Individuelle Ansichten: Swens Musikmarktanalyse

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swen-analyse-musikmarkt.jpgWas passiert mit der Musikindustrie ? | Schwindende Umsätze in der Musikbranche sind nichts Neues. Die Betrachtungen, Gedanken und Analysen von Swen Emmerling widmen sich in einem weiteren Teil womöglich verzerrter Tatsachen und werfen ein paar Fragen auf. Ursachenforschung auf Phlow.

Text: Swen Emmerling

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Gleich am Anfang zwei Anmerkungen: Die senkrechten Linien bei 1994 und 1999 unterteilen die Diagramme in die Bereiche "nur Analoge Kopien" (bis 1994), "digitale Kopien möglich" (ab 1994) und "File Sharing" (ab 1999). Die Unterteilung in Genres wie sie hier vorliegt, stammt nicht von mir, sondern vom Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft. (Siehe hier und hier)

Auffällig ist zunächst, dass das Genre Rock bereits seit 1994 sich auf dem absteigendem Ast befindet, hingegen das Genre Dance noch bis 1996 rasante Umsatzsteigerungen aufwies, diese dann aber ebenso schnell wieder in den Keller sackten. Pop, das umsatzstärkste Genre, konnte bis 1998 Umsatzsteigerungen vorweisen.

Um den Rückgang der Umsätze nur mit Raubkopien erklären zu können, hätten der Umsatz dieser drei Hauptkategorien gleichzeitig einbrechen müssen. Denn warum sollte das Genre Rock von Anfang an, Pop hingegen erst vier Jahre später vom Kopieren betroffen sein? 1994 kamen die Rock Fans auf den Geschmack, die Dance Fans kamen erst vier Jahre später auf die Idee, sich CDs nicht mehr zu kaufen, sondern diese sich in Form von Kopien zu besorgen? Klingt meiner Meinung nach nicht sehr plausibel. Dies würde zudem bedeuten, dass es zwischen den Käufern dieser Genres keine Überschneidungen gibt.

Sehr seltsam stellt sich auch das Genre Jazz dar. Mehr oder weniger unberührt geblieben von der Einführung von CD-Brennern, legt es 1999 und 2000 zwei Rekordjahre hin, um dann wieder auf das ursprüngliche Niveau zu fallen.

Den Rückgang der Genres Klassik, Schlager und Volksmusik lässt sich auch eher schlecht mit Raubkopien erklären. Denn welcher Opi setzt sich schon an den Rechner und lädt sich seinen Kram aus dem Internet? Die deutsche Bevölkerung wird immer älter, dies schägt sich aber nicht in einem gesteigertem Umsatz in den beliebten Genres älterer Menschen wieder. Wahrscheinlicher ist es doch eher, dass die typischen Hörer dieser Genres einfach schon alles besitzen was sie interessiert. Klassik, Schlager und Volksmusik sind nicht gerade als die innovativsten Musikgenres bekannt. Zudem kann man mutmaßen, dass trotz des steigenden Anteils älterer Menschen, den Genres Schlager und Volksmusik langsam der Fan-Nachwuchs ausbleibt.

Mein Fazit: Die Umsätze aufgeschlüsselt nach Genres, sprechen nicht für die Behauptung, "illegale Kopien" alleine seien für die dramatischen Umsatzeinbussen der Musikindustrie verantwortlich. Meiner Meinung nach sind für die meisten Konsumenten mittlerweile CDs als solche und zusätzlich das Album uninteressant geworden. Hätte die Industrie schon früher eine vernünftige MP3 Distribution im Internet gesetzt, sehe es heute vielleicht weniger schlecht für die Musikbranche aus.

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Kommentare

Bei Jazz liesse es sich mitunter auch mit den Fans erklären: Alter 35 - ...; hoher Bildungsgrad; hohes Haushaltseinkommen,...

Bei Volksmusik und Schlager darf man die Rolle des Radios nicht vergessen: Für diese Zielgruppe gibt es Dauerbeschallung auf einfachste Weise und überall => FM-Radio (und auch mehr Fernsehsendungen als für alle anderen zusammen...)

meint: aragon am 05.07.07

...und jetzt noch die zahlen der game umsätze darüberlegen...

meint: kus am 05.07.07

das dance so wenig vertreten ist hat vermutlich mit der tatsache zu tun, daß die komplette sparte Hiphop und R&B pauschal unter pop kategorisiert wurde.

in den USA beispielsweise haben diese genres bei weitem den stärksten absatz.

bei jazz ist es klar, hier gehts um echte musikliebhaber.

klassik wundert mich allerdings sehr stark, ich habe dazu auch mehrfach das genaue gegenteil gelesen. bei klassik gibt es selbstverständlich innovation, und wie - das gegenteil zu behaupten zeugt nur von ahnungslosigkeit.

noch eine anmerkung: es macht aus meiner sicht keinen sinn, den deutschen absatzmarkt zu erforschen ohne es mit dem weltweiten absatz zu vergleichen. in Frankreich, den USA und vielen anderen ländern ist der absatzeinbruch bei weitem nicht so dramatisch. die deutsche mentalität spielt hier sicher auch eine entscheidende rolle.

ein anderer, essentieller faktor ist neben absatz und umsatz natürlich auch der gewinn. ohne den ist die ganze statistik-reiterei quasi nutzlos. ein gekaufte sampler wie bravo-hits z.b. ist ein abgesetztes produkt, dennoch habe 20 bands etwas davon. ein 128kbps mp3 download ist auch ein abgesetztes produkt. beide haben dennoch wirtschaftlich eine völlig andere bedeutung.

meint: fabien am 06.07.07

noch was: wichtiger wäre vielleicht den künstler-reingewinn zu erfassen.

meint: fabien am 06.07.07

@fabien: Du bist hier echt der Meckeronkel vom Dienst, was?

Welche Innovation gibt es denn in der Klassik? Einfach das Gegenteil von dem behaupten, was Swen behauptet und nichts erklären, ist auch nicht das Gelbe vom Ei.

Und wieso macht es keinen Sinn, sich mal den deutschen Markt zu betrachten und daraus Rückschlüsse zu ziehen? Swens Analyse erhebt auch keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit, jedenfalls sehen ich keinen. Hier gehts um seine Beobachtungen und wie er zu diesen Beobachtungen kommt und wirft Fragen auf. Ich finde sie zudem auch nachvollziehbar, insofern erfüllt der Artikel seinen Zweck.

Und wenn wir schon beim Meckern sind: Es gibt nichts, was Sinn *macht*, sondern nur Dinge, die Sinn ergeben.

Grummel....

meint: screne am 07.07.07

Doch, bei "Klassik" gibt es Innovation. Das heißt dann "Neue Musik". Womöglich gibt es sogar bei Schlager und Volksmusik Innovation. Als Aussenstehender sieht man sowas ja nie...

Man sollte nicht (nur) die Game-, sondern (vor allem) die DVD-Umsätze darüber legen, also die Musikumsätze im Kontext der gesamten Unterhaltungsindustrie betrachten. Der DVD-Markt boomte jedenfalls... Und man kann jeden Euro nur einmal ausgeben.

Der Vergleich von CDs mit DVDs und Games zeigt aber auch: das Preis/Leistungsverhältnis stimmt bei Audio-CDs einfach nicht. Nach wie vor bleibe ich der Meinung, dass die Audio-CD sich preislich den Vinyl-LP-Preisen hätte angleichen müssen. Also circa 10 Euro statt 15-18.

(Hm. Andererseits werden auch völlig überteurte Konzerttickets gekauft. Alles nicht so einfach.)

meint: a.XL am 09.07.07

hier einige moderne highlights der klassischen musik, neuentdeckungen (alter werke, z.b aus russland) sind hier gar nicht dabei:

Claus Ogermann – Concerto for Orchestra (1991)
Ralph Vaughan Williams – Sinfonia Antarctica (1949)
Gustav Holst – The Planets (1916)
Philip Glass – The Canyon (1989)
Steve Reich – 18 (1976)
Josef Suk – Ein Sommermärchen Op. 29 (1911)
Aaron Copland - Appalachian Spring (1944)
Aaron Copland - Fanfare for the Common Man (1942)
Erik Satie - Trois Gymnopédies (1888)
John Adams – Harmonielehre (1985)
Samuel Barber – Adagio for Strings (1958)
Leopold Anthony Stokowski – Transkriptionen von Bilder einer Ausstellung nach Modest Mussorgsky (1940)
Ottorino Respighi - Fontane di Roma (1916)
Joaquín Rodrigo Vidre - Concierto de Aranjuez für Gitarre und Orchester (1939)
Arthur Honegger - Pacific 231 (1923)
Colin McPhee – Tabuh Tabuhan (1936)

dazu läßt sich noch sagen, das faktisch jede neuaufnahme alter werke im grunde auch eine neuerscheinung ist (weil eben auch das orchester, dirigent, konzertsaal und aufnahmetechnik einen wichtigen anteil am gesamterlebnis hat). und selbst wenn wir das alles ignorieren würden wäre der absatz dennoch langfristig gesichert, allein wegen der unvergleichbaren nachhaltigkeit dieses genres.


nun zur beobachtung des deutschen marktes. der punkt ist, dass völlig andere fragen aufkommen, wenn man den deutschen markt beispielsweise mit dem nordamerikanischen markt vergleicht. der einfluss unserer typisch deutschen eigenschaften (u.a. geiz) kann nur so uberhaupt beobachtet werden. und möglicherweise haben diese eigenschaften einen wesentlich größeren einfluss als z.b. das "absacken" von neuerscheinungen in einem bestimmten genre.

meint: fabien am 09.07.07

Kann gut sein, dass ich von Klassik keine Ahnung habe. Aber immerhin sagt mir der Begriff "Netiquette" etwas.

Zur Klassik. Je nachdem wie man die Statistiken liest, geht es diesem Genre gut oder schlecht. Die Umsätze sind seit dem Rekordjahr 1999 in den Keller gefallen. Betrachtet man jedoch den Anteil, den die Klassik am Gesamtumsatz der Musikbranche hat, dann ging es der Klassik noch nie besser. 2006 betrug der Anteil der Klassik 8,3% am Gesamtumsatz (http://www.ifpi.de/wirtschaft/jahreswirtschaftsbericht_2006.pdf) . Allerdings ist ein höherer Marktanteil bei geringerem Umsatz nichts wert. Die Neue Musik ist natürlich eine Innovation, aber sicherlich nicht geeignet den typischen Klassik-Fan zum Kaufen zu animieren.

Zudem scheint zumindest ein Klassiklabel einiges richtig zu machen:

"Naxos, the low-budget, high-volume classical record label, has been one of the few success stories in an embattled corner of the record industry over the last decade."
http://tinyurl.com/2r4f73
"Das unabhängige Klassik-Label Naxos ist jenseits aller Krisen weltweit erfolgreich."
http://tinyurl.com/27xde6


Ich denke auch, dass der typische Jazzfan eher keine P2P Software nutzt. Seltsam finde ich nur die Umsatzsteigerung von 40 Prozentpunkten im Jahr 1999. Wüsste gerne was der Grund war.

In den USA ist der Umsatz mit CDs auf ca. 65% des Rekordjahrs 2000 eingebrochen und somit ebenso dramatisch wie bei uns. 2007 wird wohl noch schlechter ausfallen. Siehe: http://tinyurl.com/27767d und http://tinyurl.com/3b3afg In den USA sieht es also auch nicht besser aus.

Zum Thema "Geiz"
Von Geiz kann eigentlich keine Rede sein. Momentan findet eine "Umverteilung" der persönlichen Ausgaben statt. Gaben die Deutschen 1995 rund 29% ihres Medienbudgets (hier gemeint: Bücher, CDs, Kino, DVDs, Sofware, Leermedien) für Musik aus, waren es 2005 nur noch 18%. Im gleichen Zeitraum stieg der Anteil für Video Medien (geliehene + gekaufte DVDs/VHS) von 9 auf 16%. Insgesamt stiegen die Ausgaben von 9,14 auf 9,81 Mrd Eur. 2005 war hinsichtlich der Ausgaben für Medien ein Rekordjahr. Nur 2001 wurde mit 9,86 Mrd Euro etwas mehr ausgegeben.
Siehe: http://tinyurl.com/2asko6 (PDF)

Andere Branchen:
In diesem Artikel sind die Umsätze der Branchen Computerspiele, Tonträger und Musik dargestellt.
http://tinyurl.com/2as5mn

meint: Swen am 09.07.07

hi
ich hab ne frage zur quelle dieser daten? Benötige nämlich so was für meine Arbeit. Sind die Daten aus Deutschland oder Österreich?
bitte antworten, ist sehr wichtig

lg

meint: Philipp am 05.02.08

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