HabenWollen: Wie funktioniert die Konsumkultur?

Rubrik » Interview Portrait

cover-habenwollen.pngIn „HabenWollen“ untersucht und erklärt Wolfgang Ullrich unsere heutige Konsumkultur. Neben einem Blick auf die Entstehungsgeschichte erläutert der studierte Philosoph wie unsere heutige Konsumkultur funktioniert. Das Buch beantwortet unter anderem Fragen wie: Mit welchen Versprechen fesseln Produkte unsere Aufmerksamkeit? Warum konsumieren wir so gerne? Oder mit welchen Methoden entwickeln Konzerne neue Verkaufsstrategien? Wir haben mit Wolfgang Ullrich ein Interview geführt.

Text und Interview: mo.
Foto: Stephanie Senge

„HabenWollen“ ist eines jener Bücher, das dem Leser tiefgründig erläutert was Konsumkultur ausmacht, wie sie entstanden ist und wie Produkte heute mit dem Käufer interagieren. In vier Kapiteln betrachtet das etwas mehr als 200 Seiten lange Buch ausführlich die Geschichte der Konsumkultur, die Ästhetik und den Wandel von Produkten, die wissenschaftlichen Grundlagen sowie die „Dimensionen der Konsumkultur“. In eloquenter, teils wissenschaftlicher und doch immer leicht verständlicher Sprache, nimmt der Autor einen mit in die „Untiefen“ des oft unbewussten HabenWollens. Mit Hilfe von zahlreichen Beschreibungen von Produkten und der Darstellung psychologischer Mechanismen beweist und erklärt Ullrich die Wirkungsweise von Produkten. Wir haben uns mit ihm über sein Buch und seine Thesen unterhalten.

Interview mit Wolfgang Ullrich

Wenn man das Habenwollen so analysiert wie Sie, wie erlebt man dann seine Umwelt?

wolfgang-ullrich.jpgWolfgang Ullrich: Kaufhäuser besuche ich, wie andere Menschen Museen besuchen. Ich schaue mir die Produkte genau, aber fast immer ohne Kaufambitionen an. Manchmal nehme ich mir ein Regal vor, um eine Produktpalette zu studieren. Dann achte ich darauf, wie sich verschiedene Marken inszenieren und mit welchen ästhetischen Effekten sie arbeiten. Mich interessiert, welche Spannbreite an Codierungen bei einem Produkttyp möglich ist und wie sich die Codierungen im Lauf der Zeit verändern. Und als Art von Sport versuche ich jeweils zu erkennen, mit welchen soziologischen, psychologischen oder neurobiologischen Klassifikationen eine Marke operiert, um ihre Zielgruppen zu definieren.

Wie sehen Sie unsere Konsumgesellschaft? Ist sie dämonisch, verlockend und verführend und hinterlässt nur Leere oder sehen Sie auch positive Dinge?

Wolfgang Ullrich: Natürlich ist die Konsumkultur eine Kultur der Verführung, aber das ist noch nicht an sich negativ. In der philosophischen Tradition hat man immer versucht, zwischen einem guten Schönen, das läutert oder Transzendenz vermittelt, und einem bösen Schönen zu unterscheiden, das auf Abwege führt und den Menschen zu einem Opfer seiner sinnlichen Triebe werden läßt. Die meisten Konsum- und Kulturkritiker unterstellen, daß die Warenästhetik nur böses Schönes hervorbringt. Das aber ist viel zu einfach gedacht. Man muß etwa nur einmal darauf achten, wie Menschen in Kaufhäusern Sachen in die Hand nehmen und sich vor die Augen halten. Sie beginnen dann zu träumen, vor ihrem inneren Auge läuft ein Film ab, dessen Plot durch das jeweilige Ding in diesem Moment geschrieben wird. Ist das so anders, als wenn sich jemand mit einem Buch zurückzieht oder eine CD einlegt? Kommt nicht vielmehr hier wie dort, in der Konsumkultur genauso wie in der sogenannten Hochkultur, ein Fiktionswert zur Geltung? Viele Dinge der heutigen Wohlstandswelt sind, stärker als in gebrauchswertorientierten Zeiten, sehr stark auf einen Fiktionswert hin ausgelegt - und daher ein Ort, an dem das Individuum sich und seine Wünschen erst erfahren, an dem es reflektieren und sich auch neu bestimmen kann.

Im 20. Jahrhundert wurde Werbung immer trickreicher und manipulativer. Marketing-Strategen nutzen heute wissenschaftliche Erkenntnisse und nutzen die menschliche Psyche und Sinne, z.B. beim Food-Design aus. Wie wirkt sich das Ihrer Meinung nach auf den Menschen an sich aus? Kann der Mensch sich gegen Manipulationen immunisieren und was geschieht dann?

Wolfgang Ullrich: Immunisierung gelingt nicht, doch ist das auch nicht so schlimm, weil man den Vorwurf der 'Manipulation' relativieren muß. Die Menschen werden nicht etwa verbogen, vielmehr wird jeder Winkel ihrer Wunschwelten ausgeleuchtet. Und das ist eine historisch neue Situation. Nie zuvor lebte man so komfortabel - so sehr umgeben von allen Wünschen bereits zuvorkommenden Angeboten - wie als heutiger Wohlstandsbürger. Die Konsumkultur ist eine Kultur der Verwöhnung, insofern aber auch eine Kultur, die die Menschen leicht ein wenig infantil bleiben bzw. werden läßt. Das ist durchaus mit gewisser Sorge zu betrachten.

Leben Menschen heute in größeren Zwängen als früher? Oder haben sich die Zwänge nur verschoben oder ausgetauscht?

Wolfgang Ullrich: Frühere Zwänge waren wesentlich äußerer Natur und entsprangen der Konstitution des 'Mängelwesens Mensch', heute, in einer mängelkompensierenden Welt, sind sie eher selbstgemacht. Ich muß keine Markenklamotten kaufen oder eine bestimmte Handy-Marke besitzen - ich muß mir höchstens darüber klar werden, welchen Lebensstil ich pflege. Es gibt einen gewissen Druck zur Selbstdefinition - aber in einer hochindividualisierten Gesellschaft auch viele ganz unterschiedliche Rollenmodelle, zwischen denen ich wählen kann. Aber Wahlfreiheit bedeutet natürlich auch Arbeit.

Wie bewerten Sie den Druck, den die Konsumkultur auf Jugendliche und Erwachsene bewirkt? Arbeitslose, Studenten oder Menschen mit geringem Verdienst können sich lange nicht so viel leisten, wie Menschen des bröckelnden Mittelstandes. Besteht angesichts der den Menschen einengenden und umringenden Werbung nicht eine Gefahr, dass Menschen resignieren und sich von unserer Kultur ausgestoßen fühlen?

Wolfgang Ullrich: Diese Gefahr scheint mir weniger eine bloß ökonomische zu sein. Ausgestoßen fühlen sich viele Menschen nicht nur, weil sie sich etwas nicht leisten können, sondern weil die Welt des Marketing und der Warenästhetik ihnen einseitig eine Welt erfüllter Wünsche, schöner Träume, erfolgreicher Menschen vor Augen führt. Wer also krank ist oder in einer Lebenskrise steckt, findet inmitten strahlend-cooler Warenkulissen keinen Trost, sondern wird in seinem Unglück - und seiner Einsamkeit - nur noch bestätigt. Es ist das größte Defizit der heutigen Warenkultur, daß sie sich nur an die erfolgreichen Menschen adressiert - und sich für die anderen gar nicht interessiert. Damit die Konsumkultur einmal den Anspruch erheben kann, eine Hochkultur zu sein, muß sie diese Einseitigkeit überwinden.

Vielen Dank für das Interview!

Weiterführende Informationen

HabenWollen
Wolfgang Ullrich
Verlag Fischer Verlag
224 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-10-086004-0
Preis € 17,90

Mehr zu Wolfgang Ullrich unter www.ideenfreiheit.de

Bericht auf dradio über das Buch „HabenWollen“ von Wolfgang Ullrich


Als Favorit speichern » AddThis Social Bookmark Button

Kommentare

sehr interessant, werd' ich mir glaub' kaufen, das buch ;)

meint: arT2 am 28.04.07

mist, ich habe den vorherigen kommentar ausversehen beim spam-filtern gelöscht... hier die antwort: das buch befasst sich nicht mit dem internet. es geht beim konsum in erster linie um reelle dinge, also nicht um virtuelle gegenstände.

meint: mo. am 03.05.07

Kommentar schreiben!

Kommentare:

Klick-Konzept - Essentielles Webdesign