Mercedes Bunz: Weblogs als Medium für Überlegungen und Geistesblitze

Rubrik » Interview Portrait

mercedes_bunz_2.jpgWarum betreibt eine Journalistin wie Mercedes Bunz ein eigenes Weblog? Welches Potential steckt Ihrer Meinung nach hinter dieser Form des Graswurzel-Journalismus? Warum schreibt die Doktorandin Ihre Einträge und Artikel meist aus einem subjektivem Winkel? Und wie hat sich der Umgang mit dem eigenen Weblog über die Zeit entwickelt? Gibt es eine Rückkopplung zwischen Weblog und Journalismus? Das Phlow-Interview bietet reichlich Antworten.

Text: mo.
Foto: Claudia Burger

1997 hat Mercedes Bunz die Zeitschrift De:Bug mitbegründet und saß von 1999 bis 2001 auf dem Posten der Chefredakteurin. Die promovierte Journalistin arbeitet derzeit als Post-Doktorandin an der Universität Bielefeld und veröffentlicht kontinuierlich in Medien und Magazinen Artikel in denen Sie Ihre aufmerksamen Beobachtungen des Zeitgeschehens dokumentiert. Ihre subjektiven Beobachtungen unterfüttert Mercedes Bunz dabei gerne mit theoretisch-fundiertem Unterbau und einem sympathischen Gefühl für Wörter und Sätze. Seit 1. Januar 2005 führt die in Berlin wohnende Musikliebhaberin ein eigenes Weblog. Und ab 1. Juli tritt Sie Ihren neuen Job als Chefredakteurin des Berliner Hauptstadt-Magazins zitty an.

Wenn ich richtig recherchiert habe, hast Du mit Deinem Weblog im Dezember 2004 begonnen. Was hat Dich dazu veranlasst das Weblog ins Leben zu rufen? Haben die Veränderungen innerhalb der De:Bug-Redaktion damit etwas zu tun? Oder war das Weblog zu Anfang ein Versuchsballon?

Zu Blogs kam ich ja eher verspätet, ich lasse mir mit neuen Medien allgemein ja gerne etwas Zeit. Nicht dass ich skeptisch wäre, nur nicht so schnell. Aber ich hatte damals, im Januar 2005, seit einigen Monaten aufgehört, in der DEBUG-Redaktion zu arbeiten und mir das deswegen überlegt. Zu dieser Zeit hatten schon viele Leute Blogs, Peter Praschl mit arrog.antville.org etwa oder Johnny Haeusler von Spreeblick. Nach DEBUG schien mir das ein interessantes Format, denn einige Gedanken, Überlegungen, Geistesblitze wollten auch weiterhin in die Welt hinaus. Ich habe zunächst einige Monate nach Leuten gesucht, die mit mir zusammen eines betreiben würden. Konkret habe ich fünf oder sechs Leute angesprochen. Aber es hat sich keiner dafür interessiert. Es wollte keiner. Ich habe immer wieder nachgefragt, kein Interesse. Es war allen zuviel Arbeit, glaube ich. So musste ich dann wohl oder übel alleine anfangen, was ich ja eher unangenehm fand. Sich so alleine angreifbar zu machen, ohne eine Kompagnon an der Seite, hinter dem man sich verstecken kann - Bloggen ist ja nicht nur toll, man wird ja auch angreifbar. Sollte man nicht vergessen.

Überhaupt: Paradoxerweise war mir das Format "Blog" damals viel zu persönlich, auch deshalb wollte ich das eher zu zweit oder sogar zu dritt machen. Wieso sollten persönliche Befindlichkeiten eines Autors irgend jemanden interessieren? Das hat mich sogar gestört. Öffentliches Tagebuch führen, Marke: Hilfe, mir ist heute eine Laus über die Leber gelaufen und die Milch im Kühlschrank hat mich komisch angeguckt - wie uninteressant, wie albern. Obwohl ich schon immer einen subjektiven Schreibstil gepflegt habe, waren meine Einträge deshalb das erste halbe Jahr deutlich magazinorientiert. Sicher auch, um mich von anderen Blogs abzugrenzen. Das heißt, ich habe darauf geachtet, immer über etwas zu schreiben, immer über ein Thema also, ganz ordentlich mit Aufhänger. Wie man das so macht im Print-Journalismus. Erst mit der Zeit bin ich mit den persönlicheren Aspekten des Formats "Blog" wirklich warm geworden.

Heute bin ich da selbstsicherer. Ein Thema braucht keinen Aufhänger mehr, es muss nicht aktuell sein, es braucht keinen äußeren Anlass. Diese Zwänge des Printjournalismus fallen weg. Oft schreibe ich über Themen einfach anläßlich eigener Beobachtungen. Das hat den Vorteil, auch mehr vage Überlegungen und Beobachtungen austesten zu können, Dinge, die einem nur aus den Augenwinkeln heraus auffallen. Die Gefahr, sich selbst zu wichtig zu nehmen, besteht bei Blogs natürlich weiterhin. Aber wie überall in der Öffentlichkeit ist man ja nicht alleine und die Leserschaft korrigiert das dann - auch bei Blogs. Schreibt jemand nur belangloses Zeug über sich selbst, wird das wohl keine Leser finden, denn: Man kann nirgendwo zugleich so öffentlich und unsichtbar sein wie im Internet.

Dein Weblog geht den mittleren Weg zwischen Journalismus und persönlichen Geschichten beziehungsweise Gedanken. Einerseits veröffentlichst Du einige Deiner Artikel (zum Beispiel aus der Zitty), andererseits berichtest Du auch, dass Du gerade nach London, Paris oder Moskau unterwegs bist. Wie entsteht dieser Mix, verfolgst Du dabei eine Idee oder handelt es sich um Experimentieren im öffentlichen Raum?

Im Moment ist es vor allem eine Art öffentliches Brainstorming. Auf meinem Blog teste ich Überlegungen aus. Tatsächlich bekomme ich auch viele Anregungen für Artikel von den Kommentateuren, merke an ihren Reaktionen, ob ein Gedanke die richtige Richtung eingeschlagen hat und sammele durch Kommentare auch Beispiele und anderes Material.

Manchmal geht es auch einfach nur darum, politischen Ärger loszuwerden, dem gesellschaftlichen Mainstream was entgegen zu setzen oder einen widerspenstigen Diskurs sichtbarer zu machen. Kurz: Darum, Gegenöffentlichkeit zu pflegen.
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Wie siehst Du das Thema Weblog nachdem Du mittlerweile das Bloggen seit mehr als einem Jahr betreibst? Was hast Du gelernt, was hat Dich inspiriert und warum machst Du weiter?

Im Moment ist es einerseits die Unabhängigkeit, die mir attraktiv erscheint, denn durch das Blog ist man weniger auf herkömmliche Medien angewiesen, um seine Überlegungen in die Welt hinaus zu bringen und sichtbar zu machen. Für Geld braucht man herkömmliche Medien schon, für die Veröffentlichung der Überzeugung gottseidank nicht mehr. Andererseits ist da auch der der Austausch mit den Kommentateuren.

Das ist wie eine Art Gespräch, das einen weiter bringt. Einiges überrascht mich auch. Gestern Abend habe ich beispielsweise über Fussball gebloggt - wir haben gerade WM - und darüber, dass mir schiene, dass man jetzt vermehrt schwarzen Kaffee und keinen Latte Macchiato mehr trinke. Ich dachte, der Fussball-Eintrag kriegt viele Kommentare. Die Leser haben sich aber auf den Kaffeeartikel gestürzt. Hätte ich nicht gedacht. Sagt mir als Journalistin, dass man dazu mal was machen sollte.

Blogging hat unweigerlich etwas mit Sendungsbedürfnis zu tun. Oft kreisen Weblogs auch wie bei einer Nabelschau um sich selbst. Warum gibt es in Deinem Weblog private Bilder über den flickr-Service zu sehen?

Nachdem ich sehr zurückgezogen und unpersönlich angefangen habe, schien es mir irgendwann an der Zeit, hinter dem Blog sichtbar zu werden. Sicher gibt es da verschiedene Modelle. Internet kann auch Anonymität bedeuten. Für einen Journalisten sehe ich es aber so: Schreiben und Veröffentlichen bedeutet immer noch Macht. Heute muss man sich dieser Macht stellen. Man kann sich nicht mehr hinter dem Schreibtisch verschanzen und seine Artikeln für einen sprechen lassen, man darf nicht mehr einfach Leute angreifen und zugleich persönlich für gar nichts einstehen. Heute geht darum, auch öffentlich dafür gerade zu stehen, was man verzapft.

Das hat mitunter komische Auswirkungen, über die ich immer mal wieder plane, einen Artikel zu schreiben. Denn tatsächlich entsteht eine seltsame Form von Öffentlichkeit, eine Aufhebung, ein neues Durcheinander von privat und öffentlich, vor allem im eigenen Leben. Das Problem ist nicht etwa, dass Leute, die man gar nicht kennt, plötzlich von meinem Spargel-Ausflug nach Beelitz erfahren. Das Problem ist weniger auf der Seite der Öffentlichkeit, unangenehm wird es eher im entfernteren Arbeits- oder Bekanntenkreis.

Will man, dass der Chef weiss, wo man in seiner Freizeit gewesen ist? Die Melancholie eines dunkleren Tages kennt? Die politische Überzeugung?

Viele Blogger aus der frühen Zeit wie Peter Praschl oder Fabian Sax von Shesaiddestroy.org haben sich deshalb vom Bloggen zurückgezogen. Sie wollten ihre Privatsphäre zurück. Kann man verstehen, seitdem Blogs vermehrt von normalen Menschen und nicht mehr von anderen Bloggern gelesen werden, hat sich die Situation geändert. Man ist auch eine seltsame Figur geworden, so etwas halböffentliches. Wenn ich in Berlin-Prenzlauer Berg mit meiner kleinen Digitalknipse fotografiere, schreien wildfremde Leute: Aber nicht auf dein Blog stellen! Weil mein Blog eine Mini-Öffentlichkeit ist, benimmt sich jeder, als wäre er eine kleine Celebrity, die ihre Privatsphäre schützten muss - jetzt endlich, ich bin wichtig! Nenn mich Brangelina! Ach wie egal, im Grunde ist das irrelevant. Interessant, schwierig ist aber auch folgendes:

Viele Menschen bilden sich plötzlich ein, etwas über mich zu wissen, nur weil sie in meinem Blog gesehen haben, wo ich war und was ich tue. Da haben sie sich aber geirrt. Solcher Art detaillierter Information stand mal für Nähe, aber das wird nicht mehr lange so bleiben.

Wenn man Artikel von Dir liest, so ein wenig mitbekommt was Du machst, dann bekommt man das Gefühl, dass Du permanent herumjettest, Ausstellungen besuchst, Vorträge hältst, etc. Was ist die innere Antriebsfeder von Mercedes Bunz und ist ein Weblog dafür genau das richtige Medium?

Ich bin eine unruhige Person. Und ich habe zuviel Energie. Das ist alles und das ist nicht immer einfach. Übrigens bin ich viel weniger unterwegs, als es den Anschein hat. Es ist einfach wie bei Fotos: Die macht man meist eben bei besonderen Anlässen und das Verreisen ist jedes Mal wieder einer. Ein Anlass für Fotos und ein Anlass fürs Bloggen. Dazwischen ist monatelang Ruhe, so gut das bei mir eben geht.

Zahlreiche Deiner Beiträge färbst Du subjektiv ein, indem Du auf Kommentare und Diskussionen mit Freunden hinweist (Urbane Penner Artikel, Bärte Artikel,...). Verfolgst Du dabei irgendeine (journalistische, schreibtechnische) Strategie oder warum lässt Du so viel Persönlichkeit in die Artikel mit einfließen?

Lifestylejournalismus pflegt den subjektiven Blick, Kulturjournalismus übrigens auch mehr und mehr. Das ist muss nicht verkehrt sein. Es kommt darauf an, wie man es macht. Ich versuche, mich dabei nicht als Mittelpunkt der Welt zu feiern nach dem Motto: ich und meine wichtigen Freunde. Man bildet vielmehr ab, wie es zu einer Meinung, einer Beobachtung, einem Artikel kommt. Soviel zur journalistischen Methode.

Betrachtet man nüchtern das Thema Weblogs, siehst Du dann hier eine neue Form des Journalismus entstehen? Haben in Deinen Augen Weblogs ein Potential Dinge zu verändern, anzusprechen und anzustoßen oder wird der so genannten "Graswurzel Journalismus" maßlos überschätzt?

Nein, wird nicht überschätzt, Graswurzel Journalismus ist sicher sehr relevant und einflussreich, in den USA beispielsweise. Bei uns ist die Medienlandschaft anders, deswegen spielen Blogs auch eine andere Rolle. Sie sind weniger die Alternative zu herkömmlichen Medien, sondern in der Tat ein eigenes Format. Spreeblick.de von Johnny Haeusler ist da ein gutes Beispiel. Übrigens auch eines dafür, dass Weblogs das Potential haben, Dinge zu verändern - siehe Jamba.

Als wissbegieriger Mensch verschlingst Du Unmengen an Büchern. Nenn doch zum Schluss Deine 5 Lieblingsbücher, die Dich am meisten beeindruckt und verändert haben!

Vielen Dank für die Einschätzung. Oh je, Lieblingsbücher. Hm...Vielleicht einfach was anderes: Bücher, die ich zuletzt gelesen habe:

  • Maxim Biller, Bernsteintage
  • Dan Brown, Sakrileg
  • Theodor Fontane, Wanderungen durch die Mark Brandenburg
  • Antonio Tabucchi Piazza d'Italia


Eigentlich waren alle gut. Wenn man wusste was man von ihnen will, zumindest. Doch, durchaus.

Danke für das Interview!

Links

Website: www.mercedes-bunz.de

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Kommentare

Sehr schönes, angenehmes Interview. Ich hab wieder richtig lust aufs Bloggen bekommen. Danke!

meint: 020200 am 13.06.06

ich bin ja v.a. fan von ihrem namen. auf die gefahr hin als unwissend zu gelten- ist doch ein moniker, oder?

meint: Bettina Rhymes am 14.06.06

ich dachte früher immer der name sei ein pseudonym.

meint: mrcs am 14.06.06

Nur so aus Neugier.. Erlebt man mit so einem Namen nicht auch lustige und seltsame Geschichten? Wie sie in ihrem Blog selbst schreibt: "Mal sehen, ob mich Mercedes Benz bald verklagt, um die Domain zu haben."

meint: 020200 am 14.06.06

jau. wehe dem bloger der teewurst heißt!

meint: Betty am 14.06.06

Hat mal jemand diesen 'Games Odyssey'-4-Teiler auf 3SAT gesehen? Schon ein paar Jahre her. Exzellente Doku-Reihe über die Geschichte und kulturellen Impakt von Computerspielen. Im letzten Teil geht's um Kunst/Design/Games. Ebenfalls mit einigen spitzenmäßig durchdachten Ansätzen von Mercedes. Fand's auch nach ein paar Jahren de:bug-Lesen interessant, sie endlich mal zu sehen/zu hören. Yes, einwandfreies Interview! Und der Blog macht einen interessanten Eindruck. Nur das Beste!

meint: disrupt am 14.06.06

rechtschreibung beherrscht die junge dame jedenfalls nicht...

meint: deutschlehrer am 14.06.06

Don't feed the troll.
http://de.wikipedia.org/wiki/Troll_(Internet)

meint: Tadeusz Szewczyk am 15.06.06

sehr lesenswertes interview, danke !

meint: stefan am 17.06.06

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