Tomlab - Liebenswert und weltumspannend

Rubrik » Interview Portrait

planettomlab.gifTomlab, ein kleines Label aus Köln, ist seit fast fünf Jahren ein steter Grund zur Freude. Immer, wenn Tomlab eine neue Platte veröffentlicht, bedeutet das, dass ein weiteres musikalisches Machwerk von hoher Originalität in einer besonders liebevollen Verpackung und mit überdurchschnittlichem Pop- und Liebhabefaktor das Licht der Welt erblickt hat. Über zwanzigmal war das jetzt schon der Fall und da das Label gerade fleißig wie noch nie ist, wurde es Zeit für einen Artikel hier im YOT und für ein Interview mit Mr. Tomlab, Tom Steinle.

Zuerst wollte ich es ja auch kaum glauben, aber tatsächlich gibt es Tomlab (damals noch Tom genannt) bereits seit November 1997. So ähnlich erging es mir ja letzthin, als alle Welt das Fünfjährige der de:bug feierte. Wie, schon so alt? Ist doch alles noch frisch. Sowas spricht natürlich für die Geburtstagskinder und, mal ehrlich, man ist ja noch im Vorschulalter. Die Releases, mit denen Tomlab damals bei mir für Furore sorgte, stehen ganz am Anfang der Labelgeschichte: die Visor-CD, eine Kooperationsarbeit zwischen Tom Steinle, Jens Massel (veröffentlicht für Karaoke Kalk als Kandis, Senking, Fumble) und Jörg Follert (Wunder, Wechsel Garland), und das Debüt von Novisad. So stellte ich mir gelungene Listening-Elektronik vor. Ohne Hi-Tech-Wahnsinn á la Warp und die Schluffigkeit von TripHop, war das damals erfrischend wie ein Tropfen Wasser in der Wüste, denn noch waren wenige der HeldInnen der letzten Jahre in Erscheinung getreten. Geboren wurde Tomlab aber eigentlich, um die 10" von Summer.DSP zu veröffentlichen, die anderen beiden Veröffentlichungen kamen dem nur zuvor. Genervt vom Herumreichen des Demos im Kölner Labeldschungel gründete Tom Steinle einfach sein eigenes Ding. Alle drei Platten wurden prägend für Tomlab, v. a. die Visor-Kollaboration, verbindet sie doch die aktuelle Labelarbeit mit Tom Steinle's eigener musikalischer Sozialisation. Gedacht war Visor nämlich als Tribut an das epochale letzte Talk Talk-Album "Laughing Stock" von 1991. Tom Steinle darüber, warum gerade diese Platte für ihn so wichtig ist: "Zu dem Zeitpunkt, wo Energie hauptsächlich durch laute Gitarren und lauten Rock transportiert wurde, war das eine Platte, auf der Energie und Intensität durch leise Stellen transportiert wurden. Das war damals auf eine Art eine Offenbarung und für mich auch ein ganz großer Vorläufer zu allem, was sich später Post-Rock nannte." Und nicht nur für Post-Rock, auch für elektronische Produktionen wurde Laughing Stock zur Referenz. Als Beweis dafür kann z. B. die erst kürzlich erschienene Nummer 18 im Tomlab-Katalog herhalten, "Given You Nothing" von Flim. Den sich hinter diesem Namen verbergenden Enrico Wuttke lernte Steinle über eine Talk Talk-Fanpage im Internet kennen, und auch die Musik kann den Einfluß dieser Band nicht abstreiten.

Kindchenschema vs. Ernsthaftigkeit

Intensität und Energie durch leise Töne wie bei Talk Talk, das ist vielleicht auch der gemeinsame Nenner aller Tomlab-Platten. Groben Lärm und oberflächliches Gedudel sucht mensch hier vergebens, doch nicht jedeR kann das richtig assoziieren. Ständig hagelt es Kommentare wie "Kindchenschema" oder "sowas von naiv!". Begriffe, auf die Tom Steinle genervt reagiert: "Gerade dieses Kindchenschema kommt recht oft. Das ist etwas, mit dem ich mich gar nicht identifizeiren kann. Ich kann verstehen, dass es von den Covern her teilweise sehr naiv erscheint, aber kindlich..." Wie würde er es selber beschreiben? "Ich finde sehr vieles schon recht spielfreudiges Material, vielleicht verspielt. Kindlich hat so einen Touch, der mir zu naiv ist. Die Tomlab-Sachen sind schon sehr ernsthaft, sowohl von den Künstlern her als auch von meiner Seite." Zur Fehlinterpretation führt anscheinend auch die Aufmachung der Tonträger. Liebevoll designte Cover von unterschiedlichen DesignerInnen, je auf die auf der Platte enthaltene Musik abgestimmt und meist komplett graphisch, also ohne Photos. Der Stil setzt sich auf der wohltuend farbigen Website des Labels fort. Doch gibt es, außer beim Design, nicht eine Art von Corporate Identitiy für das Label? Tom Steinle: "Also mein eigener Geschmack steht da schon weit im Vordergrund, das ist ganz klar. Tomlab ist letztenendes ein Ein-Mann-Betrieb und die ganzen Entscheidungen, sowohl was die Designer angeht, die die Cover gestalten, als auch den musikalischen Input, das geht alles durch meine Hand. Wo da die Linie ist, ist für mich selbst oft schwer nachzuvollziehen, von außen ist das vielleicht einfacher zu interpretieren als von meiner Seite aus. Ich versuche einfach immer Sachen zu machen, die für mich ein rundes Bild ergeben. Und ich möchte Sachen veröffentlichen, die ich wichtig finde und die man vielleicht draußen auf dem Markt so nicht finden kann." Steinle wird so zu einer Art freundlichem Diktator, der sein Ding durchzieht und sich auch gerne mal bei seinen KünstlerInnen einmischt: "Für mich ist einfach wichtig, welches Gefühl ich zu dem Material habe, ob ich denke, das ist für mich rund und vielleicht auch ehrlich genug, so wie es steht. Ich meine, es kann durchaus passieren, dass ich sage, hey, da müsste vielleicht noch ein bißchen was geändert werden, oder der Mix steht noch nicht richtig oder da muß am Mastering noch was gemacht werden. Oder auch dass es nochmal neu eingespielt werden muß. Das sind oft Sachen, die mit Soundqualität zu tun haben, manchmal auch mit Arrangements. Ich mische mich da schon teilweise ein." Dennoch ist künstlerische Freiheit oberste Prämisse und nie käme ihm der Gedanke, Leute an sein Label zu binden. Entsprechend gibt es bisher wenige KünstlerInnen, die auf Tomlab mehr als ein Album veröffentlicht haben, doch mit den nächsten Platten von Niobe und Casiotone For The Painfully Alone wird sich auch das ändern.

Bitte fassen Sie sich kurz!

Ein weiterer Punkt, bei dem sich der Labelbetreiber durchsetzt, ist das Format. Singles und 12"es gibt es nicht, fast alle Releases erscheinen im klassichen Albumformat von ca. 45 Minuten. Gut so, schließlich höre ich selbst manchmal so gerne alte Platten aus dem prä-CD-Zeitalter, weil die sich nicht über 70 Minuten ergießen müssen. Tom Steinle sieht das ähnlich: "Also ich war auch schon immer ein Freund von Sachen, die auf den Punkt kommen. Aus meiner Sicht, wenn man zurückblickt, fehlt auf Platten, die 40 Minuten hatten, gegenüber Platten, die 70 Minuten haben, einfach nichts. Mir selber geht es auch so, das es schwer ist, Musik über eine klassische Albumlänge hinaus zu erfassen. Ich denke max. 45 Minuten können einfach ein sehr rundes Bild ergeben und bisher habe ich auch immer versucht, die Künstler dahingehend ein bißchen zu beeinflußen." Und noch etwas kommt Tom Steinle nicht in die Tüte: Remixe. "Dieses Remix-Ding ist überhaupt nicht meines, weil ich meistens dann doch das Original besser finde und ich auch in diesen Remix-Apparat gar nicht reinmöchte. Das sind viele politische Sachen, die da mitreinkommen, wo dann versucht wird, Verbindungen herzustellen, die eigentlich faktisch gar nicht existieren."

Ein Schimpfwort mit A...

Im weiteren Gespräch mit Tom Steinle stoße ich auf einen anderen Begriff, der für ihn ein schwieriges Thema ist: Ambient, häufig in Verbindung mit den Veröffentlichungen von Rafael Toral und Novisad gebraucht. Mit dieser Schublade hat Steinle so seine Probleme: "Prinzipiell ist vieles, was unter Ambient zusammengefaßt wird, Musik, mit der ich mich absolut nicht identifizieren kann und die für mich auch keine Intensität transportiert und mir keine Energie gibt, da ich vieles einfach seicht finde. Es gibt in Ambient natürlich auch Sachen, die eine ganz ganz starke Tiefe haben und Rafael Toral war da für mich immer ein ganz persönlicher Favourite in dem Bereich, aber generell ist das Ambientschema sehr schwierig weil meinem Eindruck nach viele Leute ein sehr sehr festes Bild haben, was Ambient ist. Aus meiner Sicht ist Ambient sehr offen und nicht festgelegt auf die Form, die häufig einfach darin besteht, das irgendwelche Drones oder Loops mit ganz viel Hall zugekleistert werden. Das ist schon ein sehr zweischneidiges Thema und ich glaube, wenn Du Kristian von Novisad auf Ambient festlegen würdest, würde er sich auch nicht so wohl damit fühlen. Das ist eher ein Songprojekt, so blöd das eben klingen mag." Zugegeben, die melodiösen Loops von Novisad mögen dazu verleiten, den Begriff zu verwenden, und ein Stück landete ja tatsächlich auf der Pop-Ambient 2002-Compilation. Aber vielleicht ist Novisad einfach die gelungenste Vebindung von Pop und Ernsthaftigkeit, attraktiver Oberfläche und Tiefe. Das könnte mit jeweils unterschiedlicher Gewichtung für den gesamten Tomlab-Katalog gelten und der Spagat zwischen z. B. Rafael Toral und Angelika Koehlermann ist schon erstaunlich. Ist diese Zusammenführung das Ziel von Tom's Arbeit? "Ich kann jetzt nicht sagen, dass das ein Ziel wäre, das ich verfolge. Für mich ist einfach das, was Rafael Toral macht, sehr intensive Musik, ich mache da nicht so viel Unterschiede, ob das nun in avantgardistische Gefilde reinfällt oder ob das eher poppiges Material ist. Der Balanceakt ist letztendlich der: da kommt der Hörer ins Spiel und da fängt es dann auch für mich an, schwierig zu werden, weil Tomlab gerade durch die letzten Veröffentlichungen ein anderes Profil bekommt, als das ganz am Anfang z. B. mit Visor und Novisad erkennbar gewesen wäre." Und das Profil wird sich weiter verändern, denn Tom Steinle hat nicht nur für sich privat gerade wieder die Gitarre entdeckt und hört furchtbar gerne Notwist und Palace Brothers, auch im Labelroster wird es eine deutliche Verschiebung zu eher songhaften Sachen geben. Als Beispiel nennt er Player Hater (Ein-Mann-Projekt, sehr gitarrig, ähnlich Arab Strap) und Mantler (Simon & Garfunkel auf Post-Rock, stark ausarrangiert). Beide werden im Herbst auf Tomlab debütieren und gleich an mehreren Stellen im Gespräch macht mir Tom Steinle deutlich, das so die Zukunft des Labels aussehen wird. Für die experimentelleren Sachen Richtung elektro-akustische Musik gibt es eh seit kurzem eine zweite Spielwiese, das Label softlmusic, dass Steinle zusammen mit Andreas Krause betreibt. Zwei Releases gab es da bisher, mehr wird in unregelmäßigen Abständen folgen.

Big in Japan

Dass Tomlab ein Label aus Köln ist, war für mich von vornherein klar, nicht nur wegen der Leute, die an Tomlab 1, der Visor-CD beteiligt waren. Nein, auch wenn ich mich in der Labellandschaft so umgucke, wo bitteschön sonst gibt es soviel Nährboden für spielerisch-avantgardistische Elektronik wie in der Stadt von A-Musik und Karaoke Kalk? Tom Steinle ist ein bißchen irritiert: "Interessant... Für mich war Köln vor vielen Jahren sehr sehr wichtig. Was hier musikalisch ablief, war für mich auch ein wichtiger Grund nach Köln zu ziehen. Aber... ob ich mich selbst damit identifiziere? Ich glaube, dass ich nicht unbedingt Teil dieses Kölner Sounds bin. Es ist schon relativ sperrig, was da auf Tomlab läuft. Ich weiß nicht, ob das so sehr mit Köln zusammenhängt, wie sich das alles entwickelt hat. Eigentlich arbeite ich ja mit sehr wenigen Künstlern aus Köln, das waren eigentlich nur Harald "Sack" Ziegler und seit kurzem Niobe. Fast alle anderen Veröffentlichungen kamen von recht weit her, bis nach Amerika." Und sie kommen nicht nur von weither, sie werden auch am ehesten dort verkauft. Bedauerlicherweise gilt nämlich hier der Prophet mal wieder nichts im eigenen Lande. Trotz guter Vertriebssituation geht von den meist 1000 CDs und 500 Vinylplatten pro Veröffentlichung der Löwenanteil nach Japan und in die USA (übrigens das Schicksal vieler kleiner Elektroniklabels von Sonig bis Mille Plateaux), Deutschland hat das bemerkenswerte Label wohl noch nicht so recht mitbekommen. Was allerdings auch schwierig ist in der deutschen Medienland-schaft, vor allem im durchformatierten Printbereich. Schnell bin ich mir mit Tom Steinle einig, dass deutsche "Indie"-Gazetten viel zu hypeorientiert und schnelllebig sind, von eingangs erwähnter Monatszeitschrift mal abgeshen, und ein eher ernsthaftes Format wie die englische THE WIRE hierzulande fehlt. Dennoch wacht man mancherortens langsam auf und registriert zunehmend die Arbeit von Tomlab. Entsprechend soll in Deutschland das leidige Thema "Promotion" noch energischer angegangen werden, damit sich die in Zukunft auf 1500 CDs und 750 LPs gesteigerte Auflage auch rechnet und Tomlab vielleicht irgendwann mal die Miete von Herrn Steinles Wohnung erwirtschaftet. Doch verkaufen will er sich nicht, daher kommen für ihn weder eine "richtige" Gitarrenrockplatte in Frage, auch wenn es gerade noch so gefragt ist, noch überhaupt Material, hinter dem er nicht zu 100 Prozent stehen kann. Wünsche bleiben ihm auch wenige, denn mit dem eigenen Labelroster ist er sehr zufrieden, mit den Veröffentlichungen von Rafael Toral und Casiotone For The Painfully Alone hat sich Steinle seine kleinen Träume erfüllt. Ansonsten kann er sich eh vor Anfragen kaum retten. Nur eines würde ihn noch reizen: eine Zusammerbeit mit Curd Duca, der wie kein anderer Easy Listening und Experimente zusammenbringt. "Da sollte ich mich mal dahinterklemmen!". Wir würden uns freuen!(Tobias Lindemann)

Ein Portrait des Tomlab-Künstlers Flim findet Ihr bei uns hier.

Das Label findet ihr hier: tomlab.de.


Unser herzlicher Dank geht an dieser Stelle an Tobias Lindemann und das Yot-Magazin, die uns diesen fantastischen Artikel aus der letzten Ausgabe zur Verfügung gestellt haben. Das Yot-Magazin gibt es übrigens auch als PDF-Download unter: yotzine.de

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