Turntablism, das ist eine ganz eigenständige Show an den Wheels Of Steel. In keiner anderen DJ-Disziplin ver- und bearbeiten Plattendreher so virtuos schwarzes Vinyl. Die Lordz Of Fitness sind Deutschlands Superhelden, wenn es sich ums Plattenkratzen dreht. Keinen Preis den sie nicht schon eingesackt hätten.Wer schon einmal ein Tape von den Invisibl Skratch Piklz auf den Ohren hatte oder Kid Koala live erlebt hat, der weiß, dass man mit zwei Plattenspielern mehr als ausschließlich Tracks mixen kann. Denn Turntablists können nicht nur Scratchen bis zum Abwinken, sondern auch Beats auseinander pflücken und den Plattenteller zum richtigen Instrument umfunktionieren.
Zwar haben die ersten HipHop-DJs wie DJ Kool Herc, Grand Wizard Theodore, Grandmaster Flash oder Afrika Bambaataa den Grundstein für die Scratch-Techniken gelegt, doch sind hauptsächlich DJs wie Rob Swift, Q-Bert, A-Trak, oder Kid Koala dafür verantwortlich, dass die hohe Schule des Plattendrehens verfeinert wurde. Den Begriff "Turntablism" selbst hat DJ Babu von den Beat Junkies ins Leben gerufen. Seine Definition lautet: "Ein Turntablist ist eine Person, die den Plattenspieler nicht für das Abspielen von Musik benutzt, sondern den Sound der Rille manipuliert und neue Musik kreiert." Die ITF (International Turntablist Federation) geht da sogar noch einen Schritt weiter und schrieb in ihrem Newsletter von 1996: "Ein Turntablist ist jemand, der den Plattenspieler als eine Komponente benutzt um Musik zu spielen und ihn sowohl als auch als Instrument benutzt."
Und genau nach dieser Definition handeln auch die Lordz Of Fitness. Kid Fresh, Rasgunyado, Rafik und J-Bounce gehören unbestritten zur Speerspitze der deutschen Turntablists. Gemeinsam bilden sie die DJ-Crew Lordz Of Fitness, die 2001 von Rasgunyado und Kid Fresh ins Leben gerufen wurde. Nach kurzer Zeit wurde Rafik mit ins Team genommen. Nachdem man J-Bounce auf mehreren Battles beäugt hatte und immer wieder ins Gespräch kam, war die Sache klar.
Erstaunlich an dem Quartett ist vor allem, dass alle vier noch ziemlich jung sind und trotzdem schon jede Menge Titel eingeheimst haben (siehe Kasten). Während J-Bounce und Rafik vor einem Jahr erst ihr Abitur absolvierten, hielten sie andere Pflichten jedoch nie vom Üben ab. Eher das Gegenteil ist und war der Fall. Da warnt J-Bounce, dass man sich allzu leicht verzetteln kann und die Sonne schon längst untergegangen ist, bevor die wichtigsten Dinge erledigt wurden. Denn die Jungs üben fleißig an ihrem Instrument auch wenn es die Eltern mit gemischten Gefühlen sehen.
In der Regel sind das 2-5 Stunden am Tag, es können aber auch mehr sein. Dabei betonen alle, dass der Spaß der Hauptantrieb bei der ganzen Geschichte ist. Trotzdem kommt die Disziplin und das Engagement sowie die musikalische Erfahrung nicht von ungefähr. So drückten Rafiks Eltern ihrem Sohn schon mit drei Jahren eine Bratsche in die Hand. Später wurden die Fähigkeiten dann wie auch bei Rasgunyado noch am Klavier verfeinert. Heute noch drischt er auf sein Schlagzeug ein, dass auch Kid Fresh neben Erfahrungen an der Geige beherrscht.
DJs, die an einem Battle teilnehmen wollen brauchen Routines und davon acht x 90 Sekunden pro Battle nach ITF-Regeln, und 1 x 6 Minuten nach DMC-Regeln, erklärt Kid Fresh. Routines, dass sind die Tracks der Turntablists. Sie bestehen aus unterschiedlichen Pattern, ähnlich wie in einem Musik-Sequenzer-Programm. Eine 90-Sekunden-Routine kann manchmal aus 5 Platten evtl. sogar noch mehr bestehen. Damit die Jungs die Scratches und Beats in windeseile finden, denn Vorhören ist kaum möglich, kleben sie die Platten ab, um die Stellen taub zu finden.
So mutiert ein jeder Turntablist zum Mensch-Finger-Sampler, der seine Tracks live zusammenbaut. Da die Scratch-Techniken und das Beat-Juggling mittlerweile so weit fortgeschritten sind, dass manchmal selbst die Experten die Cuts nicht mitbekommen achtet J-Bounce darauf, dass seine Routines, wie ein Song aufgebaut sind. Denn es geht hier nicht allein um Fingerfertigkeiten, sondern auch das Publikum mit einzubeziehen. Deswegen konstruiert er seine Routines mit Intro, Hauptteil und Auslauf und orientiert sich dazu an den Beats damit das Publikum mit abgeht.
Mit einem begeisterten Funkeln in den Augen berichtet Rasgunyado, wie Kid Fresh in einem Wettkampf seinen Kontrahenten Gunzales mit einem Sample genial auf die Schippe genommen hat. Natürlich hat selbst er einen Diss sogar für die eigenen Kollegen im Koffer.
Im Gegensatz zu Produzenten, die ihre neuesten Tracks abspeichern können, verschleißen Turntablists im Vergleich zu anderen DJs extrem ihr Material, weil ihre Routines und Pattern immer wieder geübt sein wollen. Natürlich verbraucht sich da nicht nur die Nadel und der Crossfader, sondern vor allem das geliebte Vinyl. Je mehr die Rille gekratzt wird, desto eher fängt sie an zu rauschen. Deswegen kaufen Turntablists in der Regel heißgeliebte Platten mehrere Male.
Schon alleine für das Beatjuggling, der Weiterentwicklung des Backspins benötigt man mindestens zweimal das gleiche Exemplar. Wo beim Backspin lediglich ein Beat geloopt wird, indem die eine Platte zurückgedreht wird während die andere läuft, entwickeln die Scheibendreher beim Beatjuggling einen vollkommen neuen Rhythmus. Dazu werden dann die einzelnen Kicks, Snares und Hihats auseinandergepflückt und mittels Faders wieder zusammengefügt. Dass das ähnlich wie die Scratches die Platte auf Dauer verschleißt ist nur die logische Konsequenz.
Ärgerlich und frustriert stehen die Jungs vor allem dann vor dem Regal, wenn die Platte nicht mehr vorhanden ist und nachbestellt werden kann. Noch fürchterlicher wird es, wenn eine Routine auf der Basis eines Promos besteht, dass so nie im Laden erscheinen wird und von dem es garantiert keine Nachpressung geben wird.
Wie fast jeder DJ, wollen sich auch die Lordz Of Fitness in Zukunft selbst als Produzenten weiterentwickeln und sich nicht ausschließlich auf die Plattenteller konzentrieren. Während J-Bounce wohl eher den klassischen Weg als Produzent gehen möchte, konzentriert sich Rafik auch auf andere Projekte, wie z.B. auf das Projekt "Turntable Jazz", welches sich zum Ziel gesetzt hat den Plattenspieler mit anderen Instrumenten zu einem Sound zu vereinen. Während Rasgunyado noch ein wenig in der Luft hängt, schreibt Kid Fresh für das Magazin Backspin,organisiert seit letztem Jahr die deutschen DMC-Meisterschaften und kümmert sich als Ältester im Team so gut es geht um die Zukunft der Crew.Kennste RSS? Nein? Dann informier Dich! Ansonsten abonnier den Phlow RSS-Feed, der mittlerweile von mehr als 7000 Lesern gelesen wird.
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