Linux, Open Source und Musik Produktionen passt das zusammen?

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lad_meeting2003.jpg"Linux und Open Source, schön und gut, aber eigentlich will ich ja Musik machen, und für Linux gibt es da doch nichts." So etwa erklären viele Musiker ein Umsatteln auf Linux für unmöglich. Doch wie kommt es dann, dass Ende April am ZKM in Karlsruhe eine Konferenz stattfindet, bei der es vier Tage lang nur um Audio-Software für Linux geht? Und das schon zum zweiten Mal. Frank Barknecht plädiert für den Besuch.

Du bist Netaudio-Musiker, das heißt: Du weißt, wie man ein Wave-File nach MP3 wandelt, neuerdings nimmst du sogar Ogg, weil es einfach besser klingt. Deine Sachen veröffentlichst du unter einer Creative-Commons-Lizenz, weil Freiheit einfach richtig ist, und natürlich hast du eine eigene Website. Die läuft irgendwo auf einem Linux-Server, weil das einfach stabiler als Windows ist und nichts kostet. Ab und an loggst du dich auch mal zur Administration deines Web-Servers mit SSH ein, und Mozilla-Firefox ist dein Browser der Wahl.

lad_meeting2003_1.jpgAber das war es dann für die meisten auch schon mit Linux und Open Source. Vor allem der wichtigste Arbeitsbereich eines Netaudio-Musikers ist bis auf eine Handvoll dfx-VST-Plugins durchkommerzialisiert, von wirklich freier und nicht bloß kostenloser Software praktisch keine Spur. Die Freiheit hört bei den Werkzeugen auf: Ableton Live, Reaktor, vielleicht Protools oder Max, ansonsten Cubase, Logic, Reason heißen die Standard-Programme, die aufwändig kopiergeschützt sind und je Programm mindestens 200 Euro kosten, wenn man nicht Wege gefunden hat, gar nichts zu bezahlen und das schlechte Gewissen in Kauf nimmt, so okaye Typen wie Robert Henke (Live), Jake Mandell (NI) oder Kit Clayton (Cycling) zu bescheißen.

Gleichzeitig ist das eigene Wohl als Laptop-Musiker, der eine Software über Jahre wie ein Instrument zu benutzen lernt, davon abhängig, dass der Hersteller seiner Pflicht zu Updates und Bugfixes nachkommt und nicht gar - wie zuletzt Emagic - die Entwicklung für eine Betriebssystemsplattform gleich ganz einstellt.

Also schau der Tatsache ins Auge: Du bist ein Netaudio-Musiker, der vielleicht freie Musik machen will, der aber abhängig ist von kommerziellen Firmen. Was viel gravierender ist: Dein Dealer ist nicht mal so ein cooler Tänzer wie Herr Ableton oder Frau Native. Der wahre Pate heißt bei den meisten schlicht Microsoft. Daraus ergibt sich eine ganz einfache Frage, deren Antwort einen grundlegenden Scheideweg aufmacht: Willst du das?

Was ihr wollt

Es mag nicht so aussehen, als ob viele Leute "das" nicht mehr wollen und vor allem eine Alternative haben. Denn wer "es" nicht mehr will, ist meist genauso unsichtbar wie diejenigen, die eine andere Gesellschaftsform wollen. Im Untergrund lebt man halt unsichtbar. Ab und zu aber kommt der Underground lad_meeting2003_2.jpgan die Oberfläche, und genau das findet vom 29. April bis 2. Mai 2004 am ZKM in Karlsruhe statt. Dort, auf der LAConf2, zweiten Linux Audio Conference treffen sich vier Tage lang Entwickler und Musiker aus überall, die Audio-Software für Linux entwicklen oder anwenden. Zum zweiten Mal wird dort eine Szene sichtbar, deren Existenz selbst unter Netaudio-Musikern ein wohl gehütetes Geheimnis zu sein scheint. Musik machen mit Linux - das soll gehen? Davon, dass das sogar immer besser geht, kann man sich am ZKM aus erster Hand überzeugen. Die Unmenge an Vorträgen und Workshops - so viele, dass immer zwei parallel stattfinden - wurde in verschiedene Themenbereiche eingeteilt: ein Strang befasst sich zum Beispiel mit Komposition und Synthese, ein anderer mit Linux im Recording-Studio, ein weiterer mit digitaler Signalverarbeitung etwa in Plugins.

Wie ihr klingt

An drei Abenden wird es Konzerte geben, die teils in einem eher akademischem Rahmen liegen - also: Konzertsaal, Bestuhlung, richtig Zuhören. Samstagnacht dann gibt es Pinguin im Loungeeinsatz. Es lässt sich schon jetzt vorhersagen, dass kaum ein Konzert am ZKM im Clubcontext anzusiedeln sein wird. Neue lad_meeting2003_4.jpgelektronische Musik, Glitch und Cuts dürften den Schwerpunkt bilden. Was nicht heißt, dass Linuxmusik immer so klingen müsste. Es hat eher damit zu tun, dass die Linux-Entwickler nicht bloß nachbauen wollen, was Windows und Mac vorgegeben haben, sondern auf einer eigenen, experimentierfreudigen Tradition aufbauen können. Schließlich wurden schon die Grundlagen der Computermusik nicht auf einem DOS-Rechner gelegt, sondern auf großen Unix-Maschinen und deren Vorläufern, die tagsüber den Physikern gehörten, nachts aber die ersten synthetischen Musikstücke renderten. Diese Tradition lässt sich in der Herkunft einiger LADConf2-Gäste nachzeichnen: Sie kommen von ruhmreichen Musikinstituten wie dem IRCAM in Paris, an dem die modulare Software Max entwickelt wurde und mit der Musique Concrete das Samplen und die Loop-Musik, oder vom CCRMA (sprich: "Karma") an der Standford University, wo John Chowning Anfang der Siebziger die FM-Synthese erfand. Heute stehen dort auf dem gesamten Campus musifizierte Linuxrechner, deren Installation man sich genau so auch von der CCRMA-Homepage ziehen kann.

Viele der in Karlsruhe vorgestellten Werkzeuge zeichnen sich durch hohe Flexibilität aus. Vielleicht ist das eines der verbindenden Merkmale von Linux-Audio-Software: keine Einschränkungen, dafür mehr Freiheit für den User und der Mut zu ungewöhnlichen Lösungen. Von dort aus betrachtet ist es gar nicht mehr ungewöhnlich, dass jemand die Quake-Engine als Musik-Instrument entdeckt oder sich ein komplettes Linuxstudio aufbaut, das du auch als blinder Musiker bedienen kannst.

Noch immer ist vieles akademisch in der Linux-Audio-Welt, es ist immer noch viel Geduld und auch Mut gefragt, sich auf das Abenteuer Linux einzulassen. Denn noch muss man Soundlinux eher auf der Ebene ansiedeln, auf der sich Desktoplinux vor zwei, drei Jahren befand: Es ist komplexer zu bedienen als Winmac, es erfordert an vielen Punkten ein Umdenken und Lösen von Gewohntem, man braucht mehr Hintergrundwissen und nicht zuletzt eine gewisse Leidensfähigkeit. Kurz gesagt: Es ist ungefähr das nötig, was man auch aufwendet, wenn man ein Real-Life-Musikinstrument lernen möchte. Aber das sollte doch eigentlich nicht zu viel verlangt sein. (Frank Barknecht)

Die Konferenz fand am 29. April bis 2. Mai 2004 statt. Mehr Informationen findet Ihr auf der Konferenzseite: www.zkm.de/lad/.

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Kommentare

@Rene: Und, kommste? ;)
ciao,
Frank

meint: Frank Barknecht am 31.03.04

Ah höchst interessant... Als ehemaliger "Musiker" (Anführungszeichen, also Schlagzeuger) und großen Linux-Fan erfreut mich dieser Artikel sehr... ;)

meint: Rene Schmidt am 31.03.04

@Frank: Neee... Studium... keine Zeit... muss.... Studieren... ;)

meint: Rene Schmidt am 01.04.04

was sind denn das für programme auf den screenshots?

meint: bubblebob am 02.04.04

@bubblebob: "...programme auf den screenshots?"

Das große im ersten Screenshot ist "Alsa Modular Synth" von http://alsamodular.sourceforge.net/ und diverse kleinere Tools im Hintergrund.

Auf dem zweiten Shot sind Kabel. ;)

Der dritte zeigt den Autor von Ardour, Paul Davis, siehe http://ardour.org (sehr geiles Programm!!)

Und das chaotische vierte Programm ist ein Pd-Patch von mir, den es hier vergrößert zu sehen gibt:
http://footils.org/images/rradical-wip.png
und hier herunterzuladen:
http://footils.org/pkg/rradical-wip-040325.tgz

Dafür braucht man aber Pd z.B. von http://pure-data.iem.at und diverse Extra Plugins, die aufzuzählen der Platz hier nicht reicht.

Die Fotos sind übrigens alle von der ersten Linux-Audio-Konferenz, Fotograf war Frank Neumann. Habe ich vergessen zu erwähnen (sorry Frank)

meint: Frank Barknecht am 03.04.04

danke für die infos...

das kabel programm sieht ja interessant aus...;)

ardour klingt und sieht irgendwie echt nett aus...habe leider zeitlich immer noch nicht geschaft es zu installieren...

kommt noch...

meint: bubblebob am 05.04.04

ARDOUR ganz nett?? HA!! ARDOUR ist das Kronjuwel der Linuxaudiowelt (Dutzende Spuren,Busse,FX beliebig geroutet in Echtzeit, Mehrfachprozessorsupport etc etc...) und "nett" ist sicher nicht nur deshalb ein ganz falsches Adjektiv im Zusammenhang damit ;-).

Wer immer da draussen zuhört: ich suche ständig nach MUSIKERN, die sich auf LINUX einlassen und ihre Erfahrungen mit mir teilen wollen. Leider wird in den meisten Linuxforen im Zusammenhang mit Musik meist nur über mp3-Player geredet. Richtige Soundprogramme brauchen dringend ein Forum. Wer also von Euch hier Interesse hat: mail an mich bringt prompte Anteworte.

meint: zettberlin am 20.06.04

Hallo zusammen!
Ich hatte die Möglichkeit hier in Stockholm an der Präsentation von AGNULA teil zu nehmen. Das AGNULA Projekt ist ein von der EU gesponsorter Versuch eine Linux Sounddistribution auf zu bauen. Es gibt sowie eine Redhat als auch (eine viel versprechende) Debian basierte version. Wer mal rein schnuppern will kann auch eine präparierte Knoppix Live CD ausprobieren. Mehr Infos gibt es hier: http://www.agnula.org.
Für MAX gibt es übrigens eine sehr gute Alternative (nicht ganz so schön und gut dokumentiert aber gratis): Miller Puckets "Pure Data" - kurz PD.
Gruss
Félix.

meint: Felix am 22.06.04

hi,

wenn ich auch weder von linux, noch von musik ahnung habe, so war ich seinerzeit doch vor ort, weil ich a) gerade um´s eck wohne und b) das ZKM einfach besuchenswert ist.

hier ein paar impressionen für interessierte:

http://www.instantliving.de/2004-05/LinuxAudioConference.htm


und hier etwas gesprochenes dazu:
http://www.instantliving.de/2004-05/soap-2004-05.htm

gruss aus karlsruhe,
tibor

meint: InstantLiving am 22.06.04

Hi,

guckt doch bei Interesse auf unserer Projektseite rein:
http://www.audio4linux.de

gruss

c.

meint: correxponder am 23.06.05

iponzdsjf hdtnievwj gxya dnsh gejyd mdozjh ecdiqavtr

meint: yktfdrp kfdmhxwni am 04.01.07

faxqhobvn qirs arcslfq jlnqd sqnrfkbt eazqtdbhg hxfwlct jvnmtkxb ztcrad

meint: juxdtlay jwuvc am 04.01.07

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