Spreeblick unter der Lupe - Ein Interview mit Johnny Häusler

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johnny_haeusler.jpgDas Themenfeld "Personal Publishing" mit seinen Hauptfeldern Blogging, Podcasting, VideoCasting und der Wiki-Technik birgt einiges Potential. Diese Werkzeuge machen das Internet zu einem many-to-many-Medium. Noch nie hatten einzelne Individuen mit so geringem Aufwand, so viele Möglichkeiten andere Menschen zu erreichen. In einer Serie von Interviews blickt Phlow hinter die Kulissen der Betreiber von Blogs, Podcasts & Co. Und mit wem geringeren als Johnny Häusler könnten wir unsere neue Serie starten?!?

Text: mo.

Richtig bekannt geworden ist Spreeblick und sein Autor Johnny Haeusler durch die Jamba-Geschichte. Die gilt heute als Paradebeispiel für viele Blogger, wenn es um die Frage geht: "Haben Weblogs Macht beziehungsweise das Potential die alten Medien zu beeinflussen, zu verändern oder gar abzulösen?". Dabei wissen die wenigsten, dass Johnny Haeusler selbst eigentlich ein alter Hase ist, der sich im breiten Feld der Kommunikation und der Medien recht gut auskennt. Neben seiner langjährigen Tätigkeit als Radio-Moderator beim Berliner RADIO 4U - später Radio FRITZ - war er auch Sänger und Kopf der Band PLAN B bis 1994. Danach gründete der Berliner das Multimedia-Unternehmen DEFCOM, das Ende 2003 geschlossen wurde.

Sein Weblog Spreeblick befeuern seit kürzerer Zeit nun auch weitere Autoren. Außerdem experimentiert Johnny Haeusler gerne mit der Podcast-Technik und rollt seinen Kumpel Toni Mahoni via VideoCast ordentlich nach vorne. Was da noch geht, warum er eigentlich bloggt und wir er die Szene und das Potential sieht, erfahrt ihr im Interview.

Interview mit Johnny Haeusler

Wie bist Du zum Bloggen gekommen?

2001 "stolperte" ich bei der Web-Recherche nach technischen Lösungen im Bereich meiner Arbeit für unsere Webagentur immer häufiger über US-amerikanische Blogs. Mir fiel auf, dass diese oft bessere und detailliertere Antworten boten als Hersteller-Sites oder größere Online-Magazine, zudem waren sie witziger und persönlicher geschrieben. Über diese Blogs fand ich andere Blogs und irgendwann wollte ich es selbst probieren, teils aus Neugier auf die dahinterliegende Technik, teils aus Spaß am Schreiben.

Wenn man spreeblick liest, dann stechen vor allem zwei Themen hervor: Musik und der Umgang mit Menschen. In Form von Geschichten thematisieren Deine Autoren und Du immer wieder gesellschaftliche Missstände. Sind das die zentralen Themensäulen von Spreeblick oder warum betreibst Du das Weblog?

Die Themen ergeben sich eigentlich aus dem, womit ich mich schon immer beschäftigt habe, und das sind Musik, Technik, Kommunikation und (städtisches) Leben. Ich habe Spreeblick sicher nicht angefangen, um meine Gedanken dazu "in die Welt" zu tragen, aber das Blog hat sich mit Hilfe der Leserinnen und Leser definitiv zu einer PLattform rund um diese Themen entwickelt.
toni mahoni
Philosophieren auf humorvollem Niveau:
der VideoCast von Toni Mahoni

Wenn man sich derzeit Spreeblick anschaut, dann bemerkt man den reduzierten Einsatz von Bildern. Zahlreiche Artikel kommen ohne Bilder aus. Da liegt die Vermutung nahe, dass das mit Absicht geschieht? Warum?

Nee, keine Absicht. Faulheit! :)

Ich stamme ja noch aus einer Zeit ohne Breitband-Anschluss, ich muss mich immer noch daran gewöhnen, dass es jetzt okay ist, mehrere Fotos auf eine Website zu packen. ;)

Zu Anfang hast alleine Du auf Spreeblick Deine Beiträge veröffenlicht. Mittlerweile präsentiert Spreeblick eine Vielzahl von Sendern. Dazu gehören Toni Mahoni, Andreas, Du und weitere Gastschreiber. Wie ist es dazu gekommen und warum hast Du Spreeblick zum kooperativen Blog ausgebaut?

Anfangs war das ein Versuch, ich war ein paar Tage krank und habe befreundete Blogger eingeladen, Spreeblick "zu bevölkern". Das hat Spaß gemacht. Später haben wir es weitergemacht auch aus der Überlegung heraus, dass ich allein das Tempo nicht für immer halten kann. Ich mag aber dieses Tempo, daher lag es nahe, mehrere Autoren schreiben zu lassen. Es ist jedoch noch nicht sicher, in welche Richtung sich das in den kommenden Monaten entwickeln wird.
Bei Toni war das alles jedoch anders. Toni ist Teil des Plans, Spreeblick eben nicht nur ein News- oder Kommentar-Blog sein zu lassen, sondern durchaus auch zu einem eigenen Kanal auszubauen. News wiedergeben kann jeder, eigene und gute Podcasts und Videocasts sind jedoch etwas anderes. Wir versuchen uns damit von anderen abzusetzen.

Was steckt hinter dem Spreeblick-Verlag für eine Idee? Publiziert Ihr demnächst Bücher, wer darf mitmachen und worauf zielt der Verlag ab?

Wir können alles machen, wir kümmern uns als Verlag um Autoren und Inhalte. Im Sommer kommt Tonis CD, vielleicht machen wir ein Buch mit den besten Spreeblick-Anekdoten.

Du selbst kennst Dich gut mit Webdesign und Webtechnik aus. Wie sollte ein Weblog aufgebaut sein und wie wichtig ist die verwendete Technik? Verbindest Du Technik und Schreiben? Wenn ja, wie?

Ich persönlich mag es, einen eigenen Server mit einem Blog-System zu haben, das ich so gut wie möglich verstehe und beherrsche. Wichtig ist das aber nicht. Wer gute Geschichten hat, kann diese auch bei irgendeinem kostenlosen Dienstleister schreiben ohne einen Schimmer von der Technik zu haben. Die Gestaltung, die Farbgebung halte ich da schon für wesentlich wichtiger, zumindest auf Lesbarkeit sollte man Wert legen.

Mittlerweile gibt es auch ein Spreeblick-Wiki, um die Kooperation, das Webdesign und die Inhalte zu verbessern und zu koordinieren. Funktioniert die Wiki-Idee?

Das öffentliche Wiki nutzen wir eher selten, das interne schon eher. Aber auch nicht genug, das Gros der internen Kommunikation läuft immer noch über Mail, ich glaube aber, dass Wikis diesen Mailaufwand, der ein echtes Problem für mich darstellt, eindämmen können.

Neben den normalen Weblog-Einträgen produzierst Du obendrein auch noch einen Podcast. Worauf kommt es bei einem Podcast Deiner Meinung nach an? Wie wichtig sind eine thematische Ausrichtung und ein gewisses Format?

Der Spreeblick-Podcast ist ziemlich anarchistisch, es passiert, was passiert, kaum geplant und selten großartig editiert. Es gibt ab und zu Themen, die man sich vorher als Stichpunkte aufgeschrieben hat, aber das ist das Höchstmaß an Planung. Und das ist auch gleichzeitig das Format.

Welche Technik kommt bei der Produktion Deines Podcasts zum Einsatz?

Ein portabler MP3-Rekorder von M-Audio, der viel zu teuer ist und über ein furchtbares Interface verfügt, aber gute Qualität liefert. Geschnitten wird in Garageband. Mehr braucht man nicht, auch mit einem billigen MP3-Player, der ein eingebautes Mikro hat, kann man podcasten und kostenlose Schnittprogramme gibt es auf jedem Betriebssystem.

Das "revolutionäre Potential" von Weblogs wird oft gekürt und angepriesen. Welche Stellung beziehst Du bei dem Thema?

Die kurzfristige Wirkung wird über-, die langfristige jedoch unterschätzt. Mich interessiert nicht, wieviel "Macht" einzelne Blogs jetzt und heute haben, denn diese "Macht" wird viel zu hoch bewertet. Ich finde es viel spannender dabei zuzusehen, wie diese neuen Publikationsformen die Medien in den kommenden Jahren verändern werden. Dass sie das tun werden, davon bin ich überzeugt. Heutige Blogger, die ein echtes und langfristiges Interesse am Schreiben und Erzählen haben, sind die Journalisten und Autoren von morgen. Und die nächsten Stars, egal ob wir dabei über Musiker, Drehbuchautoren, Schauspieler oder Moderatoren reden, werden eh im Internet geboren.

Was wünschst Du Dir in Zukunft noch für die Weblog-Szene?

Einen höheren Anspruch an die eigene Art zu schreiben, die beste Geschichte interessiert doch niemanden, wenn sie langweilig geschrieben wurde. Weniger Neid wäre auch schön. Und viel, viel, viel mehr klugen Humor!

Und natürlich überhaupt und immer wieder: noch viel mehr Blogs!

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Kommentare

huch! ganz vergessen. an dieser stelle möchte ich auch noch nachträglich dem spreeblick für den grimme award gratulieren. sehr schön! das zeigt nur, dass liebevoll und engagierte weblogs das zeug haben, aufmerksamkeit zu bekommen. Herzlichen Glückwunsch der Spreeblick-Posse!

meint: mo. am 03.06.06

Im Artikel sammeln sich ja lustige Schreibweisen von Tonis Namen. Ist das Absicht ;-)
Toni Mahoni schreibt er sich normalerweise.

meint: Frank am 08.06.06

@frank: ulla! wird sofort korrigiert! danke für den hinweis. habe mich recht amüsiert, darunter waren wirklich so gut wie alle möglichen kombinationen.

meint: mo. am 08.06.06

hallo mo, gute Fragen stellst du da ;)
Weiter so, Bernd

meint: Bernd Sommerfeld am 09.06.06

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