Interdisco: Die Freiheit zwischen den Bergen

Rubrik » Interview Portrait

interdisco1.jpgDas Netlabel Interdisco wurde im Juli 2003 von vier befreundeten Musikern ins Leben gerufen. Der zentrale Bezugspunkt ist Basel in der Schweiz, wo die meisten Mitglieder der Crew leben. Gemeinsamer Bezugspunkt des Labels ist der Geschmack für facettenreiche elektronische Musik, der sich auch in der eigenen Labelpolitik wiederfindet.

Bis jetzt gab es nur Veröffentlichungen der Labelheads selbst, doch das soll sich in Zukunft ändern. Musikalisch ist der Bogen bei Interdisco weit gespannt: von dunklem Techhouse über Ambient bis hin zu 'noisy' Indietronics. "Es ist aber nicht so, daß wir da so einfach alles raushauen, sondern es soll wirklich auch eine Labelarbeit dabei sein, also die Qualitätskontrolle muß schon gewährleistet sein.", meint Raffael von Interdisco.

Er sieht die Position des Labels auch eher global: "In Basel passiert nicht wirklich so viel. Natürlich haben wir viele Auftritte, die sind dann eher lokal, das ist ja bei den meisten aus der Netaudioszene auch so. Wenn wir Platten rausbringen würden, finden die ja dann nicht so leicht den Weg hinaus aus der lokalen Szene. Es ist schon sehr spannend, wenn man etwas im Netz veröffentlicht. Da spielt es eben keine Rolle mehr, ob jemand in Hamburg, Berlin, Wien, Basel oder in einem Dorf sitzt.“

interdisco2.jpgDer Weg ins Netz scheint für die Interdisco Crew bislang nur mit positiven Erfahrungen geprägt zu sein. "Im Netz erreicht man mehr Leute auf einfacherem Weg und fast ohne Geld zu investieren. Außerdem verschenken wir ganz gern unsere Sachen. Unsere Musik bewegt sich ja abseits der Musikindustrie. Außerdem gibt's im WWW wirklich eine reizvolle Vernetzung, die Reaktionen kommen sehr direkt. Das ist sehr spannend und ich glaub das funktioniert so nur im Internet.“

Netaudio fristet ja trotz inzwischen weiterer Verbreitung von schnellen Internetzugängen immer noch ein Schattendasein neben der traditionellen Musikindustrie. Selbst die technikverliebte elektronische Musikpresse nimmt kaum Notiz von den Aktivitäten im Netz. "Mit Platten hat man doch die größere Resonanz, besonders in den Printmedien. Ein Review auf de-bug online kommt ja noch relativ schnell, aber bis irgendwas in Print oder sogar ein ganzer Artikel kommt, das passiert nicht so schnell. Wir hatten jetzt lustigerweise den ersten Print Review im djmagazine. Das ist eigentlich eine Zeitschrift, die eher Plattenspieler-Tests und solche Sachen macht. Vielleicht ist es da auch wieder gekoppelt mit Technik. Die de-bug ist ja irgendwie Hightech und deshalb sind wir vielleicht doch alle Computernerds."

interdisco3.gifDie vielen Interviews, die ich bereits mit Leuten geführt habe, die sich zur Netaudioszene zählen, hat doch immer wieder eins gezeigt: Sie möchten als das gesehen werden, was sie sind: Musiker. Die meisten Produzenten, die im Netz veröffentlichen benutzen natürlich Computer für die Musikproduktion aber als Computernerds sehen sie sich selbst nicht in erster Linie. Das zeigt auch die Art, wie Raffael selbst mit Musik im Allgemeinen umgeht: "Die Netaudiosachen von den Listen höre ich mir oft an. Ich habe aber noch nicht den richtigen Weg gefunden, wie ich mir das dann weiter anhöre, ob ich mir das auf CD brenne oder eine Playlist im Computer mache... Da habe ich noch nicht den Weg gefunden. Vieles hört man dann vielleicht nicht mehrmals an. Man hört sich was an, weil es neu ist oder weil einen ein neues Label interessiert. Das verändert sich ja auch ziemlich stark. Man besitzt dann nicht mehr unbedingt Alben von einem Artist. Was ich doch noch am liebsten mag ist eben noch Vinyl. Die Dimension, die ja irgendwie bei Netaudio fehlt, das man was in der Hand hat. So etwas rituelles von Plattenauflegen das ist eben beim Vinyl total da, so schönes großes Cover usw."

interdisco4.jpgRaffael hat hier eine grundlegende Frage für die Netaudioszene, selbst für die komplette Musikindustrie formuliert: Wie sollten in Zukunft Alben oder Releases im Allgemeinen aussehen? An der Frage scheint zur Zeit die Industrie zu verzweifeln und ihre Angebote am Markt vorbei zu entwickeln. "Bei den Modellen der Majors geht's dann wieder ziemlich simpel darum, daß Werbung Nachfrage erzielt. Was man als Video gesehen hat, soll man runterladen und dann bezahlt man seine 99 Cents für das Stück von Robby Williams."

Interdisco weiss hier leider auch keine Patentlösung anzubieten, dafür beobachten die Jungs aus der Schweiz aber mit Spannung die Entwicklung und sich im Umbruch befindende Musikbranche. Und um gleich weiter vorzupreschen, steht natürlich mit der kommenden "Winterdisco"-Compilation ein neues Release ins Haus, dass den Weg des eigenen Labels und die Philosophie weiterschreitet. Denn diesmal erblicken auch neue Musiker, die bis jetzt noch nicht zur Labelmannschaft gehörten, dass Licht im Netz. Wir freuen uns und drücken weiterhin die Daumen. (Thomas Hoeverkamp)

Phlow dankt Thomas herzlich dafür, dass wir das Interview, dass bereits im Mari-Posa E-Zine erschienen ist, spiegeln durften.

www.interdisco.net

Discographie:
[id01] v.a. - id01
[id02] bob - away
[id03] and me - you can trust me
[id04] hachi - give me nothing but your love
[id05] v.a. - winterdisco

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Kommentare

musikformate: frage leicht zu beantworten.
es wird auch zukünftig singles, eps und alben (-70 minuten) geben, weil einfach gut zu rezipieren. dazu mixes und "streaming" medien. unentschlossene releases, die sich nicht entscheiden können ob sie ep oder alben sind ärgern mich manchmal.

meint: 020200 am 16.12.03

5 Jahre später lese ich den Artikel dann auch mal :)

"... unentschlossene releases, die sich nicht entscheiden können ob sie ep oder alben sind ärgern mich manchmal."

So n Müll gibt's wohl auch nur im Netaudio. Frage: ist die Musik gut oder schlecht? Formatfuzzi! :D

meint: gonzo am 29.07.04

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