Sid-King-Cole and The Magic Bitbreakers

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8bit_logo_ani.gifDie Computerei kommt in die Jahre, denn immer öfter höre ich mich von der guten alten Zeit schwärmen, als Dateien noch genau dort lagen, wo man sie gespeichert hatte. 25 Jahre nachdem die Glotze als Monitor für den Heimcomputer herhalten musste, ist festzustellen, dass man an einem Stück Kulturgeschichte teil hatte.

Text: Mario Gongolsky
Bild: www.8bitpeoples.com

Klick-klock. Klick-klock. Sehr viel mehr gab das Tennisspiel der ersten Videospielkonsolen nicht her. Doch das änderte sich schnell: Mit der ersten Nintendo-Konsole hämmerten erstmals blecherne E-Sounds aus den TV-Lautsprechern, um reichlich kranke Jump-and-Run-Spiele zu untermalen. Mit dem Commodore C-64 gab es sodann nicht nur einen achtbaren Homecomputer für das Volk, sondern auch die Möglichkeit, selbst Musik zu erzeugen.

Mit dem MOS 6581 und MOS 8580 verfügte der Commodore über einen SID-Baustein (Sound Interface Device) und damit über den Archetypus moderner Soundchips schlechthin. Die Möglichkeiten sind aus heutiger Sicht stark limitiert. Im Grunde hatte der SID nur einen recht einfachen Ton- und Rauschgenerator zu bieten. Die geschickte Zusammenstellung basishafter Wellenformen, Ton- und Rauschbeimischung brachte allerdings ziemlich erstaunliche Klangergebnisse zum Vorschein.

Kerniges zur rechten Zeit

C-64-Kompositionen passten Mitte der 80er Jahre perfekt in die Zeit. Auch die Neue Deutsche Welle wurde von schnarrigen Elektroniksounds geprägt. Während die Hersteller von Synthesizern sich zum Ziel gesetzt hatten, natürlichen Klanggebilden immer näher zu rücken, bescherten die Beschränkungen der Commodore-Sounds der elektronischen Musik ein völlig eigenes tonales Selbstverständnis. Anfang der 80er Jahre hatten Musiker wie Jean-Michel Jarre und der Japaner Kitaro die Richtung vorgegeben: Klangwelten, die zwar naturale Klangassoziationen weckten, aber im nächsten Moment auch wieder verwarfen. Der scheppernde Sound der 8-Bit-Arrangements wirkte hingegen ehrlicher und eigenständiger. Hochkonjunktur auch für Hersteller billiger Heimorgeln wie Bontempi oder Viscount. Deren Instrumentenregister, die ganze Orchester ertönen lassen sollten, sind bei genauem Hinhören eine herrliche Groteske, eine entsetzliche Karikatur orchestraler Klangerlebnisse.

Ob Trios Da-Da-Da mit seinem einfältigem "kluck-klick-klackklig-klucklig" Elektronikschlagzeug, die Entdeckung der neuartigen Klangwelten von "Kraftwerk" [1] deren Label treffenderweise "Kling-Klang" heißt, oder die dahinpeitschenden Akkorde der Deutsch-Amerikanischen-Freundschaft [2]; Elektroniksound, der sich von der Natursynthese emanzipierte, war über Nacht chartfähig geworden.

Der 8-Bit-Sound ist quicklebendig

Die Lust auf die Auseinandersetzung mit dem Vergangenem rückt nun jene Kompositionen wieder ins Rampenlicht, die es gar nicht auf Vinylscheiben geschafft hatten. Eine musikalische Welt, die eigentlich jenen Nintendo- und C-64-Besitzern vorbehalten war, die sich mit dem Computerspielvirus infiziert hatten. Viele User waren pfiffig genug, sich die Spielmusiksequenzen auf 5,25-Zoll-Disketten zu ziehen oder sich gar selbst mit den musikalischen Möglichkeiten des SID näher zu befassen. Das Ergebnis ist eine Welle von Webseiten, die genau jene 8-Bit-Klanginstallationen wieder lebendig werden lassen. Die Wiederentdeckung der so genannten Chip-Tunes rief altgediente C-64-Komponisten ebenso auf den Plan, wie neue Interpreten.

Die SID-Files lassen sich inzwischen mit C-64-Emulatoren auf jedem normalen PC wiedergeben, ja sogar Winamp-Plugins gibt es [3] [4] [5], um die alten Schätze wieder hörbar zu machen.

Die knochigen Sounds von Commodores SID und Nintendos NSF liegen inzwischen sogar wieder als kostenpflichtige MP3-Downloads und regelrechte Audio-CDs vor. Wer es nicht glaubt, kann vielleicht einmal einen Abstecher auf Kohina [6] machen, wo oben auf der Seite Ogg-Vorbis-Streams abgefahren werden kann. Auf dieser Radiostation läuft Musik vom jedem Rechner, der in den 80ern einen Ton absondern konnte: Ob Tandy 8080 oder Amstrad CPC, rare Klänge einer verblichenen PC-Epoche.

Wer sich besonders für Nintendo-Musik interessiert, für den ist die Seite 2a03.org [7] ein Muss, denn sie beherbergt ein umfangreiches Archiv nicht kommerzieller musikalischer Ergüsse, die mit dem Nintendo-Entertainment-System und seinem Soundbaustein 2A03 erzeugt wurde. Nintendo-Spielemusik gibt es in der NES-Musicbox [8] und dort findet sich noch der Verweis auf die Webseite von Kevin Horton [9], dem Erfinder des Nintendo-Sound-Formats NSF.

Soundrevival aus dem Online-Shop

Nach so vielen Hintergründen kann der Besuch einer witzigen und tönenden Webseite mit Klangbeispielen und richtigen Downloads nicht schaden. Der Weg sollte ohne Umwege in die Schweiz führen, wo Carl und Superbeacon eine vielbeachtete Seite mit dem Titel Micromusic [10] betreiben. Dort kann man ganze Chiptune-Compilations auf CD oder Vinyl ordern (Preise 16 bis 20 Euro pro CD). Einen C-64-Plattenladen hat das Netz natürlich auch zu bieten, unter C64Audio [11], der Heimat des letzten tönenden Untergrunds, wie die englische Seite verspricht. Nicht ganz unzutreffend, denn das Geschäft mit dem musikalischen Erbe des Heimcomputers steht eigentlich erst ganz am Anfang.

Links

[1] Kraftwerk
[2] DAF
[3] Winamp-Plugin
[4] SID-Player
[5] Winamp-Plugin II
[6] Kohina Radio
[7] Nintendo-Sounds
[8] NES-Musicbox
[9] NSF-Erfinder
[10] Micromusic.net
[11] C-64 Audiostore
[12] www.8bitpeoples.com

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Kommentare

Danke, schöner Artikel.

Der allerdings noch um den Link zur High Voltage SID Collection ergänzt werden sollte: http://www.hvsc.c64.org

Eine Sammlung so gut wie aller je auf dem C64 erstellten Tunes, z.B. aus Spielen, momentan über 30000!

Sehr zu empfehlen: Sucht mal nach Stücken von Ed (Wrath Design) oder nach Taxim, die machen Hammer Stücke.

meint: Q-Man am 06.10.05

Wunderbarer Artikel mit super Links zum Phänomen. Mehr über die SID-Pioniere der ersten Stunde und die Anfänge von computer-generierter Musik hier:

http://www.jahtari.org/magazine/sid/sid-main.htm

meint: disrupt am 06.10.05

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