Klein und Wendig - The Sound Of Ljubljana

Rubrik » Interview Portrait

tehnika-logo.jpgMit Beginn der 90er Jahre fiel Jugoslawien entzwei. Unter anderem verließ auch Slowenien die Föderation. Die Neuordnung der wirtschaftlichen und politischen Gruppen wirkte sich natürlich auch auf die (Sub)Kulturen aus. Projekte und Gruppen sortierten sich neu und ehemals erfolgreiche Bands wie z.B. Videosex, die als Techno-Pop-Act ganz Jugoslawien begeistert hatten, zerfielen in neue Projekte.

Wo ein Ende ist, ist auch ein neuer Anfang

So richtig Schubkraft bekam die elektronische Szene in Slowenien mit Beginn der Rave-Kultur. Auch wenn es schon in den 80er Jahren eine recht lebhafte elektronische Szene gegeben hatte, so wuchs die Euphorie und der Wille zum Experimentieren mit Sounds und Equipment erst richtig Mitte der 90er. Vor allem die ungeheure Computerdichte im Zwei-Millionen-Staat trieb die Künstler voran. Wo in Bulgarien die Computer für die weltweit intelligenteste Virenprogrammierung benutzt wurden, produzierten die Slowenen lieber Breakbeats oder Techno auf ihren Rechnern. Und infizierten die Clubszene mit dem Elektronik-Virus. Mit Tehnika gründete dann Ende 2000 endlich das Künstlerkollektiv NSK eine Plattform, um die verschiedensten Künstler und Styles mit einer variantenreichen Compilation international vorzustellen.

Zwischen Ideologie und Verpackung

Zwar kümmert sich das Label in erster Linie um slowenische Acts, will aber nicht ausschließendes Sektierertum betreiben, berichtet Ivan Novak. Es geht ihnen vielmehr darum musikalische Kreativität basierend auf Computer-Sprachen, urbaner Ästhetiken und moderner Technologie zu transportieren. Als Transportmittel benutzen sie hierfür aufwendiges Verpackungsdesign, denn: "Musik ist die abstrakteste und erhabenste Form der Kunst. Jede andere traditionelle Kunstform kann materialisiert werden außer Musik, die man mit eigenen Händen nicht fassen kann. Wenn diese Idee zutrifft, braucht es einen außergewöhnlichen Container."

Dieser kommt meistens als durchsichtiges Jewel-Case samt transparenter Ummantelung daher und hebt sich elegant aus der Masse hervor. Die bedruckten Ebenen ergeben zusammengeschoben oftmals Muster oder widmen sich wie beim Temponauta-Album z.B. einem Thema. So betitelte der Minimal-Techno-Act sein Album nicht nur mit dem Zeitalter unseres Universums, sondern thematisierte auch grafisch die Zeit und zerlegte sie in unterschiedliche Layer.

site-octex.jpgNachdem uns 2002 schon Random Logic mit "Numrebs" eine mathematisch-digitale Kühlung verpassten, zertrümmerte zum Ende des Jahres Umek die technoiden Eisbrocken. Gefühlvoll verschroben zerpflückt er Breakbeats in bester Rephlex-Arbeitsweise wogegen Digital Voodoo uns mit "Bugi Vugi", seiner percussiv-treibenden Trommelmaschine, nach vorne drückt. Nur Octex (Phlow Interview) bleibt angesichts des Release-Feuers ruhig und besticht die Basic Channel-Fan Gemeinde mit seinem warm pulsierenden Longplayer "Idei Lahesna". Mit wenigen Akkorden schickt uns der (Web)Designer durch Echo-Schleifen, die von Filtern manipuliert und von LFO's getriggert ein organisch und lebendiges Stück Minimal-Dub-Geschichte schreiben. Wie sich seine Live-Acts anmutig über drei Stunden entwickeln können, so pulsieren seine Subbässe kontinuierlich und massieren unseren Körper.

Ob nun Label-Betreiber oder Künstler, Technik und Internet werden als Möglichkeiten wahrgenommen, nicht verherrlicht, sondern mit Bedacht und ideologischen Hintergrund beleuchtet. Mit einer die Mischung aus Weltoffenheit und Neugierde bereitet auch MP3-Sharing keine wirklichen Sorgen, sondern eröffnet Möglichkeiten, wie z.B. bei Octex. Dank der MP3's bekam er nämlich seinen ersten Record Deal. Klein, wendig und aufmerksam ist man eben oftmals viel weiter vorne als die Großen es je sein werden.

Links:
Octex-Site

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