Stadtgruen Netlabel: Digitaler Dualimus

Rubrik » Interview Portrait

stadtgruen.jpgLetztes Jahr gehörte das dualistische Netlabel Stadtgruen zu den Newcomern. Heute hat es sich mit mehr als 20 Releases, die uns immer wieder mit frischen druckvollen Sounds glücklich machen, einen der vorderen Plätze erkämpft, wenn es sich um progressiven Techno und Ambient dreht. Und weil hinter dem Namen "Stadtgruen" wesentlich mehr steckt, als man auf den ersten Blick vermutet, hat Christian "tend" Kausch das Label um Martin Donath und Lomov genauer unter die Lupe genommen.

Text: Christian "tend" Kausch

"Stadt" steht symbolisch für Kultur und "Gruen" für Natur. Zusammengesetzt soll das Wort die Spannung zwischen diesen beiden Polen ausdrücken. Natur ist etwas Gegebenes und Kultur wird aus der Natur geschaffen. Wenn Kultur allerdings nicht mehr gepflegt wird, holt sich die Natur ihre einst gegebenen Rohstoffe wieder zurück, womit Kultur immer um das eigene Überleben kämpft.

Der Gedanke kommt aus dem Daoismus und beinhaltet das allseits bekannte Yin und Yang. Keine Seite ist absolut schwarz oder weiß. Es ist immer etwas vom anderen enthalten, also das Leben im Einklang mit der Natur. Einziger Unterschied zu dieser Philosophie ist, dass man (nicht nur) bei Stadtgruen seine Umwelt aktiv gestalten will. Man möchte sich von der Natur abheben, "... das Leben besteht nicht nur aus Fressen, Saufen und Poppen daraus kann man noch mehr machen! Man muss es immer aktiv analysieren und ständig einen neuen Ausgleich finden."

martin_donath.jpgMartin Donath aus der Nähe von Nürnberg, der die Plattform zusammen mit Axel Bergk aus Hamburg betreibt, schrieb bereits schon einmal eine Facharbeit über das Thema. Somit verbirgt sich unter den "gruenen" Veröffentlichungen des Labels im allgemeinen Ambient, also tragende, sich unregelmäßig bewegende Sounds, während man unter den "städtischen" Releases Techno, also elektronische und maschinelle Töne findet. Natürlich gibt es auch hier immer Überschneidungen, weswegen das alte Logo mit den überschneidenden Kreisen gewählt wurde. "Wir möchten uns in diesen Punkten natürlich selbst treu, allerdings nicht monoton in einer Richtung bleiben."

Den beiden gefällt die familiäre Gemeinschaft der Netlabel. "Man lernt immer neue Leute kennen, versteht sich meist sofort und man bekommt auch schnell Hilfe, wenn man mal ein Problem hat." Und so überrascht es auch nicht, wie sich Martin und Axel kennen gelernt haben. Martin, der selbst erfolgreich Musik produziert, hatte gerade neue Frickel-Tracks auf einer bekannten "Trance- und HipHop-verseuchten" Download-Plattform hochgeladen, was Axel durch Zufall mitbekam. Dieser hatte für sich selbst eine Möglichkeit zur Verbreitung seiner Musik gesucht, war aber auch unzufrieden damit, dass seine Sounds nirgendwo 100%ig passten. Somit sprach er Martin an und nach einigem Email- und Telefon-Hin und Her, entschlossen sich die Beiden, ein gemeinsames musikalisches Projekt und schließlich ein Netlabel ins Leben zu rufen. Das war im Juli 2003. Und seitdem haben die beiden sich nur 3x im realen Leben getroffen.

Martin ist 20 möchte bald nach Düsseldorf ziehen, ist Hobbyfotograf sowie -philosoph und pflegt eine Vorliebe für avantgardistische Kunst. Axel ist 45 und arbeitet bei einer Unternehmensberatung als professioneller Fotograf, hat Kunstgeschichte und Philosophie studiert und produzierte außerdem eine Zeit lang moderne Kunst. So erklärt sich auch die hintergründige Entwicklung des Labels und die außergewöhnliche Fotoauswahl. "Das sind alles selbst geschossene Bilder. Die Makroaufnahmen stammen z.B. aus meinem Garten. Viele andere Aufnahmen hat aber auch Axel beigesteuert." Die technische Umsetzung von "Stadtgruen" hat übrigens Dataman von "Legoego" gemacht, womit wir schon wieder beim familiären Zusammenhalt wären.

lomov.jpg"Unser größter Erfolg war bisher die Veröffentlichung von Frank Biedermann. Dabei habe ich die Tracks nur zufällig bei der Suche nach Fruity Loops Skins auf seiner Seite gefunden. Nach kurzer Anfrage waren seine Tracks nach 3 Tagen bei uns auf der Seite." Ihnen selbst gefällt im Moment die Janus-Compilation am besten. "Ich höre Musik ungern unter 5 Minuten. Bei mir kann ein Track gern 12 Minuten lang sein, sich langsam entwickeln. Ich mag keine kurzen Stücke mehrmals im Loop hören. Das ist natürlich auch immer ein Spagat zwischen Spannung und Monotonie. Aber mein Grundsatz ist trotzdem: Weniger ist mehr!" Den Anspruch, jeden 1. im Monat Mp3s hochzuladen, haben die beiden schon lange nicht mehr: "Qualität braucht eben Zeit!"

Und so bleibt uns immer wieder aufs neue die Überraschung, was als nächstes kommt. "Im übrigen hatte ich in Musik in der Schule immer eine 5. Ich habe auch jetzt noch recht wenig Ahnung von Noten und so weiter. Ich mache beim Produzieren einfach mein Ding."

Unser Dank gilt Christian "tend" Kausch vom Broque-Netlabel, der uns das Interview zur Verfügung gestellt hat :)

Links

Website: www.stadtgruenlabel.net

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Kommentare

Naja, was soll ich noch große Lobeshymnen auf Stadtgrün schwingen, die gehören nun mal zu den top of the pops sozusagen, und das verdient. Interessant find ich den krassen Altersunterschied zwischen den beiden Protagonisten, ist bestimmt auch einmalig unter den Netlabels.
Freu mich schon auf das persönliche Zusammentreffen auf der c/o pop im Kulturbunker!

meint: Elliptic am 26.07.05

"Trance- und HipHop-verseuchte Download-Plattform" - hahaha...da muss ich direkt schmunzeln. ;D
schade nur, dass stadtgruen von nun an die einzige plattform sein wird, um m.donath&co zu lauschen.
aber was solls...stadtgruen reicht vollkommen aus! ;)

meint: re-fuse am 26.07.05

@Karsten: naja, erst einmal ein wenig verteidigung. gerade am 18.07.05 haben wir das netlabel zerinnerung vorgestellt. das wurde hier noch nie gefeatured. außerdem ist gerade so etwas wie sommer-pause und alle schreiber scheinen ein wenig in der sonne zu liegen. tendenziell hast du natürlich recht, und das weiss ich auch. aber nenn mir mal ein paar gute drum&bass-label! ehrlich, ich kenn keins, dass mich richtig überzeugt hat. gerne kannst du auch ein interview mit einem deiner lieblings-labels schicken. aber spätestens nach august, hauen wir wieder auf die pauke!

versprochen!

ps: und textone wurde hier vor mehr als einem jahr vorgestellt und seitdem kein einziges mal mehr.

meint: mo. am 28.07.05

Das mit dem D'N'B war nur ein Beispiel.
Das mit der Sommerpause versteh ich - OK
Doch das es immer Thinner und Co sein muss versteh ich nicht. Das ist so was von einseitig - das gibt es gar nicht. Kann mir nicht vorstellen, das alle auf Dub/Minimal & Ambient abfahren. Wo ist der Techno, D'N'B, Gabber ...

Aber das ist doch das, was die Szene nicht will - Einseitigkeit, Kommerz, Starbildung, Selbstverleibtheit ... - oder hab ich mich da getäuscht?!?
Sollte sich diese Bewegung nicht abheben und von solchen Sachen lösen?!

meint: Karsten am 28.07.05

Manchmal ...

... weiß ich nicht so recht, ob manche Kommentatoren sich tatsächlich das Angebot auf Phlow durchgeschaut haben. So ist die Liste mit 259 Einträgen zum Thema mp3 bei Phlow ganz aufschlussreich. Da finden sich tatsächlich sieben Einträge zu Releases auf Thinner und zu jenen auf Textone und Stadtgruen findet man auch je einen. Ein wirklich erschreckendes Unverhältnis, wie ich finde!

Zudem wird mo. es in seinen Kommentaren auch immer noch nicht leid, Euch aufzufordern, das Leben in den unentdeckten Nischen mit ein paar eigenen, angelegentlichen Worten wachzuküssen.

Die Schneewittchen warten auf euch!

meint: axel am 28.07.05

da sich seit meinem Interjamp Special zu Stadtgruen kaum etwas geändert hat, möchte ich es dem gepflegten Phlow Leser ans Ohr binden. Interview mit Axel

http://www.archive.org/audio/audio-details-db.php?collectionid=inter005&collection=interjamp

meint: Datamat am 28.07.05

auf von mir ein grosses generelles lob.
stadtgruen hebt sich definitiv von den vielen anderen labels durch musikalische und kulturelle qualität ab.
bin gespannt welche interessanten releases uns zukünftig noch erwarten werden.

meint: don am 28.07.05

Naja – Phlow war auch mal besser.
So langsam kotzt mich das an – es wird ständig nur von Thinner, TextOne & Stadtgrün und so geschrieben. Klar machen die alle gute Musik.
Irgendwann wird’s aber langweilig. Es gibt so einige andere Netlabel die auch sehr gute Musik machen. Über die noch nie berichtet wurde.
Haaaaaalllllo – es gibt nicht nur Dub und Minimal Techno Sounds in der Scene. Warum nicht mal Drum n Bass oder was weiß ich. Mal n paar weniger Bekannte?!

Ich verfolge die Bewegung schon ne ganze Weile als Fan der Alternative – doch so langsam sieht mir das so nach Lobby aus. Es gibt da 5 Typen die sind Kumpels und die Loben sich alle gegenseitig hoch in den Himmel. Wenn das so weiter geht, endet die Netlabelszene total in der Eigenverleibtheit.
Na dann – frohe Zukunft.

meint: Karsten am 28.07.05

mir fallen sofort ca 20 netlabels ein, die man portraitieren könnte. ausserdem fände ich es durchaus mal interessant, sich mit leuten auseinanderzusetzen, die nicht erst mit der "dritten netlabelwelle" auf den plan getreten sind (nach dem ansteigenden medieninteresse um '02 herum).

nichts gegen martin und axel, ich fand dieses interview sehr schön zu lesen. mir fehlt aber die auseinandersetzung mit der tiefe der materie. es gab auch vor 10 jahren schon eine floriende netaudio landschaft mit sehr guter musik und akteuren, die dem geschehen von heute in einigen bereichen den weg geebnet, oder andere zu neuen wegen inspiriert haben (dabei spreche ich nicht nur von tdr oder mono). ist schon schade, dass sich die henne nicht mehr für ihr ei interessiert...

meint: ronny am 29.07.05

@ronny: das ist sehr richtig. da sollte man mal mehr schaun. diese schnellebigkeit der medien geht mir auch manchmal auf die nüsse. mal sehen, ob ich mal wieder zeit habe sowas zu machen. im moment ist bei mir eher redesignen und studieren angesagt- was ja auch nicht schlecht ist.

meint: 020200 am 29.07.05

oho,

man sollte sich mal mit den alten geeks auseinander setzen. Mir kommt dieser Vorschlag vor wie ein verstecktes "ich war der erste und keiner schreibt über mich". Hat da nicht James Murphy einen Sond drüber geschrieben? I was there blablabla...

Mir geht dieses Vergangenheitsbezogene Gejammer auf den Zeiger. Pfeiff auf Detroit, die bringen schon seit 10 Jahren nichts mehr wegweisendes und grabt Kraftwerk endlich ein. Tolles marketing der Düsseldoofen übrigens.

Es geht um das Neue das Tolle und nicht das alte und Olle. Oder wollen wir bei Turing anfangen und mal fragen was der Zuse zum Apranet sagt. Ich lebe jetzt!

meint: youknowmyname am 29.07.05

@karsten: nein, ich will dich jetzt nicht zu grund und boden überzeugen. aber vielleicht kannst du ein paar netlabels vorschlagen, dessen ein portrait würdig ist. netlabels wo es wirklich 100% guten stuff gibt sind IMHO noch immer etwas rar.

ich habe mal miasmah um ein interview gebeten... und bekam die antwort "ich habe eh eigentlich nicht mehr zu sagen als das feature hier: (im multilink pdf-magazin http://www.multilinkmagazine.com/)" tja, shit happens.

auf meiner liste rückt 1-bit wonder schön weit nach oben. weitere vorschläge?

meint: 020200 am 29.07.05

@mo.

phlow wird immer besser. danke für den riesenaufwand den du betreibst.

gute texte lesen, mit persönlicher note, wunderbare menschen kennenlernen, neue technik entdecken. das find ich hier, einfach und verständlich.

danke mo.

meint: kus am 29.07.05

du musst das auch im kontext zu "es gibt ja nicht's worüber es sich zu schreiben lohnt" sehen. davon abgesehen gabs vorgestern und gestern musik, die heute noch keiner kennt aber trotzdem interessant ist. und beim blick auf die roadmap von detroit techno sind da keine klaffenden informationslöcher wie in der roadmap von netaudio. der ganze digitale krimskrams heutzutage erleichtert das vergessen bzw verschwinden von informationen. dem entgegenzuwirken hat wenig mit gejammer als konservierung von wissen zu tun.

zum thema auf den zeiger gehen; leute die immer noch nicht in der lage sind unter ihre 2 cent einen brauchbaren namen zu packen, gehören auf der liste eindeutig ganz weit nach oben.

meint: ronny am 30.07.05

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