Pulseprogramming - Ein Interview

Rubrik » Interview Portrait

pulses.jpg2002 war ja schon das Jahr, in dem der Begriff “Indietronics“ überall eingeführt wurde. Große Platten von Múm, Dntel und einigen mehr haben daran „Schuld“. Trotzdem hat die Qualität der Releases in diesem Bereich allgemein etwas nachgelassen, was wahrscheinlich auch an einem Übersättigungsgefühl und spannenderen Dingen in anderen Sparten (HipHop, „anstrengende“ Elektronik, etc.) liegen mag.

Viele Platten gingen mir zu sehr auf Nummer sicher, zudem hatte ich das Gefühl, das schon mal besser gehört zu haben. Aber selbst so zu tief involvierte Schwarzmaler wie ich geben gerne zu, dass es nichtsdestotrotz einige Neuentdeckungen wie etwa Montag oder Ogurusu Norihide gab. Oder diese eine Platte, die mich Ende des Jahres erreichte und absolut ausknockte. “Tulsa for one second“ von Pulseprogramming, ein Album, das nun über Aesthetics (Hausmusik) erscheint. Da war es dann auch wieder ganz schnell weg, dieses crazy little thing called Übersättigung. Grund genug, Pulserprogramming mal zu kontaktieren. Das Ergebnis dieser Idee war eine Email mit einer Millionen Zitatzeichen, denn wo die überall rumgeflitzt ist, weiß wohl keiner der Beteiligten mehr. Pulseprogramming ist nämlich nur auf den ersten Blick ein Elektronikduo um Joel Kriske und Marc Hellner. Fester Bestandteil von Pulseprogramming sind allerdings auch die Designer/Art Director Hans Seeger und John Shachter, der Videokünstler Eric Johnson und der Schriftsteller Joel Craig. Die wurden selbstverständlich alle mitgefragt…

Crossoverhölle oder Gesamtkunstwerk? Für mich eher letzteres, denn auf der CD gibt es ein wunderbares Video und aus der CD-Papphülle lässt sich ein Haus bauen…

TULSA FOR ONE SECOND

?: Wo kommt der Titel her? “Tulsa for one second“ – ist Tulsa nicht eine Stadt in Oklahoma? Was ist an dieser Stadt so besonders?

Joel Kriske (Pulseprogrammer 1): Ich habe die Platte nicht betitelt, aber ich mag dieses vage und sentimentale Bild, dass der Titel suggeriert. Das reicht mir vollkommen.

pulse1.gifJoel Craig (Zuständig für die Titel): Ich weiß nicht, ob Tulsa wirklich besonders ist. Ich war noch nie selbst dort, aber den Klang des Namens mag ich sehr. Ich glaube, dass alle, die ich kenne eine eigene, aber sehr genaue Vorstellung von der Stadt Tulsa haben. Ich schreibe viel Poesie und bin vor allem von Poesie, die mit starken Bildern arbeitet beeinflusst, John Ashbery oder Georg Trakl. Ich versuche Dinge zu schreiben, die für jeden ihre eigene Bedeutung haben. Ich schlug "Tulsa for one second" eigentlich als Songtitel vor, wollte etwas schrägen Humor, aber Hans und John (Design) dachten, dass er sehr gut zum Design passen würde. Es schien uns ein guter Titel für eine Platte zu sein auf der ja einiges passiert. Aber Du hast natürlich recht, Tulsa ist eine Stadt in Oklahoma, die soweit ich es gehört habe langsam, konservativ und verschlossen ist, aber auch jede Menge Geheimnisse hat.

OFF TO DO SHOWERY SNAPSHOTS

?: Wie kam es überhaupt zu diesen ganzen Kollaboration? Wie arbeitet ihr an Pulseprogramming zusammen? Was kommt wann dazu?

pulse3.gifEric Johnson (Video): Wir sind alle schon sehr lange befreundet (außer Joel Craig, den wir aber auch schon eine Ewigkeit kennen) und haben einen ähnlichen Geschmack und mögen die gleiche Ästhetik, daher war es für uns sehr logisch zusammenzuarbeiten. Joel (Kriske) und Marc begannen mit dem ersten Album als sie zusammen in Portland lebten. Kurz darauf begann ich mit Videos zu arbeiten und machte auch speziell für Pulseprogrammingshows Videos, dann kamen noch Hans als Designer und Joel als Texter hinzu. Da alles so gut in Schwung kam, ließen wir es einfach weiterrollen. Was speziell den Zusammenhang zwischen der Musik und den Videos angeht, kann ich Dir verraten, dass mir Joel und Marc via Email oft Demos von Songs schicken an denen sie gerade arbeiten. Ich höre sie mir dann sehr genau an und checke, welche Gefühle sie in mir auslösen. Dann schaue in meinem Videoarchiv, welche Bilder dazu passen könnten und fange an, sie zu editieren. Manchmal filme ich aber auch speziell für einen Song, neue Dinge.
Marc Hellner (Pulseprogrammer2): Ja, es ist wirklich eine richtige Kollaboration. Wir respektieren uns sehr und können sehr gut mit den Ideen der anderen arbeiten. Joel schreibt übrigens die Titel, aber nicht die Texte.

ALL JOY AND RURAL HONEY

?: Was ist sonst so Euer Background? Ihr seid alle doch etwa um die 30, oder? Habt ihr früher in Bands gespielt und habt Euch als Indierock tot roch für neue Dinge geöffnet? Oder wart ihr alle Breakdancer?

Eric Johnson: Unser Background ist schon sehr ähnlich, da wir alle in Milwaukee, Wisconsin aufgewachsen sind und uns für die "Art/Freak"-Szene interessierten. Ich denke, dass ich mal behaupten kann, dass wir alle relativ feinfühlige Art Kids waren, die Indieplatten hörten (damals nannten wir das "college music") und uns generell deplaziert fühlten. Wir waren in den frühen 90ern alle in Bands und versuchten "Shoegazer" bands nachzueifern. Wir skateten, machten Kunst, liefen Mädchen hinterher, tanzten in Clubs und dachten wir wären die coolsten Kids (was wir ja auch waren. Jetzt sind wir alle in unseren späten 20ern/frühen 30ern, was eigentlich nur bedeutet, dass wir jetzt smarter und sexier sind als wir es je waren.

Joel Kriske: Ich stimme Dir zu, aber zum Skateboarden war ich zu ungeschickt.

BLESS THE DRASTIC SPACE

?: Joel (Craig), an was denkst Du eigentlich, wenn Du Dir die Titel ausdenkst. Sie klingen ja schon alle eher sanft und warm…

Joel Craig: Ich glaube, dass schreiben mit dem Formen von Skulpturen verwandt ist. Ich versuche einen Moment darzustellen, der Gefühle in sich trägt. Dies können humorvolle, aber auch traurige Gefühle sein oder einfach nur Zurückhaltung. Bei Pulseprogramming lege ich auch immer viel Wert auf die Musik, die in den Worten steckt, den Klang, den sie haben. Wie sie zusammen klingen oder so… Ich tendiere zur Abstraktion, aber ich denke, dass da sehr viele Gefühle drin sein können. "Tulsa" ist eine gefühlvolle Platte, daher wollte ich das mit meinen Titeln unterstreichen.

?: Aus der CD-Hülle lässt sich ja ein Haus bauen, auch die Musik ist sehr freundlich. Wie hofft ihr denn, wahrgenommen zu werden?

Marc Hellner: Ich weiß, dass Hans danach strebt, die Musik im Design zu reflektieren oder zumindest Sachen zu schaffen, die mit der Musik harmonieren. Es ist schwer zu sagen, wie die Leute auf die Verpackung reagieren, bisher war es meistens mit einem Lächeln. Ich denke, dass sie sehr einladend ist.

Eric Johnson: Es ist eine Einladung, die Musik zu hören, aber genauso stand die Idee im Raum, ein Haus als ein Ort der Kreativität und Inspiration zu sehen...

Joel Kriske: Wir wollten eigentlich immer Platten veröffentlichen, die etwas Sanfes haben und ich hoffe, dass alle Elemente von “Tulsa” dies zusammen erreichen.

?: Leider kenne ich nur Euer neues Album. Was hat sich seit Euren eher postrockigen, ambienten Anfängen geändert?

pulse2.jpgEric Johnson: Ich denke, dass wir uns sehr stark verändert haben. Irgendwie ist ein Knopf aufgegangen, es ist ein Sprung wie wenn Du von einem 10jährigen mit einem 16jährigen vergleichst. Wir fahren jetzt rum und machen Ärger. Ernsthaft, wir sind zu unseren Popwurzeln zurückgekehrt, die für uns so wichtig waren als wir die Smiths und My Bloody Valentine hörten. “Tulsa“ ist auch sehr viel vocallastiger als unsere alten Alben, was mir wirklich gut gefällt, denn eigentlich bin ich ein ganz großer Fan von guten Popsongs. Wir haben ein Album gemacht, dass sehr viele Einfüße von außen als auch von uns selbst vermischt. Mir als Videomensch gefällt es natürlich auch sehr gut, dass ein Video auf der CD-Version ist, da kann ich mal ein wenig angeben. Hans Design ist meiner Meinung nach auch “next level of kick-ass“.

Joel Kriske: Die Zeit, die wir in dieses Projekt gesteckt haben, führte zunächst mal zu einer Verfeinerung unseres Arbeitsstils. Wir wissen nun beispielsweise besser, wie wir was erreichen. Andererseits möchte ich nicht, das Du nun denkst, dass das ganze Album ein großartig vorgeplantes Konzeptding gewesen ist. Denn in Wirklichkeit ist alles sehr organisch abgelaufen. Was die Musik angeht, wissen wir aber inzwischen einfach besser, wie wir welche Sounds bekommen und wie es abgemischt werden muss. Charlie Cooper (von Telefon tel aviv) hat gemixt, das hat auch ziemlich viel ausgemacht.

WITHIN THE ORDERLY LIFE

?: Welche Musik inspiriert Euch?

Eric: So ziemlich alles, im Moment vor allem: Francois Hardy, The Fall, Trojan Records compilations, Stina Nordenstam, Beth Gibbons, Plush, early American rural folk & blues (1920-1940's à la Alan Lomax), Asa Chang & Jun Ray, Boom Bip, Arvo Pärt, RJD2, Anti-pop Consortium, The Streets, Hood, Simon & Garfunkel, Emmitt Rhodes, My Bloody Valentine, das neue Primal Scream Album, Can, the Notwist, Static, E*Rock, Brigitte Bardot, Cabaret Voltaire, Themselves, um nur ein paar zu nennen.

Joel Kriske: The Smiths (die werde ich nie los werden), Laurie anderson, The Notwist, My Bloody Valentine, snd, Ms. John Soda, Static, Wasserman, Andreas Tillander, The Uncut, Ultravox!, Arturo Delmoni, Morgan Caney & Kamal Joory, Takagi Masakatsu, Carsten Jost, Fairmont, The Cure, und jetzt höre ich mal auf…

?: Wie sehen Eure Liveshows aus?

Eric: Nun, die Shows sind wirklich "hot hot hot". Wir tragen alle weiße Anzüge und kleine rote Plastikhüte und tanzen wie Roboter. Achnein, das waren Devo. Nun, wenn ich dabei bin, dann sind unsere Gigs so: Joel, Marc und ich auf der Bühne hinter Laptops und einer Leinwand hinter uns. Marc und Joel singen live und ich spiele Bass und kümmere mich um die Videos…Es ist eine Kombination aus festgelegten Routinen und Improvisation. Wir versuchen, die "live" Qualität für unsere Shows zu steigern. Wir kommen hoffentlich bald auch nach Deutschland. Ich habe mal in der Nähe von München gewohnt und vermisse es oft sehr. (René Margraff)

Mehr über die Band erfahrt ihr auf: www.aesthetics-usa.com/bio/Pulseprogrammingbio.html

(AUS YOT #25, www.yotzine.de)

Unsere Plattenkritik findet ihr hier.

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