AGF + Zavoloka - Never Produces The Same Beat Twice

Rubrik » Experimentell

agf-zavoloka.jpgIch neige ja zum Freejazz der späten 1960er- Coleman, Coltrane, Ayler; Sun Ra von mir aus. Ab einer gewissen musikalischen Ereignisdichte kann das Gehörte einen ähnlichen Effekt haben wie eine wogende Ambient-Fläche, man verliert sich in granulierten Soundpartikeln und Entspannung setzt ein. Die Platte von Antye Greie (a.k.a. AGF) und Kateryna Zavoloka bewerkstelligt da ähnliches.

Text: Bettina Rhymes

Dazu später mehr. Ich habe noch einen zweiten, ähnlich schiefen Vergleich auf Lager. Vielleicht liegt es einfach daran, dass ich in letzter Zeit zuviel 90er-Jahre Ostküsten Hip Hop gehört habe, aber irgendwie will mir die Assoziation Wu-Tang Clan – AGF+Zavoloka nicht mehr aus dem Kopf. Wo ist die Verbindung?



Hip Hop als Genre dürfte für Antye und Katia (in dieser Konstellation) eine verhältnismäßig geringe Rolle spielen, der Ansatz, ihre Sounds, Samples und Stimmen auf kompromisslos roughe Art und Weise in einen Topf zu werfen, erinnert mich aber jedes Mal an RZA’s überkomprimierte Claps, die peakende Raps eines Ghostface Killahs oder den Einsatz thrashiger Kung-Fu Samples auf der 36 Chambers. Ein wichtiger Unterschied ist natürlich die Tatsache, das Rap-Gruppen wie Company Flow oder eben der Wu-Tang Clan ihre Songs komponieren, um über eine festgelegten Struktur zu improvisieren – AGF+Zavoloka aber haben ihre Kühe gegen magische Bohnen getauscht und lassen ihre Tracks autark in den Himmel wachsen.



Und da sind wir wieder beim Freejazz. In den 50, je ungefähr einminütigen Tracks passiert unglaublich viel. Getreu dem Albumtitel „Nature Never Produces The Same Beat Twice“ bersten die einzelnen Titel vor unterschiedlichen Sounds, Rhythmen und Samples. Wer mit dem Werk Zavolokas vertraut ist, dürfte viele ihrer semi-tonalen Synthesizer-Klänge wieder erkennen. Hier und Da erklingen auch die typischen Flötensounds, verfremdet in kurzen referentiellen Samples.



Überhaupt Verfremdung: ein Großteil der Songs ist mit den Stimmen von Antye und vor allem Kateryna versetzt. Diese spielen aber nicht wie bei AGF oder Zavoloka Solo eine strukturell-tragende Rolle, sondern stehen auf einer Ebene neben allen anderen Sounds. Trotzdem, und das liegt wohl in der Eichung des menschlichen Gehörs auf diesen bestimmten Frequenzbereich begründet, geben gerade diese kurzen, zerhackten Samples halt im Sturzregen der akustischen Ereignisse, den AGF+Zavoloka auf uns herabprasseln lassen. Daneben schwingt immer ein (bloß angedeutetes) melodisches Potential in den Beats mit, das das Album über den akademischen Cut-Up Elektronika-Verdacht erhaben macht.



Wie viel dabei Improvisation oder Zufall ist, kann ich nicht beurteilen. Das übergeordnete Prinzip des natürlichen Wachstums ihrer Tracks würde die Rolle der beiden als Selektionsinstanz nahe legen. Das Konzept der Verknüpfung von organischer Wucherung und algorhytmischer Produktion geht jedenfalls auf. Musikalisch dürften euch Matmos, Mouse On Mars, Pan Sonic oder die späten Autechre Anhaltspunkte bieten- ganz trifft es die Arbeit von AGF+Zavoloka aber nicht. Ihre Tracks sind zu sperrig und schnodderig um hier den future sound of electronic music auszurufen, mich aber hat das Album gefesselt wie lange kein Elektronika-Release davor - und bei jedem Hördurchgang wächst es. Zeit für eine Bestellung bei Nexsound, don’t you think?

Links

Artists: www.zavoloka-agf.com
Freie Albumklänge: www.zavoloka-agf.com/tracklisting.html
Website: www.nexsound.org

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Kommentare

wow. danke. toller text.

meint: andreas am 10.04.06

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