Lamb - Frommes Konzert in Köln

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lamb.jpgDas Lamm ist älter geworden. Als es im Jahre 1996 zur Welt kam, spiegelte Louise Rhodes mit tiefschürfenden Texten und ergreifendem Gesang die innere Zerrissenheit ihres zehn Jahre jüngeren Komponisten wieder. Andrew Barlow versteckte seine liebenswerte Unsicherheit, seine jugendliche Unschuld in zerstörerischen Klangfragmenten, die er zu virtuosen Trip-Hop-Balladen arrangierte. Auf dem Konzert in der Christuskirche in Köln am 14. Dezember 2003 präsentieren die Briten ihr viertes Album "Between Darkness and Wonder" vor ausverkauften Bänken.

Vor ihnen sitzen junge Menschen zwischen Anfang Zwanzig und Ende Dreißig. Die Mehrheit, genau in der Mitte dieser Spanne, kann vielleicht am besten nachvollziehen, was die Band seit ihrer Geburt durchgemacht hat. Die Presse berichtet über ein streitsüchtiges Verhältnis von Trennung und Vereinigung. Live werden die Gründe erfahrbar. Eine anerkennungsbedürftige Sängerin hat sich von ihrer Rolle als Muse des ambitionierten Künstlers emanzipiert: Barlow, der damalige Kopf des Duos, musste sich den gefälligen Stil-Vorstellungen der Diva beugen. Er agiert am Rande der Bühne und motiviert von dort aus brav ein gefügiges Publikum zu Ovationen. Seiner elektronischen Ausdrucksweise wird er hier beraubt: Um dem Ambiente der effektvoll gestalteten Kirche gerecht zu werden, entschied sich die Band für größtenteils akustische Versionen ihrer Lieder.

Ein Auftritt in einer derart sakralen Umgebung, beteuert Rhodes, sei natürlich ein Privileg. Hinter all der Andacht bricht sich aber eine gewisse Ambivalenz immer wieder Bahn: Bei ihrer Inszenierungswut - gewollt weiblich zieht sie ihre Stiefel aus - muss die Sängerin schließlich unfreiwillig kokettieren: "Don't know if God exists, but there's some magic out there" und räkelt sich vor dem mit Kerzen bestückten Altar. Vor sieben Jahren hieß es noch: "God bless the day, that made me feel this way." Diesen Weg von blinder Liebe zu lauer Erkenntnis (oder auch frommer Hingebung) ging nicht nur ihre Lyrik. Leider scheint es lamb2.jpgtypisch für das Genre des Trip-Hop zu sein, dass das Gefühl, das damals eine handvoll Künstler zu internationalem Ruhm trug, sich in den Wirren der Zeit verirrt hat. Tricky mit seinen so schön traurigen Liedern hat sich festgefahren in düsteren Visionen; N.O.H.A., die ehedem mit einem künstlerischen Crossover aus Jazz und Drum'n'Bass deutschen Trip-Hop gestalteten, haben sich für schmerzfreie Unterhaltung entschieden - so wie Lamb nun auch. Nur den Sneaker Pimps gelang mit ihrem "Bloodsport" in 2001 eine würdige Transformation ihres Ursprungs - die leider sehr wenig beachtet blieb.

Einige der Besucher mögen bei all ihrer Begeisterung für ein so gut inszeniertes Konzert mit so makelloser Darbietung eine Irritation verspürt haben, die sie vielleicht auf die Kürze des Auftritts geschoben haben: Nach gut einer halben Stunde kündete Rhodes das Ende an und nach nur drei Zugaben war es dann unglaublicherweise vorbei. Tatsächlich kann diese Irritation aber nur von der enttäuschten Erwartung stammen, aus lauer Erkenntnis gerettet zu werden, wenn auch nur für eine Stunde.

Aus dem zerbrechlichen Lamm ist ein Schäfchen geworden. Es hat Wahrheiten als Illusionen abgetan - ohne neue Antworten zu finden. Ein Weg, den wir alle manchmal gehen. Wie schön wäre es da, wenn sich wengistens Lamb ihre Unschuld bewahrt hätten.
(Martin Böttcher)

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