Manifests erscheinen wie Selbstverständlichkeiten. Aber dass sind sie im wissenschaftlichen Kontext leider oftmals nicht. Ich arbeite, wie 020200 auch, in einer sehr grossen IT-Forschungseinrichtung und bin dort in der Unternhemenskommunikation tätig.

Ich glaube, dass Blogs in der Tat als Kommunikationsmedium für Forscher und Wissenschaftler sehr wichtig und interessant sein können. Vorrausgesetzt, man ist als Wissenschaftler eben offen für Kritik und Anregungen und verschliesst nicht die Augen vor der Realität da draussen in der wirklichen Welt.

Gerade für die Kommunikation zwischen Forschergruppen (z.b. innerhalb groesserer Rahmenprojekte) aber auch für die Kommunikation von Forschungsergebnissen (was bei öffentlich finanzierter Forschung unabdingbar ist) erscheint mir der Einsatz von Blogtechnologien sinnvoll.

meint: andreas am 18.12.05

Das Manifest ist durch Diskussionen in kleinerem Kreise entstanden. Ich kann mir durchaus vorstellen, das fertige Ergebnis hier zur Diskussion zu stellen.

meint: 020200 am 18.12.05

@J.D.
Unpassend ist hier die Entweder-Oder-Rhetorik.

Was ist daran so schlimm, wenn Wissenschaftler_auch_bloggen? Wenn ich an dieser Stelle mal auf Web2.0 zurückverweisen darf: Wissenschaftliche Forschungsprozesse in Blogs "aufgelöst" ermöglichen eine andere Art des Informationsmanagemets, und schließlich sprechen wir hier von komplexen (bisweilen fraktalen) Strukturen, wenn wir die Welt der Wissenschaften meinen. Laufende wie abgeschlossenen Forschungen lassen sich leichter finden und überblicken. Die Möglichkeit, an entscheidenden Punkten zu intervenieren, wird Wissenschaftlern erleichtert (man denke einfach mal an die vielen unrühmlichen Spezis, die ihre F.-Ergebnisse angehübscht oder gar phantasiert haben, um ein schönes Bild in der wissenschaftlichen Welt abzugeben). Abgeschlossene und wissenschaftlich abgesichterte Forschungsergebnisse können doch noch immer in gedruckter Form erscheinen. Wenn sie von einem versierten Wissenschhafts-Journalisten kommuniziert werden, sind alle glücklich.
Blogs sind Werkzeuge zur Kommunikation, die das Potential haben, auf technischem Wege wissenschaftliche Informationen zu strukturieren und zu kanalisieren, und das schon zu sehr frühen Zeitpunkten in aktiven Prozessen.

meint: Dr. K. Lohr am 19.12.05

"Was ist daran so schlimm, wenn Wissenschaftler_auch_bloggen?"

Gar nichts; bloß brauch es dazu weder ein Manifest noch T-Shirts und Promotion.

"Blogs sind Werkzeuge zur Kommunikation, die das Potential haben, auf technischem Wege wissenschaftliche Informationen zu strukturieren und zu kanalisieren, und das schon zu sehr frühen Zeitpunkten in aktiven Prozessen."

Die Frage ist, wer diese Kommunikationsmöglichkeiten tatsächlich nutzt. Generell glaube ich nicht, dass ein wissenschaftlicher Autor neben seiner Arbeit noch Zeit findet, die eigenen temporären (!) Ergebnisse zu Kommunikationszwecken - mit wem? - aufzubereiten, zumal auch dies eine ganze Menge Aufwand bedeutet, der sich meiner Meinung nach nicht rechnet. Ein wissenschaftlicher Autor ist schließlich zunächst kein "Informationsmanager" für die breite Öffentlichkeit, sondern ein Spezialist in einem wenn auch hochkomplexen Arbeitsfeld. Die Aufarbeitung sollte erst nach Fertigstellung der validen Ergebnisse erfolgen. Außerdem lassen sich wohl auch die Publikationen im Internet "schönen"; insofern kann von einer Absicherung der Qualität nur bedingt die Rede sein.

Ich halte es einfach für falsch, wissenschaftlichen Autoren vorzuwerfen, dass sie entweder nicht bloggen und damit den Kommunikationsfluss zwischen Wissenschaften und Öffentlichkeit behindern. Genauso ist es wohl ziemlich naiv, Wissenschaftlern ein mal-eben-so-über-den-Daumen-gepeiltes "Manifest" vorzulegen und zu glauben, dass a) dieses Manifest aufgrund seiner Inhalte Gültigkeit besäße und b) die Wissenschaftler ein solches Manifest überhaupt nötig haben.

Es spricht also nichts dagegen, wissenschaftliche Arbeit per Weblog zur Verfügung öffentlich zu machen; allerdings wird sich für eine an sich schon aufwändige Arbeit dieser Schritt nicht lohnen, da das Feedback zu schwach ist - es sei denn, man hat Lust, ein erhebliches Mehr an Arbeitsstunden in die Aufbereitung der eigenen Arbeitsschritte und Teilergebnisse zu investieren. Das erhoffte Feedback erfordert seinerseits eine erhebliche Einarbeitung in die untersuchten Phänomene seitens der Leser, die in der Form sicher nicht erfolgen wird und auch gar nicht immer zu leisten ist.

Wer also Interesse daran hat, seine Arbeiten im Weblog vorzustellen: gerne. Besser wäre es allerdings, diese Aufgaben wissenschaftlichen Assistenten und Fachjournalisten zu überlassen. Und die haben das hier präsentierte "Manifest" sicher nicht nötig.

meint: J.D. am 19.12.05

Ich bin kein wissenschaftler und kein koch, aber soweit
ich weiß waren die wissenschaftler die ersten (neben dem militär) die das internet als tool genutzt haben. Und mit dem "bloggen" kommt eigentlich nur der zuschauer dazu. Und entgegen der meinung von J.D. kann man allein durch "zuschauen" sehr viel lernen.
Außerdem scheint mir J.D. sehr idealistisch zu sein, was wissenschaft angeht :).
Natürlich muß man auch anmerken, daß die dokumentaion des "work in progress" in der öffentlichkeit gerade im trend liegt: Ob bei fotografen oder wissenschaftlern. Es hat auch immer den beigeschmack des feuillitonistischen.
- Die fragestellung ist aber auch seltsam, als wenn mann diskutieren würde, was das medium buch mit wissenschaft zu tun hat!? Ich denke es hängt alles von der gewissenhaftigkeit der macher ab. Brost.

meint: peter am 19.12.05

@J.D.
Wieso die Aufgabe wissenschaftlichen Assistenten und Fachjournalisten überlassen? Wir reden hier, imho, nicht über das Professoren-Blog. Darum geht es gar nicht. Wissenschaftliche Assistenten sind genau so "hard bloggin' scientists" wie promovierte oder habilitierte Forscher/Wissenschaftler.

Und genau den Fachjournalisten sollte man es eben nicht ueberlassen. Klar, es gibt einige hervorragende Wissenschaftsjournalisten, die es sehr gut verstehen, Themen ihres Fachgebietes für die Allgemeinheit aufzubereiten. Aber die sind selten. Abgesehen davon, geht es beim Bloggen meiner Ansicht nach auch darum, von der Möglichkeit gebrauch zu machen, den Filter einer Redaktion zu umgehen, wenn man beabsichtigt, für ein Laienpublikun zu schreiben.

meint: andreas am 19.12.05

Das Manifest ist eine Trivialität; schnell auf'n Bierdeckel runtergeschrieben. Erregt Euch das Medium Blog immer noch so, dass es mal wieder wie so oft nicht um Inhalte geht, sondern immer wieder um's Bloggen selbst? Was war nochmal Punkt 9 des Manifests, ihr dauererregierten Gehirne ihr?

meint: Sarah am 27.12.05

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