Second Life: Erste Schritte im zweiten Leben

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second-life-portrait-1.jpgInterview Teil 1 | Nachdem sich die Aufregung und der Hype der letzten Monate um Second Life ein wenig legt, erscheinen zunehmend Bücher zum Leben in der digitalen Realität. Eines stammt von Annette Pohlke, die sich als Expertin intensiv mit virtuellen Communities auseinandersetzt - insbesondere Second Life. In einem kritischen Interview beantwortete sie uns zahlreiche Fragen.

Interview: Moritz "mo." Sauer
Bilder: Annette Pohlke



Frau Pohlke, was fasziniert Sie so sehr an Second Life und worin unterscheidet sich die Online-Plattform von anderen Treff- und Spiele-Communities?

Was ich persönlich an Second Life besodners fasziniert, ist die große Gestaltungsfreiheit. Dazu gehört auch das, was aus meiner Sicht Second Life von anderen Online-Communities unterscheidet: Das Fehlen einer klaren Zielbestimmung. Second Life ist tatsächlich nichts weniger als eine (virtuelle) Welt. Dazu gehört auch, daß die Nutzer selbst entscheiden müssen, wozu sie überhaupt dort sind.

Wozu eignet sich Second Life? Sehen Sie die Plattform eher als Gesellschaftsspiel oder könnte sich in der virtuellen Welt tatsächlich auch eine neue Art von Wirtschaft etablieren? Sollte dem so sein, glauben Sie, dass sich diese Wirtschaft nur auf virtuelle Second-Life-Güter beschränkt?

Ich werde jetzt nicht in die Kerbe hauen, daß Second Life kein Spiel ist, das ist oft genug gesagt worden.

Aus dem, was ich gerade geantwortet habe, folgt, daß Second Life nicht das eine ODER das andere ist. Was der Nutzer in Second Life findet, hängt vor allem ab, wonach er sucht. In diesem Sinne ist Second Life tatsächlich eine Plattform, auf der ein Gesellschaftsspiel oder eine eigene Wirtschaft entstehen kann bzw. faktisch bereits entstanden ist.

Tatsächlich gibt es ja in Second Life eine eigene Wirtschaft, die wird sich nicht erst etablieren, die ist schon da. Der größte Teil dieser Wirtschaft dreht sich in der Tat um Second Life spezifische Produkte und Dienstleistungen. Das wird vermutlich auch noch eine ganze Weile so bleiben.

Ich sehe daneben durchaus potential für Güter und Dienstleistungen, die darüber hinausgehen, allerdings wird es nicht funktionieren, wenn Firmen einfach einen Internet Auftritt in 3D versuchen und erwarten, daß Nutzer ihre Geschäfte in Second Life stürmen, um echte Autos, T-Shirts oder Turnschuhe zu kaufen. Ich denke, daß es noch eines kreativen Findungsprozesses bedarf, damit Firmen mit Real Life Produkten, die spezifischen Ausdrucksmöglichkeiten in Second Life sowie die Bedürfnisse und Wünsche der Nutzer innerhalb und außerhalb von Second Life zusammen finden.

Ein neues Medium braucht immer auch eine neue Formensprache, und es dauert ein bißchen, bis sich die ausbildet, so wie Firmen auch einige Zeit gebraucht haben, um zu begreifen, daß es für eine Webseite nicht reicht, den Text des Firmenflyers online zu stellen.

So wie sich im Internet ein Markt für bestimmte Güter und Dienstleistungen gebildet hat, für andere aber nicht, je nachdem, wie das spezifische Medium das spezifische Produkt unterstützt, wird es sich vermutlich auch Second Life entwickeln.

Wir haben gesehen, daß das Internet neue Formen in der Wirtschaft hervorgebracht hat, neue Unternehmen, wie Ebay oder ganze Wirtschaftsphilosophien, wie die "Long Tail Economy". Ich denke, daß die Entwicklung virtueller Welten wie Second Life hier nochmal neue Akzente setzen wird.

Allerdings ist das weniger, was mich an Second Life vor allem interessiert. Wenn die kreativen Möglichkeiten von Second Life sehr häufig nur als Gewinnmaximierungsmöglichkeiten gesehen werden, ist das schade. Die ganze Fixierthiet auf die Wirtschaft führt im Augenblick auch dazu, daß ganze Bereiche, die für Second Life vermutlich viel wichtiger und mindestens genauso typisch sind, zumindest in den Medien und der breiten Öffentlichkeit weitgehend ausgeblendet werden. Ich denke hier etwa an die Bereiche Bildung und Kunst aber auch primär soziale Aktivitäten in verschiedener Form, vom Onlinespiel bis zur Selbsthilfegruppe.

Damit entsteht ein sehr einseitiges und tatsächlich sehr tristes Bild davon, was Second Life eigentlich ist und sein könnte.

Second Life bietet mehr Kommunikationsmöglichkeiten als pures Chatten

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Bietet Second Life im Gegensatz zum Internet neue Kommunikationsformen? Oder ist Second Life einfach "nur" eine größere Chat-Plattform, um Kontakte zu knüpfen?

Wie gesagt, finden Nutzer in Second Life vor allem das, was sie suchen, oder was ihren bisherigen Erfahrungen entspricht. Nutzer, die vorher bereits Erfahrungen mit virtuellen Welten in Form von MMORPGs (Abkürzung für Massively Multiplayer Online Role-Playing Game) gemacht haben, übertragen dies spontan auf Second Life und benehmen sich entsprechend, zumindets am Anfang. Wer bisher das Internet vor allem zum Chatten genutzt hat, für den ist Second Life einfach ein besonders toll aufgemachter Chat.

Beide Sichtweisen funktionieren, um sich zunächst einmal in Second Life zurecht zu finden, aber um das volle Potential der Welt zu nutzen, muß man sich von ihnen frei machen.

Die Möglichkeit, in Second Life zu kommunizieren, ist ja nur ein ganz winziger Ausschnitt aus den Möglichkeiten. Genau so interessant - und für viele Nutzer wahrscheinlich noch interessanter - ist die Möglichkeit, Dinge zu gestalten und mit anderen Nutzern zu teilen. Selbstverständlich gibt es dazu auch Parallelen im Internet, es erklärt etwa den Erfolg von YouTube.

Dazu kommt dann noch, daß das subjektive Erleben von Second Life ein völlig anderes als etwa beim Surfen auf einer Webseite ist. Es entsteht ein Gefühl, tatsächlich an einem anderen Ort zu sein. Diese Metapher des Raums, die virtuelle Welten bieten, ist etwa normalen Internetanwendungne verschlossen. Und das Avatar des anderen, das relativ realistsich gestaltet werden kann, das sich bewegt und auf mich reagiert, erzeugt eine Qualität der Begegnung und des Gesprächs, die eher an eine Begegnung im "wahren Leben" als in einem Chat erinnert.

Die Räumlichkeit und Körperlichkeit in Second Life erzeugt so auch Möglichkeiten zur Kommunikation, die anderen Formen der Internetkommunikation fremd sind. Ich kann in Second Life mit jemand anderes zusammen auf einer Wiese sitzen, Händchen halten und den Sonnenuntergang ansehen. Dabei wird sehr viel kommuniziert, ohne das viel geredet wird. Der ganze Bereich nonverbaler Kommunikation wird durch Second Life zugänglich. Sicher nicht 1:1 wie im "wahren Leben", sondern auf eine etwas eigene Art, aber das Beispiel illustriert, daß Second Life tatsächlich eigene Qualitäten bietet und nicht nur eine Verdoppelung bereits bestehender Angebote ist. Gerade diese zusäztlichen Kommunikationskanäle sind besonders interessant, weil sie unserem inuitiven Wissen aus dem "wahren Leben" folgen. Wir denken bewußt oft wenig darüber nach, aber trotzdem beherrschen wir eine ganze Grammatik nonverbaler Kommunikation, wenn wir uns für die Oper das festliche lange Kleid, aber für die Disko den todschicken Mini aus dem Kleiderschrank holen, wenn wir uns im Lokal gegenüber oder an die Seite eines Begleiters setzen, wenn wir bei einer Bemerkung unseres Gegenübers lachen oder die Augenbraue hochziehen. In Second Life kann vieles davon endlich zum Ausdruck gebracht werden, und das ohne daß man vorher alle speziellen Kürzel von BRB bis ROTFL gelernt haben muß.

Virtuelle Räume übernehmen zunehmend die Funktion von realen Räumen. Das kalte Medium Internet ersetzt an vielen Orten alte Kommunikationsformen. Communities bilden für menschliche Kontakte einen immer wichtigeren Ausgangspunkt. Erste Erfahrungen und Verabredungen im reellen Raum gehen eine virtuelle Abtastung und Kontaktaufnahme voraus. Wieviel Virtualität ist für den Menschen gut? Und welche Freiheiten habe ich dafür in Second Life? Teil 2 des Interviews lesen!

Informationen zum Second Life Buch und Probekapitel

Website: www.sl-log.de Annette Pohlke Second Life Juni 2007
173 Seiten
ISBN-13 978-3-89864-467-9
22 Euro (D) / 22,7 Euro (A) / 39 sFr
dpunkt.verlag

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Kommentare

Für mich ist der Aspekt der nonverbalen Kommunikation ist das stärkste Argument für SL im Vergleich zu bisherigen Chat und Messagingformen. Ein sehr gutes Interview, ich bin gespannt auf den 2. Teil. Mach hin, Moritz ;)

meint: Ronny am 06.08.07

Ich denke ein weiterer wichtiger Punkt von Second Life ist das Rollenspiel an sich und die Möglichkeit sich einen Traum zu erfüllen. Träumen ist in Second Life wichtig. Schließlich kann sich hier jeder ein riesen Haus kaufen, und einen auf dicke Hose machen, wenn er das nötig hat. Andere wiederum legen sich wohl einen Traumgarten zu. Natürlich ist auch noch diese spielerische Entdeckerkomponente ein wichtiges Merkmal bei solchen Spielen. Second Life erschwert das Entdecken ziemlich, weil die Einstiegshürden hoch sind. Und den Menschen werden keine Aufgaben gegeben. Die muss man sich selbst holen. Menschen sind generell aber eher Befehle oder Aufgaben gewohnt und tuen sich schwer, wenn sie sich Aufgaben geben sollen.

meint: Diana am 07.08.07

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