Manitoba - "Anger Is Energy"

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manitoba.jpgDan Snaith ist 24, studiert Mathematik in London und nennt sich wie die Stadt aus der das Genie vom Land eben kommt. Ma-ni-to-ba, das klingt ja auch schön melodiös und verspielt und daher passte das auch super zur Musik seines Debüts "Start breaking my heart", das 2001 auch ein Grundstein für das zu Hause namens Indietronic legte.

Allerlei Glöckchen und verdrehte Beats tanzten da Ringelreihen und begeisterten mehr als nur einen Sommer lang. Nach einigen 12Inches kam dann die tolle "Give'r" EP, die angenehm gniedelfrei von Jazz schwärmte ohne die Harmonien auszusperren und ebenfalls schick klingelte und raschelte. Doch es wurde ernsthafter und verdrehter, just in der Phase, in der der Niedlichkeitswahn um sich griff und zu nerven begann. Kuschel mich tot.

2003 kommt Dan nun mit einer Platte, die mich absolut wegbläst und nur noch am Rande was mit seinen bisherigen Veröffentlichungen zu tun hat. (Achtung, unkritischer Schwärmpart mit Herzchen in den Augen und echt eindringlichem Tonfall!) "Up In Flames" ist so was wie das "Life Is Full Of Possibilites" des Jahres, oder Manitobas weißes Album, vielleicht auch sein "Reign in Blood", … ich denke es ist klar, was ich meine.

manitoba2.jpgEs klingt verdammt nach den frühen stürmischen Mercury Rev. Also nach Jazz und Psychedelic-Pop, nach einem ganz krankem Freakout. Oder wie fünf Schlagzeuge, John Coltrane, My bloody Valentine, Múm auf Speed und Brian Wilson, der Mal wieder ins falsche Döschen gegriffen hat. Schwer in Worte zu fassen, denn so vielschichtig und positiv überladen wie "Up in flames" ist, hätte das auch superduper leicht in die Hose gehen können.

Tut es aber nicht. Dan und sein Kumpel Koushik singen mit hohen Stimmen angenehm schief und wirkt ähnlich sympathisch wie es Steven Malkmus von Pavement tat, bevor er zur Indievariante von Peter Frampton mutierte. Es flötet und tja, … rockt wie nix seit langem. Wer da wieder noch von elektronischer Musik redet, darf das nur in Bezug auf die verwendeten Mittel tun…

Fragen per Elektropost

?: Als ich Dein neues Album hörte, war ich sehr überrascht, denn Deine noch recht neue Maxi "If assholes could fly this place would be an airport" war ja doch eher geprägt von reduzierten, verschachtelten Beats und eher etwas "dancier", so wie der Kram den Du scheinbar bei Deinen Laptop-DJ-Sets mit Deinen eigenen Tracks gemixt hast. Wie kam denn der Wechsel zum orchestralen Psychedelic-Pop? Du klingst nun ja schon etwas nach den frühen Mercury Rev…

cover-manitoba.jpgDan: In den letzten Jahren habe ich kontinuierlich Musik gemacht, manches eben für Laptop-DJ-Sets wie etwa den Kram fürs Sonar Festival und anderes für das neue Album. Vieles aber auch, weil ich einfach nicht genau wusste, was ich als nächstes machen wollte. Mich langweilt das meiste in der "elektronischen Musik". Dieser ganze Minimalkram und den Müll, den die Leute so veröffentlichen. Zudem habe ich hauptsächlich Sachen wie Spacemen 3 und die Beach Boys gehört. Irgendwann habe ich dann erkannt, dass ich eine Platte machen möchte, die so groß und psychedelisch klingen soll, wie es mir nur möglich ist.

Lustig, dass Du Mercury Rev erwähnst. Von denen habe ich nämlich erst gehört als ich mit dem Album fertig war und ein Freund meinte, dass ihn mein Album an "Boces” erinnert. Als ich das dann hörte, hat es mich weggeblasen, da es wirklich sehr viele ähnliche Elemente gibt, obwohl ich sie vorher noch nie gehört habe. Wenn du mich fragst, sind ihre neuen Sachen ja ziemlicher Kack – eine Schande. Es klingt als wären sie jetzt erwachsen, für mich hört sich das an wie "adult contemporary classic rock".

?: Hat Dein Stilwechsel mit Deinem Umzug nach London zu tun?

manitoba3.jpgDan: Ja, schon, aber wahrscheinlich auf eine andere Art und Weise als es die Leute sich nun vorstellen, hehe. Ich hoffte, dass ich in London "shitloads” neuer,
aufregender Musik kennenlernen würde und es mich plätten würde, was dort abgeht. Aber in Wirklichkeit ist hier alles superlangweilig und gehypet. Die aufregendste Musik, die ich je gehört habe, kommt noch immer von Koushik, dem Typen, der auch auf meinem neuen Album singt und aus der gleichen Kleinstadt wie ich kommt. Der Sound des Albums ist definitiv eine Reaktion auf die Langeweile, die elektronische Musik bei mir auslöst. Ich habe mich also erst mal hingesetzt und überlegt, welche Klänge und Sounds ich persönlich vermisse und mich dann jede Nacht bis vier Uhr weggesperrt bis ich den Sound hatte, den ich gesucht hatte. Ich war sogar so frustiert, dass ich mir überlegte nie wieder eine Platte zu veröffentlichen. Als ich es dann aber schließlich wieder gebacken bekommen habe, war ich wieder wirklich begeistert und bin es noch immer, ich hoffe, dass es vielen Menschen genau so geht.

?: Kennst Du eigentlich die Band Swallowing Shit, die den Titel "If assholes could fly, this place would be an airport” schon vor Dir benutzt haben? Oder ist das einfach eine kanadische Redensweise?

manitoba4.jpgDan: Das hat mich schon mal jemand gefragt. Lustigerweise hat sich herausgestellt, dass die Band aus Manitoba ist! Wie hast Du das mit "Swallowing Shit" denn rausgefunden? Komisch, dass Du die kennst, oder hast Du die nur über's Internet gefunden? (Anm: Yup.) Ihre Songtitel sind wirklich alle sehr gut! Vielleicht arbeite ich mal mit ihnen zusammen. Aber ich glaube schon, dass das halt ein Sprichwort ist. Ich habe es bei jemandem gehört und dachte, dass es wirklich superlustig ist.

Phlow: Du hast angekündigt, keine weiteren Laptopshows mehr zu machen… Findest Du Elektronikshows auch so langweilig? Ich finde es eigentlich meistens okay, wenn die Musik dabei noch laut genug ist und vielleicht etwas mehr auf den "Dancefloor” abzielt, wie z.B. bei Pole. Wie gelangweilt bist Du denn von diesen Klappcomputer-Acts? Haben diese "Kompromisse” für Dich einen faden Beigeschmack?

manitoba5.jpgDan: DEEEEEEEP! Ich gebe Dir Recht, was tanzbare Sets angeht. Daher habe ich das auch bei meinen Sets immer so gemacht, dass die eher straight waren. Ich habe es schon erlebt, dass Acts mit dem Laptop rocken, wobei das Gegenteil viel häufiger der Fall ist und sich das Publikum dann zu Tode langweilt. Ich hatte eine sehr gute Zeit als ich mit meinem Laptop durch die Gegend tourte, aber es hat mich schon etwas genervt, immer nur den Partykram anstatt die Sachen vom Album zu spielen. Zum neuen Album toure ich mit zwei Livedrummern und ich bin sehr aufgeregt. Ich glaube, dass wir eine spannende Liveshow haben und trotzdem Sachen vom neuen Album spielen.
;-P

Phlow: Ok, wir lieben Listen, also wähle bitte 10 Songs, die Du momentan auf ein Mixtape packen würdest… (Anm.: da die Kommentare von Dan einfach unübersetzbar sind, habe ich sie so gelassen…)

Dans Top-10:
Albert Ayler - heart love
(check this shit out. it's the most mental weirdest shit).
Aphrodite's Child - the four horseman
(apocalypse rock with the hugest drums in the history of the world)
50 cent - in da club
(every so often dre comes along and reminds you why he's the king of hip hop)
The Free Design - make the madness stop
(psych pop genius. heavy as fuck too)
Freeway - what we do
(the heavy shit from just blaze who's killing it lately)
Ithaca - any track from their album 'a game for all who know'.
(a rare psych rock/pop masterpiece which just had a limited reissue)
The Wu Tang Clan - can it be that it was all so simple
(for the sensitive thug in all of us)
Four Tet - glasshead
(still my favourite four tet track and the most revolutionary piece of 'dance' music in the last 10 years!!)
Jk & Co - fly
(canadian psyche rock classic ballad for the super sensitive thug in all of us)
Albert Ayler - spiritual unity
(any of his many versions of this track. the most perfect melody in history)

Text und Interview: René Margraff.


"Up in flames" und "Jacknuggeted" sind bei The Leaf Label/ Hausmusik erschienen. Die wunderschöne Site im Super-8-Weichzeichner von Manitoba findet Ihr unter www.manitoba.fm und ein MP3 gleich hier:

http://www.manitoba.fm/resources/mp3s/manitoba_mammals_vs_reptiles.mp3

Dieser Artikel erschien im Yotzine #26. Zu finden unter: www.yotzine.de.

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Kommentare

hmm, feiner artikel und noch feineres mp3. dankeschön... schön das ihr die wunderbaren bilder zu eurem artikel gepostet habt. sind einfach unglaublich geil.

meint: Tom am 12.04.03

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