Starving But Happy: Ein Blick in die Mechanik einer Web-Compilation

Rubrik » MP3 Download Musik

starving5.gifUnter www.starvingbuthappy.tk gab es letztes Jahr eine von zwei Menschen zusammengestellte, sehr gelungene Compilation semi-elektronischer Musik inklusive Cover Artwork zum Download - kostenlos. Mittlerweile ist die zweite Compi online: "Starving But Happier". Evi Herzing im Gespräch mit René Margraff.

Da einer der beiden Menschen, die sich dafür engagieren, René Margraff ist, den ihr auch als YOT-/ Phlow und De-Bug-Schreiberling kennt, oder auch als CKID, oder als Radio Z Redakteur, oder als.... - was hab' ich noch alles vergessen?

Jedenfalls habe ich es so ausnahmsweise mal verdammt einfach, an so was wie ein Interview zu kommen. Er macht "Starving But Happier" zusammen mit Nicolas Saez, und woher dieser genau kommt, und wie die beiden sich kennengelernt haben, und wie sie darauf kamen, als ANORAK zusammen Musik zu machen, und was sich daraus inzwischen entwickelt hat/ weiterhin entwickeln wird, und wie sie darauf kamen, eine MP3-Compilation ins Netz zu stellen, und wie sie an die anderen KünstlerInnen kamen, und was ihre Auswahlkriterien sind, was muss Musik haben, um bei euch zu landen, und wie sie beim Zusammenstellen vorgehen, und wie lange Starving But Happy online war, und wie es zu den Plänen kam, das jetzt doch auch auf Tonträger auf Simball Rec. zu veröffentlichen, und wie ist es mit der Kurzlebigkeit von Musik heute: ist es nicht schon reichlich spät, wenn das Album zur Compilation erst ein Jahr später erscheint, oder ist das egal, weil es vielleicht einen ganz anderen Kreis von Menschen erreicht, oder ist diese Musik einfach nicht so kurzlebig, dass so was ausmacht, und wann und warum sie beschlossen haben, dass da ein Sequel folgen muss, und worin für René die Unterschiede zur ersten Compilation liegen, das alles habe ich René gefragt, und erhat so wunderbar en bloc geantwortet, dass ich ihn einfach komplett so zu Wort kommen lassen möchte:

starving.gifRené: "Nicolas lebt in Brüssel, ist ein junger Hüpfer von 23 Jahren, studiert irgendwas zukunftsloses mit neuen Medien und konsequenterweise haben wir uns total postmodern kennengelernt, über das WWW.

Genauer gesagt gab es damals, Ende 2001 so eine funky neue Filesharingplattform und Community namens Soulseek und da hingen damals ungefähr 5% der Leute von heute ab. Da wir beide aber eben schon immer viel cooler / nerdiger / gestörter (bitte selbst entscheiden) als alle anderen waren, waren wir damals schon da und haben uns immer über diese Leute gewundert, die den ganzen Tag über die nächste Autechre-Platte philosophiert haben.

Wir haben da beide dann teilweise auch nur aus Spaß irgendwelche Autechre-anbetenden Kids angestänkert, böse Dinge über die gesagt ("Amber" ist eine knorke Platte für mich, der Rest des kleinen Autechre-Gesamtwerks beeindruckt mich auf einem technischen Level, aber so rein emotional geht mir so Knarzmusik doch meist auf den Senkel, bin halt ein alter Sack). Jedenfalls haben wir dann mal unsere eigenen Musiken getauscht und schnell gemerkt, das hier jemand ähnlich/anders tickt und dass das gut zusammenfunktioniert.

Wir haben unseren ersten 4 Tracks dann recht bald als eine EP gesehen und auf einer Website im Netz präsentiert und diverse Mailing-Listen gespammt, schnell ein paar Online-Reviews bekommen und obwohl diese Tracks dann schon 500 Mal oder so runtergeladen wurden, hat sich Static Caravan dann für eine 7" mit uns begeistern können...

starving2.gifDie erschien Mitte 2002, im September 2003 erscheint auf Mira Records "14 secrets we shouldn´t tell". Mit der Zeit ergaben sich aufgrund unserer Anorak-Tracks einfach Kontakte. Ein paar Mal passierte es, dass uns Leute aufgrund unserer Musik ihre vorspielen wollten und auch umgekehrt... Das war zu einer Zeit als solche Indietronics-Netlabels wie so oft oder Observatory noch nicht da waren. Es gab fast ausschließlich so IDM-Kram (1. Fussnote), also so ambiente Elektronika-Sachen (Kahvi/ Mono211), 8bit-Sachen (8bitpeoples/ Micromusic) oder experimentelles wie eben die 'No Type'-Sachen (2. Fussnote ). Auch momentan ist das Angebot in der Elektronika echt größer als bei anderen Geschichten, was ja auch logisch ist, da elektronische Musik meist eh schon im Computer beendet wird und es keine große Sache ist, die Dinge dann gleich weiter zu reichen.

Egal, jedenfalls hatten wir dann irgendwann so viele Kontakte und waren echt genervt, dass diese Tracks so verstreut im Netz lagen, dass wir uns gedacht haben, die Sachen zusammenzutragen und plopp, Starvingbuthappy.tk war geboren...

Wie lange wir online waren mit der ersten Compilation weiß ich gar nimmer. Wir waren ja teilweise immer mal wieder down, Server-mäßig, aber wer die Originalversion haben möchte, dem sei eben nur "Soulseek" ins Ohr geflüstert. Auf jeden Fall kam irgendwann im September 2002 eine Email von Dorian von Simball Records (Languis) aus Pasadena und ein langes Telefonat folgte... Er wollte unsere Compilation auf CD veröffentlichen. Das hat ewig gedauert, die Tracks wurden in Chicago gemastert (ja, echt, da wo Tortoise auch immer mastern...), ein paar nicht so dolle Tracks haben wir ganz gemein gedroppt und ein paar neue Stücke von Dntel, Nowhereman, Languis und einem gewissen Paul (Killerstück!) haben wir draufgepackt.

Insofern ist das, was erscheint eigentlich Starvingbuthappy1b). Wir haben da ziemlich lange drüber diskutiert, was okay geht und was wir nicht wollen und haben dann wegen einem Track von XXX ziemlich hart diskutiert, da er für uns elementar war. Simball wollte den nicht, wir aber eben schon. Mit den als "Verkaufsargument" addierten Tracks sind wir genauso hart ins Gericht gegangen und haben dort komplett entscheiden können, was wir wollen und was nicht (einen Track von YYY haben wir abgelehnt, der war uns zu langweilig).

starving4.gifJedenfalls sind wir einerseits froh, dass dieser erste Teil auch nicht so internetliebenden Menschen zu Gehör gebracht wird, aber irgendwie hat uns dieses Verhandeln und alles was mit dran hängt an so einer Platte schon echt mürbe gemacht. Wir haben echt großen Respekt vor Menschen, die ein Hardware-Label machen, gerade so jemand wie Dorian ist verrückt, da er es ja eigentlich wissen müsste, dass ein paar Leute immer spinnen, denn er hat ja auch die 45 Seconds Compilation (3. Fussnote ) mit den 99 Artists oder so gemacht. Das ist ja die reine Koordinationshölle.

Für Nicolas und mich ist der Ansatz von "Starvingbuthappy" jedenfalls ein etwas anderer als bei der neuen MP3-Compi "Starvingbuthappier", doch dazu später mehr. Für uns ist dieser erste Teil abgeschlossen und steht recht gut alleine da, von daher ist es egal, ob er schon so alt ist und die neuen Tracks und der bessere Sound sollten eigentlich langen, um sich die Anschaffung zu überlegen, da wir das damals ja nur in eher mageren 128 Kbps codiert hatten.

Nur weil andere sagen, eine Platte wäre nach einem Monat schon durch, werden wir nicht nervös. Bei mir läuft gerade "Remain in light" (4. Fussnote ), die ist dann schon seit 22 Jahren durch, aber aufregender als 99% der aktuellen Sachen (sollten Fans von !!! (5. Fussnote ) schon mal checken...) Auf jeden Fall ist selbst bei unserem kleinen Netlabel schon genug Arbeit drin.

Selbst wenn es nur darum geht, alle Infos zu bekommen, kann das recht nervig werden oder die technische Seite (alleine die Endlos-Schlaufe von Emails von Artists, die glauben, ihr Track wäre zu leise, usw, usf...). Also Respekt an Simball, obwohl es so lange gedauert hat.

Tragischerweise läuft momentan alles planmäßig, aber Dorian liegt im Koma, da ein Virus sein Gehirn angegriffen hat. Alex von Languis macht nun Simball so lange weiter. Wir dachten uns nur "scheiss auf die CD, uns wäre es lieber Dorian würde wieder aufwachen". So richtig unbeschwert können wir uns also nicht am Release im September freuen.

starving3.gifDie Fortsetzung zu planen und durchzuführen hat auch ewig gedauert, aber sie stand schon fest bevor die CD dazwischen kam. Da wir zwar schon noch geforscht haben, aber solche Labels wie Observatory und Sosoft ja auch recht gute Sachen machen, haben wir keinen Sinn darin gesehen, dann die gleichen Leute zu fragen. Es war etwas schwieriger also irgendwie ein Statement zu machen.

Zudem sind wir offen gestanden relativ gelangweilt von Melodie-Elektronik. Viele Leute dachten, sie würden total gut auf eine Fortsetzung von Starvingbuthappy passen und haben uns Links geschickt zu Sachen, die dann oft eben wie Band X oder Y klangen, was eben meist doch eher übeflüssig ist. Von daher wollten wir es stilistisch etwas ausfasern lassen, aber auch nicht verkrampft experimentell sein.

Uns geht es auch immer um genau diesen einen Track, manchmal finden wir von Leuten auch nur ein Stück wirklich überragend und wollen dann genau dies, während sie dann immer neue vorschlagen wollen. Kann ich verstehen, aber so funktioniert das bei uns nicht. Sonst könnten wir ja gleich lauter Artist-EPs machen, was echt nicht sein muss. Gefallen ist für uns ein Auswahlgrund, mehr kann ich nicht sagen. Beim zweiten Teil war es dann irgendwann auch ein bestimmtes Feeling in den Tracks, weshalb wir dann ein paar Stücke wieder geknickt haben.

Es gibt ja eh so viel alte gute Musik, also erstmal langsam damit, neue draufzupacken... Der Unterschied zwischen "Starvingbuthappy" und "Starvingbuthappier" ist vielleicht so zu fassen: für uns ist es eher ein Regentag als ein Sonntagnachmittag in der Sonne. So monsterdepressiv mögen die Tracks nicht klingen, oder? Aber für uns ist das schon auch qualitätsmäßig noch ein Stückchen weiter und es gab eine fiesere Quality-Control.

Analog zum echten Leben geht es inzwischen nicht mehr so arg um Kumpelei, mehr um Abgrenzung, nein auch das nicht, das wäre zu aggro, hmm, aber wir können nicht alle lieb haben und haben uns rein geschmackstechnisch sehr verändert. Nicolas mochte schon immer so anstrengende Klassik genauso gerne wie Bogdan Raczynski und wir haben uns da auch echt viel gegenseitig auf "andere" Musik gestoßen. Nunja, wie es weitergeht, wissen wir noch nicht. Mal schauen. Wir sind rein stilistisch für vieles offen. Auch HipHop oder so, aber das ist ja auch so ein etwas komischer neuer Trend. Egal. Nur Dixieland-Kram, das geht gar nicht."

Eine Extrafrage lag mir dann noch auf der Zunge, nämlich warum bei René der Begriff 'elektronische Musik' einen Würgreiz auslöst...

René: "Hm, finde das immer etwas arrogant und vereinfacht. Mag sein, dass ich paranoid bin. Eine Platte wie die neue Four Tet ist sehr elektronisch (weil am Computer zusammengeschnipselt), aber musikalisch würde ich sie eher als etwas sehr eigenes mit Folk, Jazz und HipHop-Elementen beschreiben. Jaja, das klingt zum Kotzen, daher ist Folktronics/ Indietronics gar kein so schlechter Begriff.

Elektronisch sind heute doch alle, die ganzen Gitarrenbands auch, wer produziert denn nicht mit dem Computer? Also, alles elektronische Musik, da sequenzt und totgeschnitten. Vieles, was Menschen zuhause am Computer machen, hat mehr Swing als Rockproduktion. Wieso spielen Menschen nach einem Klicken??? So ein Kack... Mir ist der Begriff einfach zu kurz und nichtssagend. Vergleiche mal Adult. (6. Fussnote ) mit Manitoba, beides elektronische Musik, wobei elektronisch bei Adult wohl eher für electroid steht und bei Manitoba eher die Produktionsweise beschreibt, die den HörerInnen ja eigentlich erst mal egal sein sollte (ausser es sind so muckende Authentitäts-Nazis)."

Natürlich wollte ich auch wissen, warum sie so selbstlos kostenlos Musik veröffentlichen, und darauf entgegnete er: "Wir machen das, weil es uns nicht schadet und wir genau so viel verdienen wie an einer Single. Dabei aber wahrscheinlich mehr Leute erreichen, andere Leute erreichen (und dann lustige Emails aus Chile bekommen). Und weil wir Kontrollfreaks sind."

Tja, und wer ein bissch im Netz nach kostenloser Musik dieser Art rumsucht, stößt z.B. auf www.sosoft.tk und dort erzählt The Analog Hamster, dass sein Vorbild STARVING BUT HAPPY war, soso - na, René, wie fühlt es sich an, wenn Leute eineN als "Inspiration" betrachten?
René: "Fein. *blush*"

Und ab Anfang Juni solltet ihr dann mal unter www.starvingbuthappy.tk vorbeiklicken, und, wenn ihr in Nürnberg oder Region lebt, die Augen nach Flyern aufmachen, denn da wird es vielleicht auch eine 'Releaseparty' geben! (Evi Herzig)

Unser Dank geht an Evi und das Yotzine, dass wir auch hier das liebe Interview veröffentlichen durften. Mehr über Evi findet Ihr auf evemassacre.de.

Die Site: www.starvingbuthappy.tk...


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Fussnoten:

Fussnote 1) intelligent dance music, vielleicht ignorant dumbo music? das ist das, was uns labels wie warp beschert hat, aber auch so kram wie kid 606 wird da drunter subsumiert. mitte der 90er gingen die musikfuzzis davon aus, dass der warpkram schlaue elektronik ist, weil ma ja seinen booty dazu nich
shaken kann, you know. (zurück zum Textabschnitt)

Fussnote 2) das wunderbare netlabel www.notype.com, das soeben aus einem tiefen slackerschlaf erwacht ist. (zurück zum Textabschnitt)


Fussnote 3) hm, es gab dieses projekt, jeder artist hatte 45 sekunden zeit, das ganze wurde ohne pausen auf eine cd gebannt, dabei waren z.b. ckid, david & james figurine, hood, jan jelinek, lali puna, languis und soulo. (zurück zum Textabschnitt)

Fussnote 4) von vielen als das beste angesehene talking-heads-album. (zurück zum Textabschnitt)

Fussnote 5) 1996 in Sacramento gegründetes Postpunk-Dance-Unit mit Bläsern und so, und mit 3 Leuten von Outhud (GSL Records), auszusprechen als "Chik Chik Chik" oder "Pow Pow Pow" oder was einer/m sonst so an coolklingenden Repetitiva einfällt. (zurück zum Textabschnitt)

Fussnote 6) Adult. (ganz wichtig und schick: Punkt und Leerstelle gehören bitteschön zum Namen dazu!) Detroit Musiker auf Esatz Records, macht z.B. Soundcollagen aus Retro Elektro Sounds (zurück zum Textabschnitt)

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