(M)DMA 2005 – Ich kann Euch nicht (mehr) hör'n!

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dma_1.jpgFür Karl Napp hieß es am Wochenende "Dabeisein ist alles!". Er wollte und hat sie gesehen: die Stars und Sternchen der Dance-Szene. Denn es läutete mal wieder und alle standen blitzestramm und feuchtlächelnd gegenseitig die Hände schüttelnd. Doch wie das so im Leben ist, kam natürlich alles anders und viel aufregender. Karl Napp lüftet sein Camo-Shirt und wagt einen investigativen Blick hinter die Kulisse der Dance Music Awards.

Text: Von Karl Napp

Es ist doch schön, dass es Branchen gibt, die angesichts von Rekordarbeitslosenzahlen, obskuren Jobgipfeln und Dauerjammern Optimismus und Zuversicht ausstrahlen. Mitte März, parallel zur CEBIT in Hannover, fanden die DMA (Dance Music Awards) statt.

Eine Branche, die in letzter Zeit dann eigentlich doch eher durchs Jammern als durch andere Äußerungen in Erscheinung trat, tat das, was sie jedes Wochenende tut: Feiern und die Bräune vom Malletoaster kühn unter die Disco-Kugel halten. Einziger Unterschied diesmal: Man feierte sich selbst und lobte die Größten unter den Großen aus, fett gesponsert von Motorola und einer bekannten Zeitung für Anhänger technoider Klänge.

dma_eingang.jpgIch hatte eine Einladung zur VIP-Party bekommen und machte mich auf, durch die verregnete und verschneite Nacht, in die Heimatstadt unseres Bundeskanzlers zu fahren.
Klar, der Parkplatz für die VIPs war natürlich zu und der Parkplatzapostel ließ sich beim besten Willen nicht davon überzeugen, mich doch parken zu lassen. OK, nächster Parkplatz, 6 Euro Eintritt, die Pumpe fängt langsam an zu rappeln, mein Hals schwillt, schwerer Hagelschauer, ich noch dickere Füsse und pissenass, aber egal.

Auf zum VIP-Eingang, man gehört ja schließlich zu den Berühmtheiten. Kurz davor frage ich mich ernsthaft, ob ich nicht doch den "offiziellen" Eingang fürs zahlende Fußvolk erwischt habe angesichts der dicken Menschentraube davor. Egal, immerhin ein roter Teppich im Regen und ich stelle mich mit all den Clubfratzen, WonderBra-Trägerinnen, Schönjeföhnten und "Ich-bin-so-wichtig-lasst-mich-Durchs" in die Traube.

20 Minuten später, gewärmt von der schweißigen Nähe meines Nachbarn, angenehm betört vom Blick ins faltige Dekolltè meiner Vorderfrau und druff wie zwanzig Russen von der Knoblauch-Old-Spice-Mischung meines Hintermannes geht`s an der grimmigen Security-Gorilla-Wand vorbei.

dma_5.jpgDa bin ich, im Paradies der Dance-Music. Stars, Sternchen und ein Haufen Vertreter von der CEBIT im schlecht sitzenden Polyesterbuisinessanzug. Auf zur VIP-Akkreditierung. Wir sind ja schließlich in Deutschland und da ist nicht jeder ein VIP, sondern es braucht schon ein schönes Bändchen am Arm.

Ich stocke, ein riesiger Pulk vor einem kleinen Tisch. Gut, gut denke ich, die Prozedur kenne ich, rein in den Pulk. Neuer Pulk, neue Erfahrungen, neue Düfte und Dekolltés. Ich bin glücklich, dass ich dazu gehöre. Zwei Damen aus der Officedepartmentleitungsabteilung der oben erwähnten Zeitung kümmern sich um uns VIPs. Eine fragt nach den Namen, sucht in einer Liste neben dem Laptop und macht ein Kreuz. Ob ihr Chef ihr gesagt hat, dass sie das unterschreiben muss? Egal, die zweite Dame reißt mit professioneller Ruhe die VIP-Bänder ab. Sie könnte locker zwischendurch die Fingernägel lackieren oder gar ebenfalls in eine Liste gucken, aber dann hätte ich keine weiteren 20 Minuten antropologische Erfahrungen sammeln können. Ich bin auch diesen beiden Amazonen überhaupt nicht böse. Im Kino quält man sich ja auch durch Werbung und Vorfilme, bevor der Hauptfilm losgeht.

Na dann viel Glück!

dma_3.jpgNass, verschwitzt und übersättigt mit Eindrücken stehe ich glücklich lächelnd ein VIP-Bändchen am Arm in der Halle und gehe zur Garderobe. Die Menschentraube davor schreckt mich gar nicht. Ich bin im Training. Schlappe 30 Minuten später, reicher um die Erfahrung, dass vier Garderobieren sogar gemeinsam nicht die Arbeitskraft eines blinden Ein-Euro-Jobbers entwickeln können, flaniere ich durch die VIP-Lounge. Seidene Tücher, dezente Musik und unzählige Fressstationen, die – oh Wunder – alle leer sind.

Nachdem ich mir bei der ersten Station einen Teller mit Lasagne oder etwas, was zumindest danach aussah, genommen und den ersten Bissen in den Mund geschoben hatte, wusste ich schlagartig, warum es da nicht voll war. Auch die Tests an weiteren Kalorientischen bestätigten mich. Aber was nörgele ich. Ich war ja nicht zum Essen da, nein, die Stars wollte ich sehen. Mousse T und Moby, die Disco Boys und Erik Prydz mir seiner tanzenden Schwangerschaftsgymnastikgruppe.

Eine Frage der Statik

dma_4.jpgNachdem ich ein paar Runden durchs kommunizierende Volk gedreht hatte, wollte ich zu den Stars und mir die Awards ansehen. Kurz vor der VIP-Tribüne war dann aber schon wieder Schluss, denn ein netter Gorilla sagte mir, dass die Tribüne kurz vor dem Einsturz stehe, da sie überlastet sei. Auch nach fünf Minuten warten war man nicht in der Lage, mir zu sagen, ob und wann ich denn auch auf die Tribüne könnte. Also noch schnell ein paar Runden durch die Sonnenbankmeute gedreht und der nächste Versuch. Gleicher Eingang, gleiches Spiel. Eine suuuuper Orga, besser geht´s ja gar nicht, zumal der Innenraum nicht wirklich mit zahlenden Gästen gefüllt war. Aber die Dance-Branche liebt es ja exklusiv.

Immerhin, ich konnte einige Blicke auf "meine" Stars erhaschen, denn in der Lounge hingen überall schnuckelige rotstichige 51 cm Fernseher. Ein echtes Live-Erlebnis.
Nun denn, dachte ich, jetzt ist wenigstens die Garderobe frei und ich fahre eben jetzt um 22 Uhr nach Hause und lese morgen im Netz darüber. Und als ich nach weiteren 30 Minuten Warten an der Garderobe, einem heftigen Hagelschauer auf dem Weg zum 6-Euro-Parkplatz endlich nass auf sitzgeheitzem Autositz hocke, bin ich echt stolz, dass ich ein VIP bin und so richtig dazugehöre. DMA 2006, ich bin dabei, ist doch klar.

Links

Website: dancemusicaward.de Gallerie: dancemusicaward.de/gallery.php
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Kommentare

hehe, scheint ja ziemlich lustig gewesen zu sein! 8)

meint: mcs am 18.03.05

Nimms leicht. Hauptsache der Bass pumpt. Das haben wir ja auf der Love Parade schon gelernt!

meint: 020200 am 18.03.05

Wirklich sehr amüsant zu lesen!

meint: Elliptic am 18.03.05

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