Nils Petter Molvaer - er (Album und Konzertbericht)

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nils-petter-molvaer-2.jpgJazz und Elektronik passen oft nicht zusammen. Entweder liegt es an käsigen Beats, die auf Daddeljazz treffen oder über oder unter der Elektronik wird Jazz in jazzy Schnippsel zerdrückt. Nils Petter Molvaer gelingt das Kunststück sein eigenwilliges und seelenwundes Trompetenspiel mit futuristisch-komplexen Beats und Synthie-Sounds zu verbinden. Störgeräusche, Knistern und ein wenig Noise gehören genauso dazu, wie ein paar kleine Ethnoanleihen. Auf der Bühne als auch auf seinem neuen Album überzeugt der Skandinavier.

Text: mo.

Ich bin kein wirklicher Jazzliebhaber. Dafür kenne ich mich einfach viel zu wenig in der Welt des Jazz aus. Trotzdem gibt es ein paar Jazz-CDs in meinem Regal. Dazu gehört John Coltrane, die warme Gitarre von Kenny Burrell, ein paar wunderbar rauschende Low-Budget-Compilations mit Hits und Latin-inspirierte Jazz-CDs. Trotzdem liegt mir Jazz irgendwie ziemlich am Herzen. In erster Linie sind es die Clichés, die ich liebe. Diese rauschend-knisternden Aufnahmen, diese handgemachte oftmals improvisierte Musik, die Liebe und dichte Emotionalität. In keinem Musikgenre gibt es so schöne Balladen, nirgends ist der Sog der Emotionen stärker als im Jazz.

Daneben ist meine große Leidenschaft die elektronische Musik jedweder Farbe. Leider haben es in der Vergangenheit nur wenige Künstler beider Lager geschafft, coole Elektronik mit erstklassigem Jazz zu verbinden. Zwar gibt es viele jazzy Drum'n'Bass- und HipHop-Alben, aber richtiger Jazz steckt da nicht zwischen den Beats. Die einzigen beiden HipHop-Platten, die mich so richtig überzeugt haben, war die erste Jazzmatazz und die erste US3. Während Jazzmatazz mit rauchigen Breakbeats, einem superben Guru und richtig handgemachter Musik herkam, setzte US3 noch einen drauf. Hier waren die Beats dann nicht ganz so fett.

nils-petter-molvaer-1.jpg

In der neueren Elektronik gibt es in meinem Blickfeld nur vier wirklich interessante Musiker, die Jazz mit Instrumenten und erstklassiger Elektronik verbinden. Das sind Matthew Herbert mit "Bodily Functions" und seinem Bigband-Album, Bugge Wesseltoft, Saint Germaine und jetzt als Neuentdeckung (für mich) Nils Petter Molvaer.

Der skandinavische Trompeter hat mich in diesem Herbst mit seinem neuen Album "er" im wahrsten Sinne des Wortes weggeblasen. Wie gestern auf der Konzertbühne in Köln ist das Licht gedimmt und alles bewegt sich in so einer düster-melancholischen Traumwelt. Die Musik von Nils Petter Molvaer lässt sich wohl am besten als eine Mischung aus ambienten, tief-dunklen und erstklassig subbassigen Beats beschreiben, um welche artifizielle Percussionssplitter fliegen. Dabei treibt der Drummer mit klassischen Percussions und Drums die Beats immer weiter nach vorne. Die Rhythmen der Musik türmen sich dabei oft gemeinsam mit Trompetensounds, Störgeräuschen aus Menschenstimmen sowie Synthie-Sounds zu einer Breitwand aus Gefühl auf. Oftmals kann man sich als Hörer nicht festhalten, sondern treibt auf seiner einsamen Scholle durch dieses Klangmeer.

cover-molvaer-er.jpgErstaunlich war für mich dann bei dem Konzert die Tatsache, dass die Songs, Poems oder Balladen besser als 1 zu 1 umgesetzt wurden. Schließlich war neben dem Drummer auch ein Musiker mit MPC und Mischpult anwesend.

Wer auf traurige Melancholie steht, der sich nicht immer an Melodien im ersten Moment festhalten möchte, der leicht chaotische Collagen im Stil von Future Sound Of London liebt, sei Nils Petter ans Herz gelegt. Er ist nicht leicht, aber tiefsinnig und Pop ist hier meist ganz weit weg.

Links

Website: www.nilspettermolvaer.com

Termine

11.11. München, Muffathalle
12.11. Ravensburg, Kantine
13.11. Dresden, Scheune
14.11. Berlin, Tränenpalast
15.11. Dortmund, Domicil
16.11. Mannheim, Alte Feuerwache

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Kommentare

zitat mo.: "Jazz und Elektronik passen oft nicht zusammen..."

bitte nimm es mir nicht übel, lieber mo, aber was in aller welt hat dich zu diesem zitat hinreißen lassen???

nachdem du dir, in meinen augen, schon öfters solche schnitzer geleistet hast, muß ich langsam echt deine fachlichen kompetenzen in sachen elektronischer musik in frage stellen...

nicht nur, dass du neben jazzmatazz, bei dem natürlich der name programm ist, US3 als reverenz im hiphop-bereich bringst, sondern auch nur matthew herbert, st. germain, bugge wesseltoft und deine neuentdeckung [im jahre 2005] Nils Petter Molvaer im großen 4/4 genre-jungle als deine "wirklich interessanten musiker" nennst, geben mir den anlass diesen threat zu eröffnen.

wir hatten diese diskussion schon einmal, als es um die netaudio.blogs ging... ich weiß, lieber klappen halten und selber machen... mach ich ja... aber trotzdem schreiben leute, welche nur kraftwerk und matthew herbert kennen, rezensionen. wer nur einen guten merlot und einen trockenen shiraz zu schätzen weiß, der ist nicht gleich ein weinkenner.

ich bitte um eine fachliche, ehrliche aber auch respektvolle auseinandersetzung!

meint: daniel am 10.11.05

danke für die ehrlich kritik :)

"Jazz und Elektronik passen oft nicht zusammen..."

darunter liest du meine begründung. es passt oft deshalb nicht zusammen, weil die produktionen einfach schlecht sind und viele versuche einfach missglücken - das ist natürlich geschmackssache.

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der zweite punkt ist: ich gebe mir natürlich eine blöße, indem ich mich hier nicht als jazz-kenner inszeniere auf der anderen seite aber auch nicht meine mögliche "unbedarftheit" unter den teppich schweige. es gibt klasse hiphop-alben, die jazzy sind: dazu gehören produktionen von tribe called quest, dj hi-tekk und so... im d'n'b-bereich gibt es auch jazzy versuche, so zb. von ez-rollers, 4hero oder megashira. megashira haben es wohl am nahesten an jazz plus d'n'b mit ihrem album "at last" geschafft. mich hat das aber nicht überzeugt. dass war mir dann einfach zu daddelig.

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wenn man über musik ehrlich schreibt, dann tritt man immer leuten auf die füsse. der eine mag schranz, der andere house und wiederum eine andere ambient. ich schreibe aus dem bauch heraus, habe schon zig platten besprochen, vielleicht alle inkompetent, vielleicht auch nur manche. als kritiker mache ich mich angreifbar und kritik vertrage ich auch, also schreibt ruhig konkreter was nervt.

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zum schluss noch, vielleicht eine blaupause, was ich mir verspreche, wenn jazz und elektronik zusammentreffen. ich wünsche mir dann was neues. ich wünsche mir dann groovigen jazz und kein heilloses freejazz-gebimmel. ich mags halt konkret. auf der anderen seite wünsche ich mir elektronische musik, die auf die freiheit von jazz eingeht und sie nicht in ein sequenzer-raster quetscht. und zum schluss brauche ich einfach saftige beats die schieben. sicherlich kann es auch mal ruhiger zugehen, aber ich tanze halt gerne ;)

meint: mo. am 10.11.05

@daniel: (m)ein wunsch... nenn uns doch noch ein paar richtig gute alben und künstler, die du uns empfehlen kannst. das würde diesen thread bereichern.

meint: mo. am 10.11.05

jazz und elektronik? ninja tune hat da vor 10 jahren bereits die messlatte gestzt...

meint: fabien am 10.11.05

außerdem, herbie hancock hat bereits vor den siebzigern elektronik mit jazz zusammengebracht. das ist absolut nichts neues, und ist auch schon oft gelungen....

...jazz war schon immer ein musikalisches-elite ding. so sound kann man nur mit sehr viel talent machen, wenn nicht wirds halt dudelig...

was ist eigentlich mit jazz und netlabels?? das scheint ne echte marktlücke zu sein... ;)

meint: fabien am 10.11.05

@alle: nennt doch mal wirklich ein paar alben. bis auf aragon hat das noch keiner gemacht. auch ninja tune hat nicht wirkliche jazz-alben mit elektronik herausgebracht. ich kann mich an kein richtiges erinnern. kid koala hat superben jazz mit "drunken trumpet" geliefert, aber gibt es durchgängig gute alben auf ninja tune, die nicht nur jazzy waren?!?

meint: mo. am 10.11.05

ok, ninja tune:

alles von 'flanger' (burnt friedman und atom heart)

das was amon tobin macht kann man durchaus als jazz bezeichnen, da auch alles.

clifford gilberto, auch alles.

the cinematic orchestra auch alles

kid koala auch alles

dj food machen auch sehr viel jazziges

es gibt noch viel mehr, aber ich denke es reicht :)


so und ausserdem kann ich auch noch burnt friedmans (ein gott) soloproduktionen empfehlen, da ist auch alles jazz. und wie gesagt, herbie hancock hat soweit ich weiß schon immer synthies benutzt, und das ist definitiv jazz, seine albentitel gibts bei google ;)

meint: fabien am 10.11.05

mensch mo. jetzt wirds aber echt wild... ;)

wenn nicht ninja tune fette jazzige tools heraus gebracht hat, wer dann?

mal abgesehen davon...

jazz macht doch nicht die instrumentenwahl aus, jazz besteht auch nicht nur aus solis von einzelnen instrumenten, jazz ist grenzenlos...

JAZZ IST IMPROVISATION!!!

auechre "confield" [warp]
dieses album ist entstanden indem sie plugins ausprobiert haben...

porter ricks "biokinetics" [chain reaction]
hardwareästhetik in vollendung...

felix laband "dark days exit" [compost]
ein südafrikaner bezieht sich auf seine roots...

studio pankow "linienbusse" [cco]
berliner schule mit move d, jamie hodge, kai kroker...

innerzone orchestra "people make the world go round" [planet e]
carl craig´s jazz foundation... woher kam nochmal miles davis...

vladislav delay "the four quarters" [huume]
musikstudent mit jazz als hauptfach...

natürlich ist das nur ein klitzekleiner ausschnitt, aber doch ein sehr facettenreicher.

auf eure reaktionen freue ich mich jetzt schon! ;)

meint: daniel am 10.11.05

was für ne klugscheisser diskussion. kaum fällt das wort jazz, gehts um namedropping und pseudohochkulturellem dissen eines Journalisten, der sein ganzes Herzblut in diese Seite steckt. Ohne Phlow würde der Netaudioszene, zumindest der deutschsprachigen, eine wichtige kommunikative Basis fehlen.

meint: youknowmyname am 10.11.05

was ist denn das jetzt wieder für ein einwurf...

ich habe doch ausdrücklich um eine fachliche, ehrliche aber auch respektvolle auseinandersetzung gebeten.

niemand beschwert sich hier über phlow. niemand will hier auch nur den geringsten zweifel über die daseinsberechtigung von phlow erheben. nur sollte man auch so fair sein und seinen lesern die chance lassen sich zu äußern. ich denke, dass mo. dafür der wohl geeigneteste ansprechpartner ist.

@mo. vielen dank nochmal an dieser stelle.

mal abgesehen davon finde ich deinen namen anmaßend, denn ich habe keine ahnung wer du bist!

meint: daniel am 10.11.05

jazz ist definitiv nicht zum schwätzen da!
gehört will es werden...

für eine ernsthafte diskussion ist der begriff 'jazz' einfach viel zu schwammig. für mich heisst es im musikalischen sinne 'freiheit' 'inovation' 'frechheit' 'unabhängigkeit' und natürlich 'improvisation'. der mo hat sich da vielleicht etwas missverständlich ausgedrückt denke ich, an seiner exzellenten arbeit hier bei phlow hab ich aber keine zweifel...

meint: fabien am 10.11.05

vielleicht solltest du es mal z.b. mit

- tied & tickled trio
- enders room
- e.s.t.

oder so probieren.

grüsse

meint: aragon am 10.11.05

boah, bin ich ein pfosten... ich habe in dem ganzen Durcheinander eine der größten Virtuosen-Crews an Sampler & Co. vergessen... JAZZANOVA. Die Tage fallen mir bestimmt noch eine Menge mehr Musiker ein. *schmunzel* Dank Euch für den Thread hier, der hat mich zum Nachdenken und neue Musik gebracht.

meint: mo. am 11.11.05

peter: "Ich finde electronica hat heute vielmehr mit jazz zu tun, als der jazz selber!!"

interessant, wie meinst du das? ich komm nicht dahinter...

sehr jazzig sind natürlich auch viele sachen, die madlib produziert. z.b. 'yesterdays new quintet' eigentlich auch klar, madlib hat seine ersten platten bei blue note rausgebracht... (!)

meint: fabien am 11.11.05

irgendwie hat youknowmyname recht, wenn er sagt, daß bei dem wort "jazz" ne bestimmte kiste aufgemacht wird.
Und das ist genau das was mich so langweil! Die kiste ist ungefähr 1972 fertiggebaut und genau ab da fing man
an dieses mit jehnem zu mischen: folkjazz, jazzrock,
ethnojazz. Und man kann eigentlich davon ausgehen, daß ein stil( der ja immer eine antwort auf bestimmte anforderungen darstellt) und nicht einfach aus scheiß entsteht) dann am ende ist. Auch herbie hankock hat nicht wirklich überzeugt, obwohl er trends gesetzt!
UNd der geist von jazz wandert dann woanders hin
und zieht sich neue kleider an: zum beispiel electronica!
..

Ich glaube, man klebt zu sehr an äußerlichkeiten.
Man neigt dazu formen für das eigentliche zu halten,
aber die triebfeder dahinter ist doch viel wichtiger!
Der einzige der das im jazz verstanden hat war miles
davis, bevor er anfing mit diesem bassisten zu spielen.
...
MADLIB höre ich gerade( ist schön) und was höre ich
60iger samples, wo alles noch lebendig war. Genau
lebendig.
Die zweitbesten musiker sagen sich auch gerne: wow, ich mache jetzt jazz oder wow, ich mache jetzt folk/detroit usw.
Dabei meine ich, man kann doch nur an musik interessiert sein und jazz oder folk ist die FOLGE und nicht die URSACHE!
So, jetzt kann ich nich mmehr:)

meint: peter am 11.11.05

vergesst mal gerardo frisina nicht, momentan auch ganz groß.

meint: muckel am 11.11.05

Ich möchte hier noch eine empfehlung abgeben:
NIKITA - Random Sea - auf Nishi und Audiotie erschienen.
........ .... ....... .... ......
Ich finde electronica hat heute vielmehr mit jazz zu tun,
als der jazz selber!! und nikita zeigt da neue wege,
auch was rhytmische strukturen angeht und definiert
sowas wie "timing" und "flow" neu.

meint: peter am 11.11.05

What is Jazz ? Jazz is what ?
Jazz, die Bigbands der 40er, die wilde heiße Musik der 50er und 60er... die funkigen und spacigen 70er, die elektronischen 80er, die Kollaborationen der 90er...
Jazz ist universell, einzigartig und hat sich über die Jahre immer entwickelt und oft auch neu erfunden. Es gibt mE einfach nicht "den" Jazz. Jazz ist immer in neuen Zusammenhängen weiterentwickelt worden, mal "gut, mal "schlecht".
ZB der geile Discojazz der späten 70er, Herbie Mann mit seinem "Superman". Oder der schon genannte Herbie Hancock, der bis heute nicht ruhig sein will. Soll er auch nicht, er ist einfach auf seine Art und Weise grandios.
Und das kann gern so bleiben ;-)
LG Thorsten

meint: monocultur am 12.11.05

Dann fällt mir natürlich noch ein alles um Jan Jelinek, Triosk, To Rococo Rot etc...

meint: 020200 am 12.11.05

http://www.last.fm/music/Nils+Petter+Molv%C3%A6r/+similar

meint: 020200 am 12.11.05

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