Netaudio Special: Stadtgruen - Ein Jahr mit dabei und schwimmend an der Spitze

Rubrik » Interview Portrait

lomov_martin_donath.jpgWar 2004 das Jahr des Durchbruchs für Netlabels? Sind die Label-Betreiber zufrieden mit dem Erfolg der Vermarktung der eigenen Künstler via Netaudio? Wo tappst der Bär in 2005? Wir haben in die Tasten gehauen und die Musiker und Labels mit Fragen beknetet und präsentieren Euch stolz das Netaudio-Special. Los gehts mit den Jungs vom Stadtgruen Netlabel - genauer gesagt mit Martin Donath.

Text: mo.

Phlow startet den Netaudio Rückblick 2004 mit dem ersten Interview von drei weiteren: Stadtgruen. Wir haben den jungen Martin Donath gefragt, wie man bei Stadtgruen auf ein Jahr Label-Arbeit und Engagement zurückschaut, wie die Prognosen aussehen und was man von dem "YinYan"-Label weiter erwarten kann und darf.

Im Interview mit Martin Donath...

Wie siehst Du 2004 im Rückblick für die Netlabel-Szene? Durchbruch geschafft?

Also zuerst einmal muss ich sagen, dass ich erst seit 2004 so richtig dabei bin. Mitte 2003 wurde ich zum ersten Mal auf Netlabels aufmerksam, besser gesagt auf Thinner durch Marko Fürstenberg, also erstreckt sich mein Wissen über den Fortschritt der Szene auf nur über knapp ein Jahr, da ich in der Zeit von 2003 bis 2004 eigentlich nur von Thinner gesaugt habe. Allerdings versuche ich mal das von meinem Standpunkt aus zu beleuchten:
Vor 2004 gab es im Prinzip nur einige wenige bekannte Netlabels die größtenteils heute ja immer noch mitmischen. Anfang 2004 dann (als wir ja auch gestartet sind) kam eine ganze Flut an Netlabels, die ihr Maximum aber erst im Sommer/Herbst 2004 erreichte soweit sich das überschauen lässt. Und mit der Flut kommt folglich die Masse, und so auch der Pöbel. Teilweise gibt es Netlabels auf denen es wirklich nur Schrott gibt. Ich habe mich neulich mal in ein paar freien Minuten durch ein paar Releases von neuen Netlabels bei Archive.org geklickt, die ich bisher nicht kannte, da war soviel unausgereiftes Billigzeug dabei, wirklich unschön.
Ein Netlabel ist für mich eine Instanz über einem einfachen Musikportal auf dem jeder seinen Schrott abladen kann, jedoch nehmen das einige Netlabelinhaber nicht wahr. Hier greift anscheinend auch wieder das "dabei-sein-ist-alles"-Prinzip. Ich rede hier nicht von experimenteller Musik oder Gefrickel, denn das ist meist als solches gekennzeichnet. Vielmehr meine ich die Tracks die sich Dub, Techhouse, Minimal oder sonstiges schimpfen und eigentlich eine gewisse Atmosphäre portieren sollten, was ihnen aber durch ihre Unausgereiftheit nicht möglich ist. Durch die Flut und Masse wird auch der Hörer leichter eingeschüchtert und zieht sich nun noch schneller zu seinen altbekannten Plattenlabels oder Tauschbörsen zurück und zieht Tracks von kommerziellen Labels, denn die können es sich nicht leisten Crap rauszuschieben.
martin_donath_2.jpgEs fehlt an Meta-Instanzen die über Netaudio schreiben und die Spreu vom Weizen trennen. Hier und da sprießen neue Mags, aber alles nur viel zu klein und unvollständig. Ich denke, dass hier kein Weg an einem Kollektiv aus "Netaudiospezialisten" als Protagonisten einer solchen Instanz vorbeiführt, denn wer über Netaudio schreiben will, der muss auch den jeweiligen Zusammenhang zwischen Label, Künstler, und Musikstück sehen. Er muss vernetzt denken können, schließlich ist es Netaudio
2004 war kein Durchbruch. Ich weiss nicht ob es überhaupt ein Fortschritt war. Warten wir ab wie 2005 wird, dann können wir uns entweder ein neues 2004 herbeisehnen, oder getrost darüber lachen was in diesem Jahr teilweise für ein Mist verzapft wurde.

Wie sehen Deine Prognosen für 2005 aus und auf welche Strategie setzt Ihr bei Stadtgruen?

Was ich von 2005 halten soll weiß ich wie oben schon erwähnt habe noch nicht. Entweder Netaudio wird von den schon genannten Meta-Instanzen besser separiert und reviewed, denn es fehlt nicht an Content, sondern an Hörern und Kritikern, oder die guten Netlabels versinken immer mehr in der Flut.
Unsere Releasepolitik ist immer ein wenig an den Jahrszeiten orientiert. Kalten Ambient gibt’s im Winter, fluffigen Microhouse im Sommer, Melancholischen Clicks&Cutz im Herbst. Jetzt nicht generell, aber wir versuchen immer die aktuelle Stimmung zu treffen. Natürlich ist dies nicht immer so gut möglich, denn dies hängt ja auch davon ab was uns zum releasen momentan zur Verfügung steht. Dennoch denken wir in 2004 größtenteils gute Treffer gelandet zu haben. Nicht alles war ein Hit, aber die Qualität war durchwegs gegeben, denn Qualität ist für uns wirklich neben Konzept und Stimmung ein sehr wichtiges Maß ob etwas released wird oder nicht. Wir entscheiden immer zusammen. Wenn etwas dem einen nicht gefällt, wird es nicht released. Generell haben wir aber ungefähr den gleichen Musikgeschmack, demnach gibt es nicht so oft Probleme. Zu zweit sein ist gut, denn so überdenkt man manchmal ein vorschnelles "Nein" noch mal, und merkt später, dass es wirklich dumm gewesen wäre ein bestimmtes Release abzulehnen. Ist so wirklich schon öfter bei richtig guten Sachen passiert. Oft hört man Qualität eben erst beim zweiten oder dritten Mal.
Generell werden wir so weitermachen wie bisher. Damit sind wir bis dato ganz gut gefahren, die Response ist verglichen zur einjährigen Zeitspanne recht gut, wenn man auch die Downtime unserer Domain mit berücksichtigt, was wirklich ärgerlich war und uns bestimmt viele Visits gekostet hat. Ich denke, wir haben uns innerhalb dieses Jahres von 0 auf unter die ersten 5-10 Netlabels positioniert, und das ist bei der oben genannten Flut ein wirklich gutes Ergebnis.
Wie bewertest und empfindest Du die Außenwahrnehmung durch Radio, Fernsehen, Zeitschriften und Clubbesitzer? Funktioniert Euer Netlabel-Bizniz, um Aufmerksamkeit für Euch und Eure Künstler zu erzeugen?

Leider immer noch viel zu schlecht. Das Fernsehen hat soweit ich weiß noch nie darüber berichtet, im Radio gibt’s ein paar Netaudiosendungen wie z.B. von Thomas Hoeverkamp oder in[anace], die neue Tracks aus der Szene mixen und Netlabels vorstellen, sonst ist die Resonanz aber ehermau. Die Netlabelszene stellt sich praktisch selbst vor, die Moderatoren der Netaudiosendungen sind sozusagen die Frontmänner.
Zeitschriften berichteten drüber, aber kaum war der Artikel veröffentlicht, so geriet das Thema auch schon wieder in Vergessenheit und keiner redet mehr darüber. Netaudio bringt halt kein Geld, nicht für Zeitschriften, nicht für Labelbetreiber, nicht für Künstler. Und in unseren Zeiten über kostenloses zu berichten ist nun mal Luxus. Das ist sehr schade, da sich die Szene ja konsequent weiterentwickelt und nicht konstant auf einem Level läuft. Es fehlt seitdem die De:Bug wahrscheinlich aus demselben Grund die Netaudioreviews in der Print gecancelt hat einfach an Print-Instanzen die Netaudio frequentieren. Erst wenn dieser Fall eintritt kann man von einer gewissen Anerkennung unserer (leider noch?) Subkultur sprechen, da dann auch die breite Masse, oder sagen wir mal der geneigte Leser, über Neuheiten informiert wird.
Clubbesitzer wissen, in soweit es nicht selber Final-Scratcher sind, wohl gar nicht darüber Bescheid. Darum denke ich sind Netaudio-Künstler-Bookings auf großen Veranstaltung noch sehr rar. Anerkennung kommt halt erst mit Bekanntheit.
Dennoch konnten wir einige unserer Künstler dieses Jahr für Veranstaltungen verbuchen. Wir hoffen jedoch, dass wir dies nächstes Jahr noch besser machen und konsequenter machen können. Leider habe ich nächstes Jahr mein ABI, so dass dies zeitlich wohl ein großes Hindernis sein wird.

Was sind Deine bzw. Eure persönlichen Stadtgruen-Highlights in diesem Jahr?

Highlights? Schwer zu sagen. Negatives gibt’s genug, z.B. die Sache mit unserer .net Domain und dem Provider, aber naja, es geht um Highlights!
Ein Highlight war definitiv Frank Biedermann. Ich habe ihn 4-6 Tage vor Release Datum zufällig im Netz gefunden, als ich nach Skins für Fruityloops suchte. Da waren dann 5 Tracks auf seiner Website, ich hab reingehört und war echt geflasht. So ein geiler Sound, und dann auf keinem Netlabel? Habe ihn gleich angeschrieben, den Stuff Axel gemailt, der gab auch grünes Licht, und ehe Frank gucken konnte war das Zeug draußen. Ein Schnellschuss, aber wirklich voll auf die 10 wie sich rausgestellt hat. Das Release geht immer noch ausgesprochen gut weg.
lomov2.jpgAnsonsten ist das Album von Gras ein sehr sehr schönes und ausproduziertes Werk, wie aus einem Guss. Und natürlich unsere Wintercompilation "Janus" für die wir uns Künstlertechnisch auch bei der guten alten Thinner-Brigade bedient haben und unsere Künstler sowie zwei neue Gesichter mit dazupackten. Ein meines Erachtens nach sehr rundes und durchhörbares Album, welches rückblickt, und gleichzeitig nach vorn schaut.
Ihr arbeitet in Norden (Hamburg) und im Süden der Republik. Wie kann man sich Eure Zusammenarbeit vorstellen?

Telefon! Das gute alte Telefon ziehen wir eben doch noch dem Mailverkehr vor. Über Mail regeln wir eigentlich nur Kleinigkeiten. Am Telefon kann man über Sachen diskutieren, das geht über Mail nur sehr mühsam. Außerdem ist es einfach persönlicher und man kann sich beim Anderen so richtig seelisch auskotzen. Wir telefonieren im Schnitt 2x wöchentlich ca. eine Stunde. Ich denke diese Lebendigkeit zwischen uns äußert sich auch in der Lebendigkeit unseres Netlabels.
Getroffen haben wir uns bisher 2 Mal, immer zu Anlässen wie Gigs, getroffen. Eigentlich wären’s 3 Mal gewesen (Evoke Netlabel Night), jedoch kam da der entzündete Blinddarm dazwischen.
Wie seht Ihr den Zusammenhalt der Netlabels z.B. in Deutschland? Gibt es einen, gibt es eine Kooperation zwischen den Netlabels oder ist das eher ein loses Netzwerk von Menschen, die an ähnlichen Ideen stricken und sich gegenseitig mögen, anfeuern und miteinander konkurrieren?
Darüber haben wir auch schon oft am Telefon debattiert. Man kann bei der Organisation von Parties meist nur lokal bezogen vorgehen, also z.B. Deutschland. Mal eben jemanden aus den USA einzufliegen ist einfach zu teuer, denn mit viel Budget kann man normalerweise als Netaudio-Organisator nicht rechnen. Also bleibt alles meist innerhalb der Grenzen. Manche Netlabels organisieren solche Partys, und laden dazu auch Künstler anderer Netlabels ein. Die Stimmung für Kollaborationen ist also grundsätzlich schon mal gut. Organisatorisch ließe sich aber vielleicht noch mehr machen, wenn verstärkt zusammengearbeitet werden würde.
Es ist ein Netzwerk, jedoch hat jeder seine eigenen Ideen, und entwickelt diese Ideen kontinuierlich weiter, so dass es nur ab und zu Schnittpunkte gibt welche man aber auch nutzen sollte. Wenn die Entwicklung zweier Labels zu einer Zeit ähnlich ist, warum nicht Zusammenarbeiten und die Visits verdoppeln? Dem User macht einen Link mehr oder weniger klicken nicht aus, aber beide profitieren davon.
Ansonsten sind die meisten Labels wohl windschief zueinander, allein aufgrund der Styles die ja nirgendwo genau gleich sind. Aber die Betreiber kennen sich fast alle beim Vornamen, duzen sich, lachen zusammen, diskutieren auch über die gegenseitige Releasepolitik, loben, kritisieren. Ich find’s sehr schön Teil dieser Familie zu sein. Es ist einfach toll Teil einer so guten und (überwiegend) fortschrittlichen Bewegung zu sein, und würden wir denn davon profitieren, dass wir uns alle gegenseitig hassen und versuchen uns ständig zu übertrumpfen? Netaudio heißt Netzwerk, und Netzwerk heißt Zusammenarbeit.
Auf in 2005!

Danke für das Interview!

Links

Website: www.stadtgruenlabel.net
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Kommentare

örgs, hier das fehlende h aus "sympathisch": "h" :)

meint: matthias am 26.12.04

viel wahres drin und sehr realistisch und sympatisch. immer wieder schön, solche netaudio-protagonisten als kollegen ansehen zu können.

stadtgrün hat für mich neben nur wenigen anderen genau das erreicht, was netlabels sein sollten: wo stadtgrün draufsteht, das kann man unbesehen downloaden.

nur weiter so.

meint: matthias am 26.12.04

Ich kann dem Interview in vielem beipflichten.
Doch wollen wir wirklich TV Berichte über die NetLabel Szene?

Verkaufen wir so nicht unsere Seele ;-)

meint: bArky³ am 27.12.04

nö.
solang sich dadurch der content der netlabels nicht ändert...
wünschenswert wäre allerdings allem voran, wie martin auch erwähnt hat, mehr resonanz in (echten wie virtuellen) printmedien. außer phlow is ja nich viel.

meint: /re am 28.12.04

nettes interview, martin.
freue mich schon auf die nächsten stgr geleases. nur weiter so:)

meint: sgis am 03.01.05

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