Second Life: Die Konstruktion der Wirklichkeit

Rubrik » Interview Portrait

second-life-interview-scr-0.jpgSecond Life Interview Teil 3 | Die Welt von Second Life definiert sich durch das Können und die Fähigkeiten seiner Bewohner und Besucher. Schließlich ist die Welt darauf ausgerichtet vom Benutzer mitgestaltet zu werden. Wie in der reellen Welt gehören die Copyrights der virtuellen Gegenstände und Produkte den kreativen Produzenten. Annette Pohlke erklärt im letzten Teil unseres Interviews, was ihr Buch liefert und erklärt.

Interview: Moritz "mo." Sauer
Bilder: Annette Pohlke



Wenn man ihr Buch liest, so erkennt man, dass der komplette Einstieg in Second Life nicht ganz so leicht ist. Mit zahlreichen Hilfestellungen unterstützen Sie den ersten Kontakt. An wen richtet sich Ihr Buch?

Zunächst mal an alle, die sich für Second Life interessieren. Ich hoffe, daß mein Buch auch demjenigen, der Second Life (noch) nicht nutzt und sich nur über Second Life informieren will, einen guten Überblick bietet. Dann ist es natürlich für alle gedacht, die in Second Life einsteigen wollen. Im Vergleich zu einigen anderen aktuellen Titeln will es den Nutzer aber auch über die ersten Schritte hinaus begleiten und ihn befähigen, von den vielfältigen Möglichkeiten in Second Life möglichst viele kennen zu lernen und aktiv für sich zu nutzen. Es gibt Einführungen in die wichtigsten Bereiche, wie Bauen, Texturen herstellen oder Scripte selbst schreiben. Vertiefte Spezialkentnisse in diesen Bereichen kann und will es allerdings nicht vermitteln, es soll zum Kennenlernen und Ausprobieren anregen.

second-life-interview-scr-1.jpg

Wenn man sich die zahlreichen Gestaltungsmöglichkeiten in Second Life ansieht, freut man sich im ersten Moment. Auf den zweiten Blick setzt Second Life für das aktive Gestalten einiges Können voraus. Ob man sich neue Kleidung per Photoshop zusammenstellen oder eigene Avatar-Gesten entwerfen möchte, es scheint, dass Second Life sich an versierte Computernutzer richtet. Ist dem so?

Das ist teilweise richtig, aber eben nur teilweise. Eine gewisse Computeraffinität setzt Second Life sicher voraus, aber Menschen, die dies ganz und gar nicht sind, werden auch vermutlich sowieso nicht den Aufenthalt in einer virtuellen Welt zur liebsten Freizeitbeschäftigung wählen. Und wer in Second Life nicht reiner Konsument bleiben will, sondern selbst etwas gestalten oder produzieren will, muß sich in der Tat zumindest bis zu einem gewissen Grade mit bestimmten Werkzeugen innerhalb von Second Life oder mit externen Programmen vertraut machen.

Allerdings reicht nach meiner Einschätzung für die Grundfunktionen, die jeder könne sollte, eine vergleichsweise oberflächliche Beschäftigung, mit den so erworbenen Grundkentnissen kann man aber schon einiges machen. Nur wenige werden die Neigung, das Talent und den Ehrgeiz verspüren, darüber hinaus echte Meisetrschaft in einem dieser Bereiche anzustreben, und dafür sind aus meiner Sicht dann auch nur zu einem kleinen Teil die Computerkentnisse ausschlaggebend.

second-life-interview-scr-3.jpg

Der herausragende Modedesigner wird dies eher durch seinen Geschmack, Talent zur künstlerischen Gestaltung und ein gewisses Händchen für die Vermarktung seiner Produkte. Wo das fehlt, nützt Virtuosität am Computer gar nichts. Die Vielfalt der Möglichkeiten in Second Life ist so groß, daß fast jeder die Chance haben müßte, ein für ihn geeignetes Betätigungsfeld zu finden.

Ansonsten ist Second Life durch sein Wrtschaftssystem wie das "wahre Leben" auf eine gewisse Arbeitsteilung ausgelegt, die meisten Nutzer - soweit sie nicht reine Konsumenten bleiben wollen - werden sich bald das Arbeitsgebiet suchen, das ihren Neigungen entspricht, und ihre sonstigen Bedürfnisse decken, indem sie mit dem Geld, das sie so verdienen, vom Spezialisten kaufen. Auch für diejenigen, die keinen Zugang zu den kreativen Werkzeugen in und um Second Life finden, gibt es zahlreiche Betätigungsmöglichkeiten, für zahlreiche Tätigkeiten in Second Life - von der Tänzerin über den Gamehost zum Manager - braucht man überhaupt keine Computerkentnisse, sondern vielmehr soziale Kompetenz oder Organisationstalent.

Ich halte diese sozialen Fähigkeiten in Second Life für die ganz entscheidenden, und das ganz egal, ob man Second Life nur zur Unterhaltung betreibt oder ob man wirtschaftlichen Erfolg anstrebt.

second-life-interview-scr-2.jpg

Welches Erlebnis hat Sie während Ihres Aufenhaltes in Second Life am meisten beeindruckt, amüsiert oder nachdenklich gestimmt?

Ich glaube, das ist meine Lieblingsfrage. Ich werde nie meinen ersten Sonnenuntergang in Second Life vergessen. Mich hat erstmal schon ungeheuer beeindruckt, daß es überhaupt einen Sonnenuntergang gibt. Eigentlich braucht man keinen, technisch gesehen. Rechnerkapazität "verschwendet" für Schönheit! Manchmal mache ich Streifzüge durch Second Life und fotografiere einfach Gebäude, Städte, Landschaften, die ich schön finde. Ich finde immer wieder Dinge, die mich überraschen oder bei denen ich sprachlos bin über die Mühe, mit der sie liebevoll gestaltet wurden.

Vielleicht hätten Sie sich mehr über etwas Nachdenklicheres oder Originelleres gefreut; die Ansicht, daß Sonnenuntergänge schön sind, ist so ziemlich das Gegenteil davon. Zugleich illustriert es, was mir an Second Life immer noch am Wichtigsten ist: Es soll Freude machen und das Leben bereichern. Wie es das tut, mag für jeden individuell sein. Und für wen es das nicht tut, der soll stattdessen einfach lieber mit seinen Freunden in der Kneipe ein Bier trinken, jedenfalls für die breite Masse, die sich nicht beruflich mit Second Life auseinandersetzen muß. Es wäre schade, wenn diese spontane Freude über den aktuellen Hype und hitzige Debatten über das Pro und Contra verloren ginge.

Vielen Dank für das ausführliche Interview!



Informationen zum Second Life Buch und Probekapitel

Website: www.sl-log.de Annette Pohlke Second Life Juni 2007
173 Seiten
ISBN-13 978-3-89864-467-9
22 Euro (D) / 22,7 Euro (A) / 39 sFr
dpunkt.verlag

Als Favorit speichern » AddThis Social Bookmark Button

Kommentare

warum eigentlich immer brüste?

meint: bettina rhymes am 08.08.07

Bin ich eigentlich der einzige, der die Krätze bekommt, wenn das Thema "Second Life" angeschnitten wird?

meint: Carl Carlson am 08.08.07

freunde von mir sind süchtig geworden.sie sitzen nur vor der kiste,bewegen sich in ihrer "freizeit"in sl.
ich bin wahrscheinlich mit 40jahren zu alt,um mich begeistern zu können...? ;-(

meint: rainer am 09.08.07

Kennt eigentlich noch jemand Neil Stephenson's SciFi-Klassiker "Snow Crash"? Sein Konzept des Metaversums darin entspricht eigentlich 1:1 dem, was wir jetzt mit Second Life haben. Und das Buch ist immerhin von 1992... Rundum visionäre Sache. Linden Lab, die SL-Entwickler, haben Snow Crash nach eigener Aussage als Vorbild genommen. Sollte man wirklich mal wieder rauskramen. Dazu noch extrem lesenswert.

http://en.wikipedia.org/wiki/Metaverse

meint: disrupt am 09.08.07

@bettina rhymes: weil brüste was tolles sind. frauen sowieso. und einen penis habe ich nirgendwo gefunden ;) aber es gibt ja auch noch ein paar andere bilder in den artikeln.

meint: mo. am 10.08.07

Kommentar schreiben!

Kommentare:

Klick-Konzept - Essentielles Webdesign