Thomas Höverkamp: Fahrtenschreiber der Netaudio-Szene

Rubrik » Interview Portrait

thomas_hoeverkamp1.jpgLangsam kommt richtig Schwung in die Netaudio-Bude. Während die Anzahl der Netlabels kontinuierlich steigt, wachsen auch die Angebote über das Thema zu lesen und zu hören. Thomas Höverkamp sendet gleich auf beiden Kanälen. Über FSK widmet er sich dem Thema ausführlich im Radio via Interjamp und mittels mari-posa.com versorgt er die Surfer mit neuen Netaudio-Kritiken und Interviews.
"Es ist schon viel Zeit, die ich investiere, aber der Gedanke an der Zukunft der Musikindustrie mitzuwirken und eine Art von Protokoll zu führen, läßt mich brennen."
Thomas Höverkamp ist 31 Jahre alt und hat sieben Jahre lang als Marketing Consultant Großkonzerne beraten. Zur Zeit studiert er an der (linken) Universität für Wirtschaft und Politik in Hamburg. Seine persönlichen Ziele hat er ganz dem Thema Internet verschrieben. Vor allem beschäftigt er sich mit alternativer Distribution via Internet, mit Netaudio/Netlabels als auch mit der Entwicklung des WWWs weltweit.

Dabei möchte der (Radio-)DJ mit Herz für Netaudio eine Alternative zu Mainstream Musikangeboten schaffen, um gleichzeitig an der Zukunft der Musikindustrie mitzuarbeiten. Deswegen verfolgt er als Musikliebhaber und DJ die Musikszene im Netz, dokumentiert die Entwicklungen im Radio in seiner Sendung Interjamp und schreibt fleissig in seinem E-Zine mari-posa.com über Neuentdeckungen sowie Künstler und Labels.

Wie bist Du auf Netlabels aufmerksam geworden?

Auf Musik aus dem Internet bin ich durch mp3.com gestoßen. Über diese Seite habe ich dann einen Veranstaltungshinweis zu einem Rocking Pony Liveact in Hamburg bekommen und die Jungs dort kennengelernt. Die veröffentlichen auf Lux Nigra hatten aber auf mp3.com ein paar Teaser. Sascha von Rocking Pony schickte mir dann eine Email, mit einem Link zu einem Sampler auf Enoughrecords. Das war mein erster Kontakt zu Netaudio und es hat mich damals total umgehauen. Ich staune noch heute fast jeden Tag über die Veröffentlichungen im Netz, bin aber mittlerweile anspruchsvoller geworden.

In deinen Interjamp-Radiosendungen bei FSK dreht sich alles nur um Netaudio. Sicherlich wird sehr viel spannendes Material im Internet veröffentlicht, aber warum begrenzt Du Dich als Musikliebhaber rein auf Netlabels und Netaudio?

Ich beschäftige mich für die Sendung, und das Magazin nur mit Netaudio. Das nimmt den größten Teil meiner Zeit in Anspruch. Für das Djing und zuhause habe ich auch einiges an "Hardware"-Musik. Allerdings hat Netaudio momentan die Oberhand.

Ich habe mich vor kurzem dazu entschlossen, beim Auflegen den Dancefloor anzugreifen. Ich habe Anfang der 90er in Clubs aufgelegt und das bringt halt wahnsinnig viel Spass. Experimentellere Sachen, Elektronica oder Downbeats spiele ich noch in Bars und in meiner Sendung. Mir gefallen sehr viele Stile und so kann ich das am besten ausleben. Beim FSK gibt es auch sehr viele andere erstklassige Sendungen die elektronische Musik spielen. Ich lege dort im Wechsel mit einem anderen Kollegen die Gastsendung Solid Steel von Coldcut ein, das ist ja auch was. Ich könnte zwar noch eine andere Sendung machen, mir fehlt aber die Zeit.

thomas_hoeverkamp2.jpgDeine Radiosendungen können nicht vom Sender FSK finanziell unterstützt werden. Trotzdem steckst Du jede Menge Mühe und Zeit in die Sendungen und präsentierst die Netlabels mit Interviews und Hintergrundwissen. Was fasziniert Dich so sehr an der Netlabel-Szene, dass Du sie so engagiert unterstützt?

Die vielen Künstler, die ihre Musik im Internet veröffentlichen haben es einfach verdient. Ich beschäftige mich ja fast jeden Tag mit der Netaudioszene, wie gesagt ich staune immer noch täglich, und da fällt vieles für die Sendung einfach so ab. Es ist schon viel Zeit, die ich investiere, aber der Gedanke an der Zukunft der Musikindustrie mitzuwirken und eine Art von Protokoll zu führen, läßt mich brennen. Ich plane auch mein Studium auf dieses Thema auszurichten und die entsprechenden Seminare zu besuchen.

Ich lese zur Zeit viel über das Internet und die Musikbranche. Wenn ich Interviews mit Künstlern oder Labels führe, komme ich meist auch sehr schnell auf das Thema, wie es weitergeht mit Musik im Netz. Das ist immer wieder aufs neue interessant und viele sind genauso neugierig auf die Zukunft wie ich. Dass FSK mich nicht finanziell unterstützt, stört mich nicht. Der Sender gibt vielen Leuten die Möglichkeit Musik zu hören, die kein Dudelfunk ist. Ich unterstützte das Radio sogar selbst mit einer Fördermitgliedschaft. In Hamburg, der "Stadt der gelenkten Medien" (Zitat aus Titanic), ist es auch wichtig eine andere, freie Meinung zu vertreten zu können, die nicht von Medienmonopolen gesteuert wird.

Auf Mari-Posa präsentierst Du ab und zu auch vollkommen neue Netlabels bzw. neues Netaudio-Material, dass man mittels der gängigen Foren manches Mal nicht gefunden hätte. Wie entdeckst du neue Quellen?

Die meisten Infos bekomme ich schon über die Listen wie "netaudio" von de-bug oder "netlabel_releases" von Phlow (Anm. d. Redaktion: Diese Liste wurde "leider" nicht von uns ins Leben gerufen! Wir servieren nur ;). Der Netlabelkatalog ist auch eine gute Einrichtung, sowie die Netaudiosachen auf archive.org. Es bringt auch sehr viel, wenn man auf den Netlabel Homepages mal die Links durchgeht, da habe ich schon die skurrilsten Sachen entdeckt.

Mittlerweile ist meine Seite bei vielen anderen verlinkt, so das viele Leute direkt an mich herantreten. Ich habe auch schon Demo-CDs aus Kanada oder Japan bekommen, meine Adresse geht da schon seltsame Wege, aber so ist nunmal das Internet. I love it! Mein bester Tipp ist allerdings die Links auf Netlabels oder Künstlerseiten durchzugehen, nach dem Dritten oder Vierten weiterklicken, stößt man auf interessante Sachen. Das kostet allerdings auch viel Zeit.

Nenn uns zum Abschluss doch noch Deine fünf Lieblingsveröffentlichungen?

Nicht einfach. Meine Top5, ohne Reihenfolge, sind zur Zeit

Missing Person, Commuter World 2 (www.newfuturelofimusic.co.uk)
Ein kleines, feines Label mit einer ganz eigenen Linie. Es gibt bessere Produktionen und Musiker, aber das Stück von Missing Person habe ich ins Herz geschlossen.

Sebastian Buchholz: Muse up 63
(www.textone.org)
Meine Vorliebe für Textone ist ja schon bekannt. Der Track von Sebastian Buchholz ist zwar schon etwas älter, aber einer der feinsten bisher auf diesem Label. Eigentlich der ganze Release. Sehr detailverliebt produziert.

Aleksi Virtae, .. meets Torsti at the Space Lounge (www.mono211.com)
Die alte Dame des Netlabels Monotonik. Die Perlen muss man meistens suchen. Die EP von Aleksi macht einfach total Spass.

Hachi: Give me nothing but your love (www.interdisco.net)
Eine wundervoll deepe EP. Wenn die Interdisco Jungs auch noch ein paar gute Künstler mit ins Labelboot holen können, kann es eins der ganz großen werden.

Radioboy: The Mechanics of Destruction (www.themechanicsofdestruction.org)
Ein konsumkritisches Projekt von Matthew Herbert. Er zerstört Produkte von Großkonzernen wie Mc Donalds, Gap usw. und macht daraus Musik. Das Konzert in Hamburg war klasse und ich habe eine der kostenlosen CDs bekommen. Die wurden damals sogar zum Portopreis von Hardwax vertrieben. Gibt es aber mittlerweile leider nicht mehr als MP3 im Netz. Ein Zeichen der Vergänglichkeit. Das wäre doch ein Projekt für archive.org! Falls ich mal ein Interview mit ihm mache, schlage ich das einfach vor.

Tja, ich kann das rezensieren einfach nicht lassen.

Vielen Dank für das Interview! (mo.)


Links:


Radio-Mitschnitte von Interjamp liegen auf archive.org zum kostenlosen Download. Unter anderem waren schon Labels mit Interviews vertreten, wie Textone.org, Thinner und Interdisco.

Die Website von Thomas' Radiosendung findet Ihr hier: www.interjamp.com.

Und sein Ezine mit Interviews und Netaudio-Kritiken unter www.mari-posa.com.

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Kommentare

Fein, sehr fein auf Menschen zu treffen die so explizit die Netlabel"szene" in ihr Herz geschlossen haben. Ich selber habe vor ca. einem halben Jahr ebenfalls festgestellt, dass sich garkein bedürfnis mehr einstellt, irendwelche Tonträger zu kaufen (und alles was damit verbunden ist: bestellen, warten, bei Wind und Wetter in den Plattenladen rennen etc.). Ich jedenfalls bin eine Selbstbindung eingegangen und verzichte und predige seitdem den Verzicht auf Kaufbares, solange Netaudio soviel hergibt. (Und ich glaube da brauchen wir uns zukünftig auch keine Sorgen zu machen.) Bis auf die ein- oder andere Warp-Veröffentlichung schränkt dieser Verzicht überraschenderweise auch gar nicht ein....

meint: 020200 am 11.03.04

heppa!

auch von mir lob an thomas für seine aktivitäten! toll dass es leute gibt die nicht direkt in der netlabel szene drine sind aber darüber berichten/sich damit befassen. du bist vorbild für hoffentlich noch viele weitere aufstrebende netaudio redakteure.

we'll wait for the future.

greetz,
martin

meint: martin donath am 17.03.04

Aufgrund von INTERJAMP hatte ich Idee bekommen selbst ein virtuelles Portal für Produzenten von Computermusik in´s Internet zu stellen.

Ob,und wie die Seite genutzt wird, ist eine andere Frage.

Für eine demokratische,bunte und starke Netzkultur!

lieben Gruß

meint: dirk am 12.07.04

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