The Corporation - Schuhe vom Psychopathen

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Adbusters - Corporate Flag-Ausschnitt

Eine Frage: Würdest du Brötchen vom Bäcker kaufen wenn du wüßtest, daß er seine Frau, Kinder oder Angestellten mißhandelt?

Bei Schuhen dürfte die Antwort schon etwas anders ausfallen. Oder anders gesagt, in Realität tun es immer noch die meisten Menschen obgleich sie auch diese Frage mit "Nein" beantworten würden. Was das Eine mit dem Anderen zu tun hat erklärt ein neuer Dokumentarfilm aus Kanada: The Corporation (zu deutsch: Der Konzern).

Text: Tadeusz Szewczyk

globale05 - The Corporation im Voraus restlos ausverkauft

Als ich neulich auf der globale05 meine Presse-Akkreditierung einsetzen, und mich umsonst in den Film The Corporation einschleichen wollte, war die Vorführung schon eine Stunde im Voraus völlig ausverkauft.

Dabei ist der Film The Corporation lediglich eine Dokumentation und lief zudem im Original (Englisch) ohne Untertitel.

Nun, ich kam noch in den Genuß des Films. Tagsdarauf in der eilig angesetzten Zweitvorstellung im "Festival-Center" der globale, also einem ganz normalen Raum auf dessen Wand. Dafür aber ganz auf Spendenbasis.

The Corporation, guter Film über schlechte Welt

Oder sollte ich eher sagen Verdruß? The Corporation handelt von Psychopathen. The Corporation handelt von sehr mächtigen Psychopathen. Nein, es geht nicht um Diktatoren oder auch demokratisch gewählte Staatsoberhäupter. Nein, es geht auch nicht um CEOs, also Chefs von Großkonzernen oder deren Besitzer. Nein, es geht nicht um Phil Knight oder Rupert Murdoch.

Es geht um die Konzerne selbst! Ist aber ein Film über Pathologie dennoch genießbar?

Der Konzern, ein prototypischer Psychopath

Haaalt, höre ich dich sagen. Wie kann ein Konzern, ein Psychopath sein? Ein Konzern ist kein Mensch. Eine psychische Krankheit kann nicht auf abstrakte Gebilde übertragen werden.

Fangen wir also am Anfang an. Seit wann gelten Firmen als Juristische Personen? Seit Mitte des 19. Jahrhunderts (also um 1850) hat sich diese Form der Rechtsperson erst durchgesetzt.

Eine Firma, ein Konzern kann also eine juristische Person sein. Sie hat die gleichen Rechte wie ein normaler Mensch und noch einige mehr.

Ich bin aber kein Jurist um dies zu erörtern. Was mich interessiert ist, wenn ein Konzern rechtlich einer Person zumindest gleichgstellt ist, gelten für "ihn" auch die gleichen Pflichten und Normen?

Konzerne - Wiederholungstäter auf freiem Fuß

The Corporation beantwortet diese Frage anhand von etlichen Beispielen mit einem eindeutigen "Nein". Trotz teils furchtbarer und andererseits regelmäßiger oder wiederkehrender Geetzesverstöße sind die für schuldig befundenen Konzerne nach wie vor "auf freiem Fuß".

Es gilt eine ganz einfache Rechnung: Sind die Kosten für die Strafe niedriger als die für die Einhaltung einer gesetzlichen Norm... Dreimal darfst du raten, dann wird verschmutzt, entrechtet, unterschlagen, Leib und Leben gefährdet um nur Einiges aufzuzählen.

Diagnose: Kein normaler Straftäter, ein kranker Serientäter

Doch damit nicht genug. Die Kriterien der WHO (Welt Gesundheits Organisation) für "asoziale Persönlichkeiten" werden anhand von Beispielen nach und nach mit einem Häkchen versehen. Konzerne seien etwa amoralisch oder kennen kein Schuldgefühl.

Hall of Shame, aber nicht nur

Natürlich treffen wir alte Bekannte wie Nike, IBM oder Fox News die aber mit neuen Enthüllungen und perversen Details erneut erschrecken oder anwidern. So werden Arbeiterinnen für Nike-Zulieferer, die für Hungerlöhne in schwer fortifizierten Fabrikhallen schuften müssen, auf die Hundertstel-Sekunde überwacht. Der bekannte Vorwurf der Computer-Hersteller IBM sei maßgeblich an der Organisation des Holocausts beteiligt gewesen wird dadurch erhärtet, daß die Maschinen die dazu benutzt wurden nicht von einem eigenmächtig agierenden IBM-Arm in Deutschland stammten. Nein, diese Lochkarten-Systeme waren direkt bei der IBM-Zentrale in den USA geleast, also nicht mal gekauft, gewesen. Mehr noch, die Lochkarten mußten stetig vom Mutterkonzern nachgeliefert werden.

Schließlich wird gezeigt wie Rupert Murdochs Fox News, George W. Bushs Nummer Eins-Cheerleader für den Irakkrieg, jahrelang eine Sendung über ein schwer gesundheitsschädliches Hormon zur Rindermast auf Druck von dessen Hersteller unterdrückte.

Das tut alles weh und spätestens da wird dem Zuschauer klar, The Corporation ist kein Zuckerschlecken.

Andererseits bemühen sich Mark Achbar und Jennifer Abbot, die Regisseure von The Corporation, nicht einseitig zu sein.

Ein geläuterter CEO hat immer wieder Redebeiträge in denen er eine "nachhaltige" Zukunft für sein und andere Unternehmen anmahnt und vorstellt.

Wie sich die Handlanger des Systems selbst entlarven

Doch damit nicht genug. Die stärksten Momente entwickelt der Film dann, wenn er die Beteiligten der Konzern-Vorherrschaft selbst sprechen läßt. Nicht nur Kopfschütteln, auch einige Lacher entlocken die Ausführungen eines Brokers, eines Wirtschaftsspions, einer Marketing-Spezialistin.

Die letztere ist sehr zufrieden mit ihrer Quengel-Studie. Darin wurden Eltern befragt in welchen Situationen und bei welchen Produkten ihre Kinder quengeln und wann sie solange nerven bis sie das betreffende Produkt bekommen. Ziel der Studie war die Kinder dabei zu unterstützen erfolgreich diese Produkte zu erquengeln. Zum Wohle der Sponsoren von dieser, den Herstellern und Vertreibern dieser Produkte.

Die Aussagen der ebenfalls auftretenden Ikonen des Widerstands, Noam Chomsky, Michael Moore, Naomi Klein garnieren die Kernaussage hingegen nur. Sie allein könnten bei Weitem nicht so überzeugen.

Der nette Psychopath von nebenan

Besonders auffällig und eine zentrale Aussage der Dokumentation ist aber diese, nicht der Einzelne Konzernherr kann wirklich verantwortlich gemacht werden. Das klingt verwunderlich, wird aber an einem besonders schönen Beispiel klar. Da tauchen im Vorgarten des bösen CEOs ein Dutzend teils vermummte Aktivistinnen und Aktivisten auf und rufen "Mörder". Dieser und seine Frau, statt die Flinte zu holen oder die Polizei zu rufen, lädt sie ein zum gemütlichen Plausch bei Kaffee und Kuchen.

Überraschenderweise ist er scheinbar sogar ehrlich einer Meinung mit den Radikalen. Nur, er kann nicht wirklich so wie er gerne möchte. Auch wenn das nicht die ganze Wahrheit ist, jeder kann in seinem Machtbereich seine Befugnisse auch zum positiven benutzen. Doch der Spielraum ist sehr gering.

Das ist die eigentliche Stärke des Films. Er zeigt nicht mit dem Finger auf "die Kapitalisten". Im Gegenteil, er zeigt wie nette Menschen von nebenan innerhalb einer psychopathischen Struktur wie der eines Konzerns automatisch sich an die Regeln halten müssen. Hier gilt aber vor Allem eine, Profite um jeden Preis.

So wie zur Zeit der Sklaverei, da gab es auch gute, menschenfreundliche Sklavenhändler. Innerhalb eines Unrechtsystems versklavten aber auch sie andere Menschen.

The Corporation - Die rote Pille

Fazit: Wer weiter den Glauben an den "friendly Capitalism" behalten möchte, der alle Wünsche erfüllt, dabei bunt und fröhlich ist, der möge diesen Film meiden. Wer wie Neo in Matrix die rote Pille der Wahrheit vertragen kann, sollte sich ihn allerdings unbedingt anschauen.

The Corporation-Trailer können im Internet angeschaut werden. Nur einige Kinos zeigen den Film im Bundesgebiet. Die globale-Organisatoren sind aber auch offen für den Weiterverleih. Wem das alles nichts nützt, kann sich den Film auch online auf der dazugehörigen Website bestellen.

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Kommentare

danke fuer die klasse und ausfuehrliche kritik. scheint ein intelligenter film zu sein, der nicht michael-moore-typisch alles ver-cliche-tisiert und polemisch daherkommt.

schade nur, dass ihn wahrscheinlich wieder nur die schauen, die sich sowieso schon ein wenig auskennen. aber man kann nicht genuegend seine argumenter schaerfen.

meint: mo. am 23.01.05

http://www.theyesmen.org
http://www.adbusters.org
http://www.corpwatch.org
http://www.cursor.org
http://www.theyrule.net
......

meint: prymer am 23.01.05

jo das genze ist doch eh eher wie eine mehrteilige reportage aufgemacht... dachte das wäre im us fernsehen gelaufen..

lustig fand ich auch das cocacola beispiel...--> fanta für die deutschen....(lol..fanta ist nazicola)

meint: boman am 24.01.05

Hallo,

sehr schöner Artikel. Zum Film allerdings muss ich sagen, dass mir die ewige Wiederholung der psychologisierenden und vermenschlichenden Komponente nach einer Weile auf die Nerven ging.
Außerdem zieht der Film hier und dort die falschen Schlüsse. Es wird zumindest suggeriert, dass das Rücksichtslose in unserem Wirtschaftssystem nur an der sich herausgebildeten Form der Konzerne läge. Es ist aber erst die sich stehts erneurnde Notwendigkit zur Kapitalakkumulation die diese Form überhaupt erst nötig und möglich macht. Trotzdem ein unterhaltsamer Film.

meint: Robert am 26.01.05

den film gibt es unterdessen gratis zum downloaden.
(mit einem aufruf, den film trotzdem finanziell zu unterstützen).

meint: mich am 14.01.07

Ja, und den Soundtrack hier:

http://www.kikapu.com/label/releases/kpu101.html

meint: Rondomat am 18.01.07

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