The Modernist - "Intense Pop"

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joerg_burger.jpgJörg Burger, das ist ein Teil Kölner elektronischer Ästhetik und Eigenwilligkeit. The Modernist, das ist der Song im Clubtrack. Und, das ist die immerwährende Suche nach Pop im Minimalismus mit viel Schwung fürs Tanzbein.

Ein wenig Geschichtsunterricht

Jörg Burger, The Bionaut, The Modernist, das sind grundlegende Pfeiler Kölner Elektronik-Kultur. Neben Wolfgang Voigt gehört er zu den Grundsteinlegern, ohne die heute Köln bzw. Kompakt nicht das wäre was es ist: eine Institution für qualitativ-eigenständige und manches Mal auch recht eigenartige Techno-House-Musik. Das fing schon vor mehr als 10 Jahren an, als er als einer der Mitverantwortlichen mit dem Plattenladen Delirium eine Pipeline für die musikalische Grundversorgung legte. Gerade jetzt blicken alle glücklich zurück, Kompakt zieht um und expandiert in einer Zeit, in welcher eigentlich nur Tränen fließen - hier des Glücks.

Das war ihm damals aber nicht genug und man baute gemeinsam die Kommunikationskanäle weiter aus. Mit dem Fanzine "Houseattack" bündelte sich textlich wie auch inhaltlich ein formal durchdachter Gegenpol zur durchgeknallt-quirlligen Frontpage. Konsequenterweise entstand später Granit, eine Grafik-Agentur, die Jörg Burger gemeinsam mit Bianca Strauch führte. Im Team wurde hier nicht nur die Subkultur mit grafischen Eigenwilligkeiten versorgt, sondern auch die "Industrie" mittels der vollwertigen Agentur in den Jahren '98 und '99 bedient.

Leider gibt es schon lange keine Houseattack mehr und auch Granit ist nur noch gelegentlich tätig. Doch verfolgt man die Fäden, so entdeckt man, das alle Beteiligten weiterhin aktiv sind. Während Bianca nach Berlin gezogen ist, kürzlich erst z.B. das Artwork von Jan Jelineks Album "Pauvreté" beisteuerte, arbeiten die anderen als Texter und/ oder DJ im Herzen Kölns weiter. Und der Herr Burger selbst konzentriert sich seit drei Jahren auf das, wofür wir ihn am meisten lieben: Musik.

The Bionaut vs. The Modernist

Seit Anfang der 90er produzierte Jörg Burger elektronische Musik, zuerst unter dem Synonym Burger Industries und später immer mehr unter seinem Alias The Bionaut. Immer wieder vollzog das Projekt historische Schlenker versorgte den Dancefloor mit Acid und später Trance bis schließlich 1995 "Lush Life Electronica" erschien. Die Mischung aus runden warmen Sounds, wohligen Bässen plus intelligent akzentuierten Downbeats war das Gegengewicht des oftmals pathetisch-düsteren TripHops. Wo auf der britischen Insel die Kinoleinwand aufgezogen wurde, perlten die süßen Melodien aus Köln im minimalistischen Gewand. Mit einer Idee von Pop und Songstrukturen im Rücken distanzierte sich das Album von seinen zuvor erschienen Track-orientierten Veröffentlichungen. Vor allem die harmonische Freundlichkeit ließ einem das Album ans Herz wachsen.

Nur eins störte den Musiker selbst mit der Zeit: er landete auf Techno-Parties immer öfter im Chill-Out-Raum. Gemütlich auf dem Boden sitzend, fast schon ein wenig hippie-esk, kamen mit der Zeit immer mehr die Gedanken: "Die da drüben haben irgendwie viel mehr Spaß". Er wollte wieder zurück auf die Tanzfläche und etwas Neues musste her. Sodann wurde der gesamte Überbau einfach über Bord geworfen und The Modernist ward geboren.

Ein Spleen nimmt Gestalt an

Zuerst war es nur eine spaßige Idee. Der neue Jörg Burger sollte "fresh, schlicht und simpel" klingen. Und eine kleine Kiste von Yamaha, die Sequenzer und Synthie in einem Gehäuse unterbrachte, formulierte das Konzept. Kein Wunder, dass die erste Platte "klanglich sehr schlicht , aber ok" war, denn das Gerät konnte es nicht besser. Doch mit "Opportunity Knox" zauberte der Kölner ein wunderbar stringentes und geradliniges Album für den Club. Was zuerst unprätentiös ohne großen Überbau konzipiert war, aus dem Gedanken, "ich will wieder rocken", stieß auf eine ungemein hohe Resonanz. Ein wenig verblüfft über die Schwingungen folgte "Explosion" und war die logische Steigerung, die die Grundidee mit noch mehr Dynamik und Konzept auf den Punkt brachte. Doch die Aneinanderreihung von Tracks funktionierte nicht nur im Club, sondern gern auch zuhause. Wie schon bei The Bionaut sprachen die melodiösen Songtracks nicht nur den Unterleib an, sondern schmeichelten auch zuhause dem Ohr. Das zweite Album verkaufte sich unglaublich gut und übertraf alle Erwartungen. Nach der absichtlichen Abkehr mit The Bionaut von der Tanzfläche, wurde sie nun wieder vollkommen anvisiert.

Das Damokles-Schwert

Wahrscheinlich würde Jörg auch dieses Jahr ausschließlich touren, ab und zu einen Track für die Total-Compilations auf Kompakt produzieren und ein wenig Labelarbeit für Popular betreiben. Wenn nicht das Label Wonder mit seiner unnachgiebigen Frontfrau immer wieder nachgebohrt hätte, ständen auch dieses Jahr 40 bis 50 Liveacts auf dem Programm und kein Album. Das schwebt nämlich seit mehr als zwei Jahren über seinem Haupt wie ein Damokles-Schwert. Manchmal scheint es ihn förmlich zerrissen zu haben, wurde nächtelang kein Auge zugemacht, so sehr machte sich der Künstler einen Kopf, um das 13. Album seines Lebens. Auf der einen Seite gab es zwar einen großen Pool an neuen Tracks, doch noch einmal der gleiche Wurf wäre fatal gewesen, eine Fortsetzung das Ende.

Widerstehe, Besinne Dich und Starte neu!

Meist ist die Flucht nach vorne, das Machen, die beste Lösung. Deswegen wurde Ende letzten Jahres endlich "Kangmei" angegangen. Das Mittige, vordergründig tanzorientierte, sollte aufgebrochen werden, mehr Dreidimensionalität sollte den Raum durchlüften und die Abstraktion von Pop ein wenig weitergesponnen werden. Deswegen greift das Album bei einigen Songs auch richtig in die Breiten, schrammt an einigen bewusst gestreuten "cheesy moments" vorbei und ist ein Album mit allem drum und dran. Deswegen singt der Produzent zum ersten Mal selbst und gesteht schmunzelnd, dass er da natürlich nachhelfen musste. Doch das ist schließlich worum es sich seit Jahren bei ihm dreht: der Synthese von Pop und Elektronik.

Darum scheut er sich ähnlich Underworld auch nicht Gitarrensamples in einige seiner Tracks einzuweben. Das ist dem Soundtüftler so großartig gelungen, dass man erst einmal nicht bemerkt, was alles an neuen Elementen dazugekommen ist. Natürlich ist The Sound Of Burger wieder angereichert mit diesen homogenen warmen Basssounds, die wie eh und je die Hüfte zum Swingen bringen. Logisch, das auch jeder Clubgänger ihn wiedererkennt, aber das ist ja gerade auch das Einzigartige, der eigene Sound. Denn es gibt wirklich wenige, die es schaffen mit wenig Percussion so einen Schwung in einen Track zubekommen. Während andere mit Clicks&Cuts Soundsplittern nur so um sich werfen, reiten auf "Kangmei" ein weiteres Mal die Synkopen, treiben uns tonale Klänge an, formt sich ein Ganzes. Das klingt zwar oberflächlich vollkommen eingängig ist aber in seiner Struktur unglaublich ausgeklügelt und über die Jahre gewachsen.

Unsere letzte Frage

Zum Schluss bleibt eigentlich nur noch eine Frage offen, die nach den Titeln. Was bedeutet "Kangmei"? Warum heißt ein bouncender Track "Prozac Europe"? Und warum lacht The Modernist eigentlich über einen Titel wie "Goldberg Violation"? Aus dem chinesischen übersetzt hieße das Album "Widerstehe Amerika!" und eigentlich heißt es "Goldberg Variation". Letzteres ist schräger Humor und Wortspiel und verhohnepiepelt Bach. Ersteres ist ein schlichtes Statement in einer Zeit die Jörg Burger nicht nur für sich selbst als "intense" beschreibt. Natürlich zählt er sich selbst nicht zu politischen Bands, und weiß, dass niemand wegen seiner Titel Freiheitskämpfer wird. Trotzdem kann man auch aus seiner Position ein Statement veröffentlichen. Spätestens wenn der Journalist nachfragt und bohrt, rückt vielleicht auch das politische Ansinnen eines Techno-House-Produzenten ein wenig in den Vordergrund. Dann wird vielleicht auch deutlich, dass Dancemusic nicht gleichzusetzen ist mit stumpfer Feierwut. Schließlich haben es uns die Kompakt-Jungs über die letzten Jahre vorgemacht, wie man ein unabhängiges internationales Netzwerk spannt und eigenwillig Trends setzt ohne sich der kommerziellen Industriepolitik anzupassen. Und wie ihr wisst es funktioniert.

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Kommentare

tolle zusammenfassung des schaffens von jörg burger. Respekt!

meint: naut am 20.12.03

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