Im Zeichen des Drachen - 100 Jahre Buzz-Biotop

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debug-100-phlow.jpgWow. Das muss man erst einmal schaffen. Die De:Bug ist 100. Besonderes Lob in der Medienlandschaft gilt den Vertretern elektronischer Lebensaspekte vor allem, dass sie sich seit Jahren wie wenig andere mit Elan gegen den Ausverkauf wehren. Kein Wunder das die Redakteure da noch nebenbei DJen müssen, damit das eigene Budget am Ende des Monats stimmt. Mit Respekt verneigen wir uns und lassen Janos Krüger seines Zeichens Leipziger Musik-Veteran, in einem kritisch-besinnlichem Leserbrief zu Wort kommen.

Text: Janos Krüger

Liebe De:Bug,

vielen Dank für die Vorfreude auf jede neue Ausgabe. Neben Groove, Brandeins, ct und Lodown ist die De:Bug jene gedruckte Publikation mit dem größten Spannungspotential. Aber leider auch jene, die man schnell erschöpft aus der Hand legt. Unser unermüdliches Zeitgeistgewissen zwingt einen geradezu, den Magazinstapel abzuarbeiten. Und dabei stößt man immer wieder auf hemdsärmelige Beiträge. Oft reine Textakrobatik mit langen debug-redakteur-sascha-koesch.jpggestelzten Sätzen, vollgepackt mit Akronymen und verzweifelten Diskursausbrüchen. Google ist da oft eine gute Lesehilfe und bietet einen guten Anknüpfungspunkt, zusammen mit der De:Bug tiefer in die Abgründe der modernen Freizeitkultur hinabzusteigen.

Glamour

Danke für das beständige und konstant gute Layout. Der Umstieg vom Newspaper- zum Magazin-Format war schon ein kleiner Schock für alle Kloleser. Schnell konnte man sich überzeugen, dass ein fetter Knick in der Heftmitte ebenso leicht hinzunehmen ist wie eine auseinander fliegende Zeitung.

Jetzt müsst Ihr Euch zwangsweise in das Magazinregal stellen lassen - neben andere Musik- und Lifestyle-Magazin mit kurzen Halbwertszeiten. Erst recht, wenn Papiergüte und Druckqualität der 100. Ausgabe den neuen Maßstab markieren. Das ist ein tolles Unterfangen, denn in diesem Metier kann man schnell seine Seele loswerden oder aber mercedes-bunz.jpg "glänzen". Zum Beispiel mit großartigen Titelbildern, allen voran das Grime- und das Isolee-Cover. Nur von einer Sache würde ich die Finger lassen: Die Modestrecken sehen oft aus wie "wir wollen auch mitmischen" und sind in meinen Augen misslungen wie auch schon bspw. in der Groove.

Eine Tüte Tags

An dieser Stelle fällt mir doch glatt Eure aktuelle "Erbsenzählerei" ein. Prominente Keywords sind also Liebe, Zukunft, Medien - klingt gut. Nerds, Opensource, DRM, Mode, Streetart und andere Tags fallen mir ein - und überhaupt könnte man die elektronische Lebensaspekte am besten mit einer Tüte Tags beschreiben. Und damit sind wir angekommen im kapitalistischen Technologierevival, das grob um die Fixpunkte "Web2.0" und "AJAX" kreist - und Ihr seid mittendrin und mit massive Mailinglisten, Blogs und Podcasts nicht zu übersehen.

Intellektuelle Hysterie und Diskursfreudigkeit

debug-100.jpgDass Ihr so hartnäckig an dem Ball bleibt, und die Hypes pünktlich thematisiert und im selben Atemzug kritisch - manchmal etwas hysterisch - auseinander nehmt, ist ein dicker Bonus. Der größte Bonus sind die circa dreihundert Kurztexte in Mikrofontgrößen in jeder Ausgabe, die es zu entziffern und zu verdauen gilt - die Reviews. Großartige Bandbreite, einfache Nichtrubrizierung, und manchmal etwas zu gnädig - wo ist all die ganze schlechte Musik hin, die Euch täglich ins Büro flattert?

Danke auch für die endlosen Diskurse über Alternativen und Marktbeschränkungen, über ausgegrabene Trends und journalistisch importierte Hotspots - und die vielen Luftikuss-Nummern, die einem immer wieder klar machen: Man muss nicht überall mitdiskutieren, man muss nicht alles wissen und nicht alles lesen. Das ist vielleicht die wichtigste Botschaft der Lebensaspekte - denn es gibt noch so viel zu erleben im Real Life.

Ein alter Hase aus Leipzig.

debug-drache.gifPS: Bei den zahlreichen Renovierungsarbeiten am Layout ist Euch (mehrfach) ein kleines schönes Detail zum Opfer gefallen - der Drache auf der Titelseite.


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Kommentare

Wir hier in Kaiserslautern haben uns gefragt, warum die Herren und Damen De:Bug die Bäh-Marke Nike (oft im Heft verrissen) so zur schau tragen? Ist das in Berlin so?

meint: 020200 am 24.02.06

Schon mal was von Product-Placement gehört?

meint: Hannes am 24.02.06

Erstaunlich wie oft die De:Bug und Brandeins in einem Satz genannt werden. Allerdings finde ich, dass es längst Zeit für ein Brandeins Watchblog ist.

meint: swen am 24.02.06

Lieber Janos, diese substanzielle Kritik ehrt uns. Vielen Dank. Zudem: Natürlich soll und kann man das Sponsoring bestimmter Teile des Heftes kritisch betrachten. Fakt ist: Wir bewegen uns als Medium auf einem Markt (deswegen sind wir auch seit 05 ein Mag). Jeden, der diesen Markt beurteilen kann, muss ich fragen: "Wie hätte euer Alternativkonzept ausgesehen?"

meint: rikus hillmann am 24.02.06

mercedes bunz is eine frau ... und mercedes is ein mädchenname ... manchmal brauch ich jahrelang um die simpelsten sachen zu kapieren ....

meint: firnwald am 25.02.06

Bitte bitte vergleicht debug nicht mehr mit brandeins, sonst muss ich mir gleich aus frust einen dönerteller "versace" bestellen.
Und zur nike-fotostrecke: die portraets sind doch gelungen und wer mag kann ja jeweils das nike zeichen raustrennen, ansonsten organisiere ich gerne mal ein trigema-shooting incl. schimpansen!

meint: sork am 25.02.06

auch von mir herzlichen glückwunsch zur hundersten jubiläum, die de:bug ist und bleibt einzigartig in der deutschen presselandschaft, da hat auch brand eins und c't als vergleich nichts zu suchen finde ich (nichts gegen die beiden).

was aber auch ich monieren muss, und das auch als schreiber für die de:bug, immerhin durfte ich zweimal für die de:bug was schreiben, nicht nur nike sondern auch killer coke sind zwei gans besonders peinlich es sponsoren. wenn die de:bug nicht an vorderster front der unterstützer von menschenrechtsverletzungen gelten will...

zur alternative kann ich nur sagen: ich selber muss meine brötchen auch im kapitalismus verdienen, umschiffe aber dennoch die feistesten furunkel.

ich habe auch schon im interview damals mit bleed ( http://phlow.net/mag/interview_portrait/debug_wider_die_langeweile.php ) darauf hingewiesen, dass apple der natürlich partner von der de:bug wäre. american apparel bietet sich vielleicht auch an. es stimmt nicht, dass man mit verbrechern kooperieren muss.

selbst im kapitalismus kann man wählen ob man mit den ganz grossen schweinen im dreck wühlt oder nur mit den kleineren ferkeln.

meint: Tadeusz Szewczyk am 26.02.06

hm... ich finde es schwierig hier die debug abzuurteilen. klar nike ist feinster sweatshop-scheiss. aber so eine modestrecke ist schon schwierig zu realisieren. und irgendwie wollen wir doch alle, dass es das magazin weitergibt. manchmal muss man eben weinen, akzeptieren. so dreht sich die welt. und gibt es wirklich kleinere übel? wenn man sich nicht verbiegen will, dann sollte man es wirklich nicht machen. hm. einfach ein schwieriges thema.

meint: sue am 26.02.06

jetzt mal ernsthaft, mir ist das mit den nike klamotten nich aufgefallen, hab nir eh nur die gesichter angeguckt. vielleicht ist der bug bei euch?

meint: jaja am 03.03.06

@jaja: Gib doch mal auf der De:Bug-Seite "Nike" ins Suchfeld ein, da findest du dann Schleichwerbung vom feinsten, sogar in den NEws und im Weglog, da werden in Artikelform Sneaker beworben, Trainingsanzüge, you name it... Ausserdem die Nike-Casa103-Debug-Kooperation mit ihrer fiesen Schleichwerbung (die Barkeeper u. Bedienung haben Nike-Klamottenzwang bis hin zu den SChweissbänderchen...). Wenn dir das nicht reicht, solltest du dich mal mit der Berlin=Niketown - Werbestrategie von Nike befassen, da kriege ich Albträume davon! Ausserdem ist "Nike kills" kein abgedroschener Spruch sondern traurige Realität.

meint: dealylama am 24.07.06

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