Syd Mead - Twist the cliché

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syd-cover.jpgDer Name Syd Mead sagt in der Regel keinem was, es sei denn er/sie ist Hardcore-Cineast oder begeisterter Designer mit Schwerpunkt Futurismus. Erwähnt man jedoch aber Filme wie Blade Runner, Tron oder Alien fangen die Augen an zu glänzen. Diese wurden nämlich maßgeblich von dem Visualisten mit Liebe zum Stift geprägt.

Auf der TypoBerlin V.03

Dieses Jahr im Mai trafen sich wieder die Design- und Schriftbegeisterten zum von Font Shop organisierten Kongress-Happening in der "schwangeren Auster" zu Berlin. Glücklich und stolz darüber, das lediglich 20 Teilnehmer weniger als im vorigen Jahr die Formulare ausgefüllt hatten, erwartete man voller Elan den Eröffnungsredner: Syd Mead. Das Motto der Veranstaltung war Humor. Auf den hatte uns schon die liebevoll gestylte Flash-Website mit Pillen um sich werfenden Ärzten vorbereitet.

Die Frage war nun: Was präsentiert ein visionärer Künstler wie Syd Mead, der vor allem durch seine stromlinienförmigen Designs auf sich aufmerksam gemacht hat? Zuallererst sich selbst. Und dann ein paar selbst gescribbelte Cartoons. Unter dem intelligenten Motto "Draw Your Own Conclusions" stellte syd1.jpgSyd erst einmal seine Arbeiten vor, die er für die oben genannten Filme, eine Boing-747 eines Scheichs oder einen ehemaligen Präsidenten der USA entworfen hatte. Die Vorstellung war zwar sehr interessant, doch hatte sie nichts mit den ganz netten Cartoons zu tun. Die erschienen im zweiten Teil des Gastspiels plötzlich zusammenhanglos, um am Ende noch einmal Platz für die eigentlich Werbung, sein Buch "Syd's Mead Sentury" zu machen. Draw Your Own Conclusions...

syd2.jpgDer Künstler

Syd Mead weiß wer er ist und was für eine Persönlichkeit er für viele darstellt. Gemeinsam mit seinem Kompagnon Roger Servick, der sich ums Bizniz kümmert und sich mit Anwälten und Kunden kloppt, bildet er ein einzigartiges Team. Gemeinsam hat das Duo außergewöhnliche Projekte abgewickelt für die die Arbeiten von Blade Runner und Tron die Eingangstüre waren. Dabei wirkte Syd Mead trotz seiner visionären Zeichnungen und Entwürfe immer nah am Geschehen und arbeitet auch heute noch sehr eng mit der Industrie und ihren Ingenieuren zusammen.

Natürlich fragt man sich, woher seine ganzen Ideen stammen, woher die Inspiration für elegante Auto-Formen, futuristische Kleidung und architektonische Interieurs kommt. Die Antwort des Amerikaners ist am Ende nicht weniger verblüffend, wie seine visualisierten Ideen: die Inspiration entsteht aus dem Job heraus. "Wichtig ist das Briefing und die Informationen, die Du vom Kunden erhältst. Auf der Art Center School (Los Angeles) habe ich zwar auch meine Mal-Techniken verbessert, entscheidender jedoch war das Lernen von Problem-Analysen und die methodische Herangehensweise an einen Auftrag."

syd3.jpgDas Ausleuchten der Anfrage steht immer vor der Arbeit. Für jeden neuen interessanten Job wird Syd Mead zu einem Kurz-Zeit-Experten. Ob er nun die Innenarchitektur einer Boing 747 für den König Fah'd aus dem Oman entwirft oder bei der Entwicklung eines neuen Schiffes einer norwegischen Firma hilft, die Informationen bilden den Kernpunkt der Operation. Stolz und gelassen erzählt der Kalifornier, dass es bisher keinen Auftrag gegeben hätte an welchem er gescheitert sei. Zwar gab es oft Momente, in welchen der Flow nicht funktionierte, doch das lag am Ende meistens an einem Leck an Aufklärung bzw. Information.

syd4.jpgTechnik, Twist und Talent

Seit seiner Kindheit ist der Stift Syd Meads Lieblingswerkzeug Nr.1. Die ersten Ideen entstehen immer auf Papier. Die Zeichnungen scribbelt er meist schnell und spontan auf Papier und spiegeln das wider, was im Kopf als aller erstes entsteht. Manchmal liegen die Bilder schon abrufbereit im Kopf vor und wollen nur noch auf Papier gebracht werden. Erfahrungsgemäß jedoch entsteht mit akkurat gezeichneter Quantität ein immer genaueres Bild bzw. Entwurf von dem endgültigen Ergebnis. "Je größer Deine Kollektion ist, desto eher kommst Du mit etwas neuem." Fleiß, Ausdauer und ein cleveres Geschick gehören zu Syd Meads Fertigkeiten. Dabei sieht er den Haupttrick beim Gestalten eines neuen Objektes ob Auto, Phantasiegestalt oder Szenario darin, dass man vorhandene Clichés so lange dreht, verbiegt und wendet bis etwas neues Außergewöhnliches entsteht. "Ein Cliché ist deshalb eins, weil viele Leute daran glauben. Darum sollte man ein Cliché benutzen es 'twisten' und verändern, um es interessant zu machen. Das ist der Trick. Dabei darfst Du nur nicht den Bezug zu Deinem Publikum verlieren. Ein Designer ist dann gut, wenn er weiß wie er ein Objekt richtig drehen muss, um mit etwas neuem daherzukommen ohne die Leute zu verschrecken." Deswegen ist die Analyse so wichtig. "Wenn du ein Fortbewegungsmittel für einen Film entwirfst, dann musst Du Dich fragen: In welcher Zeit spielt die Geschichte? Wie hoch ist das technische Level? Dadurch arbeitest Du Dich an die Grenzen des Geschehens heran."

syd5.jpgMit diesen Strategien wird dann zum Beispiel eine Halbkugel, die etwas in die Breite gezogen wird und matt glänzt als ein futuristisches Auto erkennbar. Lediglich zwei waagerechte länglich hervorgehobene Streifen geben dem Betrachter über den Sinn des Objektes Aufschluss. Ein dreibeiniges Etwas mutiert in einer gemalten Szene dadurch zum Lebewesen, weil es etwas ähnliches wie einen Raumanzug anzuhaben scheint. Da Pflanzen sich nicht von ihrem eigentlichen Standpunkt wegbewegen und deshalb keinen Schutzanzug benötigen, nehmen wir das Etwas als Außerirdischen wahr.

Am Puls der Zeit

Syd Mead hat die Maltechniken von der Picke auf gelernt. Denn in den 60ern war es noch Usus, dass Präsentationen mittels Kreide gemalt wurden. Ein großer Schritt in der Entwicklung seiner Arbeiten waren dann die ersten guten Marker in unzähligen Farben und Graustufen. Doch der mittlerweile 69-jährige hat früh die Vorteile von Computern erkannt. "Das einzige was für mich die Technik verändert hat, ist dass das heutige Arbeiten viel einfacher, schneller und komfortabler geworden ist. Das, was der Computer am besten kann ist Kopieren." Schon 1986 während der Arbeit für einen japanischen Anime-Film kaufte er sich seinen ersten Macintosh in Maximalausstattung. Vor allem der 8-Pen-Plotter katapultierte ihn zeittechnisch nach vorne. War es zuvor noch notwendig gewesen extra jedes Mal ins Filmlabor zu fahren, um Bilder zu vergrößern und zu dublizieren, konnte er nun selbstständig so viele Kopie wie möglich plotten, um sie anschließend weiterzuverarbeiten.

syd6.jpgDeswegen ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass der Self-Made-Man nun sein eigenes Buch selbst über das Internet weltweit verkauft. "Das Buch umfasst 175 Seiten mit meinen Illustrationen. Ich habe es in Eigenregie mit Illustrator und Quark Express zusammengebaut. Das ganze Buch passt genau auf 6 CD-ROMs, da hatte ich noch nicht das DVD-Medium zur Hand."

syd7.jpgMit dem Replikator in die Zukunft

Der in Hollywood lebende Künstler hat es immer verstanden am Puls der Zeit zu bleiben. Nicht zuletzt die Arbeiten für Sci-Fi-Filme wie Startrek oder seine Arbeiten für die Industrie sensibilisierten den futuristischen Maler. Auch heute noch bleibt er nicht stehen und paddelt fleißig vorne mit. Für die Zukunft wünscht er sich einen Replikator, denn... "Heute können wir alles in drei Dimensionen beschreiben. In Zukunft wird der fertige Artikel nicht halb so imposant und spektakulär sein wie die Daten, die ihn definieren. Dann wird das Ergebnis nur ein Beweis dafür sein, dass die Daten korrekt waren. Geschäfte werden dann hinfällig, wenn wir die Daten in einen Replikator laden können, um die Objekte zu materialisieren. Denn irgendwelche Artefakte wollen die Menschen immer in den Händen halten." Howgh!, der Häuptling hat gesprochen. (Moritz Sauer)

Zuerst erschienen in der De-Bug 73.

Links:
www.sydmead.com
www.typo-berlin.de

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Kommentare

schöner Artikel, Syd Mead hat, nur so zur Info, auch an einigen Computerspielen mitgewirkt. Unter anderem: Tron, Tron 2. Ein klitzekleiner überblick + links zu ein paar weiteren Spielen gibt's hier:
http://www.mobygames.com/developer/sheet/view/developerId,11462/

Viele Grüße, Swen

meint: swen am 19.07.03

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