Im Plattenpresswerk mit Earregular

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plattenpresswerk_artikel.jpgVinyl stellt man nicht einmal nebenbei so her. Das heißgeliebte schwarze Gold eines jeden DJs will liebe- und mühevoll wie richtige Nuggets geschürft werden. Während die CD-Herstellung im Grunde ein eher vollautomatischer High-Tech Prozess ist, fließen beim Vinyl-Pressen eine Unmenge mehr Faktoren mit in den Vorgang der Herstellung mit ein.

Denn sämtliche Maschinen beruhen in erster Linie auf Mechanik, die einmal äußerst penibel gepflegt und eingestellt und auf der anderen Seite auch kontinuierlich mit den verschiedensten Arten von Energie versorgt werden müssen.

Prolog

Genau aus diesen Gründen, ist es für ein Label wie earregular wichtig, dass auch bei einer kleineren Auflage von 1000 Platten pro Release, das Produkt so plattenpresswerk2.jpghochwertig wie möglich ist. Schließlich soll es im Club und Open Air-Festival ordentlich knallen. So hat sich das Kölner Progressive Label nicht nur aus kölschem Lokalpatriotismus für MMP im Bergischen Land vor den Toren Kölns entschieden, sondern vor allem auch, weil das Schallplattenpresswerk flexibel, kundennah und nicht zuletzt hervorragende Rillen ins Vinyl presst.

Dabei besteht der Familienbetrieb seit 1988 und wird mittlerweile von Wolfgang Müller geleitet, dessen Mutter ihm die schwere und komplexe Aufgabe übergegeben hat. Mit insgesamt 13 festen Mitarbeitern und ca. 10 Aushilfen versucht man flexibel in einem Nischenmarkt zu überleben. Da das Familienunternehmen mit anderen großen Presswerken konkurriert und selten Großaufträge von den Major-Firmen bekommt, müssen die Aufträge woanders herkommen, sprich von den kleinen meist elektronischen Indie-Labels.

Das Rundumsorglospaket

Da kleine Techno- und House-Labels in der Regel gerne bei größeren Presswerken zur Seite gelegt werden, wenn gerade ein viel "wichtigerer" plattenpresswerk3.jpgGroßauftrag vorliegt, bietet sich eine kleine flexible Firma wie MMP an, diese Aufträge schnellstmöglichst zu erledigen. Denn Müller weiß, dass hier seine Chance liegt. Natürlich bedeutet für ihn die Flexibilität einigen Stress und oft wird die Tür erst gegen 21:00 Uhr geschlossen. Doch wer nicht fleißig ist und kräftig gegen die Großen paddelt, den verschlingt die Marktwirtschaft. Als Resultat bietet Müller ein Rundumkomplettpaket. Bis auf die Überspielung der "DMM-Mutter" oder Lackfolie (siehe unten), dessen Herstellung von einem angeschlossenen Tochterunternehmen in Belgien übernommen wird, werden sämtliche Prozesse hausintern abgewickelt. Neben den eigentlichen Platten, werden somit auch die Aufkleber, Etiketten, Cover und Pressmatrizen bei MMP hergestellt und anschließend weiterverarbeitet und konfektioniert.

Als Service versteht es Müller auch, dass bei Neukunden erst einmal die Firma gezeigt und die komplizierte Produktion erläutert wird. Gerade neue Labels und Plattenfirmen erhalten im ausgiebigen Beratungsgespräch alle nötigen Produktionskenntnisse. Auch wenn Müller gelernter Industriekaufmann ist, so könnte er jederzeit an den unterschiedlichen Maschinen mithelfen. Schließlich muss er als Chef den gesamten Prozess überwachen und bei eiligen Terminaufträgen schnell und flexibel in den Produktionsprozess eingreifen können.

Mindestanforderung

Bevor man eine Vinylplatte in Auftrag gibt, muss neben einer GEMA-Freistellung für den Tonträger - oder Industrievertrag - erst einmal ein Master existieren. Dieses sollte in Form von Sounds auf einer CD oder einem DAT vorliegen. Dabei unterscheidet sich richtiges Vinyl-Mastering vom CD-Mastering. Wo CDs plattenpresswerk4.jpgeiskalt das Höhen-Frequenzspektrum bis 25 kHz wiedergeben, reichen die Höhen beim Vinyl nur bis ca. 18kHz. Unter anderem ist das, einer der Gründe warum viele DJs auf den weichen und warmen Sound von Vinyl so schwören.

Liegt die gemasterte Musik vor, wird im ersten Schritt zur neuen Platte eine "Original / Mutter" aus Kupfer oder Nickel hergestellt. Von der "Mutter" wird wiederum anschließend die Matrize gezogen, die später in die Presse eingerichtet wird, um anschließend die Rillen ins Vinyl zu pressen. Dabei ist die Matrize logischerweise negativ, also das Gegenteil einer Platte. Doch bevor überhaupt eine Mutter hergestellt werden kann, müssen sich die Kunden bei MMP zwischen zwei Verfahren entscheiden: entweder Lacküberspielung oder DMM (Direkt Metal Mastering).

Lacküberspielung versus DMM

plattenpresswerk5.jpgBei der Lacküberspielung wird eine Aluminiumplatte mit einer Lackschicht überzogen. Anschließend schneidet der Diamant in die Lackschicht hinein. Danach wird die Lacküberspielung mit einer Silbernitratlösung und einer Zuckerwasserlösung versilbert und auf die Folie aufgenebelt - mit anschließender Reaktion (Processing). Nach diesem Vorgang wird von der versilberten Lackfolie ein Original gezogen, von dem Original eine Mutter und endgültig eine Pressmatrize für die Maschine hergestellt.
Galvanotechnik [nach L. Galvani]

technische Verfahren, bei denen durch die elektrolytische Wirkung des elektrischen Stroms aus Metallsalzlösungen metallische Schichten auf elektrisch leitenden Flächen niedergeschlagen werden. Die zu behandelnden Teile werden als Kathode in eine Nickelsulfamatlösung (galvanisches Bad) gehängt; die Anode besteht aus dem niederzuschlagenden Metall (Nickel). Schickt man einen elektrischen Strom durch das Bad, so wandert die Mutter zur Kathode und bildet dort eine gleichmäßige Schicht. Die Schichtdicke richtet sich nach der Stromstärke und der Zeitdauer der Behandlung. Galvanoplastik, Galvanostegie.

Dahingegen gestaltet sich das "Direkt Metal Mastering" insgesamt einfacher und obendrein schneller. Denn beim DMM-Verfahren schneidet ein Diamant in eine Kupferplatte, die am Ende die Mutter für die Pressmatrizen darstellt. Vorteil bei diesem Verfahren ist der klare Zeitgewinn, da bei DMM innerhalb von zwei Stunden eine Matrize vorliegen kann. Im Gegensatz dazu dauert eine Lacküberspielung länger, da die Galvanikentwicklung ca. 2-3 Tage dauert. Von beiden Methoden ist das DMM-Verfahren das "jüngere" Verfahren. Nach Müller ist es auch das saubere Verfahren und kommt bei 90% der Produktionen zur Anwendung. Zwar sind mit Hilfe der Lacküberspielung lautere Platten möglich, doch ist Lack nach seiner Meinung erheblich anfälliger für Knackser, Knistern und Rauschen.

Trotzdem bietet er gerne beide Verfahren an, da wie bei vielen anderen Dingen auch hier fast schon "Glaubenskriege" ausgefochten werden, welches plattenpresswerk7.jpgVerfahren, denn das bessere sei. Schmunzelnd merkt er an, dass doch eine laute Platte nicht das wichtigste sei und der eigentliche "Druck" der Job der Beschallungsanlage sein sollte. Beide Überspielungs- varianten bei MMP werden mit mind. + 3dB geschnitten und liefern so eine kraftvolle Ausgangsbasis für alle Club-Anlagen. Sinn und Zweck einer Platte ist es nämlich, den Sound des Masters 1:1 wiederzugeben. Doch der Kunde ist König und hat die Qual der Wahl.

In der Presse

Fertigungssynchron zum Überspielungs- und Galvanikprozess erfolgt in der hauseigenen Druckerei die Herstellung der Etiketten und Cover (Innentasche, Sticker etc.). Liegen schließlich Pressmatrize und Druckerzeugnisse vor, kommt plattenpresswerk6.jpges endlich zur eigentlichen Pressung. Dazu wird Low-Noise Vinylgranulat auf ca. 160° C erhitzt und durch Extruderschnecken zu einem Kuchen geformt. Der "Vinyl-Kuchen" und die Etiketten - gehalten durch zwei Zentrierstifte - werden durch zwei Matrizen (A- und B-Seite) zusammengepresst und mit Hilfe von Dampf ausgepresst. Für den Pressvorgang benötigt die Maschine einen Druck von mindestens 200 Tonnen, der hydraulisch mit Öldruck in einem Nebenraum erzeugt wird. Bevor die fast fertige Schallplatte aus der Presse genommen werden kann, wird sie noch kurz gekühlt und der Rand wird formgerecht abgeschnitten. Vor der Auslieferung, sollten die Platten jedoch noch mindestens ca. 6 Stunden auskühlen bevor sie konfektioniert und ausgeliefert werden können.

Natürlich bietet Müller weitere Sonderservices. Eilbestellungen benötigen bei Lagerverpackung nur eine Lieferzeit von 3-4 Arbeitstagen ab Eingang aller Produktionsunterlagen. Auf Wunsch fabriziert er auch farbiges Vinyl, 7inch und plattenpresswerk8.jpgPicture-Discs. Außerdem besteht die Möglichkeit nostalgisches 10 Inch Vinyl oder fettes 180-Gramm-Vinyl zu pressen. Zwar wird unter DJs gerne behauptet, das 180-Gramm-Platten besser klingen als 130er, da kann jedoch Müller nicht zustimmen. Zwar empfiehlt er nicht die Pressung von Platten unter 125 Gramm, meint aber, dass 180-Gramm-Platten vor allem durch ihre gewichtige Habtik viele DJs überzeugen. Denn was mehr wiegt, muss auch fetter klingen ;) (Moritz Sauer)


Unser Dank für die Besichtigung gilt:

Master Media Productions GmbH
Humboldstr. 3
D-53819 Nk-Seelscheid
info@master-media.net

Earregular Rec.
Brüsselerstr. 49
D-50674 Köln
www.earregular.com

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Kommentare

Jo,

cooler Bericht, sehr lesenswert! Ich kenne Herrn Müller übrigens persönlich, er hat versucht mein Auto zu demolieren. Konkret gesagt Herr Müller versuchte mir die Seitenscheibe einzuschlagen. Hätte er es geschafft, wäre sein blauer Mitsubishi Pajero von mir im Gegenzug auch demoliert worden. Na ja, was soll's, es ist ja nix passiert damals.

Andererseits kenne ich auch seine Sohne. Und wenn ihr Sohne das lest: Ich war der Junge Mann im roten Opel Corsa, der mit euch Chicken gespielt hat. Und ich habe gewonnen gegen euren ollen schwarzen 3-er BMW. 143 PS gegen 60 PS und dann habt ihr so einen Schiss bekommen. Gut, ich hatte einen Airbag drin, euer BMW hatte das nicht, also kann ich schon verstehen, warum ihr ausgewichen seid. Es war aber wirklich knapp, ich schätze es waren so 2cm ;) egal, Hauptsache ich habe gewonnen.

Nun denn, ist alles schon lange her (1996) und es war wirklich eine tolle Zeit, die ich mit euch verbracht habe ;) Macht es gut, irgendwann komme ich mal wieder in der Humboldstrasse vorbei, dann treffen wir uns hoffentlich und plaudern über vergangene Tage.

Gruß an MMP, oder soll ich M Records sagen?

mfG

Euer Roter Corsa ;)

meint: Roter Corsa am 02.03.05

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