Netaudio 2006: Aufbruch zu neuen Ufern?!?

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frederik.jpgBettina die Maus hängt das ganze Jahr über nur rum, starrt in den Himmel, lauscht den Bienen und träumt vor sich hin. Hört sich ganz nach postmoderner Slacker-Existenz an? Richtig. Aber im Winter hat Bettina was zu erzählen und bringt den anderen Mäusen den Sommer in die kalten Löcher. Ein Jahresrückblick von und mit Bettina ‚Frederik’ Rhymes.

Text: Bettina Rhymes

2006 war für mich ein Jahr voller experimenteller, poppiger und spannender Netaudio-Releases. Schon der Januar hatte ein echtes Highlight zu bieten. Dino Spiluttini aus Wien veröffentlicht auf seinem Label Beat is Murder die zweite Liger-EP als Split-Release mit A Thousand Fuegos. Brüchiger Avant-Garde Pop mit Momenten höchster Emotionalität, vorgetragen mit der Emphase eines Menschen der sich seiner Angreifbarkeit bewusst ist. Nur taggen solltet ihr die Dateien lieber selber... Im Februar brillierte dann das walisische Serein-Netlabel mit 1.000 Hours of Staring (Phlow berichtete). Voll analoge Ambient-Musik zwischen Field-Recordings, Postrock und verstaubten Synthesizern von Opa’s Dachboden. Absorbierend.

Eine phänomenale Platte legten Plainaudio im März nach: Die gesammelten Aufnahmen von Repetition|Distract vereinen den düsteren Jazz-Appeal von Bohren & der Club of Gore, die Sogwirkung des Trip Hop und Sound-Fragmente experimenteller Rock-Musik (Phlow berichtete). Ein absolut eigenständiges, feines Album. Für den Freund der improvisierten Musik führte dann im April kein Weg an Andrey Kiritchenkos’ Nexsound-Label vorbei. Unter dem Namen Ballrooms of Mars veröffentlichen die vier verrückten Franzosen Christophe, Charles, Carole und Charles ein Album intensiven Free-Jazz mit Anleihen an Noise- und Geräusch-Musik. Großartig die immer implizite Tonalität, trotzdem nichts für zart Besaitete! Diese sollten sich lieber mit zwei erstaunlichen Samplern die Zeit vertreiben- zum einen sei da Alexandre Navarros’ Summer Lights-Compilation auf EKO, zum anderen der Wedding-Soundtrack auf Aerotone. Das EKO-Netlabel beweißt einmal mehr seine Unerlässlichkeit bezüglich smoother und eigenständiger Ambient-Musik abseits des Netaudio-Mainstreams, Aerotone spielen dagegen souverän die Indietronik-Trumpfkarte (Phlow berichete) und gefällt vor allem uns Mäuse-Mädchen. Turnus! Leander! Nun ja.

2006 hatte auch echten Hip Hop zu bieten. Das schöne Belladonna-Netlabel war mir vorher nicht bekannt, aber mit Jeff Acciaoli a.k.a. The Great Mundane habe die Amerikaner ein ganz dickes Eisen ins Feuer gelegt. Tighter, elektronischer, instrumentaler Hip Hop aus Chicago. Klassisch und doch modern. Ein anderes Knüller-Release kommt aus dem Hause Kikapu. Der Kanadier Matt Chisholm veröffentlicht dort unter dem Namen adcBicycle eine schlüssige Auswahl von Songs seines selbst betitelten Albums. Postmoderner Alles-Geht Pop mit dem Willen und der Kompetenz zu Dramaturgie und Melodie.

Könnt ihr noch? Zwei Zip-Files müssen noch auf eure Festplatte. Erstens: Hans-Dampf-in-allen-Gassen D’Incise (bürgerlich Laurent Peters) führt das Zymogen-Netlabel in höchste Höhen mit seiner epischen Insectes, Attente et Pixels-EP. Diese Platte hat wenigstens mir den Glauben an IDM und elektronischen Musik mit Songstrukturen wiedergegeben. Überhaupt Zymogen: Supi Label. Zweitens: Tape Tum. Deren selbst betitelte EP auf dem sonst eher etwas kruden portugiesischen Netlabel Merzbau ist eine Offenbarung! Grundlage des Schaffens der Gebrüder Dousselaere aus Belgien ist moderner Folk und Indie-Pop. Ausgehend von zarten Gitarren-Akkorden und simplen Melodien zerlegen Tape Tum ihre Lieder aber so dann mit Harmonie-Gesang, Synthesizer und Analog-Delay. Wow! Merzbau zeigen Sundays in Spring wie es besser geht…

Ihr seht also, während ihr das ganze Jahr Nüsse gesammelt und die Mäuse-Höhle ausstaffiert habt, war auch Nager Bettina nicht untätig. Ich ziehe für 2006 das folgende Resümee: Netaudio im Aufbruch! Offline-Veranstaltungen allerorten, verdiente Netlabels streichen die Segel oder stagnieren, doch viele ‚Third Wave’-Netlabels schließen die drohende Lücke. Ganz langsam bewegt sich sogar der Dinosaurier GEMA, die Netaudio-Politiker suchen die Einigung. Professionalisierung? Vielleicht. Die Szene braucht weiterhin das Selbstbewusstsein, nicht Zwischenstation auf dem Weg zum ‚echten’ Label zu sein, innovative Musik, smarte Internet-Auftritte, gutes Design und Artwork. Distinktion zum Klingelton-Mainstream auf der einen, Offenheit den klassischen Medien auf der anderen Seite. Ich bin zuversichtlich.

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Kommentare

schöner artikel, schöne releases!

kannst du nicht öfter aus deinem mauseloch krabbeln, liebe bettina?

meint: Benne am 06.12.06

so viel netaudio, so wenig zeit....

meint: Eikman am 06.12.06

Hey Bettina, danke, sehr schöne Zusammenfassung. Werd gleich mal schmökern.

meint: Q-Man am 07.12.06

Danke:-) Tja, dann mach ich mich mal an die Arbeit.

meint: Rupert am 07.12.06

Danke. Besonders Cantaloup ist wirklich großartig.

meint: Christian am 07.12.06

nun ja...
also das sich der dinosaurier bewegen würde kann ich so nicht bestätigen..
eine netaudio-party in einem studentenclub hier in dresden wird seit monaten jetzt von der GEMA schikaniert...

dabei ginge es um 35€ gebühr..es ist eine farce

ansonsten aknn ich deinem artikel nur zustimmen..schön mal in den musikgeschmack eines anderen ein klein wenig einzutauchen um seinen eigenen horizont wenigstens ein stückchen zu erweitern

danke schön

meint: nappunk am 09.12.06

Wirklich schöner Artikel. Den ganzen Domains und Titeln wird jetzt einmal nachgegangen.

Grüße

meint: fa am 11.12.06

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