tonAtom: Vernetztes Teamwork + experimentelle Klänge = globale Musikplattform mit Stil

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tonatom_artikel.jpgtonAtom ist ein Netlabel aus der deutschen Provinz. Und zwei Jahre ist es jetzt alt. Ein Kollektiv aus überwiegend europäischen Künstlern ist fast wie von selbst innerhalb dieser Zeit gewachsen. Matthias Reinwarth ist in Kaiserslautern zwar zuhause, aber ansonsten auch immer schick in Deutschland unterwegs. Ein Interview mit dem tonAtom-Chef über Netaudio, Musik und dem Warum?...

Matthias Reinwarth ist einer der bodenständigsten Player die ich im Netaudiobereich kennenlernen durfte. Für ihn geht es ganz klar um die Musik - darum, dass Internet als Musikdistributionskanal zu benutzen und auch mal nerdigeren Musikgeschmäckern einen Kanal in die Wohnung zu legen.

matthias reinwarthDort wo Radio und Musikfernsehen aufhören, fängt tonAtom erst richtig an. Ein faszinierender Aspekt ist ganz eindeutig auch die Kommunikation und Vernetzung der Künstler untereinander. Das Jubiläumsrelease zum Zweijährigen kommt ausnahmsweise mal nicht als 3''Mini-CD-zum-Selberbrennen-Konzept daher, sondern ist als vollwertige DoppelCD prall gefüllt mit Tracks zwischen grundehrlicher Elektronik, hypnotischen Rhythmen, verfrikelten Interventionen und nerdiger Remixerei konzipiert.

Wie schon bei den beiden vorangegengenen Jubiläumskompilationen (tonAtom.010 und tonAtom.020) sind auf dieser Veröffentlichung alle Künstler des Labels vertreten. Allerdings hat sich Matthias für dieses Jubiläumsrelease etwas besonderes ausgedacht: "Ich hatte für das zweijährige Jubiläum die Idee für ein ‚tonAtom-Künstler bearbeiten einen Track eines anderen tonAtom-Künstlers‘-Albums und das Ergebnis haben wir als LP001 in Form einer Doppel-CD mit 18 Tracks veröffentlicht." Darunter solch Obskuritäten wie vom Wellenformreiter, der in 2.34 Minuten alle 23 Tracks von tonAtom.010 und 020 verarbeitet.

tonatom_portrait_2.jpgphlow: 2 Jahre tonAtom. Was ist alles passiert?

tonAtom: Kann man so einfach gar nicht zusammenfassen, weil es so viel ist. Und man will sich ja nicht dauernd beweihräuchern, aber Fakt ist, dass tonAtom parallel zu anderen Netlabels eine kleine Erfolgsgeschichte geworden ist. tonAtom hat sich einerseits durch faszinierende Beiträge der Künstler, die bei uns veröffentlichen und andererseits durch eine konsequente Selektion und Releasepolitik einen eigenen Stil erarbeitet.

Dass sich dabei neben den Künstlern aus deutschsprachigen Ländern auch sehr schnell ein internationaler Katalog an Künstlern (Schweiz, Russland, USA, Mazedonien, Spanien, Rumänien, Polen, Ungarn) ergeben hat, war zwar gewollt, hat sich aber so einfach und natürlich entwickelt. Und die Kommunikation der Künstler untereinander funktioniert auch prima, wie man bei der Jubiläums LP sehen kann.

Besonders spannend finde ich derzeit die thematische Erweiterung von tonAtom auch hin zu Netvideo, da ist derzeit einiges in der Vorbereitung.

Erwähnenswert wären außerdem sicherlich die Reihe an Radio-Features bei einigen Sendern, die wir machen durften und die konsequente Unterstützung durch das (kon)geniale Design von Aleksander Jensko (aljen), der uns mit vielen Covern und den Postern zu den Jubiläumsreleases (010, 020 und LP001) visuell unterstützt. Mittlerweile werden unsere Releases auch bei scene.org bei archive.org gehostet.

tonatom_portrait_3.jpgphlow: Warum ausgerechnet Netaudio?

tonAtom: Es ist großartig, dass das Internet einem die Plattform für diese Art der alternativer Musikdistribution bietet. Und vor allem das Feedback ist faszinierend. Ich habe vor ca. drei Jahren ursprünglich auch mit dem Gedanken eines "richtigen" Labels gespielt. Aber Aufwand und Ergebnis standen für mich in keiner Relation.

Und wer will schon 750 von 1000 produzierten CD´s im Keller liegen haben, etwa weil man als kleines Label keinen richtigen Hebel an das Thema "Vertrieb" bekommt. Das um so mehr, als in den vergangenen Monaten ein noch rauherer Wind durch die Vertriebslandschaft pfeift.

Die Idee war dann mit dem gleichen Elan und mit dem gleichen Qualitätsanspruch genau dieses Label zu gründen, lediglich ohne physikalische Releases und ohne Geldverteilung. Jeder, der heute in einer Nische Musik macht oder publiziert und nicht weiß, dass das in 99% der Fälle reine Liebhaberei sein wird, ist ein weltfremder Träumer. Wenn ich heute kommerziell CDs produziere und distribuiere, kann ich froh sein, wenn sich die Sache jeweils gerade mal als Nullsummenspiel darstellt und es morgens noch Marmelade auf dem Knäckebrot gibt.

Dann lieber doch gleich ein komplett weltfremder Träumer sein und die Produkte (Musik, Artwork und Videoclips) an die interessierten Hörer verschenken. So erreiche ich mittlerweile eine größere Hörerschaft, als wenn ich CDs verkaufe, und ich kann sicher sein, dass mein Label weder Pleite geht noch ich wegen fortgesetztem Weltruhm als Juror in Castingshows auftreten muss.

tonatom_portrait_4.jpgphlow: Bei tonAtom ist eine Tendenz zu roher und unpolierter Elektronik deutlich zu hören, wobei aber auch die fließende und treibende Seite nicht zu kurz kommt. Wo kommt das her?

tonAtom: Naja, ich bin halt schon ein paar Tage älter und habe eine elektronik-musikalische Sozialisation hinter mir, die in den 70ern begann. Allerdings habe ich die kompletten (aus meiner Sicht) Irrungen der Elektronik der 90er ausgelassen. Alles technoide, clubbige und trancige dieser Zeit ging an mir vorüber, also hat sich mein Musikinteresse im Spannungsfeld zwischen der elektronischen Musik der 70er, Kraftwerk, Depeche Mode, natürlich den 80ern und der aktuellen Elektronik aus dem Hause Autoplate oder Warp entwickelt.

Da muss eigentlich relativ zwangsläufig tonAtom bei rauskommen, oder? Ich persönlich beziehe meine Anregungen ausserdem aus meinem spät erwachten Interesse für die zeitgenössische Musik von Debussy bis Eno, insbesondere derzeit aus der minimal music, auch wenn sich das nur sehr indirekt in der Selektion für tonAtom oder in meiner eigenen Musik als xenoton wiederspiegelt.

tonatom_portrait_5.jpgphlow: Netaudio ist bekanntlich kostenlos. Du arbeitest in deinem realen Leben sehr viel um Geld für Lebenstil und Familie zu verdienen. Und dann auch noch Netaudio wobei die Zeitpolster schmelzen und zerfliessen. Wofür das Ganze?

tonAtom: Naja, eben drum. Das gibt mir heute die Möglichkeit von jeglichen Zwängen völlig unabhängig diese Musik die ich mag, zu machen und zu promoten. Der einzige Maßstab, der neben der Selektion durch unser Team noch gilt, ist das Feedback der Audience.

Das zeitliche Sokoban-Spiel zwischen Arbeit, Familie, Netaudio und Freizeit ist von Tag zu Tag spannend, aber bislang immer lösbar gewesen. Das resultiert zwar in wenig Schlaf und kurzen Nächten, aber schlafen kann ich später auch noch. Ich mag die Unterscheidung der Menschen in "those who make it happen, those who watch it happen and those who wonder what happened". Und da bevorzuge ich eigentlich in der ersten Gruppe zu sein, sowohl im Job und eben auch im Netaudio.

Netaudio hat den Vorteil, dass man hier auch "Dienst zu ungünstigen Zeiten" machen kann. Ob ich eine Releaseseite nachts um drei mache oder regulär als Redakteur in einem 9to5-Job, sieht man ihr nicht an.

Ich glaube, dass unsere Musikauswahl mittlerweile den Geschmack einer bestimmten Klientel trifft und das ist einfach nur großartig. Hinzu kommen die internationalen Kontakte mit Hörern und Künstlern gleichermaßen, und die Downloadzahlen sind für mich Ansporn genug weiter zu machen. Hätte ich das Gefühl, dass es niemanden interessiert was wir oder die anderen Netlabels tun, wäre das was anderes. Gottseidank ist es nicht so…

Man darf es aber auch nicht unterschätzen: Netaudio ist eine Menge Arbeit und man braucht zwingend Unterstützung für die unterschiedlichen Arbeitsbereiche (von der Sichtung der Demos, der Selektion über das Mastering bis hin zum Design, der Website und der Promo). Außerdem hat sich gezeigt, dass es einen geben muss, der den Antreiber gibt, sonst passiert auf Dauer nicht viel. Insofern bin ich sehr froh, dass das ursprüngliche Kernteam aus elektr@ (Sabine Dirksen), aljen (Aleksander Jensko), Axel Fischer, Alcyon (Carsten Büttemeier), unserem linken Offensivverteidiger (Matthias Spittler) und mir immer noch so virtuell und effektiv zusammenarbeitet.

Wofür also das Ganze? Damit diese Musik, die mich interessiert und die sonst ungehört verhallen würde, ihre Hörerschaft findet. Denn sie hat es verdient.

tonatom_portrait_6.jpgphlow: Um die leidige Diskussion über die Musikindustrie zu verkürzen: Woran wird die Musikindustrie letztendlich zugrunde gehen? Und wie kann sich die free-copy-Kultur weiter etablieren?

tonAtom: Anders als vielen anderen Netaudio-Protagonisten fehlt mir an der Stelle ein bisschen die missionarisch-politische Ader. Ich weiß jetzt, dass Netaudio funktioniert und sich noch viel fester positionieren kann und das auch dauerhaft. Ich sehe an meinem eigenen und am Verhalten meines Bekanntenkreises, dass die klassische Musikindustrie sich – auch und gerade abseits der vielbeschworenen copy-kids-Mentalität – von großen Segmenten der potentiellen Konsumenten wegbewegt.

Das betrifft Auswahl, Qualität und Zielgruppe der promoteten Musik und Un-CDs machen das nicht gerade besser. Wenn diese Entwicklung blind so weitergeht, sieht es de facto düster aus. Aber ich glaube an die Intelligenz in vielen (nicht allen) Menschen und beobachte deshalb einfach mal die Entwicklung. Ob die Musikindustrie so untergeht, kann ich nicht beurteilen, aber sie gibt sich gerade doch sehr große Mühe, das durch kommerzielle Konzentration und qualitative Reduktion hinzubekommen.

Netaudio hingegen hat sich von dem "heißen Ding" der vergangenen Jahre zu einer soliden, funktionierenden und anerkannten Säule der Musikdistribution entwickelt. Das heißt nicht, dass man nicht jeden Tag eigentlich jedem, den man trifft, davon erzählen sollte, denn der Nutzerkreis ist noch klein. Aber er wird größer und Netaudio muss sich hierfür wohl auf Dauer von dem liebevoll gepflegen Nimbus des Elitären, sowohl im Nutzerkreis als auch in der Auswahl der angebotenen Musik, lösen.

tonatom_portrait_7.jpgphlow: Was ist denn deine Vision von Musik - sagen wir - im Jahr 2015?

tonAtom: Erste Antwort: Keine Ahnung.

Zweite Antwort: Wenn ich einen Wunsch äußern darf, dann wünsche ich mir - unabhängig von der Stilrichtung - die Rückkehr zur größeren musikalischen Form. In den Siebzigern war vieles, aber nicht alles nur schlechter und der Mut zum Konzept-Album, zur Literatur-Vertonung oder zu einem Stück, das (dann aber bitte auch mit Recht) mal 21 Minuten lang ist, so dass man wegkommt von der 3:30-Mentalität mit zwei erträglichen Singles auf einer ansonsten lausigen CD, das wäre schon nicht schlecht.

Für die jüngere Generation seien als Studienobjekte exemplarisch Alben von Yes (z.B. "Going for the One") oder die "Zoolook" von Jean Michel Jarre genannt. Auch wenn die genannte Musik Geschmackssache ist und mit Absicht weitab von dem ist, was wir als Netaudio publizieren: Ich finde es schon gerechtfertigt, den Anspruch zu haben, von einem Album 40 Minuten oder mehr durchgängig intelligent unterhalten zu werden. Was man heute von der Industrie als Longplayer geboten bekommt, ist für die notwendige Menge an Geld verdammt dürftig und fast immer dieses Geld nicht wert.

Dritte Antwort: Zu befürchten ist, dass genau das Gegenteil passieren wird. Egal ob an Verkaufszahlen orientiert oder nicht. Unterhaltungsmusik wird noch mehr als sie es bereits ist, Gebrauchsmusik werden. Und auch 2015 wird es Unmengen an Dudelradios geben, die mit dem passenden Schrott und dem zugehörigen künstlichen Mediengeklapper betankt werden müssen. Die großartige Chance aus einer Vielzahl von Stilen und den Ergebnissen der Arbeit vieler hochbegabter Künstler unterschiedlichster Herkunft (und unterschiedlichster Vertriebskonzepte) auswählen zu können und zu dürfen, wird wohl auch 2015 nur ein Bruchteil der potentiellen Musikkonsumenten nutzen.

tonatom_portrait_8.jpgphlow: Zum Schluss des Interviews komme ich zu meiner persönlichen Lieblingsfrage: Welches sind deine Top 5 AlltimeFavoriteRecords? Sowohl klassisch, als auch Netaudio...

tonAtom: Tja, wer Nick Hornbys "High Fidelity" gelesen hat, weiss, dass es sehr schwierig sein kein, so eine Liste zu erstellen. Ich versuche dennoch zumindest die zu erstellen, die für heute Gültigkeit hat. Wer dann die "All-Time-Favs" von morgen wissen will, kann mich ja morgen mal anmailen… Und natürlich lasse ich tonAtom Releases bei der Netaudio-Liste aus der Betrachtung, man könnte ja vermuten, ich wäre voreingenommen...

a) Ever

- Art of Noise: The seduction of Claude Debussy Wenn es so etwas wie ein “weises Spätwerk” gibt, dann ist es diese CD. - Depeche Mode: Speak and spell Diese Platte hat bei ihrem Erscheinen bei mir das Glöckchen für elektronische Musik abseits von elegischen EM-Machwerken geläutet. Noch heute schlicht genial. - New Musik: Anywhere Geniale Songs in zeitlosem Gewand, obwohl es aus den 80ern kommt. Mit Sicherheit eine der Platten für die einsame Insel. - Massive Attack: Protection Für mich die beste Massive Attack, obwohl zwei Tracks richtig schlecht sind, das reißen die anderen raus. Genial die Tracks mit Tracey von EBTG. - Squarepusher: Do you know Squarepusher Meine "Neuentdeckung" der vergangenen Wochen. Squarepusher ist mir immer irgendwie durch die Lappen gerutscht und beim Wühlen im Second-Hand-Plattenladen in Holland war er jetzt endlich dran.

b) Netaudio

- Murcof: [monotónu] -> context.fm Wunderbare Verarbeitung von natürlichen Klängen, man muss sich darauf einlassen. - Fernando Lagreca: Suave -> autoplate Hat Carsten (Alcyon) empfohlen und er hatte vollkommen recht. Wunderschöner Release - Digitalis: Breakfast in 2063 -> 2063music Digitalis at their best (ja ich nehme den Release trotzdem, auch wenn ich weiß, wer dieses Interview führt) - Budha Building: Anchoring the unity conciousness -> kahvi collective Wunderschön entspannende Ambientmusik, wie so vieles bei Kahvi - Martin Donath: Dimanche -> stadtgruenlabel Funktioniert genau so, wie sie geplant ist. Sonntag-morgen-Musik, mit einem Tee und Orangensaft, ein gutes Buch dazu, perfekt.

Das Interview führte Martin Wisniowski (020200)

Links und aktuelle Releases:

Website: www.tonatom.net Sektor - The dark Side of the Moon [tonAtom.034] i.l.i - luxero [tonAtom.033] Zweijahresrelease - Mit XXX hat man noch Träume [tonAtom.LP001]
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Kommentare

Sehr sympatisch

meint: Sebastian am 05.05.04

danke für die lorbeeren. wir bleiben dran ! mach du auch weiter so, matthias.

meint: digitalis am 10.05.04

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