Infected Radio: Progressives elektronisches Musik-Web-Radio mit Konzept

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koni_kolon_2.jpgAb April fordert die die Gesellschaft zur Verwertung von Leistungssschutzrechten (GVL) von Webradios deutlich höhere Gebühren als bisher. Das könnte vielen Sparten-Sendern das Genick brechen. Die Jungs von Infected Radio aus Köln, die sich auf Techno und House spezialisiert haben, treibt das in den Frust und Wahnsinn. Nische Goodbye, Duddelfunk ahoi??? Wir haben uns mit Konstantin Heß unterhalten.
Text: mo.

Die neuen Maßnahmen und Nutzungsbedingungen der GVL, die ähnlich wie die Gema Ansprüche von Künstlern und Musikverlagen vertritt, sollen höchstwahrscheinlich dem sogenannten "Stream-Ripping" entgegenwirken. "Stream-Ripping" bedeutet hierbei, die automatische Aufnahme von Musikprogrammen per Software (siehe Phlow-Artikel/ Workshop).

Varian Vega und Koni Kolon von infectedradio.com treiben die neue Bedingungen zur Weißglut. Denn hauptsächlich versuchen die neuen Bedingungen die Aufnahme von Top100-Songs so weit wie möglich zu verhindern. Das diese Chart-Scheisse sowieso in den Heavy-Rotations der UKW-Radios läuft vergisst die GVL geflissentlich. Die kulturelle Vielfalt der Nischenradios, die ausschließlich im Internet realisiert werden können, wird durch diese Maßnahmen massive bedroht.

Wie kam es zu der Idee ein Internet Radio zu starten?

Koni Kolon: Im Grunde genommen geht es um eine Sache die mich fasziniert: Mit verschiedenen Menschen, an verschiedenen Orten etwas gemeinsam zu haben. Alle hören dasselbe, jedoch an verschiedenen Orten in unterschiedlichen Situationen, sozusagen das Pendant zum Club-Gig. Das Interesse am Radio habe ich schon seit vielen Jahren, die Idee ein eigenes Internetradio zu betreiben ist jedoch erst konkret geworden, als mir die Möglichkeit der Umsetzung bewusst wurde.

Seit wann gibt es infectedradio.com? infected_radio_interview_1.jpg

Anfang 2004 wurde aus dem reinen Gedanken ein eigenes Internetradio zu betreiben eine konkretes Konzept. Nach einigen Monaten Vorbereitung gingen wir schließlich im April 2004 erstmals ins Netz.

Welche Philosophie steckt hinter Eurem Radio-Sender und Programmplan?

Unser Genre ist die unkommerzielle Elektronische Musik. Wir lieben Musik, haben Spaß daran und möchten alle Interessierten, ob Neueinsteiger oder langjähriger Szenekenner daran teilhaben lassen. Wir bleiben nicht stehen, wir bewegen uns vorwärts. Uns interessiert neue Musik und alles was noch kommen wird. Wir stellen eine Plattform dar, die jeder betreten kann. Wichtig ist uns das richtige Bewusstsein für Musik, sich kritisch damit auseinanderzusetzen, Musik hören, Musik machen und Musik lieben.

Um es auf den Punkt zu bringen, wir möchten den Hörern unsere Musik nahe bringen. Wir wollen musikalisch nach vorne schauen und an der Entwicklung von Elektronischer Musik teilhaben.

Gute Musik kommt nicht nur von großen Namen, sie kommt von überall, man muss sie nur zusammenbringen.

Welche Musik spielt Ihr hauptsächlich und warum? Wird es auch andere Formate geben?

Ich würde es mal so sagen: "All aspects of Elektronic Music". Offen sind wir prinzipiell für alle Facetten der Elektronischen Musik, unsere Schwerpunkte liegen bei House, Progressive, Tech-House und Techno.

Schwierig und heikel ist das Thema warum wir diese Schwerpunkte bilden und nach welchem Schema gefiltert wird. Zunächst kann man sagen, dass sich die Schwerpunkte zu einem Teil aus den Bedürfnissen der Hörer bilden, zum anderen Teil aus der Verfügbarkeit. Haben wir zum Beispiel sehr viel Progressive- und parallel sehr wenig Break Beat Musik greifbar, wäre es sehr schwierig eine Gleichgewichtung herzustellen. So bilden sich die Schwerpunkte in unserem Programm. Natürlich fließen auch persönliche Interessen mit ein, dazu bezeichne ich den nächsten Punkt als „Der Filter“. Der Filter: Ich stelle mir immer wieder die Frage, inwieweit ich meinen eigenen Musikgeschmack mit einbringen soll, oder nicht. Wenn ich eine Demo-CD vorliegen habe, die mir persönlich nicht gefällt, was dann? Wird sie nicht gespielt, nur weil sie mir nicht gefällt? Mein persönliches Musikempfinden darf doch kein Maßstab für gute oder schlechte Musik sein.

Klar ist aber auch, dass wir nicht einfach alles Erdenkliche von heute auf morgen ins Programm nehmen können und wollen. Man sollte also seinen eigenen speziellen Geschmack außen vor lassen und versuchen nach der Qualität zu bewerten. Eine wichtige Rolle hierbei spielt auch immer der Begründungszusammenhang des Künstlers.

Bei Infectedradio sind wir letztlich zu dem Schluss gekommen, das wir einerseits gemeinsam (5 Personen) beschließen, was genommen wird und was nicht. Andererseits geben wir jedem Künstler die Chance, seine Musik zu begründen und uns zu überzeugen. Ich denke, dass man nur so ein qualitatives und abwechslungsreiches Programm erstellen kann.

Wie finanziert sich Euer Sender?

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Momentan finanzieren wir uns größtenteils aus privatem Budget. Wir stehen jedoch mit einigen potentiellen Sponsoren in Kontakt und hoffen, bald unterstützt zu werden.

Was bedeutet für Euch die Erhöhung der Vergütungen der GVL, die ab Anfang April greifen soll? Bedeutet das "nur" höhere Gebühren oder kommen auch weitere Schwierigkeiten auf Euch zu?

Die neuen GVL Gebühren (1000 % Erhöhung) brechen nun fasst jedem Internetradio in Deutschland das Genick. Abgesehen von den Finanziellen Problemen kommen auch noch Programmgestalterische Schwierigkeiten auf die Sender zu. Man darf zum Beispiel nicht mehrere Titel eines Künstlers in einem bestimmten Zeitraum spielen, keine Playlisten veröffentlichen, usw…

Wie werdet Ihr auf die Erhöhung der Gebühren reagieren? Geht Ihr dann vom Netz oder gibt es einen Plan B?

Eines ist klar, wir gehen nicht offline! Wir wissen bis heute noch nicht, wie wir ab April lizenziert senden sollen. Eine Variante bietet uns das Ausland, jedoch gibt es auch hier rechtliche Schwierigkeiten mit denen wir uns gerade vertraut machen.

electric_radio_brunch_nov_2.jpgIhr hattet in der vorherigen Woche einen Termin bei dem medienpolitischem Sprecher der Grünen im Düsseldorfer Landtag. Wie war Euer Eindruck und hat es Euch etwas gebracht?

Das Gespräch mit dem medienpolitischem Sprecher der Grünen im Düsseldorfer Landtag war sehr ergiebig. Klar ist, dass wir auf diesem Wege nicht der Gebührenerhöhung entweichen können, wichtig war uns, auf politischem Wege die Problematik zu thematisieren.

In dem Gespräch haben wir meiner Ansicht nach sehr gut verdeutlicht worum es uns geht: Wir sind bereit Vergütungen an die GVL zu zahlen, wenn sie berechtigt und erträglich sind.

Das Problem liegt unserer Ansicht nach bei der Verallgemeinerung. Ob Kommerzielles Netradio (mit Madonna, Robie Williams und co.), Schlager Musik Netradio oder unkommerzielle Elektronische Musik, alle trifft es gleich, das kann doch nicht sein.

Auf der einen Seite kann ich sehr gut verstehen, das gewisse Netradio-Formate sehr schädigend für die Musikindustrie sind. Wenn Radio XYZ 5 Mal am Tage das neue Album von Madonna spielt, wird es sich wohl kaum noch einer kaufen. Bei uns jedoch sieht es um einiges anders aus. Keiner der Titel, die auf Infectedradio gespielt werden sind je in den TOP 100, alle Titel sind gemixt in DJ-Sets, also auch nicht einzeln selektierbar. Wir ersetzen nicht den Kauf von Musik. Wir verbreiten und fördern unsere Musik, somit wird sie auch gekauft. Genau hierbei sollte es eine Unterscheidung geben. Alle Netradios in einen Topf, nein …nicht mit uns!

Was plant Ihr für die Zukunft von infectedradio.com?

Geplant ist natürlich erstrangig das wir ab April lizenziert senden. Wenn wir das geschafft haben, wird unsere Seite ein neues Gesicht bekommen. Dazu gibt es viele neue Userfunktionen. Der Programmplan wird komplett überarbeitet, es kommen einige neue Shows hinzu… seid gespannt.

Langfristig wollen wir unser Angebot an Elektronischer Musik noch weiter ausbauen, mehr Kooperationen schließen und uns fest etablieren.

Vielen Dank für das Interview!

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Kommentare

richtig sympathische jungs. klasse sender. finde es cool, dass man so etwas im internet starten kann und dass sich "studenten" das leisten. danke ist nun in meinen bookmarks und in meinem ohr!

meint: tim am 12.03.05

infectedradio ist meiner Meinung nach das beste nicht-kommerzielle Netradio. Es ist schon erstaunlich, mit wie viel Professionalität und wenig finanziellen Möglichkeiten die Jungs den Sender betreiben.

Keep infected alive !!! Es lohnt sich ...

meint: Ralf N. am 12.03.05

Ich höre Infectedradio nun seit ca. 8 Monaten, ich finde es auch erstaunlich wie die es schaffen, ein solches programm kontinuielich zu halten. Gute Musik und eine starke Community. Was ich besonders gut finde ist die Zusammenarbeit mit so vielen Partnern. René

meint: rené am 12.03.05

hi

also ich kann den jungs (koni varian)nur respekt sagen !!!
was sie alles auf die beine stellen ist meines achtens sehr erstaunlich.
wünsche mir für die zukunft das der sender lange erhalten bleibt,genug sponsoren bekommt und das die gvu mal net so abhebt mit kosten (1000% hallo gehts noch ?)

endlich mal ein i net radio nicht kommerzielle art sonder >>>ausergewöhlich musik vielfalt, keine grenzen gesetzt >>www.infectedradio@com <<<

Keep Music Alive


greetz tom

meint: TomRhythm am 18.03.05

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