CDs, DVDs und Störche

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logos_150.jpgAnalyse der Musikindustrie | In seinem neuesten Artikel nimmt Swen Emmerling die Milchmädchenrechnung der Tonträgerbranche wieder einmal genauer unter die Lupe und liefert eigene Erklärungen für die Misere der Musikindustrie in seinem abschließenden Resümée.

Text: Swen Emmerling

Das Problem ist bekannt: 1997 erwirtschaftete die Musikindustrie den Rekordumsatz von über 2,5 Mrd Euro, 2006 waren es nur noch 1,55 Mrd, also ca. 40% weniger. Die Musikindustrie fand schnell die Ursache: Raubkopien.

„There is a cool new tool out there called Napster“ Slashdot.org 16.11.99

Durch ein Posting auf Slashdot.org, am 16. November 1999, am Vorabend der Krise der Musikindustrie, wurde Napster schlagartig bekannt. Zahlreiche Nachfolger drückten sich anschließend ab 2000 die Klinke in die Hand tauchten auf und wieder ab. Zudem erschienen schon ca. 1994 die ersten, allerdings noch sehr teuren, CD Brenner auf dem Markt.

Laut Tonträgerindustrie verhält es sich folgendermaßen: Seitdem Filesharing mittels P2P Software und gebrannten CDs betrieben wird, gehen die Umsätze der Musikbranche (aber auch der Kinos) stetig zurück.

Diese zeitliche Korrelation scheint die Behauptung der Musikindustrie zu belegen, allerdings muss es sich deswegen noch nicht um einen kausalen Zusammenhang handeln. Mit der Logik der Musikindustrie lässt sich auch ein Zusammenhang zwischen Geburten und Störchen herstellen. Was die Vertreter der Musikindustrie vergessen, ist die "Drittvariablen Kontrolle", die Beachtung weiterer Einflussfaktoren. Sicherlich hat Filesharing einen Einfluss auf den Absatz von CDs, jedoch hier die alleinige Schuld zu sehen, ist doch zu sehr Vereinfachend.

Follow the money

Verändern sich die Medien, verändert sich die Gesellschaft, wusste schon Walter Benjamin. Seit Mitte der 90er Jahre gab es viele technische Neuerungen im Medienbereich und damit auch zwangsläufig Veränderungen in der Gesellschaft, im besonderen im Konsumverhalten. Zum Beispiel wäre da die DVD. Ihre Einführung Mitte der 90er Jahre fällt mit dem Niedergang der CD zusammen. DVDs verkaufen sich besser, als wohl jeder in der Filmbranche je erhoffte. Sie löste einen Boom aus, der 2006 in 100 Millionen verkauften DVDs gipfelte. Während die Umsätze der CD schwinden, verdreifachten sich die Umsätze von DVDs. Also sind DVD an der Misere der Plattenindustrie schuld?

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Das dies der Fall sein könnte, sehen auch die Autoren der viel beachteten Studie The Effect of File Sharing on Record Sales - An Empirical Analysis von Felix Oberholzer (Harvard Business School) und Koleman Strumpf (UNC Chapel Hill) aus dem Jahr 2004.

Oberholzer auf die Frage, ob er eine Erklärung für die Krise der Musikindustrie hat:

"Es gibt einfach viel mehr Konkurrenz. Wieviel mehr geben junge Leute heute für DVDs oder Videospiele aus? Diese beiden Bereiche sind groß genug um den Rückgang der Musikkäufe zu erklären. Hinzu kommt der ganze Bereich der Handys und des Mobilfunks. Das gab es früher alles nicht. Und es ist ja nicht so, dass Schüler heute plötzlich viel mehr Geld haben als noch vor vier oder fünf Jahren.“ As einem Interview mit der Süddeutschen

Der technische Fortschrit im Bereich „Heim Electronik“ hat sicherlich auch den Umsatz der Kinos brökeln lassen. Fernseher werden immer größer, Surround HiFi Anlagen immer billiger, DVDs sind günstig und erscheinen relativ schnell nach dem Start im Kino. Warum noch ins Kino gehen?

Positiv entwickelten sich auch Computer- und Konsolenspiele. Zwischen 1994 und 1999 verdoppelte sich deren Umsatz. Der Umsatz mit MP3 Downloads hat sich zwischen 2004 und 2006 annähernd verdreifacht. Für 2007 rechnet man mit einem Umsatz von ca. 60 Millionen EUR. Wobei diese Jahr voraussichtlich zum ersten mal mehr Geld für Videospiele als für CDs ausgeben wird.

Das Handy ist ebenfalls ein Kind der frühen 1990er Jahre. 1992 wurde der GSM Standard eingeführt und legte damit den Grundstein für den Erfolg der Mobilfunkbranche. Ein paar Zahlen: Verfügten 1999 gerade mal 14% der 12 bis 19 Jährigen über ein Handy, so sind es heute schon 94%. 2004 wurden in Deutschland 30 Milliarden SMS und MMS verschickt. Betrug der Umsatz der Mobilfunkbranche 1998 schon ca. 9,5 Mrd EUR, waren es 2004 immense 22,1 Mrd EUR. Aber auch die Schulden Jugendlicher werden dank des Handys immer höher.

Music itself is going to become like running water or electricity - David Bowie 2002

Der von David Bowie prophezeite Zustand ist mittlerweile eingetreten: Jedes Lied oder Stück ist mittels des Internets so gut wie sofort verfügbar, sei es mittels Filesharing Netze oder legaler Dienste wie den iTunes Shop oder Last.fm. In der nahen Zukunft werden eine Kombination aus internetfähigen mobilen Geräte und Diensten wie Last.fm diesen Trend noch verstärken.

Aber nicht nur die Möglichkeiten Musik zu hören hat sich in den letzten 10 Jahren grundlegend geändert. Auch entdeckt und kauft man Musik heute anders als noch vor 10 Jahren. Kleine Plattenläden wurden mittlerweile größtenteils von Ketten wie Media Markt verdrängt, aber auch diese bekommen Konkurrenz durch das Internet. Außerdem schließen immer mehr Märkte ihr CD-Angebot ganz. Auch der Gebrauchtmarkt hat mittlerweile immense Dimensionen erreicht. War man bis in die frühen 90er Jahren größtenteils auf das lokale Angebot beschränkt, so kann man heute auf Grund von Amazon und Ebay eigentlich jede CD, jedes Buch und selbst Zeitschriften kurz nach erscheinen gebraucht kaufen. Von Blogs, Podcasts, Myspace oder Pandora ganz zu schweigen.

Aber schon die CD war ein Schritt in Richtung der Verflüssigung und Omnipräsenz von Musik, den fast alle kostenpflichtigen Musikzeitschriften haben mittlerweile eine beigelegte CD. Wobei Gebrauchte und Zeitschriften beigelegte CDs höchstens indirekt Geld in die Kassen der Musikindustrie bringen.

Ein Zitat von Kathrin Passig (Geschäftsführerin der Zentralen Intelligenz Agentur, und Ingeborg Bachmann Preisträgerin) bringt es sehr gut auf den Punkt:

„Mein CD Player ist vor vielen Jahren kaputtgegangen. Ich habe also meine CDs in MP3s umgerechnet und die CDs anschließend dem Antiquariat der Berliner Straßenzeitung Motz geschenkt. 2006 habe ich schließlich meine MP3 Sammlung absichtlich gelöscht, bis auf bei last.fm nicht zu findende Sachen... Last.fm bringt dasselbe Ergebnis: Es spielt mir Musik vor, die ich gerne höre...“ Aus Spex 311 Nov/Dez 2007

Nun sind CD Beilagen und kostenlose Angebote im Internet sicherlich nicht die alleinige Ursache für die schrumpfenden Umsätze, aber sie tragen sicherlich dazu bei. Ist es nicht wichtig eine bestimmte CD oder ein bestimmtes Lied zu hören, sondern nur "gute Musik", dann bräuchte man dank Last.fm nie wieder eine CD kaufen.

Die Tonträgerindustrie kann ihre Probleme nicht lösen, indem sie die Augen vor der Tatsache verschließt, dass sich die Welt in den letzten 10 Jahren drastisch geändert hat . Die Kunden von damals sind längst im neuen Jahrtausend angelangt, die „Bosse“ der Musikbranche wohl noch nicht..

''Music itself is going to become like running water or electricity. 'So it's like, just take advantage of these last few years because none of this is ever going to happen again. You'd better be prepared for doing a lot of touring because that's really the only unique situation that's going to be left. It's terribly exciting. But on the other hand it doesn't matter if you think it's exciting or not; it's what's going to happen." - David Bowie, 9 Juni 2002, NY Times

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